4. Internationaler Germanistik-Kongress

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4. Internationaler Germanistik-Kongress Transkulturalität und Identität Kairo/Ägypten März 2015 Kongressakten Herausgegeben von Dalia Aboul Fotouh Salama, Nadia Metwally, Nahed El Dib, Aleya Khattab,
4. Internationaler Germanistik-Kongress Transkulturalität und Identität Kairo/Ägypten März 2015 Kongressakten Herausgegeben von Dalia Aboul Fotouh Salama, Nadia Metwally, Nahed El Dib, Aleya Khattab, Aleya Ezzat Ayad, Hilda Matta, Fatma Massoud, Mona Noueshi, Dina Aboul Fotouh Salama und Michael Fisch Kairo 2015/2016 INHALT KGS 22 Dalia Aboul Fotouh SALAMA Vorwort 1 Michael HARMS Grußwort 7 Literaturwissenschaft Mumina Hafez ABD EL-BARR Terrorismus 'Trans' Kulturen, 'Trans' Konfessionen, 'Trans' Ideologien Norbert Gstreins Eine Ahnung vom Anfang und Fawwāz Ḥaddāds Ğunūdu'llah (Gottes blutiger Himmel): Ein Vergleich 13 Hend ASAAD Die hybride Identität auf der Gratwanderung zwischen faktualem und fiktionalem Erzählen. Zu den Romanen Gefährliche Verwandtschaft von Zafer Şenocak und Der falsche Inder von Abbas Khider 59 Wolfgang BIESTERFELD Reformator des Orients, Vorbild für Europa. Saladin (1799/1800), ein Roman von Karl Heinrich Ludwig Pölitz 81 Diaa ELNAGGAR Emil Ludwigs Rezeption in Ägypten zwischen kultureller Differenz und Identitätsstiftung. Oder: Der intellektuelle Erinnerungsort Emil Ludwig 95 Reem EL-GHANDOUR Die Identitätskrise in den Adoleszenzromanen Der Mond isst die Sterne auf von Dilek Zaptcioglu und Scherbenpark von Alina Bronsky vor dem Hintergrund von Hybridität und Transkulturalität 113 Nermine EL-SHARKAWY Selbst(er)findung in der Fremde. Transkulturelle Aspekte in Hussain Al-Mozanys Roman Mansur oder der Duft des Abendlandes 137 Michael FISCH»Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?«. Ein Aufsatz und seine Folgen Michel Foucault und Immanuel Kant 159 Mahmoud FOUAD Transkulturelle Aspekte der Sprache als Identitätsstifter in Emine Özdamars Mutterzunge 189 Hala GHONEIM Zur interkulturellen Leistung der Reiseliteratur der Gegenwart. Eine kontrastive Untersuchung der Reiseblogs von Tobias Hülswitt, Ulla Lenze, Latifa Baqa und Osama Esber im Rahmen des Deutsch-Arabischen Stadtschreiberprojekts Midad 213 Sally GOMAA Das Naturbild in Adalbert Stifters Erzählung Der Hochwald (1841/1844) 261 Michael HOFMANN Inter- und transkulturelle Aspekte des deutschen Mittelmeer-Diskurses: Goethe, Nietzsche, Thomas Mann 289 Nahla HUSSEIN Überlebenskünste und Integrationsversuche in der deutschsprachigen Literatur Mittel- und Osteuropas 305 Fatma MASSOUD Die Muhammad-Karikaturen oder die Krise einer Kultur. Wolfgang Welschs Transkulturalitätskonzept zwischen»family of Man«und»Je suis Charlie«321 Martina MOELLER Identität und Transkulturalität in Zafer Senocaks Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift (2011) 363 Christiane PAULUS Die Gender- und Generationstypik der Transkulturalität 377 Heinz SIEBURG,Interkulturelle Mediävistik als aktuelle Herausforderung germanistischer Kulturwissenschaft? 393 Wolfgang WELSCH Was ist eigentlich Transkulturalität? 401 Gabriele ZIETHEN Mobile Gesellschaften. Soziales Modell der Zukunft? 423 Sprachwissenschaft Ragab M. ABDELATY Ausbildung von Fachübersetzern mit den Arbeitssprachen Deutsch/Arabisch Kompetenzen für Fachübersetzer technischer und naturwissenschaftlicher Textsorten 439 Adel Saleh Muhammad ALI Der Deutschen Wortschatz im einsprachigen Wörterbuch zwischen Identität und Transkulturalität 459 Philipp DREESEN,Zivilisieren und koloniale Transformativa 485 Baher ELGOHARY Gebot und Verbot beim Übersetzen. Übersetzung als Basis des Kulturtransfers 507 Martin HARFMANN Zur Berücksichtigung des Zieltextempfängers bei der arabisch-deutschen Übersetzung von touristischen Internettexten 525 Wolfram KARG Der (transkontinentale) Eisenbahnbau als Kolonisationsmittel. Eine korpusbasierte Untersuchung zum deutschen Kolonialdiskurs aus postkolonialer Perspektive 547 Muhammad Abu-Hattab KHALED Über die vier Dekaden der Entstehungsgeschichte meines Buches Martin Luther und der Islam als Brückenwerk zum Verständnis zwischen der muslimischen und der christlichen Welt 573 Hoda LOTFY Deutsche Kultur- und Bildungsinstitutionen in Ägypten ein linguistischer Beitrag zur interkulturellen Kommunikation 601 Marwa Abdelmohsen Osman ZIKO Kulturelle Sensibilisierung durch semantische und pragmatische Angaben in bilingualen Internetwörterbüchern für das Sprachenpaar Arabisch-Deutsch 635 Empfehlungen des IV. Internationalen Germanistikkongresses Transkulturalität und Identität März 2015 Kairo/Ägypten 661 Gabriele ZIETHEN MOBILE GESELLSCHAFTEN. SOZIALES MODELL DER ZUKUNFT? Für Gerhard Humberg, PHK i.r., zum siebzigsten Geburtstag socio amico marito Warum haben die europäischen Gesellschaften Schwierigkeiten, wenn sie auf Angehörige mobiler Gesellschaften treffen, obwohl es in der frühen europäischen Literatur gerade die mobilen Gesellschaften waren, welche im Kontext von Mythen, Epik, erzählender Literatur und historischer Beschreibung Erwähnung fanden? Beginnend mit der homerischen Dichtung bis hin zum Nibelungenlied spannt sich der mediterrane und alteuropäische Erzählbogen zu Themen, welche mit unterschiedlichen Formen von Mobilität verbunden sind. Selbst die mythische Identität Roms gründet auf die Erfahrung des Exilerlebnisses am Beispiel des Aeneas 1. Auch der römische Dichter Ovid schilderte die Situation des selbst erlebten Exils mit ergreifenden Worten die Nosographie der Exilkrankheit wurde von Ernst Doblhofer unter dem Aspekt Genese Diagnose Therapie eingehend analysiert. 2 Betrachten wir die Zeitspanne der erzählten Zeit im Kontext der Epik 3, so umfaßt die Reise des Odysseus den Lebensabschnitt des wehrhaften Mannes in der Antike: maximal zwanzig Jahre. Dies bedeutet für die zuhause in Ungewißheit wartende Ehefrau Penelope im gleichen Zeitraum Verzicht auf weitere ehelich geborene Nachkommenschaft und ein hohes Lebensrisiko für den vaterlos aufwachsenden Sohn Telemachos, dessen Name Fernkämpfer (als Individuum und als Sohn eines Bogenschützen) auf die problematische Olshausen/Sonnabend Doblhofer Schwinge 2009, S , bes. S. 154 verweist auf das Verhältnis von erwarteter Leistung (Heldentat) und Verkürzung der Lebenszeit infolge des Erbringens der Leistung. Kairoer Germanistische Studien (2015/2016) 424 Gabriele Ziethen Familienkonstellation hinweist 4. Am Ende schildert Homer das Wiedersehen zweier altgewordener Menschen, die auf einer Bank Platz nehmen, um sich ihr paralleles Leben zu erzählen, während sie mit Verwunderung wahrnehmen, daß der Sohn jetzt in der Blüte der Jahre steht: die Familie hat das Drama der Trennung überstanden, aber mit dem Verlust gemeinsamen Erlebens bezahlt. 5 Während Homer jedoch vom Wiederzusammenfinden einer Familie erzählt, stellt Vergil in seiner Aeneis das Zurücklassen der Heimat auf immer an den Beginn: Troja und die mit der Stadt verbundene Ehefrau des Helden Aeneas gehen in der Feuersbrunst zugrunde. Während das weibliche Element Stadt und Frau (im Griechischen ist polis grammatikalisch femininum) vernichtet wird, überlebt biologisch nur die männliche Linie der Generationen: Großvater Anchises Held Aeneas und der unmündige Sohn Askanius. Zu einer echten Gefühlsbindung an eine Frau gleichen Standes Königin Dido in Karthago ist der kampferprobte Haudegen Aeneas auf seiner Irrfahrt durch den südlichen und westlichen Mittelmeerraum (Karthago) 6 nicht mehr fähig; Dido begeht Selbstmord aus Verzweiflung in der Literatur meist als Liebeskummer romantisiert, im Verlauf des Werkes aber nur der Auftakt für die rohe und ungehobelte Vorgehensweise der trojanischen Krieger und von Joseph Brodsky visionär gedeutet 7 : waren sie am Hofe der Königin Dido noch standesgleiche Gäste, mutieren sie nach dem Verlassen Karthagos zu herumirrenden Seefahrern. Diese Leute, endlich in Italien an Land gegangen, legen das zeitweise kultivierte Leben, das ihnen der Hof in Karthago ermöglichte, wieder ab; sie werden abermals zu Flüchtlingen, welche ihre Ansprüche jetzt in einer robusten Vorgehensweise 8 durchzusetzen versuchen: unbefraute Gesellen, verroht, moralischem Anstand abhold, treffen sie auf eine seßhafte Kultur, die in bäuerlicher Behaglichkeit einer frühen Stadtstaatenbildung entgegensieht oder diese bereits nach griechischem Modell lebt. 9 Die Folgen sind bekannt: die Neuankömmlinge und noch ihre Wild 2009, S. 141, bes. S West 2009, pass., bes. S. 147ff. Di Cesare 1974, S Brodsky 2006, S. 42. Di Cesare 1974, S , bes. S. 154f. Zusammenfassend zur frühen Geschichte des römischen Staates Bellen 1994. Mobile Gesellschaften 425 Nachkommen fallen unangenehm auf: Frauenraub (Sabinerinnen), Brudermord (Romulus und Remus), Vergewaltigung und Anmaßung (Tarquinius Superbus). Im historischen Ablauf der frühen römischen Geschichte steht die Auflösung der bestehenden lokalen Ordnung 10 die Kultur der Etrusker wird bis zu deren (politischem) Untergang bekämpft, ihre Sprache verschwindet ebenso wie die Texte berühmter römischer Autoren, die darüber geschrieben haben (z. B. die zwanzigbändige Abhandlung Tyrrhenika des Kaisers Claudius über Sprache und Geschichte der Etrusker) 11. Roms frühe Anfänge werden in der lateinischen Epik verbrämt und in der zeitgenössischen Sichtweise auf Kaiser Augustus zusammengeschrumpft und eingeebnet Vergils poetische Propaganda hat ganze Arbeit geleistet. 12 Doch bildet sich ein Korrektiv heraus, das sich in einer langen Entwicklung auf dem Gebiet des Rechtes durchzusetzen beginnt: die vielfältigen Formen der Bürgerrechtsgewährung an Fremde, die im römischen Verwaltungsleben während der Kaiserzeit das Zusammenwachsen verschiedener Ethnien ermöglichten und letztendlich neue Identitäten schufen den civis Romanus. Doch kehren wir zu den Reflexen in der Literatur zurück: das Motiv des Heimatverlustes und der erzwungenen Migration wird jetzt aus der umgekehrten Perspektive beschrieben. Das Stichwort lautet Verbannung ein probates Mittel, um unliebsam gewordene Kritiker, politische Gegner, moralisch fragwürdige Lebemänner und allzu laute Dichter aus dem öffentlichen Leben zu entfernen. Ovids Tristien beschreiben am Ort der Verbannung in Tomi am Schwarzen Meer die psychischen Folgen des Hier ist auf die legendenhafte Züge tragenden Ereignisse um Cn. Marcius Coriolanus zu verweisen, hinter der sich m.e. auch die Opposition der etruskisch geprägten Oberschicht verbirgt; vgl. Dumézil 1973, S Bellen 1994, S. 20 betont den Rückgriff auf monarchische Elemente, die im 5. Jh. v. Chr. abgesehen von Relikten in der Priesterschaft den frühen republikanischen Ambitionen zuwiderliefen. Steingräber 1981, S. 20, 136 zum Monument von Vetulonia als einem Zeugnis für die Zuneigung des Kaisers zur etruskischen Kultur. Auch die Statuen und Ehrenbasen in Roselle für den claudischen Teil des iulisch-claudischen Kaiserhauses (ebd. S. 155f.) zeigen die enge Verbindung. Griffin 1986. 426 Gabriele Ziethen Heimatverlustes. Die Ehefrau des Dichters harrt aus vermögensrechtlichen Gründen in Rom aus, der Dichter wird in Tomi begraben. Mit dem Beginn der Völkerwanderungszeit geht die letzte Phase der Epik einher. Das Verhältnis von Jugend, Mobilität und Gewaltbereitschaft steht nun auch im Mittelpunkt aktueller Museumsausstellungen in Deutschland, wie z.b. jetzt die in der Ausstellung Wilde Völker an Rhein und Neckar. Franken im frühen Mittelalter, die in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim gezeigt wird: die archäologischen Funde belegen, daß von den Menschen einer jungen, gewaltbereiten und mobilen Gesellschaft in der Zeit des Jh. kaum die Hälfte der Menschen das 40. Lebensjahr erreichte 13, was möglicherweise in der Oberschicht durch polygame Lebensformen 14 versucht wurde auszugleichen. Im Nibelungenlied wird die Lebensphase einer adligen Frau 15 beschrieben, die wahrscheinlich in den fünfziger Jahren ihres Lebens mit dem Schwert in der Hand bzw. durch das Schwert stirbt: Kriemhild. Einst eine Vorzeigetochter: aus gutem königlichem Hause stammend, anständig erzogen, guter Ruf, Heirat mit einem ebenbürtigen Mann aus der Ferne (Siegfried), der das Ränkespiel seiner neuen Heimat letztendlich nicht durchschaut und diesem zum Opfer fällt. Die Frau begeht im Gegensatz zu Dido keinen Selbstmord, sondern handelt zukunftsorientiert: sie wechselt die kulturelle Seite und heiratet einen Barbaren (Attila/Hunnenkönig), der sich kaum an feste Residenzen gewöhnen kann, das damit verbundenen Leben höchstens kopiert, da er in seiner Jugend als Geisel das höfische Leben in Ravenna kennengelernt hatte. 16 Kriemhild handelt aus eigenem Recht und am Ende des großen Erzählbogens der alteuropäischen Epik wütet wieder ein alles verschlingendes Feuer. Das Motiv erscheint ab diesem Punkt aus kulturgeschichtlicher Sicht abgearbeitet. Betrachtet man die Themen der mittelalterlichen Aventiuren, Koch/Wieczorek Vgl. [Dateneinsicht: ]. Vgl. Allgemeine Zeitung (Worms) 240/Nr. 53, S. 6. Hartmann 2013, S. 26f. zum Stemma Chlothars I., dessen dritte Ehefrau Arnegunde in Sarkophag 49 in Saint-Denis (Basilika) bestattet wurde. Zum gesamten Kontext Wamers/Périn 2013 pass. Koch 2013, S. 39ff. zu den Hierarchien innerhalb der merowingerzeitlichen Gesellschaft. Externbrink 2007, S. 50ff.; Schulze 2007, S. 338f. Mobile Gesellschaften 427 so steht, trotz des zeitlichen Zusammenfallens mit den Kreuzzügen, die innere und sittliche Läuterung des mobilen Ritters im Mittelpunkt. Obwohl als Kämpfer ausgebildet, werden diese wehrhaften Reiter und Turnierkämpen für den gesellschaftlichen Umgang mit Frauen auf höfischer Ebene vorbereitet, zumal seit dieser Zeit die Standesperspektiven des europäischen Adels bis in unsere Zeit an einem überregionalen europäischen Kontext (Heiratsverbindungen) orientiert sind, dem als Gegengewicht die weitreichenden Aktivitäten der Kaufmannschaft gegenüberstanden. 17 Balance in der praktischen Lebensführung sowie Gleichgewicht der Seele und im Glauben sind das Thema der mittelalterlichen höfischen Dichtung. Die Ursprünge der Anstands- und Höflichkeitsregeln wurden hier begründet, als deren praxisorientierte Seite nun die Entdeckungsreise und dieser folgend die Bildungsreise den Mobilitätsdrang der unruhigen Europäer zu ritualisieren begannen. Dies widerspiegelt sich in der Literatur bis zum 19. Jahrhundert in der Haltung, daß exotische Völker entdeckt, beschrieben, missioniert und umerzogen werden. Die Mobilität geht nun von Europa aus. Für ein allgemeines Publikum aufbereitete Reiseberichte oder romanhafte Umarbeitungen derselben erklären die Welt, die Begegnung mit dem Exotischen kann im Rahmen der frühen touristischen Reisen nachempfunden werden (Cook s Reisen) und gipfelte letztendlich in der Empfehlung, wie man andere Kulturen sehen sollte zum Objekt und zur Kulisse eines europäischen Exotismus geworden 18, kamen deren Vertreter kaum selbst zu Wort (vgl. die Hagenbeck schen Völkerschauen). Doch dieser Perspektivwechsel ändert sich nun in einer multipolar gewordenen Welt und wird dennoch vom Publikum kaum wahrgenommen, da er der Macht der meinungsbildenden medialen Bildberichterstattung zu erliegen droht. Was glaubt der deutsche Durchschnittsdenker vom Mittelmeerraum wahrzunehmen: vor fünfzig Jahren die Ankunft der sog. Gast -Arbeiter vorwiegend aus dem östlichen Mittelmeerraum, die blieben und jetzt Mitbestimmung einfordern, politische Destabilisierung, das Borgolte 2014, S Biesterfeld 2009, S. 138ff. Mein herzlicher Dank für anregenden Gedankenaustausch und Literaturgabe gebührt Wolfgang Biesterfeld (Kiel). 428 Gabriele Ziethen Mittelmeer als Massengrab hilfloser Bootsflüchtlinge? Deren Schicksal widmete jetzt Durs Grünbein das Gedicht Die Unerwünschten, welches am 2. März 2015 im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung publiziert wurde. 19 Die Bildberichterstattung und die Schnelligkeit der Ereignisse in einer globalisierten Welt gewähren kaum eine Atempause zur literarischen Reflexion. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Aufarbeitung zweier Weltkriege, insbesondere der hundertjährige Bezug zum Ersten Weltkrieg 2014, den Blick auf die subtilen Veränderungen in der deutschen Gesellschaft verstellt, man eher dazu geneigt ist, nach außen, auf das Verhalten der anderen zu zeigen. Überdies sollten sich auch die Literaturschaffenden ebenso wie deren Publikum nicht darüber hinwegtäuschen, daß wahrscheinlich erstmals seit der umfassenden Aufsiedlung Mitteleuropas im Rahmen der, seitens der Altertumsforschung sehr detailliert erforschten, antiken Romanisierung eine Situation der geostrategisch verwertbaren Mobilität entstanden ist. In unterschiedlicher Weise, damals wie heute, erheben Migranten ihre Stimme: waren es in den römischen Städten die oft kunstvoll formulierten Grabgedichte und aktengleichen Kurzbiographien, denen der sachliche Ton der römischen Beamtenannalistik oder die knapp aber eindringlich formulierten Dokumente des sozialen Aufstieges gegenüberstehen, so schreiben die Autoren unserer Zeit aus dem Leben heraus 20 sie lassen ihre Leser am Fortschritt, dem Distanzwahren oder dem Scheitern ihres Integrationsprozesses in Echtzeit teilhaben. Den seit einiger Zeit zu einem Markenzeichen neuer bi-polarer Identität gewordenen selbstbewußten Almancılar Deutschländer der jungen türkischen Generation beiderlei Geschlechtes werden populistische Antworten im Stile Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab (München 2012) oder Soumission Unterwerfung von Michel Houellebecq (dt. Köln 2015) entgegengehalten, beides Bücher, die aus einer dezidiert männlichen Perspektive geschrieben wurden Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 51, , S. 9. Aygün/Baz 2002; Richter 2003. Mobile Gesellschaften 429 Die zeitgenössische europäische Gesellschaft hat mentale und strukturelle Probleme mit Migranten, Asylsuchenden und Heimatlosen. 21 Doch haben sich möglicherweise die Maßstäbe der Bewertung derartiger Grenzerlebnisse der menschlichen Existenz verschoben. Xenophobie im sozialen Umfeld ist in steigendem Maße zu beobachten 22 und im Rahmen der medialen Berichterstattung werden die äußeren Umstände wie Vertreibung oder Flucht instrumentalisiert, jedoch ohne die seelischen Auswirkungen auf das Individuum genauer zu berücksichtigen, so daß letztendlich auch die Texte schreibender Migranten, die eine Selbstsicht von innen und mit Sitz im Leben liefern, zu wenig berücksichtigt werden. Erwähnen möchte ich Nekla Kelek, Orhan Pamuk, Renan Demirkan, Ilija Trojanov, Vladimir Kaminer und auch Zafer Şenocak und Abbas Khider. Besonders letzteren widmet unsere Kollegin Hend Asaad einen instruktiven Beitrag anläßlich dieser Tagung. Es wäre z.b. überlegenswert im Rahmen hermeneutischer Studien nach Anknüpfungspunkten an die deutsche Exilliteratur des 20. Jhs. (Prager Autoren, Franz Werfel, Stefan Zweig) zu suchen und diese soziologisch zu deuten. Eine derartige Herangehensweise dürfte auch vereinseitigte Geschichtsbilder differenzieren, insbesondere dort, wo der europäische bzw. der deutschsprachige Kulturraum sich seiner selbst mittels einer Distanzierung vom Fremden zu versichern glaubte Kultur und Stabilität versus Mobilität. In dieser Sichtweise lassen sich noch römische Denkmuster 23 im Zusammenhang des Haus- und Heimatbegriffes nachvollziehen und werden dementsprechend aus aktuellem Anlaß gegebener gesellschaftlicher Verwerfungen seitens der Altertumswissenschaft kritisch diskutiert. 24 Es mehren sich jedoch die aus der Sichtweise der Soziologie und Zur Situation in Deutschland: 8. Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland (Juni 2010) S. 37, vgl. S. 51 Abb Internet: Zu den historischen Hintergründen s. Herbert Zu dieser Thematik auch die Aufsatzsammlung in Heitmeyer 2010 und Heitmeyer Aus kulturgeschichtlicher Sicht dazu: G. Ziethen/S. Dvoretskaya, Pomorische Vorlesungen (in Vorbereitung). Die Zusammenhänge werden diskutiert in Heitmeyer 2010 und Heitmeyer Bellen Winterling 2014, S , bes. S. 15, S. 32f. 430 Gabriele Ziethen Verhaltensforschung begründeten Positionen, daß zukünftig die Interaktion mobiler und sozial diverser Gesellschaften die Zukunft der europäischen Gesellschaften bestimmen werden, weswegen die Fähigkeit zur Teilnahme an dieser Interaktion seitens der alteingesessenen Bevölkerung über deren Zukunft und
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