Das behinderte Kind und seine Eltern

Please download to get full document.

View again

of 10
All materials on our website are shared by users. If you have any questions about copyright issues, please report us to resolve them. We are always happy to assist you.
Categories
Published
SelbstHilfen Werkstattgruppe familienorientierte Frühförderung (Hrsg.) Das behinderte Kind und seine Eltern In der Reihe SelbstHilfen sind bisher erschienen: Psychoanalytische Perspektiven der Frühförderung
SelbstHilfen Werkstattgruppe familienorientierte Frühförderung (Hrsg.) Das behinderte Kind und seine Eltern In der Reihe SelbstHilfen sind bisher erschienen: Psychoanalytische Perspektiven der Frühförderung Müller-Hohagen, J.: Psychotherapie mit behinderten Kindern Kehrer, H.W.: Autismus Riester, M.: Pflegebedürftig!? Was nun? Becker-Fischer, M.: Sexueller Mißbrauch in der Psychotherapie Stock, D. u.a.: Diabetes - neue Schritte zur Bewältigung Haisch,1.: Gesundheitsrisiken - Wege zur Bewältigung Johne-Manthey, B.: Bewältigungsstrategien bei Brustkrebs Klomsdorff, R.-G.: Hörsturz - und danach? Tönnies, S.: Leben mit Ohrgeräuschen. Selbsthilfe bei Tinnitus Westhoff K. u.a.: Effektiver arbeiten Tönnies, S.: Mentales Training für die geistig-seelische Fitneß Asanger Verlag Heidelberg, Kröning Inhalt Die Herausgeber: Die Werkstattgruppe familienorientierte Frühförderung ist eine Ideenschmiede, die sich seit über zehn Jahren mit den Themen Frühförderung, Säuglingsforschung und psychoanalytische Pädagogik in Theorie und Praxis auseinandersetzt. Die Herausgeber und Mitglieder der Werkstattgruppe sind: Hiltrud Funk, Bernd Niedergesäß, Siegbert Kratzsch, Manfred Gerspach, Mechthild Krohn- Großmann, Christel Tratzki und Doris Maass Kontaktadresse: Dr. Siegbert Kratsch, Dipl.-Psych., Praxis für Psychotherapie, Haspelstr. 223, MarburgILahn Einführung Kulturerbe und phantasmatische Vorstellungen der Eltern Manfred Gerspach König Schwellfuß. Der ödipale Konflikt ums behinderte Kind 3 Gisela Schleske Schwangerschaftsphantasien von Müttern und ihre psychoanalytische Bedeutung für die frühe Mutter-Kind-Beziehung 20 VII Der frühe Entwicklungsraum des Kindes Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Lotte Köhler Ergebnisse der Kleinkindforschung: Ihre Bedeutung für die Theorie und Praxis der Psychoanalyse und (Heil- )Pädagogik Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei Hans von Lüpke Zwischen Orang Utang und Todesangst: die Bewertung von Motorik der Deutschen Bibliothek erhältlich in der frühen Entwicklung - Konsequenzen für die Rehabilitation 66 Claudia Burkhardt-Mußmann Tod eines behinderten Kindes Phantasien und Strukturprozesse in der praktischen Arbeit Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Siegbert Kratzsch Herr Minus und Frau Plus - oder damit die Rechnung aufgeht: Einheit von affektiven und kognitiven Prozessen in der Symbol- und Strukturbildung 91 Doris Maass Der kleine Vampir oder die Beraubung des Selbst 124 Bernd Niedergesäß Von Krokodilen und Krankenwagenfahrern Asanger Verlag GmbH Heidelberg und Kröning Umschlaggestaltung: Ute Labbus Printed in Gerrnany Autorinnen und Autoren der Beiträge 147 Literatur Winnicott, D.W. (1983): Übergangsobjekte und Übergangsphänomene, In: Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse, Fischer, Frankfurt Winnicott, D.W. (1983): Die depressive Position in der normalen Entwicklung, In: Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse, Fischer, Frankfurt Von Krokodilen und Krankenwagenfahrern Bemd Niedergesäß 1. Phantasien um ein behindertes Kind in einer integrativen Kindergruppe! Der Aufsatz beschreibt den Prozeß der gemeinsamen Suche der Kinder und von uns Erwachsenen nach stimmigen Bildern für die neue Situation, die in unserer integrativen Kindergartengruppe durch ein neues Kind, Roswita, entstanden war. Die damals 4-jährige Roswita (der Name ist geändert) war nach zwei leichter behinderten Kindern? das erste, schwer mehrfachbehinderte Kind in unserer Kindergartengruppe. Sie konnte sich robbend fortbewegen und lautierte. Wegen ihres Anfalleidens, das sich in gelegentlichen Absencen auswirkte, war sie medikamentös eingestellt. Sie hatte zudem eine mittlere Sehund Hörschwäche. Auch in ihrer geistigen Entwicklung war Roswita nicht altersgemäß entwickelt. Ein Teil der nichtbehinderten Kinder dieser Gruppe war (im Rahmen einer integrativen Krabbelstube) bereits seit ihrem ersten Lebensjahr nun etwa 1.5 Jahre zusammen. Ein anderer Teil der Kindergartenkinder, vor allem die älteren, kamen in diesen Monaten wie Roswita neu in die gegenüber zuvor vergrößerte Gruppe. Dadurch wurde unser neuer Gruppenalltag von Kontinuität und Neuanfang geprägt. Roswita kam vor Beginn des neuen Kindergartenjahres im Sommer während einiger Monate zur Eingewöhnung mit einem ihrer Eltern erst einmal die Woche. Sie war ein blondes, gutgenährtes Kind mit Brille in praktischer Kinderkleidung. Geprägt wurde unser Eindruck von ihr von ihrem stets freundlichen Gesichtsausdruck, von ihrer selbstgenügsamen Art, in der sie \ \ )( \ sich auch lange alleine beschäftigen konnte, wenn das äußere Geschehen nicht ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Sie nahm Anteil am Geschehen der Gruppe, indem sie dorthin robbte, wo andere Kinder spielten, und diesen meist gebannt zusah. Ihre starke innere Beteiligung schlossen wir aus den in solchen Situationen für sie typischen fahrigen Bewegungen, vor allem ihres Kopfes und ihrer Hände. Das anfangs starke Interesse der meisten Kinder an ihr, äußerte sich darin, daß sie auf Roswita zugingen und sie streichelten, ihr etwas in die Hand geben wollten oder ihr z.b. einen Ball zurollten. Sie sprachen dann zu ihr wie zu einem Baby. Anfängliche Fragen, warum Roswita denn noch nicht laufen oder sprechen könne, wurden bald selten. Doch es kam auch vor, daß Roswita - als Eindringling - Ablehnung erfuhr, sie weggestoßen, ausgegrenzt wurde oder einen Klaps auf den Kopf erhielt. Wir erklärten den Kindern dann, daß sich Roswita nicht wie andere Kinder wehren könne und baten sie, darauf Rücksicht zu nehmen. Roswita reagierte auf die Annäherungsversuche der Kinder manchmal, indem sie kräftig nach ihnen schlug und so - in unserem Verständnis - auf eine ihr mögliche Weise den Kontakt erwiderte. Wir erlebten dies - zumindest anfangs - nicht aggressiv getönt. Die Kinder jedoch waren sehr betroffen, da sie diese Reaktion von Roswita gemäß ihren herkömmlichen Erfahrungen als Aggression und Ablehnung erlebten. In solchen Situationen kam es vor, daß einzelne Kinder sie ruppig zurückknufften, andere aber - entsetzt von dieser zuerst völlig unerwarteten Reaktion von Roswita - in Tränen ausbrachen. Wir versuchten zum einen, den anderen Kindern die von uns vermuteten Absichten bei Roswita zu erklären. Zum anderen sagten wir Roswita, daß ihr kräftiges Schlagen den anderen Kindern weh tue. Doch waren wir uns anfangs nicht sicher, daß wir Roswita damit erreichten. Wir schlugen den anderen Kindern deshalb vor, in solchen Situationen Roswita zu erklären, daß sie nicht so fest schlagen solle, da ihnen das weh tue, und sich dann zu schützen, indem sie ihre Hand festhielten. Nach einiger Zeit hörte dieses Schlagen von Roswita auf. l--2. Anfängliche Phantasien über Roswitas Behinderung In diesen Monaten gewannen neue Spiele und bestimmte neue Verhaltensweisen in der Gruppe an Bedeutung. So verhielt sich Noomi (knapp 3 Jahre), wenn es ihr zu dieser Zeit nicht gut ging, wie ein kleines Baby. Sie krabbelte dann nur noch, schmiegte sich 136 lange auf Angelas Schoß und sprach nicht. Sie deutete nur, machte äh und ließ die Zunge heraushängen. An unser in den Monaten zuvor häufig in Szene gesetztes Märchen von Schneewittchen anknüpfend, ließen sich die Kinder nun öfter als zuvor - als Schneewittchen nach den Mordversuchen durch die Stiefmutter - hinfallen. Sie waren dann tot oder ver tzt, und ich mußte sie verbinden, sie heilen und so wieder zum Auf(er)stehen bringen. Roswita lag bei diesen Spielen auf dem Bauch dabei und schaute mit großen Augen und bewegter Gestik zu. Nach vielen solchen Heilungen sagte dann einmal Alia (ebenfalls knapp 3 Jahre alt), ich sollte auch Roswita verbinden. Damit sie dann aufstehen kann? fragte ich in einer solchen Situation zurück. Alia nickte daraufhin sehr ernsthaft. Ich erklärte daraufhin den Kindern, daß es noch sehr lange dauern würde, bis Roswita von allein aufstehen und dann auch laufen könne, daß sie aber auch, wenn sie uns zuschauend auf dem Boden läge, sehr lebendig sei. Ich hob hervor, daß sie robbe, schaue und sich auf diese Weise von sich aus am Spiel beteilige. Ich vermutete bei diesen Spielen die Thematisierung einer großen Beunruhigung bei den Kindern, hinzufallen und nicht mehr aufstehen zu können, wie Roswita. Ich vermutete auch Phantasien bei ihnen, daß Roswitas Zustand auf eine Attacke der bösen Stiefmutter zurückzuführen sein könnte, wie bei Schneewittchen. Doch wie im Märchen blieb da auch die Hoffnung auf ein gutes Ende ; So ging Noomi einige Tage nach dieser Szene im Spiel mit einer Krücke. Das Babysein von Roswita schien für einige Kinder auch einige sehr lustvolle, regressive Phantasien auszulösen. So bohrten sie mir in dieser Zeit, wenn sie sehr schmusig waren, lustvoll im Spiel ihre Köpfe in den Schoß. Nicht nur bei den Kindern, auch bei ihren Eltern hatte Roswita Beunruhigung ausgelöst. Zeigte sich diese schon in der nicht nur herzlichen, sondern teilweise auch sehr distanzierten Begrüßung einiger Eltern beim ersten Besuch von Roswita, so wurde sie dann auf dem nächsten Elternabend - noch ohne Roswitas Eltern - auch in Worte gefaßt: Es bestand die Befürchtung bei einigen Eltern, daß mit einem schwer behinderten Kind in der Gruppe ihre Kinder in Zukunft noch weniger gefördert (im Sinne einer kreativen Aneignung von UmweltlEntwicklung von Fertigkeiten) würden und die Betonung der sozialen Fähigkeiten der Kinder in der Gruppe einen noch breiteren Raum einnehmen würde. Anders als einige Gegenstimmen aus dem Kreis der Eltern, wurden diese vom Inhalt her so berechtigten Argumente sehr emotional vorgetragen und auf seiten der Pädagogen genauso emotional aufgenommen. Es schienen da zwei Fronten zu entlbestehen. Die Gemeinsamkeit unseres Anliegens der Integration schien in Frage gestellt. Wir hatten das Gefühl, daß einige Eltern ein falsches Bild von unserem Alltag mit ihren Kindern hatten, vieles nicht sahen und das, was sie sahen, abwerteten. Wir fühlten uns in einer VerteidigungslRechtfertigungssituation. Obwohl wir an diesem Elternabend als auch in den Monaten danach durch ein den Eltern zugängliches Gruppentagebuch versuchten, ihnen unse- 137 ren Gruppenalltag transparenter zu machen, schien dies die Beunruhigung der Eltern nicht ausräumen zu können. 3. Der Beginn der Krokodilsphantasie Nach der Sommerpause - Roswita war mit ihren Eltern noch in Urlaub ergab sich ein Spiel, das für die Gruppe im da~au~ folg~nden halben Jahr beständig von Wichtigkeit sein sollte: das Krokodilspiel. Die gesamte Gruppe bastelte in diesen Sommertagen mit Feuereifer an einem Krokodilkostüm: Bunte Flicken wurden als Schuppen auf eine ausgediente grüne Tischdecke genäht, ein Schuhkarton, der Kopf des Krokodils, wurde mit Schnipseln aus grünem Kreppapier beklebt, mit großen, grün-roten Augen aus ~erlen ver.sehen und mit einem langen, aufklapp baren Maul ausgestattet, In dem sich fürchterliche Zähne befanden. Dieses Kostüm wurde wichtigstes Attribut eines Verfolgerspiels. Das Krokodil mußte nach dem Willen der Kinder zumeist - wenigstens am Anfang - von einem Erwachsenen gespielt werden. Es rannte brüllend. hinter den aufgeregten, teils ängstlich, teils aber auch (angst)lustvoll schreienden Kindern her. Fing es eines, so ließ sich dieses meist angstvoll ~allen, ~nd.das Krokodil stürzte sich dann bemächtigend über es her und biß es viehisch grunzend und knurrend. Doch bevor das Krokodil dann das Kind wirklich verschlingen konnte, gelang es diesem doch noch in letzter Sekunde, z~ entwischen. Es war mit dem Schrecken davongekommen. In Schutz bnngen konnten sich die Kinder, indem sie auf etwas Erhöhtes kletterten, wohin das Krokodil ihnen nicht folgen konnte, denn es konnte nicht klettern. Es blieb dann polternd und mit schrecklicher Stimme Drohungen und Verwünsch~ngen ausstoßend vor den sich in Sicherheit befindlichen Kindern stehen. Hier war eine Grenze, die das Krokodil trotz all seiner Fürchterlichkeit und Gefräßigkeit nicht überschreiten konnte.... Die Kinder konnten nun, immer noch vom Schrecken gezeichnet, In SIcherheit aufatmen und das Krokodil beschimpfen. Sie ließen es so seine momentane Hilflosigkeit spüren und kosteten den Triumph ihres Erfolges sichtlich aus. Ohne seine Enttäuschung und ohnmächtige Wut ganz verbergen zu können, zog sich das Krokodil nach einiger Zeit zurück. Es schien zu resignieren, verkündete den Kindern die endgültige Aufgabe seines Vorhabens und verschwand in seinem Versteck. Aber plötzlich, wenn sich die Kinder in Sicherheit wiegend wieder von ihrem geschützten Platz heruntertrauten, stürzte es erneut auf sie zu. Sehr bald kam in unserem Spiel eine wichtige Variante hinzu: Das hinterlistige Krokodil verkleidete sich. Es erschien das eine Mal vor den Kindern in der Maske einer alten hilflosen Frau, die sich z.b. verlaufen hatte und die Kinder jammernd um Hilfe bat. Oder es zeigte sich ihnen als Mann, der sie schmeichelnd mit einem Eis zu locken suchte. So verkleidet stand es vor dem 138 geschützten Platz der Kinder und ve~suchte. sie zu bew.egen, zu ihm hera?zukommen. Die etwas älteren Kinder heßen sich durch diese Maskerade keinen Augenblick täuschen, zeigten ihm - auf dieses ~piel ~ingehen? - hohnlächelnd die kalte Schulter und verspotteten es. Die kleineren Kinder waren jedoch oft verunsichert durch das mitleiderregende Klagen oder die Versprechungen des verkleideten Bösewichts und schwankten, welchem ihrer Gefühle sie denn nun folgen sollten. Oft nutzten die älteren Kinder in dieser Situation ihr Durchschauen dieser doppelten Realität gegenüber den Kleinen aus und redeten ihnen zu, ihren sicheren Platz zu verlassen. Wagten sich die kleineren Kinder dann tatsächlich von ihrem sicheren Platz herunter, so mußten sie mit Bestürzung erfahren, daß sie sowohl von dem Krokodil, aber darüber hinaus auch noch von ihren Kameraden - oft zum wiederholten Male - übertölpelt worden waren.. In vielen Facetten dieses Spiels wurden Themen berührt, welche nicht nur unsere besondere Situation betrafen, sondern welche die meisten Kinder in der Altersspanne zwischen zwei und vier Jahren beschäftigen und s~hr oft beunruhigen. Es sind dies die immer wiederkehrenden Sorgen und Angste kleiner Kinder mit ihrem Größerwerden, aber auch ihre Lösungsphantasien und Hoffnungen, wie sie z.b. im (Grimm'schen) Märchen von den Sieben Geißlein in Bilder gefaßt werden, und die wir Erwachsenen als Mitakteure im Krokodilsspiel miterlebten und miterlitten. In meiner Rolle konnte ich die Eigenschaften spüren, mit der die Kinder dieses gefräßige Monster in ihrer in Szene gesetzten Phantasie ausstatteten. So die Möglichkeit, die mir die Kinder einräumten, wenn sie auf mein Gebrüll mit Entsetzen reagierten; wenn sie panisch davonliefen und sich mir der ich ihnen als Erwachsener an Kraft und Körpergröße unübersehbar überlegen war - wehr- und willenlos unterwarfen, wenn ich sie gefangen hatte. Großartig fürchterlich wurde ich für sie dadurch, daß ich als Krokodil keine innere Sperre hatte (sei es Mitleid, Liebe oder gefühlte Verpflichtung gegen ein Gesetz), die mich davon abhalten konnte, meinen unersättlichen Hunger, meine Gier, zu stillen. Nur äußere Hindernisse oder die Begrenztheit meiner körperlichen Fähigkeiten (nicht Kletternkönnen) stellten eine Grenze für die sonst ungehemmte Aggressionsbereitschaft, das hemmungslose Ausleben meiner Bedürfnisse dar. Vor dieser Grenze ließ mich der Spott der Kinder meine Ohnmacht spüren. Doch meine Fähigkeit (als Erwachsener), unterschiedliche Ebenen von Wirklichkeit (äußere Realität und Spiel) unterscheiden zu können und mich dieser Fähigkeit als Krokodil auch souverän und skrupellos zu meinem Vorteil und mit großer Lust bedienen zu können (Verkleidung), ermöglichte es mir, diese Grenzen zu überschreiten. Doch auf diese Weise konnte ich nur die kleineren Kinder überlisten, die diese unterschiedlichen Ebenen noch nicht unterscheiden konnten. Deren Schrecken und Vorsicht verblaßten angesichts der in Aussicht gestellten Befriedigung ihrer oralen Bedürfnisse (durch das versprochene Eis), aber auch angesichts der Bedürftigkeit eines anderen. 139 G 1 Die größeren, schon erwachseneren Kinder, die Spiel und Realität bereits unterscheiden konnten, ließen sich so nicht überlisten und sich durch ihre oralen Bedürfnisse nicht zur Unvorsicht verleiten. Sie zeigten aber auch durch ihr Verhalten, daß sie genauso wie das Krokodil dieses Wissen (ohne Skrupel und mit Vergnügen) zum Nachteil von anderen einsetzen konnten. Die Kinder unserer Gruppe schienen - auf unterschiedlichem Stand - in einer Entwicklung zu sein, in der sich angesichts der Weiterentwicklung ihrer motorischen und intellektuellen Fähigkeiten sowie ihrer Kraft die Frage nach ihrem Erwachsenensein stellte. Dabei schienen sie die Bedeutung dieser Fähigkeiten noch immer auf dem Hintergrund des von ihren oralen Bedürfnissen geprägten Erlebnishorizontes zu interpretieren. Das Krokodil schien der Erwachsene zu sein, der seine weiterentwickelten Fähigkeiten bedingungslos in den Dienst seiner oralen Bedürfnisbefriedigung stellt, und der auf diese Weise diese Bedürfnisse, Angst und Schrecken verbreitend, befriedigen kann. Das Leben von Kindern schien angesichts dieser Gefahren möglich, wenn sie schon schlau genug sind, das falsche Spiel dieses Krokodil-Erwachsenen zu durchschauen, schnell genug zu sein, sich in Sicherheit zu bringen und sich nicht von den eigenen oralen Bedürfnissen bedrängen zu lassen, diese Sicherheit aufzugeben. Skrupel, andere hinterlistig Gefahren auszusetzen, gab es nicht. 3 In dieser Situation des Umbruchs während dieser letzten Wochen vor Beginn des neuen Kindergartenjahres, aber auch in der neuen Zusammensetzung der Gruppe (wir hatten, wie oben erwähnt, zwei ältere Kinder aufgenommen und Roswita kam nun täglich) wünschten sich die Kinder dieses Spiel fast täglich. Daneben kamen jedoch vereinzelt auch neue Spiele auf. In diesen knüpfte die Gruppe an ihre Auseinandersetzung mit der Behinderung Roswitas an, die schon vor den Ferien - wie geschildert - von großer Bedeutung gewesen war. 4. Zwischenspiel: Die beiden t Krankenwagenfahrer und Roswita So hatten Katharina und David aus Kissen und Decken eine Bettstatt bereitet, die in ihrem Spiel einen Krankenwagen darstellte. In der Mitte lag Roswita, die bei den anderen Kinder rechts und links neben ihr als Krankenwagenfahrer, die auf die Kranke aufpassten. Sie hielten sie fest und achteten darauf, daß sie nicht aufstand. Auf meine Nachfrage sagte Katharina, daß Roswita nicht aufstehen dürfe, sonst käme Blut. Nach einer Weile zogen andere Situationen die Aufmerksamkeit der beiden Fahrer auf sich, und sie gingen. 140 Roswita, die die Aufmerksamkeit von Katharina und David sichtlich genossen hatte, versuchte sich nun aufzusetzen, aber schon kam David mit großem Gebrüll herbeigerannt und drückte sie energisch - ohne Rücksicht auf das, was Roswita augenscheinlich wollte - wieder nieder, ein Vorgang, der sich mehrmals wiederholte. Beim Miterleben dieses Spiels spürte ich die gegensätzlichen Gefühle, die Katharina und David gegenüber Roswita auslebten: Gefühle zärtlicher Zuwendung und der behütenden Sorge um Roswita, aber auch ihre Aggression ihr gegenüber, wenn die beiden Kinder sie gegen ihren Willen festhielten oder sie entgegen ihrem Wunsch, sich aus dieser liegenden Position zu erheben (und ihrer Befähigung, diesen Wunsch auch umzusetzen), wieder niederdrückten, sie überwältigten. Doch in der Dringlichkeit, mit der Katharina erzählte, warum sie dies so tun müßten, schwang auch Ängstlichkeit mit, worüber? Es war für uns ein seltsames Paar, das sich da beim Spiel zusammengefunden hatte. Katharina (3 Jahre) war ein Mädchen, das sehr oft eine fürsorgende Position gegenüber anderen Kindern einnahm, sei es in Spielen als Mutter, sei es sonst im Alltag der Gruppe
We Need Your Support
Thank you for visiting our website and your interest in our free products and services. We are nonprofit website to share and download documents. To the running of this website, we need your help to support us.

Thanks to everyone for your continued support.

No, Thanks