Die Fluchtburg Ein kleines Haus im Sturm der Zeit. Erinnerungen an Gerhart Pohl ( )

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BzG 4/ BERICHT Die Fluchtburg Ein kleines Haus im Sturm der Zeit. Erinnerungen an Gerhart Pohl ( ) Michael Schuster Es war in der Tat ein europäisches Treffen, das am 15. Mai 2015 in unmittelbarer
BzG 4/ BERICHT Die Fluchtburg Ein kleines Haus im Sturm der Zeit. Erinnerungen an Gerhart Pohl ( ) Michael Schuster Es war in der Tat ein europäisches Treffen, das am 15. Mai 2015 in unmittelbarer Reichweite der altehrwürdigen Kirche Wang in Krummhübel/Karpacz (Polen) stattfand. Pfarrer Edwin Pech, seit mehr als zwei Jahrzehnten für die evangelisch-augsburgische Gemeinde am Fuße der Schneekoppe zuständig, konnte an diesem sonnendurchfluteten Freitagnachmittag Gäste aus Polen, Deutschland, den Niederlanden und Frankreich im Gemeindesaal seines Pfarrhauses begrüßen. Anlass für das Treffen war die Durchführung der Gründungsveranstaltung des Vereins Fluchtburg e.v., einer Organisation, die sich zukünftig besonders für die Begegnung europäischer Kultur, vorrangig in den Bereichen Literatur, Musik und Bildende Kunst engagieren will. Als Begegnungsstätte soll dazu das ehemalige Wohnhaus von Gerhart Pohl dienen, das sich in noch fast unverändertem Zustand in Wolfshau/Wilcza, einem Stadtteil der Gemeinde Krummhübel/Karpacz, befindet. Gerhart Pohl, der am 9. Juli 1902 in Trachenberg/ Żmigród geboren wurde, entstammte einem alten Bauerngeschlecht. Sein Vater Oskar besaß ein Sägewerk, das er Stück für Stück um einen Holzgroßhandel vergrößerte. Über die Mutter, Cläre, ist nicht viel mehr bekannt, als dass ihr Familienzweig den großen Dichter Martin Opitz hervorgebracht hat. 44 BzG 4/2016 Schuster: Erinnerungen an Gerhart Pohl ( ) Nach dem Studium der Germanistik, dass er allerdings nicht abschloss, wurde der zwanzigjährige Pohl Herausgeber der Zeitschrift Die Neue Bücherschau in Berlin ( Die beste literarische Zeitschrift Westeuropas ), die gegen alle rückschrittlichen Kräfte, gegen Spießertum und Ungeist kämpfte und sich für eine neue, fortschrittliche Dichtung einsetzte und sich politisch links orientierte. Im Redaktionskollegium der Zeitschrift arbeiteten neben vielen anderen Schriftstellern auch Johannes R. Becher und Egon Erwin Kisch. Besonders mit Becher verband Pohl über die Arbeit hinaus eine enge Freundschaft, die zerbrach, als es zu einer heftigen Diskussion über einen Aufsatz von Max Herrmann Neiße über Gottfried Benn kam, die in einem Dissens über die künftige politische Ausrichtung der Zeitschrift endete. Letztendlich verließen Becher und Kisch den Redaktionsbeirat und Gerhart Pohl stellte das Erscheinen der Zeitschrift 1929 ein. Fortan freischaffend tätig, arbeitete er zunächst fast ausschließlich für den noch in den Kinderschuhen befindlichen Rundfunk. An insgesamt 79 Sendungen war er als Redakteur und Sprecher, aber auch als dichter mit eigenen Sendungen beteiligt. Außerdem nutze er die Zeit zu ausgedehnten Reisen durch Frankreich, Spanien, Italien, die Balkanländer, Ägypten und Palästina. Zur gleichen Zeit begann er sich auch intensiver dem Schreiben zuzuwenden. Alfred Kerr begrüßte seinen 1929 veröffentlichten Novellenband Partie verspielt : Durchleuchtend und haftend sind seine Kraft und seine Aufrichtigkeit erwarb er ein kleines Holzhaus am Fuße der Schneekoppe im schlesischen Riesengebirge von einem jüdischen Arzt aus Berlin, der es 1912 nach Plänen eines schwedischen Architekten erbauen ließ. Über der Pforte standen die Worte des Horaz: Ille terrarum mihi praeter omnes angulus ridet. [Jener Winkel der Erde lacht mir vor allem.] Hier entstanden als erstes der Roman Die Brüder Wagemann, danach Sturz der Göttin, Das seltsame Schicksal des Fräulein Aubry, die Gerhart Pohl den Ausschluss aus der Reichsschriftumskammer einbrachten. Schuster: Erinnerungen an Gerhart Pohl ( ) BzG 4/ Gerhard Pohl in Wolfshau, heute Wilcza, einem Stadtteil von Karpacz 46 BzG 4/2016 Schuster: Erinnerungen an Gerhart Pohl ( ) In einem Brief der Reichsschrifttumskammer an das Goebbelsche Propagandaministerium vom heißt es: Man wird hier den Eindruck einer Konjunkturhascherei, mit der Pohl nur eine rein äußerliche Handlung vollzogen haben mag, nicht los. Man kann den beiden letzten Werken Pohls nicht ohne weiteres eine überragende kulturelle Bedeutung zumessen; jedoch sind sie derart flach, daß ihre Vernichtung ohne Widerspruch gerechtfertigt erscheint. Ich habe daher die Absicht, Gerhart Pohl formal aus der Kammer auszuschließen... von Fall zu Fall eine Sondergenehmigung für einzelne Veröffentlichungen zu geben, die ich sogar auf die beiden letzten Werke auszudehnen bereit bin. Mit dieser Lösung ist Pohl die Möglichkeit einer sogenannten Bewährungsfrist gegeben. Gerhart Hauptmann, den Pohl durch Vermittlung seines Freundes Werner Milch kennenlernte, sorgte 1939 dafür, dass der Schriftsteller wieder eine Arbeitserlaubnis erhielt. In einem Essay Pohls wird daran erinnert: Da ich die Diktatur ablehnte, behauptete man lügnerisch, ich sei Kommunist. Das war die Formel für den Gegner, der nicht Jude war. Als Hauptmann davon erfuhr, fragte er als erstes: Sind Sie in Not gebracht? Ich antwortete, daß ich zwar kein Geld besäße, durch Freunde und einen mutigen Verleger aber fürs erste bescheiden gesichert sei. Hauptmann nahm es befriedigt zur Kenntnis. Das war alles, wie ich annehmen musste. Es kränkte mich. Und ich besuchte ihn ein paar Monate nicht. Später erfuhr ich, was sich inzwischen abgespielt hatte. Gerhart Hauptmann hatte mein Schicksal nicht vergessen. Bei einem Besuch des schlesischen Schriftstellers Hans-Christoph Kaergel hatte er diesen, der Nationalsozialist war und ausgezeichnete Beziehungen besaß, für eine Hilfsaktion gewonnen. Kaergel hat es mir später genau erzählt: wie der Alte ihn beschworen, wie er selbst meine Bücher gelesen und danach einen Brief an Goebbels geschrieben habe, von diesem hart gerügt worden sei und dennoch abermals an ihn geschrieben habe, wobei er Hauptmanns Urteil über meine Arbeiten ins Feld geführt habe. Nach langem Hin und Her gelang es 1939, meine Bücher freizubekommen. Schuster: Erinnerungen an Gerhart Pohl ( ) BzG 4/ Die Fluchtburg Schon seit 1933 war das Haus von Pohl eine liebevoll Fluchtburg genannte Herberge für Andersdenkende. Der Maler und Schriftsteller Johannes Wüsten, der Journalist Theodor Haubach, der ehemalige SPD-Reichstagsabgeordnete Carlo Mierendorff, der Künstler Albert Daudistel und der Volkskundler Will-Erich Peukert wurden hier freundschaftlich aufgenommen, ebenso wie der Schriftsteller Jochen Klepper, dessen Tagebuch wir heute viele Momentaufnahmen der damaligen Zeit verdanken. Klepper, 1903 in Beuthen an der Oder geboren, war nicht nur der Autor des Erfolgsromans Der Kahn der fröhlichen Leute und des zweiteiligen Bestsellers Der Vater, sondern auch der Schöpfer einer bedeutenden Sammlung von geistlichen Liedern, die 1938 unter dem Titel Kyrie erschien und bald darauf Eingang in alle evangelischen Kirchengesangbücher fand. In Wolfshau fand Jochen Klepper jene schöpferische Ruhe, die der mit einer Jüdin verheiratete, studierte Theologe in Berlin schon lange vermisste. Trotz der im Dezember 1938 vollzogenen Taufe seiner Frau, blieben er und seine 48 BzG 4/2016 Schuster: Erinnerungen an Gerhart Pohl ( ) Familie Verfolgte. Der lange betriebene Versuch einer Ausreise nach Schweden scheiterte nach einem Gespräch mit Adolf Eichmann am 10. Dezember 1942 endgültig. Verzweifelt schrieb Klepper in sein Tagebuch: Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben. Vielen anderen Gästen der Fluchtburg konnte Hausherr Gerhart Pohl in den Jahren vor Kriegsbeginn allerdings Hilfe zur Emigration leisten. So zum Beispiel dem Kommunisten Johannes Wüsten, der das Hirschberger Tal liebte und ihm mit seinem Roman Rübezahl Der Strom fließt nicht bergauf ein literarisches Denkmal setzte. Nicht nur Rettung vor der Gewalt, auch das Glück der Geborgenheit schenkte das kleine Haus im Sturm der Zeit. Hier hat Johannes Wüsten, der Maler und Dichter hohen Rangs, vom Steckbrief schon verfolgt, die letzten stillen Wochen in seiner Heimat zugebracht, indem er mit dem Spazierstock Zinnien heimlich in den Garten pflanzte, die der Hausherr liebt. Hier ist sein Roman Rübezahl begonnen worden, erinnerte sich Gerhart Pohl viele Jahre später. Er brachte Johannes Wüsten über die Schneekoppe auf den Weg nach Prag, von wo aus der Emigrant später nach Frankreich ging. Dort musste er sich 1940 in einem Wehrmachtskrankenhaus einer Behandlung wegen Tuberkulose unterziehen. Nach seiner Gesundung lieferte man den schmächtigen Mann an die Gestapo aus, die ihn in Berlin vor dem Volksgerichtshof wegen Vorbereitung zum Hochverrat anklagen ließ. Die durch den Richter verhängte Strafe von 15 Jahren Zuchthaus sollte er in der Haftanstalt Brandenburg-Görden verbüßen, in der er später erneut an offener Tuberkulose erkrankte. Am 26. April 1943 verstarb der Grafiker und Dichter in Brandburg. Schuster: Erinnerungen an Gerhart Pohl ( ) BzG 4/ Auch Albert Daudistel, der Autor zahlreicher Bücher und Teilnehmer an den Kieler Matrosenaufständen, fand über Gerhart Pohl einen, wenn auch beschwerlichen, Weg ins Exil. Unvergeßlich bleibt der zweite Tag nach der Weihnacht 1934, da ich Albert Daudistel, den urwüchsigen Fabu1ierer und Bohemien, über die Grenze brachte. Den Bütteln in Berlin war er mit Not entgangen, hatte ein paar Tage in einem Stall zugebracht und war danach einem ungewissen Rufe folgend nach Schlesien auf-gebrochen. Zitternd vor Erschöpfung stand er eines Mittags unter dem Horaz-Spruch. Er wollte es nicht glauben, daß auch ihm der Winkel lacht... Immer wieder drängte er zum Aufbruch. Da er körperlich geschwächt und höchst unzweckmäßig gekleidet war, musste seine Flucht ein besonderes Wagnis werden. Das Wagnis wurde zum Erfolg. Albert Daudistel, vormals auch Mitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller konnte von Prag aus mit Hilfe der KPD über Dänemark nach Island fliehen, wo er bis zu seinem Tod 1955 auch blieb. Über Theodor Haubach, den begabten Journalisten, der sich erst als Redakteur beim Hamburger Echo, dann als Pressereferent im Innenministerium und später als Pressesprecher des Berliner Polizeipräsidenten bis 1932 seinen Lebensunterhalt verdiente, schrieb Gerhart Pohl: Als er seine erste Haftzeit in dem Dämonenreiche hinter sich hatte, erschien er bei uns in Schlesien. Er vermochte es zunächst kaum zu fassen, daß der magische Schatten über dem kleinen Haus auch ihn vor dem Späherblicke der Gestapo schützte, Seitdem verlebte er beinahe jeden Ferientag als»zeit der Barmekiden«, wie er es nannte, in dem stillen Winkel des Riesengebirges. Von dort spann er die in ihrer Beharrlichkeit geniehaften Kabalen an, die endlich seinen innigsten Freund CARLO MIERENDORFF aus dem KZ befreiten. Von dort wurde in aller Stille die Verbindung zu dem Kreisauer Kreis des schlesischen Grafen MOLTKE angesponnen. Die beiden Hessen CARLO und THEO wurden so allmählich»halbe Schlesier«. 50 BzG 4/2016 Schuster: Erinnerungen an Gerhart Pohl ( ) Am 23. Januar 1945 wurde Haubach, der seit 1943 die Position seines Freundes Carlo Mierendorff im Kreisauer Kreis übernommen hatte, an der Seite von Helmuth James Graf von Moltke in Plötzensee erhängt. Der ehemalige Reichstagsabgeordnete Carlo Mierendorff wurde bereits am 13. Juni 1933 in Frankfurt am Main verhaftet. Die folgenden fünf Jahre war Mierendorff in den Konzentrationslagern Osthofen, Börgermoor, Papenburg, Lichtenburg und Buchenwald inhaftiert. Im Januar 1938 wurde er aus dem Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin entlassen. Seine Ex-Freundin, die Schauspielerin Franziska Kinz hatte sich gemeinsam mit Gerhart Pohl und verschiedenen anderen vehement dafür eingesetzt. Durch die Vermittlung von Freunden (etwa Adolf Reichwein) wurde Mierendorff seit 1941 für die Mitarbeit im engeren Kreisauer Kreis um Helmuth James von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg gewonnen. Er knüpft Kontakte zu Wilhelm Canaris und Hans Oster und diente als Bindeglied zwischen den Sozialisten wie Julius Leber und dem militärischen Widerstand. Im Schattenkabinett Ludwig Becks und Carl Goerdelers wurde Mierendorff als leitendes Mitglied der Propagandaabteilung eingeplant. Bevor er jedoch noch aktiver in die Arbeit des Kreisauer Kreises einbezogen hätte werden können, starb der aktive Sozialdemokrat am 4. Dezember 1943 bei einem Bombenangriff auf Leipzig. Eine lebenslange Freundschaft verband Gerhart Pohl mit seinem Nachbarn, dem Juden Werner Milch, mit dem zusammen er in Breslau schon die Schule besucht hatte. Im Zuge der faschistischen Rassengesetze wurde der Germanist nach 1933 aus seinen Ämtern an der Universität entlassen und musste sich mit Behelfsjobs durchschlagen. Während des Pogroms am 9. November 1938 wurde Milch in ein Konzentrationslager verschleppt. Er kam am 14. Dezember wieder frei, suchte sofort die Fluchtburg auf und emigrierte auf Drängen der Familie Pohl mit seiner Frau im Juni 1939 in die Schweiz, von dort weiter nach Großbritannien. Während des Krieges arbeitete er als Dozent am University College Exeter und am King s College London. Nach 1945 kehrte Milch nach Deutschland zurück, fungierte als Verbindungsmann der Gruppe Schuster: Erinnerungen an Gerhart Pohl ( ) BzG 4/ German Educational Reconstruction und trat 1949 eine Professorenstelle an der Universität in Marburg an. Im gleichen Jahr gründete er mit 48 anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. An bedeutender Stelle war dabei auch Rudolf Pechel beteiligt, ehemaliger Herausgeber der Deutschen Rundschau, der sich im Widerstandskreis des Carl Friedrich Goerdeler engagierte und der sich vor seiner Verhaftung 1944 noch einige Zeit in der Fluchtburg erholte und sammelte. Auch er gehörte, wie Werner Milch, zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Besondere Verdienste erwarb er sich mit seinem bereits 1947 in Zürich verlegten Buch Deutscher Widerstand, in dem erstmals eine übersichtliche Darstellung der verschiedensten Formen des Widerstands gegen Hitlers Naziregime zwischen 1933 und 1945 erfolgte. Einer derer, die ihren Widerstand als Einzelperson leisteten, war Adalbert Schultz (auch Adalbert Schultz-Norden), jahrelang Verleger der von Gerhart Pohl herausgegebenen Zeitschrift Die neue deutsche Bücherschau in deren Redaktionskollegium auch Johannes R. Becher mitarbeitete. Norden war nach der Schließung seines Verlages häufig Gast in dem kleinen Haus am Fuße der Schneekoppe. Hierher kam er auch, als er, ein leidenschaftlicher Flieger und Chronist europäischer Fluggeschichte, untergetaucht im Reichsluftfahrministerium, zur Anwesenheit als Zuschauer bei den Freisler-Prozessen gegen die Mitglieder des Kreisauer Kreises befohlen wurde. Schockiert berichtete er Gerhart Pohl davon. Die inzwischen verstorbene Schwester Nordens berichtete nach dem Krieg davon, dass ihr Bruder seine Stelle in Görings Ministerium auch dazu nutzte, Personaldokumente zu fälschen und damit Verfolgten des braunen Terrors zur Flucht zu verhelfen. Im Sommer 1946 knüpfte Norden dann Kontakt zu Johannes R. Becher, der in Berlin von der sowjetischen Militäradministration damit beauftragt war, das kulturelle Leben zwischen Elbe und Oder wieder anzukurbeln. Er schaffte es, den Kontakt zwischen Gerhart Pohl und Becher erneut herzustellen, lotste den Präsidenten des Kulturbundes zur demokratischen 52 BzG 4/2016 Schuster: Erinnerungen an Gerhart Pohl ( ) Erneuerung Deutschlands ins Riesengebirge und sorgte gemeinsam mit Pohl dafür, dass die Vorbereitungen für eine Umsiedlung des greisen Nobelpreisträgers Gerhart Hauptmann von Agnetendorf nach Berlin getroffen wurden. Im Sommer 1946 musste der damals 44-jährige Pohl dann die Heimat verlassen. Gemeinsam mit den sterblichen Überresten von Gerhart Hauptmann, seiner Witwe, sechsunddreißig als Hausbedienstete des Agnetendorfer Wiesensteins deklarierten Deutschen und deren Familien sowie Teilen der eigenen Familie wurde der Schriftsteller auf Vermittlung der russischen Militärverwaltung mit einem Sonderzug nach Forst in der Lausitz gebracht. Von dort ging es über Berlin nach Stralsund und Hiddensee, wo Gerhart Hauptmann am 28. Juli 1946 seine letzte Ruhestätte fand. Gerhart Pohls alter Freund Johannes R. Becher hatte für die Zeit danach vorgesorgt. Bei der gerade im Entstehen befindlich Zeitschrift Aufbau begann Pohl eine Tätigkeit als Redakteur, geriet aber bald mit dem Chefredakteur Bodo Uhse in Konflikt, der ähnlich wie Becher davon überzeugt war, dass Inhalte der Zeitschrift ausschließlich der Linie der SED zu folgen hatten. Das entsprach, wie schon beim Disput 1929, nicht den Intentionen des Schlesiers, der sich innerlich mehr und mehr von der Redaktion und den Inhalten der Zeitschrift verabschiedete gehörte er gemeinsam mit Alexander Abusch, Anna Seghers, Max Pechstein, Bertold Brecht, Hans Mayer, Friedrich Wolf, Ernst Legal, Willy Bredel und einigen anderen der Delegation an, die aus der sowjetischen Besatzungszone in seine alte Heimat Breslau/Wroclaw zum Weltkongreß der Intellektuellen zur Verteidigung des Friedens reiste. Ein Jahr später verließ er die Redaktion des Aufbau und wurde Mitglied der von seinen alten Freunden Werner Milch und Rudolf Pechel neu gegründeten Akademie für Deutsche Sprache und Dichtung. Fortan arbeite er wieder freischaffend, engagierte sich im Bund der vertriebenen Deutschen, in dessen Vorstand in den Anfangsjahren von 13 Mitgliedern des Präsidiums 11 belastete Nazis waren. Trotzdem blieb der Kontakt zwischen ihm und Johannes R. Becher bis zu dessen Tod 1958 ohne Zerwürfnis erhalten, auch wenn Pohl unter dem Pseudonym Silesius Alter Schuster: Erinnerungen an Gerhart Pohl ( ) BzG 4/ Artikel und Schriften gegen die Sowjetunion und gegen die Eingliederung Schlesiens in polnisches Staatsgebiet publizierte. Hier beginnen bis heute nicht zu erklärende Brüche in der Biografie Pohls, deren Erforschung noch nicht umfassend durchgeführt und die sicherlich noch einige Jahre andauern wird veröffentlichte Gerhart Pohl im Lettner-Verlag seinen letzten großen Roman Die Fluchtburg. Darin erzählt er die Geschichte eines kleinen Hauses im Riesengebirge. Sein Besitzer, ein schlesischer Maler und Bildschnitzer, erlebt mit wachsender menschlicher und künstlerischer Reife die Abkehr von der Welt der Lüge, der auch er eine Weile verfallen war. So wird er fähig, der schwärmerischen Gewalt schließlich zu widerstehen. Sein Haus wird die Fluchtburg für alle die Verfolgten, Ausgestoßenen und Erniedrigten, denen die Verräter an Gott und seinem Menschenbild, mit steigender Macht immer furchtbarere Vernichtung bereiten. Pohls Buch ist von der Wärme unmittelbaren Lebens erfüllt, aus wirklichem Menschentum, aufrichtig gestaltet und zugleich raffiniert so erzählt, dass die atemlose Spannung des Lesers von der ersten bis zur letzten Seite anhält. Kritisch zu betrachten und für viele Leser schon damals nicht nachzuvollziehen ist die Art Pohls, die Namen der handelnden Protagonisten, allesamt Personen der Zeitgeschichte, teilweise schwer erkennbar zu verändern und sie in völlig anderen, als ihren ursprünglichen Lebensbereichen darzustellen. Sicher aber hatte der Dichter seine Gründe dafür, derer er sich aber nie offenbart hat. Am 14. August 1966 starb Gerhart Pohl. Auf dem Waldfriedhof in Zehlendorf erhielt er ein Ehrengrab der Stadt Berlin. Zurück blieb seine Ehefrau Marte, geborene Fröhlich, mit der er seit 1943 verheiratet war. Kinder waren aus der Ehe nicht hervorgegangen. Das Engagement Pohls, den Retter von Bedrängten in fürchterlicher Zeit, ist in den Wäldern des jüdischen Nationalfonds vom Staat Israel gewürdigt worden; ihm zu Ehren pflanzte man zehn Bäume: Mögen sie wachsen, grünen und blühen und der nächsten Generation vom Schriftsteller, Schlesier und Menschen Gerhart Pohl erzählen. 54 BzG 4/2016 Schuster: Erinnerungen an Gerhart Pohl ( ) Und der Verein? Mit dem heute zu gründenden Verein wollen wir an die Menschen erinnern, von denen einige sogar ihr Leben für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Menschenwürde gaben. Mögen uns die damaligen Geschehnisse Mahnung sein und die friedliche Zusammengehörigkeit zwischen
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