Ein Adventskalender als Kulturund Bildungsangebot

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Ein Adventskalender als Kulturund Bildungsangebot Waldorfschüler agieren künstlerisch in der Kunsthalle Vogelmann Aber von mir weiß ich, dass ich kein Programm habe, nur die unerklärliche Sehnsucht, das
Ein Adventskalender als Kulturund Bildungsangebot Waldorfschüler agieren künstlerisch in der Kunsthalle Vogelmann Aber von mir weiß ich, dass ich kein Programm habe, nur die unerklärliche Sehnsucht, das zu fassen, was ich sehe und fühle, und dafür den reinsten Ausdruck zu finden. Karl Schmidt-Rottluff Ein mutiges Projekt Ausgerechnet in einer politisch und gesellschaftlich so schwierigen Situation, in diesem Gemisch aus Angst, Ressentiments und allgemeiner Verunsicherung, hervorgerufen durch Terroranschläge, Bürgerkriege und Vertreibungen, präsentiert die Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn eine Ausstellung mit dem besinnlich klingenden Thema Schmidt-Rottluff. Reiner Ausdruck. Das mag zunächst irritieren. Wer sie allerdings besucht hat, konnte erleben, wie er im Verlaufe der Bildbetrachtungen zu Wachheit und Aufmerksamkeit aufgerufen wurde, zugleich aber auch zu Konzentration und innerer Ruhe gelangte. Wie er in den Landschaftsbildern, Stilleben und figurativen Darstellungen einer Welt der Achtsamkeit, Ehrfurcht und Liebe gewahr wurde, gleichsam als Gegenkraft gegen alle Destruktion und Feindschaft. Ich denke zum Beispiel an die Darstellung des schnitzenden Bauern und dessen kontemplative Hingabe im Vollzuge seiner Arbeit, oder an die quasi vom Licht hervorgebrachten Landschaftsaquarelle. Es ist, als ob die Schöpfung sich von innen offenbare und den Betrachter daran teilnehmen lasse. Zudem hatte die Museumsleitung in Anbetracht der sich nähernden Weihnachtszeit wieder die schöne Idee, eine Art Adventskalender einzurichten, in dessen Türen zu den vielfältigsten Aspekten der Kunst Karl Schmidt-Rottluffs Vorträge oder sonstige Darbietungen veranstaltet wurden, jeweils durch Ausstellungsplakat Die Ausstellung wurde bis verlängert. 5 1 S. den Beitrag S.23 verschiedene Heilbronner Persönlichkeiten präsentiert. So vermittelte zum Beispiel Roland Rossnagel, Pfarrer der Gemeinde St. Peter und Paul, den Anwesenden sehr anschaulich ein tieferes Verständnis der Holzschnitte der Kristus -Mappe von 1918, während Heinz Mosmann, Geschichtslehrer an der Freien Waldorfschule, sich mit dem inneren Zusammenhang von Weltkriegserfahrung und künstlerischem Bewusstsein beschäftigte. 1 Und am 23. Dezember, sozusagen als Schlusspunkt, traten dann einige Schülerinnen und Schüler der 12. Und 13. Klasse der Heilbronner Waldorfschule szenisch in Erscheinung, indem sie mit den Mitteln der darstellenden Kunst Ausschnitte aus dem Leben und Werk des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff verlebendigten. Mit großer spontaner Spielfreude und beachtlichem schauspielerischem Talent führten sie das zahlreich anwesende Publikum in drei Lebens- und Schaffensphasen des Künstlers hinein. Aufbruch zu anderen Ufern In der ersten Station besucht der bereits zum Künstler gereifte Karl Schmidt-Rottluff begeistert dargestellt durch Jonas Eberhardt quasi seine eigene Ausstellung in der Vogelmannhalle. Er begegnet dort seinen Frühwerken Am Meer (1906), Deichdurchbruch (1910) und Badende (1913) und räsoniert dabei in gelöster Stimmung über seinen künstlerischen Werdegang. Irgendwann war mir klar, dass ich Künstler werden wollte und nichts anderes! Aber Karl Schmidt das war ja ein Allerweltsname und ich wollte natürlich ein großer Künstler werden. Deshalb habe ich noch meinen Geburtsort Rottluff an den Namen angehängt. Tja, und dann habe ich den Kirchner, Heckel und Bleyl kennen gelernt. Wir Vier waren schon so eine Truppe, haben lieber in der Natur gemalt, als an die Uni zu gehen und langweilige Vorlesungen anzuhören gründeten sie in Dresden die einflussreiche avantgardistisch-expressionistische Künstlervereinigung Brücke, ein Aufbruch zu anderen U- fern, wie Schmidt-Rottluff das übersetzte. 6 Überraschenderweise und zur Freude des Künstlers kommt jetzt auch noch Besuch hereingeschneit, Milda Frieda Georgi, die Frau Erich Heckels und langjährige beste Bekannte Schmidt- Rottluffs, verkörpert durch Moana Pfleiderer, und sie kommt nicht mit leeren Händen. Sie hat Erinnerungen mitgebracht: aus einer Schachtel kramt sie einen ganzen Packen alter Zeitungsartikel hervor, Kritiken über die Ausstellungen 1907 und 1908 im Oldenburger Kunstverein von Erich und dir. Die Kritik und was von ihr übrig bleibt! So könnte man den Gestus aus überlegener Ironie und genüsslichem Spott deuten, mit dem sie einige Ergüsse aus diversen Kritiken der Oldenburger Nachrichten vom Oktober 1908 zum Besten gibt: Zwei unserer jüngeren heimischen Künstler, die Maler Schmidt- Rottluff und E. Heckel, veranstalten vom heutigen Tage ab im Augusteum eine Sonderausstellung, die mit mathematischer Gewissheit viel Staub aufwirbeln wird Die beiden Künstler, die uns hier beschäftigen, stehen offenbar auf dem äußersten radikalen Flügel der Impressionisten [sic] Wenn man diesen Dingen ruhig und ohne Voreingenommenheit, aber auch ohne Vorliebe für das Groteske und eine Seltsamkeit um jeden Preis gegenübertritt, dann empfindet man sie als eine malerische Vergewaltigung der Natur, die sich dafür gewiss rächen wird Die Welt ist nun einmal konservativ und nirgends mehr als in künstlerischen Fragen. Den Angesprochenen können diese großspurigen und zugleich kleinkarierten Irrungen inzwischen nicht mehr anfechten: Die Kritiker haben gespürt, dass da etwas Neues entsteht, aber die haben uns gar nicht ernst genommen, die haben das Moderne nicht gesehen, oder besser gesagt noch nicht sehen können. Ja, die wussten ja noch nicht mal, dass es Expressionismus gibt. Als sie schließlich vor dem Gemälde Badende aus dem Jahre 1913 stehen, zu dem Milda selbst dem Maler als Inspirationsquelle diente, erinnern sie sich auch an ihre damalige, von der Norm abweichende reformerische Lebensweise: Alle biederen, wilhelminischen Gesellschaftsregeln haben wir über Bord geworfen Das Jahr 1913 brachte aber auch die Auflösung der Brücke und das vorläufige Ende der so engen und sich gegenseitig befruchtenden Künstlerfreundschaften. 7 Ich lasse mir das Malen nicht verbieten! In der nächsten Station befinden wir uns zunächst im Jahre In München wurde in diesem Jahr von den Nationalsozialisten gerade die Ausstellung Entartete Kunst zelebriert, in welcher auch Schmidt-Rottluff von Adolf Ziegler, dem Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste, in unflätigster Weise verhöhnt wurde: Und so habe ich auch Werke des Malers Schmidt-Rottluff in diese Schau gehängt, die er in einer Zeit geistigen Verfalls oder von Geisteskrankheit befallen geschaffen hat. Schmidt-Rottluff aber hat sich nicht gebeugt, er hat sich nicht dem Rassenwahn und dem Diktat der NS-Kunstideologie unterworfen: Ich kann nicht nur um des lieben Friedens willen so malen, wie es Hitler will!, ruft er seiner besorgten Frau Emy gespielt von Vera Winkler zu. Wir befinden uns inzwischen in einer anderen Nische im zweiten Stockwerk des Museums, hier die Wohnung der Eheleute darstellend. Schau dir mein Bild Entwurzelte Bäume an. Das habe ich 1934 gemalt. Die Bäume sind entwurzelt, sie drohen zu kippen und die Wurzeln glühen bedrohlich. Ich hab damals schon ein ungutes Gefühl gehabt, als Hitler an die Macht kam. Und so begann er, die geschnitzten afrikanischen Masken zu malen, die Kongo- und Dahomémaske sowie die Balimaske und die Schale, sie alle sind im Jahre 1938 entstanden. Seit 30 Jahren faszinieren mich diese Schnitzwerke aus dem westafrikanischen und ozeanischen Raum. Seit damals habe ich diese kraftvollen Artefakte gesammelt. Sie dienten mir als Inspiration. Ich wollte ihr Wesen und ihr Geheimnis durchdringen und begreifen. Ich fand diese ursprünglichen Kulturen auch daher interessant, weil wir uns in unserer materialistischen und industriellen Welt so weit von der Natur entfernt haben. Aber die Machthaber ruhten nicht und diktierten Schmidt-Rottluff im Jahre 1941 das Malverbot. Denn jeder selbständig Denkende und Handelnde wurde von ihnen instinktiv als Gefahr für ihre Herrschaft empfunden. Ein Braun-Uniformierter dargestellt von Adrian Becker stürzt in die Wohnung und schäumt: geht aus Ihren nunmehr zur Einsichtnahme hergereichten Original-Werken der Letztzeit hervor, dass Sie auch heute noch dem kulturellen Gedankengut des nationalsozialistischen Staates fernstehen. Auf Grund des 10 der Ersten Durchführungsver- 8 ordnung zum Reichskulturkammergesetz vom schließe ich Sie aus der Reichskammer der bildenden Künste aus und untersage Ihnen mit sofortiger Wirkung jede berufliche auch nebenberufliche Betätigung auf den Gebieten der bildenden Künste. Seine Frau Emy ist verzweifelt und wirkt mutlos, der Maler aber bleibt standhaft: Ich liebe diese Werke (springt auf und läuft zu den Bildern). Ich musste das malen. Das kommt alles aus mir heraus. Für mich ist diese afrikanische Kunst keine niedere Kunst. Ich lasse mir das Malen nicht verbieten das ist mein Leben. Karl Schmidt-Rottluff blieb nur die innere Emigration, für den aktiven Widerstand war er nicht geschaffen, wiewohl er im September 1942 als Gast von Helmuth James Graf von Moltke auf dem Gut Kreisau weilte und dort die niederschlesische Landschaft aquarellierte. 2 Von 1943 bis 1946 lebte er zurückgezogen in Chemnitz. 2 S. den Beitrag Weltkriegserfahrung und Moderne, S.23. Den reinsten Ausdruck finden Eine Journalistin des Kunstmagazins KultArt Vera Winkler in ihrer zweiten Rolle wird von Karl Schmidt-Ruttloff freundlich empfangen was eher untypisch ist, denn er gab nur ungern und selten Auskunft über sich. Jetzt aber entwickelt sich ein anregendes und informatives Gespräch über das Leben und Wirken des Malers in der Nachkriegszeit: Warum er während der NS-Diktatur nicht ins Exil gegangen ist. Wie sich seine Malkunst verändert hat. Welche Bedeutung die jetzt entstehenden Selbstbildnisse einnehmen. Wo er die Quellen seiner Inspiration findet. Und als er zuletzt gefragt wird, ob ihm irgendwie in Anlehnung an die abstrakte Malerei ein neues Kunstprogramm vorschwebe, äußert er die berühmt gewordenen Sätze: Ich kenne kein neues Kunstprogramm. Ich weiß auch absolut nicht, was das sein könnte. Wenn man überhaupt von etwas derartigem wie einem Kunstprogramm sprechen könnte, so ist das meiner Meinung nach uralt und ewig dasselbe. Nur dass Kunst sich immer wieder in neuen Formen manifestiert, da es immer wieder neue Persönlichkeiten gibt ihr Wesen kann sich, glaube ich, nie ändern. Möglich, dass ich mich täu- 9 sche. Aber von mir weiß ich, dass ich kein Programm habe, nur die unerklärliche Sehnsucht, das zu fassen, was ich sehe und fühle, und dafür den reinsten Ausdruck zu finden. Dieses und die vorigen Fotos: Markus Mosmann Kreative Zusammenarbeit Die szenische Darbietung zu Leben und Schaffen des Künstlers Karl Schmidt-Rottluff fand bei den Anwesenden begeisterten Zuspruch, wie der herzliche Applaus erkennen ließ. Heinz-Günther Lackner, Kunstlehrer an der Freien Waldorfschule, lobte die selbständige Arbeitsweise seiner Schüler und Heike Mühl, Kulturpädagogin der Kunsthalle Vogelmann, zeigte sich beeindruckt vom schauspielerischen Können der vier Darsteller Jonas, Moana, Vera und Adrian. Mehr im Hintergrund wirkten aber noch zwei weitere Schülerinnen mit, nämlich Cosima Hofacker und Anna Kluge. Sie und Adrian waren bei allen organisatorischen Vorbereitungen mit von der Partie und hatten die beiden Selfie-Wände zu den Gemälden Die Badenden und Die Arbeiter sowie Tisch und Türme zu Umstürzende Bäume geschaffen. Ihnen und allen Mitwirkenden, die diesen künstlerischen Adventskalender verwirklicht haben, sei ein besonderer Dank ausgesprochen. Die anschließende Finissage mit Sekt-Umtrunk und schwäbischen Butterbrezeln diente der allgemeinen Aussprache, aber auch bereits der Ideensammlung für künftige Projekte. 10 Die Zusammenarbeit zwischen den Heilbronner Museen und der Freien Waldorfschule reicht weit zurück und führte zu interessanten Projekten: so anlässlich der großen Eröffnungsausstellung der Kunsthalle Vogelmann unter dem Thema Beuys für alle im Jahre 2010, zu den Darbietungen bei der Hesse- Ausstellung 2014/15 bis zur aktuellen Schmidt-Rottluff- Aktion. Jedesmal ergriff eine beachtliche Anzahl unserer Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, sich außerhalb des üblichen Schulzusammenhangs und zusätzlich zum gegebenen Stundendeputat künstlerisch zu engagieren. Stets erfolgte dabei eine intensive Beschäftigung mit Werk und Leben des Künstlers in der Absicht, beim Publikum der Kunsthalle, besonders auch bei jungen Menschen, mit authentischen Präsentationen z.b. als Beuys-Scouts oder in Form szenischer Darbietungen Interesse zu wecken. Nach meiner Beobachtung sind auch die menschlichen Begegnungen im Rahmen der gemeinsamen Arbeit gegenseitig zu einer großen Bereicherung geworden. Bildung durch Kunst Ich bin davon überzeugt, dass die Begegnung junger Menschen mit Kunst und insbesondere die künstlerische Betätigung selbst in pädagogischer Hinsicht nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Denn die heutige Zeit drängt extrem danach, die Welt immer ausschließlicher wissenschaftlichanalytisch zu betrachten, also im Grunde genommen den Blick auf bereits gegebene Gesetzmäßigkeiten zu richten. Das ist aber eine Reduktion der menschlichen Natur. Und je stärker sich das auch in der Bildung durchsetzt, umso problematischer wird es, weil auf diesem Weg der junge Mensch vor allem kognitivrational angesprochen wird und kaum seine konstruktivgestalterischen Fähigkeiten entwickeln kann. Das künstlerische Erleben dagegen, ähnlich wie das religiöse Empfinden, geht nach innen und bildet die seelischen Wandlungskräfte des Menschen. Von daher ist es ein Segen, dass in der Waldorfpädagogik die künstlerischen und kunsthandwerklichen Fächer so stark gewichtet sind. Sie sind ja nicht einfach als Beigabe sagen wir zu den strengen naturwissenschaftlichen Denkfächern zu verstehen, zwecks Ausgleich oder damit es irgendwie auch mal gemütlich wird im Unterricht. Nein, das künstlerische Arbeiten, sei es mit Farbe, Holz, Stein, Metall, Klang oder Sprache ist immer ein Formungsprozess, der darauf gerichtet ist, das Material so zu gestalten, dass in ihm Wesenhaftes zur Erscheinung kommt. Es geht also darum, das kreative Potential, die schöpferische Natur im Menschen, also die Kraft, mit der wir in der Welt sei es als Physiker, als Landwirt, als Erzieher, als Mutter 11 oder als Politiker gestaltend wirken können, freizusetzen. Die Welt braucht Menschen, die in konstruktiv-innovativer Weise tätig sind. Vortrag Weltkriegserfahrung und Moderne Foto: Städtische Museen Heilbronn Das Unsichtbare sichtbar machen Als bei dem Vortrag von Herrn Mosmann und bei dem Schülerauftritt so viele junge Menschen anwesend waren, äußerte sich Heike Mühl hoch erfreut. Es sei eines ihrer Traumziele als Kunstpädagogin des Museums, so ähnlich ihre Worte, junge Menschen zu erreichen und für modere Kunst zu begeistern. Keine Frage, das ist eine Herkulesaufgabe. Die Welt der meisten Jugendlichen in der heutigen Zeit ist stark geprägt durch die per Mausklick oder kreisende Daumen hervorgezauberte Bilderflut und Dauerbeschallung der modernen Medien. Sinnesrausch ist dabei garantiert und mühelos in der S-Bahn, zuhause auf dem Sofa oder wo auch immer zu haben. Keineswegs darf daraus allerdings geschlossen werden, dass die Jugendlichen nicht empfänglich seien für eine Welt jenseits des billigen Konsums. Das Gegenteil ist der Fall. Sie öffnen erstaunt die Augen, sobald ihnen hier liegt die Aufgabe der Schule die Gelegenheit geboten wird, die Oberfläche des Lebens und die Banalität des Alltäglichen zu hinterfragen und sich an das Wesen der Dinge heranzuarbeiten. Und gottseidank gibt es Orte, in Heilbronn und anderen Städten, wo Kunstbegeisterte sich erfolgreich darum bemühen, Jugendlichen die Begegnung mit moderner Kunst zu ermöglichen und sie an die geistige Substanz wahrhaftiger Kunstwerke heranzuführen. Klar ist, Kunst kann nicht irgendwie so nebenbei mal eben schnell mitgenommen werden. In der Heilbronner Ausstellung zu Schmidt-Rottluff konnte man Menschen beobachten, die quasi im Eilschritt von Bild zu Bild sprangen und dann nach rund fünfzehn Minuten durch waren, um sich anschließend ins Cafe zu setzen und sich zu wundern, warum sie von dem vielleicht Vielversprochenen nichts erlebt haben. Andere konnte man sehen, wie sie sich in die Bilder vertieften und erst nach längerer Zeit sich wieder von einem Werk zu lösen bereit waren, 12 sich auf Weniges beschränkten, vielleicht wiederkehrten. Zweifellos ist diese Haltung allein der Sache angemessen. Was heißt es denn, vor einem Bild der Moderne zu stehen? Der Komiker Karl Valentin hat einst augenzwinkernd sein Bedauern formuliert: Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit! Ja, er hat Recht, und ganz besonders wenn es sich um moderne Kunst handelt. Denn die Maler zu Beginn des letzten Jahrhunderts, die sich in Vereinigungen wie Brücke oder Der blaue Reiter zusammenfanden sie werden teilweise unter dem etwas unklaren Stilbegriff Expressionismus zusammengefasst, lösten sich bewusst von den bisher geltenden Formprinzipien der Malerei, sagen wir etwas plakativ von allem, was man unter bürgerlichem Realismus und Naturalismus zu verstehen hat. Dieses Lösen war radikal und bezog sich auf die Farbgebung und die Gestaltung der Formen und Proportionen ebenso wie auf die Behandlung der Perspektive, der Raumdimensionalität usw. Alle diese Elemente werden nicht mehr gemäß dem Grundsatz der äußeren Übereinstimmung zwischen Gegenstand und Abbild gehandhabt es geht vielmehr um innere geistige Übereinstimmung. So finden wir bei Schmidt-Rottluff in seinem Bild Deichdurchbruch die Erde, die fast zwei Drittel des gesamten Gemäldes einnimmt, in roter Farbe gemalt, die sich über die untere Bildhälfte und gewissermaßen aus dem Bild heraus ergießt. Und in dem Bild Badende sind sogar die beiden Frauen in Rottönen gemalt, überdimensional groß im Naturganzen, ihre Gestalten aber eigentlich nur in großzügigen Linien umrissen. In einem anderen Bild malt er den Mond, dem sich zwei schwebende Frauengestalten nähern, blau. Ernst Ludwig Kirchner formulierte dieses eigenwillige Vorgehen so: Meine Bilder sind Gleichnisse, nicht Abbildungen. Oder hören wir Henri Matisse: Bei der Zeichnung eines Gesichts kommt es nicht auf die Richtigkeit der Proportionen an, sondern auf ein geistiges Leuchten, das sich in ihm spiegelt. Es gibt eine innere, eingeborene Wahrheit, die in der äußeren Erscheinung eines Objekts enthalten ist und die in seiner Darstellung aus ihr heraussprechen muss. 3 Blauer Mond, Zu diesen Zitaten s. Seite 17ff. 13 Karl Schmidt-Rottluff 4 ebd. Begegnung mit Folgen Für den Betrachter heißt das: schauen, die Augen öffnen, wach sein. Und er muss die Bereitschaft mitbringen oder sich erringen, sich auf eine Art Wagnis einzulassen und Neuland zu betreten, Unbekanntes zu entdecken. Kandinsky hat das verglichen mit der Haltung des Kindes, das die Welt staunend zum ersten Mal sieht. 4 Mit einer solchen Offenheit erst wird die Bildbetrachtung zum inneren Erlebnis. Ich schließe allmählich Bekanntschaft mit den Farben und Formen, wodurch sich eine gewisse Stimmung in mir einstellt, und nach und nach entdecke ich Stimmigkeiten und Zusammenhänge, gelange durch die Empfindung zu einem wahrnehmenden Verständnis. So assoziiere ich bei Schmidt-Rottluffs blauem Mond vielleicht die blaue Blume der Romantik und die beiden irgendwie traumhaftschwebenden Figuren lassen mich an mein eigenes nächtliches Un-Bewusst-Sein denken. In dieser Weise durchlaufe ich einen Prozess, der sich nicht im Selbstlauf vollziehen kann, sondern von mir und meiner inneren Beteiligung abhängt. Es ist ein Weg, bei dem ich von der äußeren Wahrnehmung der Bildelemente Schritt für Schritt zu inneren Erlebnissen und Gewissheiten und damit schließlich auch zu mir selbst geführt werde. Dadurch wird sowohl mein Selbstverständnis relativiert, als auch mein festgefügtes Weltbild in Frage gestellt: beides erweist sich als wandelbar und entwicklungsfähig. Vielleicht sollte man ernsthafter darüber nachdenken, welche inneren Wandlungen vollzogen und welche geistigen Fähigkeiten entwickelt werden müssen, wollen wir in einer immer komplexer und un
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