Die Lehren des Don Juan

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Carlos Castaneda Die Lehren des Don Juan Ein Yaqui-Weg des Wissens» eines der ehrlichsten und genauesten Bücher über eine dem Zivilisationsverstand kaum zugängliche Welt magischer Lebensweise.« Der Spiegel
Carlos Castaneda Die Lehren des Don Juan Ein Yaqui-Weg des Wissens» eines der ehrlichsten und genauesten Bücher über eine dem Zivilisationsverstand kaum zugängliche Welt magischer Lebensweise.« Der Spiegel Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt Seite 1 Mit dem Enthusiasmus und der Neugierde des Forschers unternimmt es der Autor, ein Ethnologe und Anthropologe, in die Welt der»nichtalltäglichen Wirklichkeit«der Yaqui-Indianer Mexikos einzudringen. Er schließt Freundschaft mit einem alten Medizinmann und Zauberer dieses Stammes, der ein»wissender«und bereit ist, dem Schüler beim Überschreiten der geheimnisvollen Schwelle aus einer profanen Welt in die Gefilde einer neuen Dimension der Wirklichkeit helfend und beratend zur Seite zu stehen. Mit Castaneda tun wir einen tiefen Blick in die mythologische Vorstellungskraft eines uralten Volkes, das Jahrtausende hindurch den strengen und sogar lebensgefährdenden Ritus unverändert bewahrt hat und noch heute in seiner wahrscheinlich ursprünglichen Form praktiziert. Eingehend schildert Castaneda sein Erleben beim Vorstoß in diese ihm bis dahin völlig unbekannte Sphäre, der ihm anfänglich ermöglicht wird durch gewisse, den Indianern seit je in ihrer Wirkungsweise vertrauten pflanzlichen Rauschgifte. Gleich ihm erfährt der Leser das beklemmende Gefühl des Eingesponnenseins in die dämonische Besessenheit eines archaischen Schamanen. Zu bewundern sind der Mut und die Beharrlichkeit, mit welcher der Zauberlehrling sich über einen langen Zeitraum hin den strapaziösesten Übungen unterzog, seine Kraft, die Kontrolle über seine vielfältigen und verwirrenden Empfindungen zu halten und seine Erlebnisse im Gedächtnis zu bewahren, um sie, in die gewohnte Welt zurückgekehrt, methodisch zu sichten und der Wissenschaft den Weg in ein noch weitgehend unbekanntes Gebiet zu eröffnen. Carlos Castaneda starb Seite 2 Von Carlos Castaneda sind außerdem im Fischer Taschenbuch Verlag lieferbar: Eine andere Wirklichkeit. Neue Gespräche mit Don Juan (Bd. 1616); Reise nach Ixtlan. Die Lehre des Don Juan (Bd. 1809);»Der zweite Ring der Kraft (Bd. 3035); Der Ring der Kraft. Don Juan in den Städten (Bd. 3370); Die Kunst des Pirschens (Bd. 3390); Das Feuer von innen (Bd. 5082); Die Kraft der Stille. Neue Lehren des Don Juan. (Bd ); Die Kunst des Träumens (Bd ) sowie Das Wirken der Unendlichkeit (Bd ). Im S. Fischer Verlag sind erschienen: Tensegrity. Die magischen Bewegungen der Zauberern (1998) und Das Wirken der Unendlichkeit«(1998). Seite 3 Aus dem Amerikanischen von Celine und Heiner Bastian Vorwort übersetzt aus dem Amerikanischen von Thomas Lindquist 32. Auflage: November 2000 Ungekürzte und überarbeitete Ausgabe Veröffentlicht im Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, Oktober 1973 Titel der amerikanischen Originalausgabe: The Teachings of Don Juan. A Yaqui Way of Knowledge. Copyright by Carlos Castaneda 1997 Titel der deutschen Erstausgabe: Die andere Realität. Die Lehre des Don Juan. Für die deutsche Übersetzung: März Verlag, Frankfurt am Main 1972 Für das neue Vorwort: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1998 Alle Rechte vorbehalten: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main Druck und Bindung: Clausen & Bosse, Leck Printed in Germany ISBN Seite 4 Inhalt Inhalt...5 Vorwort...7 Ein neues Vorwort...10 Danksagungen...26 Einführung...28 Erster Teil: Die Lehren...46 Zweiter Teil: Eine strukturelle Analyse Die operative Ordnung Die erste Einheit Die zweite Einheit Die dritte Einheit Die vierte Einheit Das Begriffssystem Appendix A Appendix B Aufbau der strukturellen Analyse Seite 5 Für Don Juanund die zwei Leute, die sein Gefühl magischer Zeit mit mir teilten Seite 6 Vorwort Dieses Buch ist Ethnographie und Allegorie zugleich. Carlos Castaneda fuhrt uns unter der Anleitung von Don Juan durch jenen Augenblick des Zwielichts, durch jenen Riß im Universum zwischen Tageslicht und Dunkel in eine Welt, die nicht nur anders als unsere ist, sondern von einer vollkommen verschiedenen Ordnung der Wirklichkeit. Er erreichte sie mit Hilfe von Mescalito, yerba del diablo und humito - Peyote, Datura und Pilzen. Aber dies ist nicht eine bloße Wiedergabe halluzinatorischer Erlebnisse, denn Don Juans kunstvolle Manipulationen haben den Reisenden geführt, während seine Interpretationen den Ereignissen Sinn gaben, die uns durch den Schüler des Zauberers zugänglich gemacht werden. Die Anthropologie hat uns gelehrt, daß die Welt an verschiedenen Orten unterschiedlich definiert wird. Es ist nicht nur, daß die Menschen unterschiedliche Gewohnheiten haben, daß sie an verschiedene Götter glauben und an das Leben nach dem Tode unterschiedliche Erwartungen stellen. Vielmehr haben die Welten verschiedener Völker ein unterschiedliches Aussehen. Die metaphysischen Voraussetzungen selbst unterscheiden sich: der Raum fügt sich nicht in die euklidische Geometrie, die Zeit bildet nicht einen ununterbrochenen Fluß in nur einer Richtung, die Ursachen des Geschehens erklären sich nicht aus der Logik des Aristoteles, der Mensch wird nicht vom Nicht-Menschen, das Leben nicht vom Tod unterschieden wie in unserer Welt. Einiges vom Wesen dieser anderen Welten zeigt sich uns in der Logik der dort gesprochenen Sprachen und in den von den Anthropologen aufgezeichneten Mythen und Zeremonien. Seite 7 Don Juan hat uns Einblicke in die Welt eines Yaqui-Zauberers gewährt. Durch ihn»sehen«wir sie unter dem Einfluß halluzinogener Substanzen und erfassen sie in einer Wirklichkeit, die sich von jenen anderen Quellen völlig unterscheidet. Dies ist das besondere Verdienst dieser Arbeit. Castaneda behauptet zu Recht, daß diese Welt trotz aller Unterschiede der Wahrnehmung ihre eigene innere Logik besitzt. Er versucht, sie von innen her zu erklären - sozusagen aus seinen eigenen reichen und stark persönlichen Erfahrungen unter der Anleitung von Don Juan -, statt sie in Begriffen unserer Logik zu untersuchen. Daß ihm dies nicht ganz gelingen kann, liegt an einer Begrenzung, die unsere eigene Kultur und Sprache der Wahrnehmung auferlegen, und nicht an seinen persönlichen Grenzen; und doch verbindet er für uns in seinen Bemühungen die Welt eines Yaqui- Zauberers mit unserer eigenen, die Welt nichtalltäglicher mit der Welt alltäglicher Wirklichkeit. Die zentrale Bedeutung des Eintretens in Welten, die sich von unserer eigenen unterscheiden - und somit auch und besonders der Anthropologie - liegt in der Tatsache, daß das Erlebnis uns vor Augen führt, daß unsere eigene Welt auch ein kulturelles Gebilde ist. Durch die Erfahrung anderer Welten sehen wir unsere eigene so, wie sie ist, und dadurch ist es uns auch möglich, flüchtig zu sehen, wie die wirkliche Welt - die Welt zwischen unserem eigenen kulturellen Gebilde und jenen anderen Welten - tatsächlich sein muß. Darum Allegorie und Ethnographie. Die Weisheit und Poesie Don Juans und das Talent und die Poesie seines Schülers geben uns eine Sicht von uns selbst und von der Wirklichkeit. Wie in jeder Seite 8 richtigen Allegorie liegt das, was einer sieht, beim Betrachter und bedarf hier keiner Erklärung. Carlos Castaneda begann seine Gespräche mit Don Juan, als er an der University of California in Los Angeles Anthropologie studierte. Wir sind ihm zu Dank verpflichtet für seine Geduld, seinen Mut und seine Weitsicht bei seiner Suche und Annahme der Herausforderung seiner doppelten Lehre und für die Wiedergabe der Einzelheiten seiner Erlebnisse. In dieser Arbeit zeigt er die wichtigste Fertigkeit der Ethnographie - die Fähigkeit, in eine fremde Welt einzudringen. Ich glaube, er hat einen Weg mit Herz gefunden. Walter Goldschmidt Seite 9 Ein neues Vorwort Anmerkungen des Autors zur Erstveröffentlichung von Die Lehren des Don Juan: Ein Yaqui Weg des Wissens vor dreißig Jahren Die Lehren des Don Juan: Ein Yaqui Weg des Wissens wurde 1968 zum erstenmal veröffentlicht. Anläßlich des dreißigjährigen Erscheinungsdatums möchte ich ein paar klärende Anmerkungen zu dem Werk selbst machen und einige allgemeine Schlußfolgerungen zum Thema des Buches vortragen, zu denen ich nach Jahren ernsthafter und konsequenter Bemühung gelangt bin. Das Buch war aus einer ethnologischen Feldstudie hervorgegangen, die ich im US-Staat Arizona und im mexikanischen Bundesstaat Sonora durchführte. Während meiner Vorbereitung auf die Promotion am Anthropology Department der University of California, Los Angeles, lernte ich zufällig einen alten Schamanen kennen, einen Yaqui-Indianer aus Sonora in Mexiko. Sein Name war Juan Matus. Ich beriet mit einer Reihe von Professoren am Anthropology Department die Möglichkeit, gleich mit der anthropologischen Feldforschung zu beginnen und mich des alten Schamanen als wichtigstem Informanten zu bedienen. Jeder dieser Professoren versuchte, mich von meinem Vorhaben mit der Begründung abzubringen, ich müsse, bevor ich an Feldforschung denken dürfe, vorrangig den Pflichtstoff der allgemeinen Studienfächer bewältigen und die formalen Voraussetzungen einer Seite 10 Promotion erfüllen, zum Beispiel schriftliche und mündliche Prüfungen ablegen. Die Professoren hatten völlig recht. Es bedurfte keiner Überredung von ihrer Seite, um mir ihre Ratschläge einsichtig zu machen. Allerdings gab es einen Professor, Dr. Clement Meighan, der mein Interesse an der Feldarbeit vorbehaltlos anspornte. Und ihm gebührt meine ganze Anerkennung dafür, daß er mich zur Durchführung meiner anthropologischen Forschungen inspirierte. Er war es auch, der mich drängte, die sich mir bietende Chance unbedingt wahrzunehmen. Die Empfehlung beruhte auf seinen persönlichen Felderfahrungen als Archäologe. In seiner Arbeit, sagte er mir, habe er festgestellt, daß der Zeitfaktor wichtig sei; daß es nicht mehr sehr lange dauern würde, bis unermeßliche und komplexe Wissensgebiete, die zu den Errungenschaften vom Untergang bedrohter Kulturen gehörten, unter dem Ansturm moderner Technologien und philosophischer Strömungen für immer verloren gingen. Als Beispiel verwies er mich auf die Arbeiten anerkannter Anthropologen um die Jahrhundertwende und zu Anfang des 20. Jahrhunderts, die in aller Eile, wiewohl mit größter methodischer Sorgfalt, Informationen über die Kultur der amerikanischen Indianer in den Prärien und in Kalifornien gesammelt hatten. Ihre Hast war berechtigt, denn im Verlauf einer Generation waren alle Informationsquellen über die meisten dieser indigenen Kulturen, besonders über die Indianerkulturen Kaliforniens, verschüttet. Und während dies alles passierte, hatte ich das Glück, an Seminaren mit Professor Harold Garfinkel vom Sociology Department der UCLA teilzunehmen. Er war es, der mir ein höchst Seite 11 bedeutsames ethnomethodologisches Paradigma vermittelte, wonach das praktische Tun und Treiben des Alltagslebens berechtigter Gegenstand des philosophischen Diskurses sei; jedes zu untersuchende Phänomen müsse im Licht seiner eigenen Gegebenheiten und gemäß seiner eigenen Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhänge untersucht werden. Falls es Gesetze oder Regeln abzuleiten gäbe, müßten diese Gesetze und Regeln dem Phänomen selbst entsprechen. Das praktische Tun der Schamanen, als kohärentes System mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und Strukturen betrachtet, wäre also ein würdiger Gegenstand ernsthafter Forschung. Solch eine Forschung dürfe aber nicht a priori erstellten Theorien oder Vergleichen mit empirischem Material unterworfen werden, das unter der Regie eines anderen philosophischen Prinzips gewonnen wurde. Unter dem Einfluß dieser zwei Professoren vertiefte ich mich also in meine Feldforschung. Meine zwei Leitmotive, die ich aus der Begegnung mit diesen Männern gewonnen hatte, waren: daß die kulturellen Denkprozesse der amerikanischen Ureinwohner nur noch sehr kurze Zeit bestehen bleiben würden, bis alles im Mischmasch der modernen Technologie unterging; und daß das zu beobachtende Phänomen, was es auch sein mochte, ein berechtigter Forschungsgegenstand war und meine ganze Sorgfalt und Ernsthaftigkeit verdiente. Ich tauchte so tief in die Feldforschung ein, daß ich mir sicher bin, gerade die Leute, die mich förderten, am Ende enttäuscht zu haben. Ich hatte mich auf ein Gebiet begeben, das Niemandsland war. Es war kein Gegenstand der Anthropologie oder Soziologie, noch der Philosophie oder Seite 12 Religionswissenschaft. Ich war den eigenen Gesetzmäßigkeiten und Strukturen des Phänomens gefolgt, aber es blieb mir versagt, sicheren Boden zu gewinnen. Und so setzte ich meine ganze Anstrengung aufs Spiel, da ich mich von den adäquaten akademischen Normen abwandte, an denen ihr Wert oder Unwert zu messen gewesen wäre. Als irreduzible Beschreibung dessen, was ich im anthropologischen Feld gemacht habe, könnte man sagen, daß der yaqui-indianische Zauberer Don Juan Malus mich in die Erkenntnisweise - die Kognition - der Schamanen im alten Mexiko einführte. Unter Kognition sind dabei solche Prozesse zu verstehen, die das Bewußtsein im alltäglichen Leben ausmachen, Prozesse wie Erinnerung, Erfahrung, Wahrnehmung und der kundige Gebrauch einer bestimmten Syntax. Dieser Kognitionsbegriff war damals mein beschwerlichster Stolperstein. Für mich als einen Menschen westlicher Bildung war es unvorstellbar, daß Kognition, wie im philosophischen Diskurs unserer Zeit definiert, etwas anderes sei als ein einheitlicher, die gesamte Menschheit umfassender Sachverhalt. Wohl ist der Mensch des Westens bereit, kulturelle Unterschiede anzuerkennen, die für ungewohnte Arten der Beschreibung von Phänomenen verantwortlich sind, aber kulturelle Unterschiede konnten doch unmöglich erklären, weshalb Prozesse wie Erinnerung, Erfahrung, Wahrnehmung und kundiger Sprachgebrauch etwas anderes sein sollten als eben die uns bekannten Prozesse. Mit anderen Worten, für den Menschen der westlichen Welt gibt es Kognition nur als Summe allgemeingültiger Prozesse. Für die Schamanen aus Don Juans Traditionslinie aber gibt es die Kognition des Seite 13 modernen Menschen, und es gibt die Kognition der Schamanen im alten Mexiko. Don Juan betrachtete diese beiden Arten von Kognition als zwei in sich geschlossene Welten des Alltagslebens, die ihrem Wesen nach ganz verschieden seien. Zu einem bestimmten Zeitpunkt, und ohne daß ich es merkte, veränderte sich meine Aufgabe geheimnisvollerweise vom bloßen Sammeln anthropologischer Daten zur Verinnerlichung der neuen kognitiven Prozesse in der Welt der Schamanen. Ein wirkliches Internalisieren solcher Prinzipien geht mit einer Transformation einher, mit einer anderen Reaktionsweise gegenüber der alltäglichen Welt. Die Schamanen haben herausgefunden, daß der erste Anstoß zu einer solchen Wandlung immer als intellektuelle Hinwendung zu etwas geschieht, das lediglich eine begriffliche Vorstellung zu sein scheint, aber unerwartet mächtige Unterströmungen hat. Don Juan selbst beschrieb dies am besten, wenn er sagte:»die alltägliche Welt darf nie als etwas Persönliches aufgefaßt werden, das Macht über uns ausübt, das uns schaffen oder zerstören könnte, denn das Schlachtfeld des Menschen liegt nicht in seiner Auseinandersetzung mit der ihn umgebenden Welt. Sein Schlachtfeld liegt jenseits des Horizonts, in einer für den normalen Menschen undenkbaren Region, in der Region, wo der Mensch aufhört, ein Mensch zu sein.«zur Erläuterung dessen fügte er hinzu, es sei ein energetischer Imperativ für den Menschen, zu erkennen, daß es einzig und allein auf seine Begegnung mit der Unendlichkeit ankommt. Den Begriff Unendlichkeit vermochte Don Juan nicht auf eine geläufigere Beschreibung zu Seite 14 reduzieren. Der Sachverhalt, sagte er, sei energetisch irreduzibel. Etwas, das man nicht personifizieren oder auch nur umschreiben könne, außer in so vagen Begriffen wie Unendlichkeit, lo infinito. Damals wußte ich nicht, daß Don Juan mir nicht nur eine reizvolle intellektuelle Beschreibung vortrug; vielmehr bezeichnete er das, was er beschrieb, als eine energetische Tatsache. Energetische Fakten waren für ihn Schlußfolgerungen, zu denen er und die anderen Schamanen seiner Linie gelangten, wenn sie sich einer Funktion bedienten, die sie als Sehen bezeichneten: das direkte Wahrnehmen von Energie, wie sie im Universum fließt. Die Fähigkeit, Energie auf diese Weise wahrzunehmen, ist einer der Kulminationspunkte des Schamanismus. Die Aufgabe, mich in die Kognition der Schamanen im alten Mexiko einzuführen, geschah, wie Don Juan mir versicherte, auf die traditionelle Art und Weise; das heißt, daß alles, was er mit mir machte, mit allen Schamanen-Schülern im Lauf der Jahrhunderte geschehen war. Die Internalisierung der Prozesse eines anderen kognitiven Systems begann stets damit, daß die ganze Aufmerksamkeit des Adepten auf die Erkenntnis gelenkt wurde, daß wir Lebewesen unterwegs zum Tode sind. Don Juan und die anderen Schamanen seiner Linie waren überzeugt, daß ein gründliches Erkennen dieses energetischen Faktums, dieser irreduziblen Wahrheit, schließlich zur Anerkennung der neuen Art von Kognition führen müsse. Was Schamanen wie Don Juan Matus letzten Endes für ihre Schüler anstrebten, war eine Einsicht, die in all ihrer Einfachheit so schwer zu Seite 15 erringen ist: daß wir tatsächlich Lebewesen sind, denen der Tod bevorsteht. Deshalb ist der wahre Kampf des Menschen nicht die Auseinandersetzung mit seinen Mitmenschen, sondern mit dem Unendlichen, und dabei geht es eigentlich nicht einmal um Kampf, sondern im Grunde um ein Sich- Abfinden. Freiwillig müssen wir uns dem Unendlichen fügen. Wie die Zauberer es beschreiben, ist unser Leben aus dem Unendlichen hervorgegangen, und es endet dort, wo es angefangen hat: im Unendlichen. Bei den meisten Denkprozessen, die ich in meinen Büchern beschrieben habe, ging es um die selbstverständlichen Kompromisse meiner Person als eines sozialisierten Menschen unter dem Ansturm neuer Prinzipien. Was in meiner Feldsituation stattfand, war dringlicher als eine bloße Einladung dazu, die Prozesse jener neuen schamanistischen Kognition zu internalisieren; es war eine Forderung. Nach jahrelangem Bemühen, die Grenzen meiner Person intakt zu halten, brachen diese Grenzen ein. Mein Bemühen, sie zu bewahren, war sinnlos im Lichte dessen, was Don Juan und die Schamanen seiner Linie erreichen wollten. Im Licht meines eigenen Wollens allerdings war es ein sehr wichtiges Bemühen: es war das Bedürfnis eines jeden zivilisierten Menschen, die Grenzen der ihm bekannten Welt aufrechtzuerhalten. Den Grundstein der Erkenntnislehre der Schamanen im alten Mexiko, sagte Don Juan, bildet die energetische Tatsache, daß der Kosmos in allen seinen Aspekten ein Ausdruck von Energie ist. Auf der Höhe ihres direkten Sehens von Energie gelangten diese Schamanen zu der energetischen Tatsache, daß der ganze Kosmos aus Zwillingskräften besteht, die einander Seite 16 entgegengesetzt und zugleich komplementär zueinander sind. Diese beiden Kräfte bezeichneten sie als belebte und unbelebte Energie. Sie sahen, daß unbelebte Energie kein Bewußtsein hat. Bewußtsein ist für die Schamanen ein Vibrationszustand der belebten Energie. Die Schamanen im alten Mexiko, sagte Don Juan, waren die ersten, die sahen, daß alle Organismen auf Erden Träger dieser vibrierenden Energie sind. Sie nannten sie organische Wesen und sahen, daß es der Organismus selbst ist, der Kohäsion und Grenzen solcher Energie bestimmt. Sie sahen auch, daß es Konglomerate von vibrierender belebter Energie gibt, die eine eigene Art von Kohäsion haben, unabhängig von der Bindung an einen Organismus. Diese nannten sie anorganische Wesen und beschrieben sie als Ansammlungen kohäsiver Energie, die für das menschliche Auge unsichtbar ist - einer Energie, die ihrer selbst bewußt ist und ihren Zusammenhalt als Einheit von einer bindenden Kraft erhält, allerdings einer bindenden Kraft von anderer Art, als die Organismen sie besitzen. Die Schamanen von Don Juans Linie sahen, daß es zum Wesen belebter - ob organischer oder anorganischer - Energie gehört, die Energie des gesamten Universums in sensorische Daten zu übersetzen. Im Fall der organischen Wesen werden dies
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