2 Wahrscheinlichkeitsrechnung 7. 3 Zufallsvariablen Deskriptive Statistik Analyse mehrerer Merkmale PDF

Please download to get full document.

View again

of 265
All materials on our website are shared by users. If you have any questions about copyright issues, please report us to resolve them. We are always happy to assist you.
Published
Inhaltsverzeichnis 1 Einführung 3 2 Wahrscheinlichkeitsrechnung 7 3 Zufallsvariablen 47 4 Ausgewählte Verteilungen 85 5 Deskriptive Statistik Analyse mehrerer Merkmale Maßzahlen Schätzen
Inhaltsverzeichnis 1 Einführung 3 2 Wahrscheinlichkeitsrechnung 7 3 Zufallsvariablen 47 4 Ausgewählte Verteilungen 85 5 Deskriptive Statistik Analyse mehrerer Merkmale Maßzahlen Schätzen und Testen Übungsaufgaben Statistik auf dem Computer Literatur Autoren Bildnachweis GNU Free Documentation License 317 1 INHALTSVERZEICHNIS INHALTSVERZEICHNIS Lizenz Permission is granted to copy, distribute and/or modify this document under the terms of the GNU Free Documentation License, Version 1.2 or any later version published by the Free Software Foundation; with no Invariant Sections, no Front-Cover Texts, and no Back-Cover Texts. A copy of the license is included in the section entitled GNU Free Documentation License. 2 Kapitel 1 Einführung Was ist Statistik? Abbildung 1: Durchschittliche Tageskurse der Firma Dachs AG im Januar 2005 Statistik begegnet uns überall im täglichen Leben: ˆ Die Lebenshaltungskosten sind gegenüber dem Vorjahr um 2 Prozentpunkte gestiegen. 3 KAPITEL 1. EINFÜHRUNG ˆ Im Januar 2005 erzielte die Firma Dachs im Durchschnitt die täglichen Aktienkurse, wie in der Grafik angegeben. ˆ Hochrechnung von Wahlergebnissen ˆ Wieviel Gewinn kann eine Lottogesellschaft auswerfen, damit ihr noch Überschuss bleibt? Was haben diese Beispiele gemeinsam? Sie basieren auf Daten, und zwar sehr vielen Daten. In diese Daten wird Ordnung gebracht: Mit einer Grafik, mit Wahrscheinlichkeiten, mit Durchschnittsberechnungen, mit Vergleichen. Das ist angewandte Statistik. Wir kommen damit zu einer Definition der Statistik, die relativ kurz und schnörkellos ist, aber im Wesentlichen alles sagt: Statistik ist die Gesamtheit der Methoden, die für die Untersuchung von Massendaten angewendet werden können. Ziel der Statistik ist es also, Massendaten zu reduzieren und zu komprimieren, um Gesetzmäßigkeiten und Strukturen in den Daten sichtbar zu machen. Anwendung im wirtschaftlichen Kontext Die Lage der Unternehmen heute ist geprägt von Globalisierung, Konkurrenz und Kostendruck. Einsame Manager- Entscheidungen aus dem Bauch heraus führen häufig zum Ruin des Unternehmens. Die Analyse von Wirtschafts- und Unternehmensdaten erlaubt rationale und fundierte Unternehmensentscheidungen. In der Realität sind jedoch Informationen über Unternehmensprozesse nur teilweise bekannt. Gründe dafür sind beispielsweise 4 KAPITEL 1. EINFÜHRUNG 1. Die Informationen sind zu komplex, um vollständig erhoben zu werden. Beispiel: Der Papierverbrauch in einem großen Unternehmen hängt von vielen Faktoren ab, wie der Zahl der Kopien eines Schreibens, der Neigung der Mitarbeiter, sich alles ausdrucken zu lassen ( s!), dem Umfang des Verteilers für bestimmte Schreiben etc. Man kann den Verbrauch nicht analytisch bestimmen. 2. Zukünftige Unternehmenszahlen sind nicht bekannt und müssen geschätzt werden, z. B. der Cash-Flow einer geplanten Investition für die Finanzierungsrechnung. 3. Umwelteinflüsse können nicht vorherbestimmt werden, etwa die Gefahr einer Steuererhöhung oder die Akzeptanz eines neuen Produkts durch den Kunden. In solchen Fällen können keine exakten Entscheidungsgrundlagen geliefert werden. Die resultierenden Lösungen sind unscharf. Ein Hilfsmittel für die Entscheidung unter Unsicherheit ist die Statistik. Da in der heutigen informationsbasierten Gesellschaft eher zu viel als zu wenig Daten verfügbar sind, gewinnt die Statistik als Werkzeug der Entscheidungsfindung immer mehr an Bedeutung. Einteilung der statistischen Methoden 1. Deskriptive (beschreibende, empirische) Statistik: Man untersucht ein Phänomen und fasst die Daten zusammen, ordnet sie, stellt sie grafisch dar. Auf wissenschaftliche Aussagen wird verzichtet. 2. Induktive (schließende, folgernde, mathematische, analytische) Statistik: Grundlage ist die Wahrscheinlich- 5 KAPITEL 1. EINFÜHRUNG keitstheorie. Ergebnisse der deskriptiven Statistik dienen häufig als Ausgangspunkt für verallgemeinernde Aussagen. Die mathematische Statistik selbst ist wie die Wahrscheinlichkeitstheorie ein Teilgebiet der Stochastik. 6 Kapitel 2 Wahrscheinlichkeitsrechnung Was ist Wahrscheinlichkeit? Das weiß niemand. Sie ist ein Produkt menschlicher Bemühungen, Ereignisse in der Zukunft vorherzusagen. Sie soll eine Vorstellung über den Grad der Sicherheit vermitteln, mit der ein Ereignis auftritt. Jeder weiß, was es bedeutet, wenn ich sage: Die Wahrscheinlichkeit, eine Sechs zu würfeln ist größer als die Wahrscheinlichkeit, beim Skat einen Grand zu gewinnen. Aber trotzdem kann man Wahrscheinlichkeit nicht exakt definieren. So könnte man Wahrscheinlichkeitstheorie als Stochern im Nebel bezeichnen. Das hat aber nichts mit dem Begriff Stochastik zu tun! Pizzaecken-Beispiel zum Begriff der Wahrscheinlichkeit Harry und Paula gehen in die Pizzeria. Sie sind frisch verliebt. Paula bestellt sich eine Pizzaecke mit Salami und Harry eine mit Schinken. Dann tauschen sie jeweils eine Hälfte, wobei anzumerken ist, dass die Ecken sich in Rand- und Mittelstück tei- 7 KAPITEL 2. WAHRSCHEINLICHKEITSRECHNUNG len lassen. Obwohl Harry normalerweise Randstücke lieber mag, achtet er in seinem aktuellen Zustand nicht darauf. Und auch Paula gibt ihre Hälfte rein nach Zufall ab. Abbildung 2: Pizzaecke Wie groß ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit, dass Harry zwei Randstücke auf dem Teller hat? Die Meisten antworten richtig: 1/4. Aber wieso beträgt die Wahrscheinlichkeit ausgerechnet 1/4? Betrachten wir den Vorgang: Bei gleicher Ausgangslage (Bedingungskomplex) kann der Versuch, zwei halbe Pizzaecken zufällig auszutauschen, beliebig oft wiederholt werden. Jeder Versuch hat einen unsicheren Ausgang. Es handelt sich hier um einen Zufallsvorgang (Experiment, Versuch). Der Zufallsvorgang wird also beschrieben durch: ˆ Gleicher Bedingungskomplex ˆ Unsicherer Ausgang ˆ Beliebig oft wiederholbar 8 KAPITEL 2. WAHRSCHEINLICHKEITSRECHNUNG Ein bestimmtes Paar Eckhälften auf Harrys Teller ist ein Ergebnis. Ein Ergebnis wäre beispielsweise: Die erste Hälfte ist ein Randstück, die zweite Hälfte ist ein Mittelstück, (R;M) oder kurz RM, wobei das linke Stück von Harry stammt und das rechte von Paula. Alle möglichen Paare fasst man in der Ergebnismenge Ω zusammen: Ω = {RR, RM, MR, MM}. Ω ist also die Menge aller möglichen Ergebnisse, die bei einem Zufallsvorgang auftreten können. Führt man diesen Zufallsvorgang unendlich oft durch, müssten vermutlich in 25% aller Versuche zwei Randstücke resultieren, denn man könnte davon ausgehen, dass jedes Paar die gleiche Wahrscheinlichkeit hat, gezogen zu werden. Die Zahl der Ergebnisse, Ω genannt, ist also vier. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit für ein Paar Randstücke P (RR) = 1 4. Wenn nun bei einem Versuch beispielsweise RM resultiert, ist das ein Ereignis. Bei RM handelt es sich um ein Elementarereignis. Es ist ein Ereignis, das nur ein Element der Ergebnismenge enthält. Es gibt auch kompliziertere, zusammengesetzte Ereignisse: A: Mindestens ein Mittelstück: A = {RM, MR, MM} B: Eine komplette Pizzaecke: B = {RM, MR} Diese Ereignisse beinhalten mehrere Ergebnisse von Ω; ein Ereignis ist immer eine Teilmenge von Ω. 9 KAPITEL 2. WAHRSCHEINLICHKEITSRECHNUNG Die Wahrscheinlichkeit als theoretisches Konzept Kurzer geschichtlicher Überblick Es werden vermutlich schon so lange Wahrscheinlichkeiten angewendet, wie es den Homo Sapiens gibt. Am letzten Tag der Schlacht im Teutoburger Wald (9 n. Chr.) gab es ein Gewitter. Die Römer deuteten es als warnenden Hinweis von Merkur, des Gottes von Blitz und Donner. Die Germanen sahen es als Aufmunterung des Kriegsgottes Thor. Wie man weiß, hatten beide Parteien recht. Im 17. Jahrhundert, dem Zeitalter des Rationalismus, befasste sich Blaise Pascal ( ) systematisch mit Wahrscheinlichkeiten im Glücksspiel und begründete so die Wahrscheinlichkeitsrechnung als eigenständige Disziplin. Jakob Bernoulli ( ) befasste sich ebenfalls mit Fragen der diskreten Wahrscheinlichkeiten und gab vermutlich das erste Buch über Wahrscheinlichkeitsrechnung heraus. Mit Abraham de Moivre ( ) und Pierre Simon Laplace ( ) wurde bereits die Normalverteilung entwickelt und von Carl Friedrich Gauß ( ) weiter bearbeitet. Richard Edler von Mises ( ) lieferte wertvolle Beiträge zur Schätzung von Wahrscheinlichkeiten und zur mathematischen Statistik schlug der russische Mathematiker Andrej Nikolajewitsch Kolmogorow ( ) eine axiomatische Definition der Wahrscheinlichkeit vor, auf der die heutige Wahr- 10 KAPITEL 2. WAHRSCHEINLICHKEITSRECHNUNG scheinlichkeitstheorie basiert. Diese Definition ist eine Anwendung der Maßtheorie. Ergebnisse und Ereignisse Das heutige Konzept der Wahrscheinlichkeitsrechnung präsentiert sich folgendermaßen: Gegeben ist die Ergebnismenge (Ereignisraum,Stichprobenraum) Ω eines Zufallsvorgangs. Diese Menge enthält alle möglichen Ergebnisse, die ein Zufallsvorgang hervorbringen kann. Je nach Art des Zufallsvorgangs muss man verschiedene Ergebnismengen betrachten: Ω enthält endlich viele Ergebnisse. Beispiele: ˆ Zufallsvorgang 1x Würfeln. Ω = {1, 2, 3, 4, 5, 6}. ˆ Zufallsvorgang: Augenfarbe der nächsten Person, die bei einem Casting vorspricht. Ω = {blau, grün, braun}. Ω enthält abzählbar unendlich viele Ergebnisse. Beispiele: ˆ Zufallsvorgang: Zahl der Autos, die eine Stunde lang ab 12 Uhr bei einer Fahrzeugzählung an einer bestimmten Zählstelle vorbeifahren. Ω = {0, 1, 2, 3,...}. ˆ Zufallsvorgang: Zahl der Anforderungen an einen Server innerhalb einer Stunde. Ω = {0, 1, 2,...}. Man kann zwar die Ergebnisse durchzählen, aber es kann keine vernünftige Obergrenze angegeben werden, deshalb lässt man die Obergrenze offen. 11 KAPITEL 2. WAHRSCHEINLICHKEITSRECHNUNG Ist Ω weder abzählbar noch abzählbar unendlich, so enthält Ω überabzählbar viele Ergebnisse. Man könnte auch sagen, die Ergebnismenge ist ein Intervall der reellen Zahlen. Beispiele: ˆ Zufallsvorgang: Eine erwachsene Person wird gewogen (in kg). Ω = {x 30 x 200; x R}. ˆ Zufallsvorgang: Cash-Flow eines Unternehmens (in e). Ω = R. Cash-Flow bezeichnet übrigens die Differenz Einnahmen - Ausgaben, bzw. präziser: Einzahlungen - Auszahlungen. Hier können die Ergebnisse nicht mehr abgezählt werden. Ein beliebig kleines Intervall der Ergebnismenge enthält unendlich viele Elemente. Was ist das nächstgrößere Element von 50 kg: 51 kg, 50,01 kg oder 50, kg? Im Intervall [50, 51] sind also unendlich viele Elemente. Man könnte hier einwenden, dass doch beispielsweise Cash-Flow als kleinste Einheit Cent hat, also doch eigentlich abzählbar ist. Das stimmt natürlich, aber bei sehr vielen, nah zusammenliegenden Elementen vereinfacht man die Analyse, indem man die Menge als stetig annimmt. Man spricht hier von Quasistetigkeit. Hat ein Zufallsvorgang ein konkretes Ergebnis erbracht, ist ein Ereignis eingetreten. Es gibt einfache Ereignisse, die lediglich ein Ergebnis enthalten, so genannte Elementarereignisse und es gibt komplexere Ereignisse, die sich aus mehreren Ergebnissen 12 KAPITEL 2. WAHRSCHEINLICHKEITSRECHNUNG zusammensetzen. Ein Ereignis A ist immer eine Teilmenge der Ergebnismenge Ω. Da Ereignisse Mengen sind, können alle Operationen der Mengenalgebra, die mit der Booleschen Algebra (auch Schaltalgebra) gleichgesetzt werden kann, angewendet werden. Grundlegende Operationen für Mengen der Booleschen Algebra sind - ( nicht als Komplement), und. Alle anderen Operationen können daraus hergeleitet werden. Alle interessierenden Ereignisse fasst man nun in einer so genannten Ereignismenge (Ereignissystem) E zusammen. E ist also eine Menge von Teilmengen. Damit diese Menge mit der Booleschen Algebra bearbeitet werden kann, muss sie entsprechende Forderungen erfüllen: ˆ Wenn das Ereignis A in E enthalten ist, muss auch sein Komplement Ā enthalten sein. ˆ Wenn A und B enthalten sind, muss auch A B enthalten sein (Man kann ausrechnen, dass dann auch A B enthalten ist). Ø enthalten sein (Das impli- Ω, welches das Komplement ˆ Es muss das Null-Element ziert, dass auch 1-Element von Ø ist, enthalten ist). Die umfassendste Ereignismenge ist die Potenzmenge P, die alle Teilmengen von Ω enthält. Beispiel einer Potenzmenge: Zufallsvorgang: Aus einer Urne mit einer blauen (b), einer roten (r) und einer gelben (g) Kugel wird eine Kugel gezogen. Wir interessieren uns für die Farbe der Kugel. Ergebnismenge: Ω = {g, b, r} 13 KAPITEL 2. WAHRSCHEINLICHKEITSRECHNUNG Potenzmenge: P = {Ø, {r}, {g}, {b}, {r, g}, {r, b}, {g, b}, {r, g, b}} Ausgehend von dieser Konstellation hat Kolmogorow mit seinen Axiomen ein Wahrscheinlichkeitsmaß konstruiert, d.h. eine Abbildung der Ergebnismenge Ω auf die Menge der reellen Zahlen im Intervall [0;1]: F: Ω R; A P(A) Eine Funktion P, die jedem Ereignis A aus E eine reelle Zahl zuordnet, heißt Wahrscheinlichkeit, wenn sie folgende Axiome erfüllt: Axiome der Wahrscheinlichkeiten: Gegeben sind zwei Ereignisse A,B Ω. 1. P (A) 0. Nichtnegativität 2. P (Ω) = 1. Normiertheit 3. P (A B) = P (A) + P (B), falls A und B disjunkt sind. Additivität Dieses Axiomensystem kann nur auf endlich viele Ereignisse angewendet werden. Für unendlich viele Ereignisse A i (i = 1, 2,...) erhält man statt der endlichen Ereignismenge die σ-algebra. Sie enthält alle geforderten Eigenschaften der Ereignismenge auf unendlich viele Ereignisse A i ausgeweitet. Hier wird das 3. Axiom entsprechend angepasst: 3. Sind die Ereignisse A i sämtlich paarweise disjunkt, ist bei ihrer Vereinigung P (A 1 A 2 A 3...) = P (A 1 ) + P (A 2 ) + P (A 3 ) +..., (σ-additivität). 14 KAPITEL 2. WAHRSCHEINLICHKEITSRECHNUNG Berechnung der Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses Es müssen nun noch die Ereignisse mit Wahrscheinlichkeiten ausgestattet werden. Auf welche Weise das geschehen soll, ist in den Axiomen nicht angegeben. Es gibt hier verschiedene Verfahren. Man erhält schließlich die Wahrscheinlichkeitsverteilung. Wie ordnen wir den Ereignissen am besten Wahrscheinlichkeiten zu? Betrachten wir im Pizzaecken-Beispiel das Ereignis A: Mindestens ein Mittelstück. Es ist A = {RM, MR, MM}. A belegt in Ω drei von vier möglichen Ergebnissen, also ist die Wahrscheinlichkeit P(A) = 3/4. Diese Vorgehensweise entspricht der Klassischen Wahrscheinlichkeitsauffassung. Man bezeichnet sie als Symmetrieprinzip oder Prinzip nach LAPLACE: Jedes Ergebnis ist gleich häufig. A ist die Zahl der Ergebnisse, die durch A belegt werden (Anzahl der günstigen Ergebnisse), Ω ist die Zahl aller möglichen Ergebnisse. Es ist P (A) = A Ω = 3 4. Das Symmetrieprinzip hat allerdings den Nachteil, dass es nicht bei allen Zufallsvorgängen angewendet werden kann, z.b. bei unendlich vielen Ergebnissen. Oft ordnet man auch Ergebnissen unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten zu, z.b. Zufallsvorgang: Wetter von heute. Ergebnismenge Ω = {schön, schlecht}. P( schön ) = 0,6, P( schlecht ) = 0,4. Wie kommt man auf diese Wahrscheinlichkeiten 0,4 und 0,6? Man hat in diesem Fall etwa die Wetteraufzeichnungen der letzten 100 Jahre ausgewertet und hat festgestellt, dass der Anteil der schönen Tage 60 % betrug. Wir haben hier eine Anwendung der Statistischen Wahrscheinlichkeitsauffas- 15 KAPITEL 2. WAHRSCHEINLICHKEITSRECHNUNG sung: Man führt ein Zufallsexperiment sehr oft durch. Mit steigender Zahl der Versuche nähert sich der Anteil der Versuche, die das Ereignis A hervorgebracht haben, der wahren Wahrscheinlichkeit P(A), formal ausgedrückt P (A) = lim n n(a) n, mit n(a) als Zahl der Versuche, die das Ereignis A hervorgebracht haben. Man bezeichnet diesen Zusammenhang als Gesetz der großen Zahlen. Er liefert die Begründung, dass man unbekannte Wahrscheinlichkeiten mit Hilfe von empirischen Beobachtungen schätzen kann, wobei hier gilt: Viel hilft viel! Bei manchen Fragestellungen versagen die beiden obigen Wahrscheinlichkeitskonzepte. Z.B. bei Ereignissen, die sehr selten auftreten, für die man also auch keine Versuchsreihen zur Verfügung hat, etwa die Wahrscheinlichkeit für den Erfolg eines neu auf dem Markt platzierten Produkts. Es möchte beispielsweise ein Unternehmen ein neues Spülmittel auf den Markt bringen. Es steht vor der Alternative, Fernsehwerbung einzusetzen oder nicht. Es ist mit den Ereignissen konfrontiert: Wenn Fernsehwerbung eingesetzt wird, ist das Spülmittel ein Erfolg/kein Erfolg. Wenn keine Fernsehwerbung eingesetzt wird, ist das Spülmittel ein Erfolg/kein Erfolg. Für diese vier Ereignisse sollen Wahrscheinlichkeiten ermittelt werden. Da man keine verlässlichen Informationen darüber hat, wird man aus dem Bauch heraus, eventuell unter Berücksichtigung ähnlicher Erfahrungen bestimmte Wahrscheinlichkeiten zuordnen. Dieses Vorgehen entspricht der Subjektiven Wahrscheinlichkeitsauffassung. Da Ereignisse als Mengen definiert sind, kann man auch in vielen Fällen Ereignisse und ihre Wahrscheinlichkeiten in Venn- Diagrammen veranschaulichen. Die Wahrscheinlichkeit ist dann die Fläche der entsprechenden Menge. Manchmal ist es hilfreich, das Venn-Diagramm maßstabsgetreu auf kariertes Pa- 16 KAPITEL 2. WAHRSCHEINLICHKEITSRECHNUNG pier abzutragen, indem die Mengen rechteckig dargestellt werden. Pizzeria-Beispiel zur Berechnung von Wahrscheinlichkeiten Abbildung 3: Aufteilung der Gäste nach Bestellung Jetzt schauen wir uns in der Pizzeria etwas genauer um: Der Inhaber Carlo Pommodore ist ein mitleidiger Mensch und duldet auch arme Gäste, die sich nichts bestellen. Deshalb ist das Lokal mit seinen 50 Gästen eigentlich schon überfüllt. 20 Personen haben sich Pizza bestellt und 10 Lasagne. Das Essen ist so reichlich, dass niemand zwei Mahlzeiten bestellt. 40 Gäste trinken Wein und 20 Gäste trinken Mineralwasser, aber 15 trinken Wasser und Wein. Wir ziehen zufällig einen Gast aus der fröhlich lärmenden Menge. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, einen Pizza-Esser zu erhalten? 17 KAPITEL 2. WAHRSCHEINLICHKEITSRECHNUNG Wir haben Ω = 50 verschiedene Ergebnisse. Man kann davon ausgehen, dass jeder Gast die gleiche Wahrscheinlichkeit hat, gezogen zu werden. Wir definieren nun die Ereignisse: A: Der Gast isst Pizza; B: Der Gast isst Lasagne; C: Der Gast trinkt Wein; D: Der Gast trinkt Wasser. Nach dem Symmetrieprinzip ist P (A) = A Ω = = 2 5, P (B) = = 1 5, P (C) = 4 5 und P (D) = 2 5. Wir können berechnen: Wahrscheinlichkeit, dass jemand Wasser und Wein trinkt: P (C D) = C D Ω = = Wahrscheinlichkeit, dass ein zufällig ausgewählter Gast kein Wasser trinkt ( D): P ( D) = D Ω = = = 3 5 = 1 P (D). Anteil der Leute, die Wasser oder Wein trinken: P (C D) = P (C) + P (D) P (C D) = = = Diese Beziehung gilt immer für zwei Ereignisse! Wahrscheinlichkeit, dass ein Gast Pizza oder Lasagne isst: P (A B) = P (A) + P (B) P (A B) = = Die Mengen A und B sind disjunkt. Wahrscheinlichkeit, dass der zufällig ausgewählte Gast kein Wasser oder keinen Wein trinkt: P ( C D) = P ( C) + P ( D) P ( C D). 18 KAPITEL 2. WAHRSCHEINLICHKEITSRECHNUNG Hier ist die direkte Berechnung der Wahrscheinlichkeit analog zu oben umständlich. Man verwendet am besten die DE MORGANsche Regel: P ( C D) = P (C D) = 1 P (C D) = = = 0, 7. Was gelernt werden muss Ein Ereignis A (A Ω) : 0 P (A) 1. P (Ā) = 1 P (A). P () = 0. Zwei Ereignisse A und B (A,B Ω) : A und B sind im allgemeinen nicht disjunkt, also ist die Wahrscheinlichkeit, dass A oder B eintritt, nach dem Additionssatz für zwei Ereignisse: P (A B) = P (A) + P (B) P (A B). Falls A und B disjunkt sind, ist P (A B) = P (A) + P (B). DE MORGANsche Regeln: und P (Ā B) = P (A B) P (Ā B) = P (A B) Für drei Ereignisse A i (i=1, 2, 3) aus Ω gilt analog zu obigen Überlegungen: 19 KAPITEL 2. WAHRSCHEINLICHKEITSRECHNUNG P (A 1 A 2 A 3 ) = P (A 1 ) + P (A 2 ) + P (A 3 ) P (A 1 A 2 ) P (A 1 A 3 ) P (A 2 A 3 ) + P (A 1 A 2 A 3 ). Mehrere Ereignisse A i (i endlich oder unendlich): Sind die Ereignisse A i sämtlich paarweise disjunkt, ist bei ihrer Vereinigung P (A 1 A 2 A 3...) = P (A 1 ) + P (A 2 ) + P (A 3 ) +... Übung Zeigen Sie anhand eines Venn-Diagramms die Gültigkeit einer der DeMorganschen Regeln. Stochastische Unabhängigkeit Ein häufiges Untersuchungsobjekt in der Statistik ist, ob verschiedene Ereignisse abhängig oder unabhängig voneinander sind, d.h. ob das Zustandekommen eines Ereignisses durch ein anderes begünstigt wird. So untersucht ma
We Need Your Support
Thank you for visiting our website and your interest in our free products and services. We are nonprofit website to share and download documents. To the running of this website, we need your help to support us.

Thanks to everyone for your continued support.

No, Thanks