Dämpft den Geist nicht Wozu braucht der Glaube Kultur? Kirchbautagung im Kloster Volkenroda Oktober PDF

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Dämpft den Geist nicht Wozu braucht der Glaube Kultur? Kirchbautagung im Kloster Volkenroda Oktober Literatur: Romano Guardini: Vom Geist der Liturgie, Freiburg 1918, 23. Auflage 2013; Stefan
Dämpft den Geist nicht Wozu braucht der Glaube Kultur? Kirchbautagung im Kloster Volkenroda Oktober Literatur: Romano Guardini: Vom Geist der Liturgie, Freiburg 1918, 23. Auflage 2013; Stefan Waanders: Zum Wesen der Liturgie. Anlässlich des 40. Todestages: Romano Guardini Heutige Herausforderungen, Referat Tagung 18./19. April 2008, Hrsg. Katholische Akademie in zur debatte Paul Tillich: Systematische Theologie Bd. I, Ev. Verlagswerk Stuttgart 1956, (Systematic Theology, Volume III, Chicago/Illinois 1951); ders.: Systematische Theologie Bd. II, Ev. Verlagswerk Stuttgart 1958, (6) 1979, (Systematic Theology, Volume III, Chicago/Illinois 1957); ders.: Systematische Theologie Bd. III, Ev. Verlagswerk Stuttgart 1966, (Systematic Theology, Volume III, Chicago/Illinois 1963); ders: Die religiöse Substanz der Kultur. Schriften zur Theologie der Kultur, Ges. Werke Bd. IX, Ev. Verlagswerk Stuttgart 1967, 13-22,82-99, ; Räume der Begegnung. Religion und Kultur in evangelischer Perspektive. Eine Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Vereinigung evangelischer Freikirchen, Gütersloh 2002; Jens Mankel: Bericht von meiner Teilnahme am freikirchlichen Treffen über den VEF-Beitrag zum EKD/VEF-Konsultationsprozeß Protestantismus und Kultur am [nicht veröffentlicht]; VEF Aktuelle Nachrichten Archiv Friedrich Wilhelm Graf: Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur, München 2004; Michael Opielka: Kultur oder Religion? Überlegungen aus soziologischer Sicht, in: Politik und Kultur 3/4 2008, Einleitung: Stimmen zum Verhältnis von Glaube und Kultur des 20. Jahrhunderts und die Denkschrift von EKD/VEF zu Beginn der 21. Jahrhunderts Meinen Vortrag verstehe ich als eine Besinnung auf unsere evangelischen Wurzeln bezüglich des Verhältnisses von Glaube und Kultur. Er ist nicht visionär in die Zukunft gerichtet, sondern soll eine theologische Vergewisserung unserer diesbezüglichen Grundlagen für unser Gespräch an diesem Wochenende sein. Gerade als Freikirchler brauchen wir m.e. eine solche Besinnung, weil dieses Themenfeld für die freikirchliche Bewegung eher neu ist. Die Konsequenzen für Ihre konkrete zukünftige Arbeit als Architekten möchte ich dann am Schluss heute Abend und auf dieser Tagung mit Ihnen gemeinsam ziehen. Ich stütze mich bei meinen grundsätzlicheren Ausführungen, deren Titel und Untertitel im Flyer bewusst im Blick auf die besondere Haltung der Freikirchen offen formuliert ist, auf drei Quellen, die m.e. bei der grundsätzlichen Erörterung hilfreich und naheliegend sind. Die beiden ersten Quellen betreffen das Werk der beiden großen Kulturphilosophen beider Konfessionen, das Werk des Katholiken Romano Guardini ( ), und das des Protestanten Paul Tillich ( ), den Systerminator des Kulturprotestantismus. Beide waren Zeitgenossen, stark von der Erfahrung der Weltkriege (besonders des 1. Weltkrieges) bestimmt und dürfen mit ihren theologischen Positionen zur Kultur als Repräsentanten ihrer Generation und Konfession im 20. Jahrhundert gelten. Insbesondere sind hier die Erstlingsschrift Guardinis Vom Geist der Liturgie und bei Tillich die Schrift Die religiöse Substanz der Kultur sowie seine weiteren Ausführungen in seiner systematischen Theologie zu nennen. Die dritte Quelle, die 2002 erschienene Denkschrift von EKD und VEF Räume der Begegnung. Religion und Kultur in evangelischer Perspektive, dokumentiert in ihrer Entstehungsgeschichte auch das besondere Verhältnis der freikirchlichen Bewegung zum Thema. In dem kritischen Zwischenbericht zum dieser Denkschrift vorauslaufenden Impulspapier wurde von der baptistischen Theologin Andrea Strübind stvtr. für das Präsidium der VEF bemängelt, dass weder im Impulspapier noch in der Steuerungsgruppe die spezifisch freikirchliche Situation und 2 Perspektive ( Entscheidungscharakter der christlichen Glaubens-praxis ; Unabhängigkeit von Kirche und Staat ) berücksichtigt worden seien. Stübind sagt dort explizit: An der Bewertung der Ritualpraxis [in ihrer gesellschaftlichen Stabilisierungsfunktion] wird das Missverhältnis der gesamten Studie besonders deutlich. Hier werden nur die Probleme der Territorial- bzw. Volkskirche reflektiert, die freikirchliche Position findet dagegen keine Beachtung. 1 Dennoch plädierte Strübind für ein gemeinsames Wort der protestantischen Kirchen zur Kultur, das auch für die Freikirchen eine positive öffentliche Wirkung hätte und zugleich die Erschließung eines neuen wichtigen Themenfeldes wäre. Allerdings müsste dazu die freikirchliche Sicht wesentlich stärker eingearbeitet werden ( im Sinne des differenzierten Konsenses ) und die Freikirchen sich stärker für diesen Konsultationsprozess interessieren. Der methodistische Bischof Walter Klaiber (damals Vorsitzender der ACK Deutschlands) hat diese freikirchlichen Anfragen modifiziert und das der Denkschrift vorausgehende Impulspapier in seinem als Druckmanuskript vorliegenden Vortrag Gestalt und Kritik Zum Verhältnis von Protestantismus und Kultur kritisiert. Sein Diskussionsbeitrag betont, dass er dem der Denkschrift vorausgehenden Impulspapier mit einer differenzierten Loyalität gegenüberstehe. U.a. fragte er: Warum wird im Impulspapier die Frage der Neu-Inkulturation des Evangeliums nicht intensiver gestellt? und Warum wird von der freikirchlichen Wirklichkeit so wenig Notiz genommen?. Er fragt allerdings auch selbstkritisch an die Adresse der oft kulturvergessenen Freikirchen zurück: Was bedeutet uns die gesamtgesellschaftliche Kultur? Was ist unser Selbstverständnis und unsere Aufgabe darin? 2 Das VEF-Präsidium beschloss darauf hin, im Vorwort der Denkschrift freikirchliche Positionen stärker zur Sprache zu bringen und in einem Brief an die Evangelische Kirche in Deutschland die Vorbehalte anzusprechen. Dieser Brief liegt mir nicht vor. Jedoch werden diese kritischen Einlassungen im Vorwort der Denkschrift tatsächlich kurz aufgegriffen. Dort heißt es dann, dass der Einfluss von Kultur und Gesellschaft auf die Kirchen und umgekehrt der Kirchen auf Kultur und Gesellschaft in der Geschichte unterschiedlich gewesen sei: T1 Mehrheitskirchen haben andere Erfahrungen gemacht als Minderheitskirchen. Evangelische Freikirchen haben ihrem geschichtlichen Erbe entsprechend überwiegend kritisch jene Kräfte hinterfragt, die sich als Kulturträger und Kulturpräger angeboten haben. So gilt auch heute vieles von dem hier [in der Denkschrift] Gesagten pointierter für die volkskirchlich geprägten evangelischen Landeskirchen als für die evangelischen Freikirchen. 3 Diesen bezeichnenden Hintergrund wollte ich gerade auf unserer Tagung an diesem Wochenende nicht unberücksichtigt lassen. Da hier und heute eine selbstkritische Haltung gerade im Blick auf unser Thema sinnvoll und wohl auch notwendig ist, habe ich mich gefragt, ob der Untertitel meines Vortrags nach Beschäftigung mit dem Thema nicht angemessener Inwieweit braucht Glaube Kultur? lauten müsste. Denn dass Glaube und Kultur immer untrennbar verwoben sind, steht für mich fest, auch wenn der Kulturbegriff noch ungefähr ist und in meinem Vortrag (aus Zeitgründen) nicht näher definiert werden kann. 1 Vgl. Mankel, 2. 2 Ebd. 3 Räume der Begegnung 8. 2. Ein Aspekt des Verhältnisses von Glaube und Kultur im Werk des Katholiken Guardini 3 In seinem vor fast genau 100 Jahren erschienenen Erstlingswerk Vom Geist der Liturgie führt Guardini den alten Satz Philosophia ancilla theologia aus und sagt in diesem Zusammenhang: T2 Die Philosophie ist die Dienerin der Theologie. Er gilt für die ganze Kultur. Nach ihm hat die Kirche auch stets gehandelt Der einzelne Mensch oder eine kurze Zeit der Begeisterung mögen Kultur bis zu einer sehr weit gestreckten Grenze entbehren können. Das beweisen die Anfänge der Wüstenorden in Ägypten, die Anfänge der Bettelorden, das beweisen heiligen Menschen zu allen Zeiten. Für den Durchschnitt aber und für die Dauer ist ein sogar hohes Maß guter Kultur nötig, um das geistliche Leben furchtbar zu erhalten. Dadurch bleibt es regsam, klar, weitherzig und wird vor dem Ungesunden, Überspannten, Einseitigen bewahrt, das sich nur zu leicht mit dem geistlichen Leben verbindet. Die Kultur gibt der Religion die Möglichkeit, sich auszusprechen, hilft ihr, sich über sich selbst klar zu werden, das Wichtigste vom Unwichtigen, das Mittel vom Zweck, den Weg vom Ziel zu unterscheiden Der Mangel einer edlen, reichen Kultur würde das geistliche Leben erstarren und enge werden lassen; ginge ihm die Grundlage gesunder Natur verloren, so müsste es süßlich, unwahr, unnatürlich, unfruchtbar werden. Lässt der Kulturbesitz des Gebetslebens nach, so verarmt der Gedanke, die Sprache verroht, die Bilder werden ungelenk, die Empfindungen grob und eintönig Beides zusammen, der Mangel an natürlicher Kraft und an echter Kultur, macht die Barbarei aus. Das Gebetsleben soll durchwirkt sein von einer Kultur, die in keiner Weise aufdringlich wird, sondern vor allem in der Weite des geistigen Blickkreises, in der inneren Maßhaltung des Gedankens, der Willens- und Gemütsbewegung liegt. 4 Das Werk Guardinis erfuhr bis Auflagen und wurde Mal verkauft (heute liegt es in der 23. Auflage von 2013 vor). Im Jahr 2008 hat eine katholische Akademie das Werk erneut gewürdigt. Guardini war kein stromlinienförmiger katholischer Dogmatiker, sondern jemand, der ringend mit der Glaubensnot seiner Zeitgenossinnen und Zeitgenossen Aspekte einer zweitausendjährigen kulturprägenden liturgischen Tradition zur Sprache gebracht hat. Deshalb glaube ich: Auch wer sich nur über Kunst und Kultur in freien Kirchen äußert, kommt am Werk des Kulturphilosophen Guardini nicht vorbei. 3. Aspekte das Verhältnisses von Glaube und Kultur im Werk von Paul Tillich Tillich hat Guardinis in Vom Geist der Liturgie noch sehr ansatzhafte These der Verhältnisbestimmung der Kultur als Dienerin der Theologie in seinen drei Prinzipien zum Verhältnis von Kultur und Religion ab 1951 in seinem systematischen Werk weitergeführt. Tillich bestimmt Religion im weitesten und grundsätzlichsten Sinne als T3 unbedingtes und unausweichliches Ergriffensein von dem, was unseres Daseins tragender Grund und verzehrender Abgrund ist. 5 In seinem Werk Die religiöse Substanz der Kultur führt er aus, dass vom christlichen Mythos aus betrachtet das Verhältnis von Kultur und Religion als Einheit verstanden wird: am Anfang (im Paradies) und am Ende (in der Vollendung, wo es keinen Tempel und keine Priester mehr geben wird ) sind Kultur und Religion ursprünglich ineinander. Aber in der Gegenwart, in unserem wirklichen Leben sind beide nebeneinander und können gegeneinander stehen. Es ist Ausdruck menschlicher Selbstentfremdung, dass es im Verhältnis von Kultur und 4 Guardini, Liturgie (23. Auflage) 5 Tillich, RSK 324. 4 Religion Konflikte gibt, die tragisch unvermeidlich sind. Dennoch muss der Versuch gemacht werden, von beiden Seiten immer erneut über diese Konflikte zu der ursprünglichen und wesenhaften Einheit zurückzukehren. 6 Im 3. Band seines systematischen Werkes schreibt er 1966 schließlich: T4 Religion ist die Substanz der Kultur, und Kultur ist die Form der Religion. 7 Dieser so geniale wie missverständliche Spitzensatz seines 3. Prinzips zum Verhältnis von Kultur und Religion, in dem die anderen beiden Prinzipien wurzeln, ist zunächst entgegen allen späteren Vereinnahmungen zur Legitimierung des Kulturprotestantismus schlicht das Eingeständnis, dass T5 die Religion, selbst in einem sinnvollen Schweigen, sich nicht ohne Kultur ausdrücken kann, denn alle Formen sinnvollen Ausdrucks stammen aus der Kultur. Denn selbst T6 der einfachste Satz, in dem das Heilige sich vom Profanen zu unterscheiden versucht, ist in seiner Form profan. Andererseits gilt, dass die Kultur ohne vertikale Richtung auf ihren letzten Grund und ihr letztes Ziel ihre Tiefe und ihre Unerschöpflichkeit verliert. 8 Hier möchte ich den Soziologen Opielka zitieren: Im Subsystem Religion werden so könne man sagen die tiefen oder starken Werte geschöpft. Ich spreche deshalb hier von der Zuständigkeit des Religionssystems für Letztwerte. 9 In seinem 1. Prinzip, das er Heiligung des Profanen nennt, wehrt er der dämonischen Identifikation von Kirche und Geistgemeinschaft als dem Versuch, die Freiheit des Geistes durch den Absolutheitsanspruch einer religiösen Gruppe zu begrenzen. In für freikirchliche Ohren erfreulich unmissverständlicher Direktheit stellt er klar: T7 Der göttliche Geist kann die kulturellen Funktionen nicht ergreifen ohne eine geschichtlich verwirklichte Geistgemeinschaft, aber diese muss nicht innerhalb einer Kirche verwirklicht sein: der göttliche Geist kann in vorläufiger Weise in Gruppen, Bewegungen und persönlicher Erfahrung wirksam sein 10 Fast prophetisch für die heutige kirchliche Situation wirkt seine Ausführung: hat nämlich die volle Manifestation der Geistgemeinschaft einer Kirche bereits stattgefunden, hat die Kirche ihre Kraft als Vermittlerin des göttlichen Geistes verloren und die früher in ihr wirkende Kraft ist in der Kultur noch latent wirksam und hält in ihr die Selbsttranszendierung des kulturellen Schaffens lebendig. 11 In seinem 2. Prinzip der Konvergenz des Heiligen und des Profanen erläutert er das Profane ganz im Sinne Guardinis als das notwendige Korrektiv des Heiligen : T8 Aber es [das Profane] strebt schließlich selbst dem Heiligen zu, denn es kann auf die Dauer dem stets wirksamen Prozess der Selbst-Transzendierung, wie sehr er auch säkularisiert sein mag, keinen Widerstand leisten. Denn ein solcher Widerstand erzeugt Leere und Sinnlosigkeit Das Profane wird zur Vereinigung mit dem Heiligen getrieben, eine Vereinigung, die in Wirklichkeit Wiedervereinigung ist, denn das Heilige und das Profane gehören zusammen. Denn auch das Heilige kann nicht ohne das Profane leben. Wenn das Heilige im Namen des letzten unbedingten Anliegens sich zu isolieren versucht das nun sollten freikirchliche Ohren ganz im Sinne der Denkschrift von EKD und VEF selbstkritisch hören gerät es entweder in Selbstwidersprüche oder wird leer auf eine dem Profanen entgegengesetzte Art Ebd Tillich ST Bd. III, Ebd Michael Opielka: Kultur oder Religion? Überlegungen aus soziologischer Sicht, in: Politik und Kultur 3/42008, Tillich ST Bd. III, 282, Ebd Ebd. 284. 5 Im Rahmen seiner Sündenlehre hat Tillich schon früher (1957) diese Entfremdung des Menschen in unserer Kultur durch ein Auseinanderreißen der existenziellen Polaritäten von Dynamik und Form in unserem Leben beschrieben. Er schreibt: T9 In der essentiellen Natur des Menschen sind Dynamik und Form geeint Im essentiellen Sein wird die Einheit von Form und Dynamik niemals zerrissen Unter der Herrschaft von hybris und Konkupiszenz wird der Mensch nach allen Richtungen auseinandergetrieben, ohne ein bestimmtes Ziel oder bestimmten Inhalt Man könnte von einer Versuchung des Neuen sprechen, die an sich ein notwendiges Element in aller schöpferischen Selbstverwirklichung ist, in der Verkehrung aber das Schöpferische dem Neuen opfert. Wenn die Form fehlt, wird nichts Reales mehr geschaffen, denn nichts ist real ohne Form. Jedoch ist Form ohne Dynamik gleichfalls zerstörerisch. Wenn eine Form von den dynamischen Kräften, von denen sie geschaffen wurde, losgelöst und anderen Lebensprozessen aufgedrängt wird, dann wird sie ein fremdes Gesetz. Sie unterdrückt die schöpferischen Kräfte, produziert entweder unschöpferischen Legalismus oder lässt rebellierende dynamische Kräfte ausbrechen, die zum Chaos und nicht selten in Reaktion dazu zu stärkerer Unterdrückung führen Die Unfähigkeit, eine Form zu erreichen, mit der die Dynamik der menschlichen Natur vorläufig oder bleibend in Harmonie steht, ist ein Ausdruck der Entfremdung des Menschen von sich selbst und von der essentiellen Einheit von Dynamik und Form. 13 Abschließend beschreibt Tillich in dem Kapitel Kunst und Architektur das konkrete Verhältnis von Kult und Form programmatisch für den Protestantismus aller Zeiten: T10 Kultische Gestaltung ist in dem Maße überflüssig, als unsere alltägliche Gestaltung Gestaltung aus reiner Ergriffenheit ist. Und es bedeutet zweitens: Wenn kultische Gestaltung, so muss sie repräsentative Gestaltung dessen sein, was im Alltag geschieht, aus der sinngebenden Tiefe des Alltags heraus. Darum ist jede Kultform abzulehnen, die neben unserem Alltag, unserer Arbeit, unserer Ruhe, unserem Wohnen und unserem Wandern, unserer Wirtschaft und unserer Politik, unserem Erkennen und unserem Schauen steht. Kein heiliger Bezirk! Sondern Erschütterung und Wandlung jedes Bezirkes, das ist die erste Forderung jeder Gestaltung. Sie darf nur ein Pathos haben, das Pathos der Profanität. Und das ist die Aufhebung jedes falschen Pathos, jedes Pathos, das Flucht vor dem Alltag ist 14 Stellvertretend für dieses ganze für den protestantischen Kirchenbau so grundlegende Kapitel sei abschließend eine konkrete Anweisung Tillichs erwähnt: T11 Man habe den Mut, sich mit dem zu begnügen, was wir haben: Licht, Farbe, Material, Raum, Proportionen; und zu verzichten auf die von der Legende geformten Inhalte, sei es das Christusbild, seien es Apostel und Propheten, seines es Mythen und Geschichten. Vielleicht können wir wieder einmal davon reden, aber sicher ist, nachdem wir lange und ehrlich davon geschwiegen haben Die Rezeption der Gedanken Tillichs für das 21. Jahrhundert in der Denkschrift der EKD/VEF Insgesamt atmet die Denkschrift - ohne ihn zu erwähnen - den Geist Tillichs. Das ist m.e. deutlich spürbar. Im ersten von insgesamt drei Kapiteln, das mit Religion als Kultur Religion ist mehr als Kultur überschrieben ist heißt es unter Protestantischer Kulturhermeneutik und Kultur in evangelischer Perspektive : 13 Tillich ST Bd. II, 73f. 14 Tillich RSK Ebd. 326. 6 T12 Auch wer die Kultur insgesamt aus der Perspektive des christlichen Glaubens betrachtet, kann das Eigenrecht und die Selbständigkeit der Symbolwelten von Recht, Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Medien anerkennen. Die Haltung des christlichen Glaubens den anderen Symbolisierungs-formen gegenüber ist von Respekt und dem Interesse an wechselseitiger Wahrnehmung bestimmt. Religion ist in evangelischer Perspektive nicht das Fundament, die Quelle oder die Abschlussfigur für die Mehrdimensionalität von Kultur Auch wenn das Ganze der Kultur vor diesen Horizont tritt, begreift sich die christliche Religion zugleich selbst als eine Dimension von Kultur Gott, der sich selbst im Medium von Zeichen, Worten und Gleichnissen offenbart, kann in ihnen doch niemals so vergegenwärtigt werden, dass er in den Darstellungen, die sich auf ihn beziehen, vollständig aufgeht... [Aber] so wie Christus von den Seinen weggeht, damit der Geist kommt, ist der unsichtbare Gott in Christus so gegenwärtig, dass niemals abschließend über ihn verfügt werden kann. Christus ist deshalb das grundlegende Beispiel für den unabgeschlossenen, offenen Charakter aller christliche Symbole und Deutungen. Gott bindet seine Gegenwart nach evangelischem Verständnis an die sinnlichen Zeichen der Kultur, aber er überschreitet sie zugleich In der Offenbarung Gottes in Christus liegt ein unabgegoltener Reichtum an Sinn, der zu immer neuen Wandlungen der tradierten Formen anregt, in denen religiöser Sinn zum Ausdruck kommt (21-22) T13 Die Glaubenserfahrung, von Gott bedingungslos anerkannt zu sein, hat in evangelischer Perspektive kulturprägende Bedeutung. In dieser Erfahrung der Anerkennung als Person ist eine Haltung begründet, die im Verhältnis zu Gott wie zu anderen Menschen wahrnimmt, dass der Bezug auf einen Anderen nicht lebensbedrohlich oder lebensfeindlich, sondern befreiend und heilsam sein kann. Die Anerkennung durch den Anderen setzt die Bereitschaft zur Anerkennung des Anderen frei Mit diesem Bekenntnis verbindet sich der Mut, neue Möglichkeiten zu erproben und überraschenden Gesichtspunkten Raum zu geben und so erstarrte Formen der Kultur zu verflüssigen. Die lebendig machende Kraft des Geistes lässt sich mit der reformatorischen Unterscheidung von Gesetz und Evangelium verdeutlichen. Diese Unterscheidung bewährt sich im Blick auf
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