Einleitung 7. Neid (Invidia) Hochmut (Superbia) Zorn (Ira) Geiz (Avaritia) Wollust (Luxuria) Maßlosigkeit (Gula) Bernd Deininger 11 Anselm Grün 21

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Inhalt Einleitung 7 Neid (Invidia) Bernd Deininger 11 Anselm Grün 21 Hochmut (Superbia) Bernd Deininger 33 Anselm Grün 46 Zorn (Ira) Bernd Deininger 55 Anselm Grün 65 Geiz (Avaritia) Bernd Deininger 77
Inhalt Einleitung 7 Neid (Invidia) Bernd Deininger 11 Anselm Grün 21 Hochmut (Superbia) Bernd Deininger 33 Anselm Grün 46 Zorn (Ira) Bernd Deininger 55 Anselm Grün 65 Geiz (Avaritia) Bernd Deininger 77 Anselm Grün 93 Wollust (Luxuria) Bernd Deininger 99 Anselm Grün 118 Maßlosigkeit (Gula) Bernd Deininger 125 Anselm Grün 139 5 Trägheit (Acedia) Bernd Deininger 145 Anselm Grün 163 Schluss 171 Zitierte und weiterführende Literatur 173 Einleitung In diesem Buch soll es um die sogenannten»sieben Todsünden«gehen, wie die katholische Kirche sie lange genannt und gelehrt hat. Doch der Ausdruck ist irreführend. Nach der katholischen Theologie ist eine Todsünde eine bewusste, absolut freie und schwerwiegende Sünde gegenüber Gott. Doch was unter den Sieben Todsünden seit dem Mittelalter verstanden wurde, sind Gefährdungen des menschlichen Lebens. Und als Gefährdungen des gelingenden Lebens sind sie auch heute noch modern. Daher haben Bernd Deininger als Psychoanalytiker und ich als Mönch uns gemeinsam auf den Weg gemacht, von der psychologischen Seite und von der spirituellen Seite aus einen Blick auf diese Gefährdungen zu werfen. Der Psychoanalytiker begegnet ihnen oft als Deformationen menschlichen Seins und als Mangel an menschlicher Reife. Aber er bewertet die Todsünden nicht moralisch. Er beschreibt nur, wie sie unser Menschsein gefährden und wo sie uns krank machen können. Als Mönch gehe ich von der Tradition der frühen Mönche aus. Dort begegnen wir beim Wüstenvater Evagrius Ponticus in einem seiner Bücher den sogenannten Neun Logismoi. Gemeint sind gefühlsbetonte Gedanken, Leidenschaften, die uns begegnen und mit denen wir kämpfen müssen. Evagrius Ponticus bewertet diese Logismoi nicht. Und er weiß, dass in ihnen positive Kräfte stecken, die der Mönch aus ihnen herausziehen soll. Aber sie können ihn auch beherrschen. Dann werden sie gleichsam zu Dämonen, die den Mönch anfallen, um ihn in seine Macht zu bringen. Der Dämonenkampf ist ein wesentlicher Teil der Spiritualität der frühen Mönche. Dabei verstehen sie unter»dämonen«keine fremden 7 Einleitung Wesen, wie wir sie in fi ktionalen Filmen und Büchern häufig finden. Die Mönche benennen die Leidenschaften nur häufig als Dämonen, um mit ihnen kämpfen zu können. Sie geben ihre Verantwortung für ihre Probleme nicht an die Dämonen ab, so wie es heute manche tun, die von einem Exorzisten zum anderen pilgern, um sich von ihnen befreien zu lassen. Stattdessen übernehmen die Mönche die Verantwortung für ihre Gedanken und Leidenschaften, indem sie den Kampf aufnehmen. Um mit jemandem zu kämpfen, muss ich ihn benennen. Daher haben die Mönche die Logismoi als Dämonen bezeichnet. Sie sprachen jedoch nicht von Besessenheit, wie es heute Menschen tun, die die Verantwortung für ihren psychischen Zustand anderen Wesen zuschieben. Bekannter als die Lehre von den Neun Logismoi, die nur in einem einzigen Buch von Evagrius so beschrieben werden, ist die Acht-Laster- Lehre. Sie geht auf das Buch»Praktikos«von Evagrius zurück. Er selbst spricht auch in diesem Buch von Logismoi, von Leidenschaften und Emotionen und nicht von Lastern. Das Wort»Laster«bezeichnet im Deutschen ursprünglich»kränkung, Schande, Tadel, Fehler, Makel«. Im 16. Jahrhundert änderte sich seine Bedeutung in»gewohnheitssünde, tadelnswerte schändliche Angewohnheit«. Die Bedeutung von»laster«hat nichts zu tun mit dem, was Evagrius in seinem Buch»Praktikos«beschreibt. Evagrius geht es nicht darum, dass der Mensch die Logismoi aus sich herausreißt, sondern dass er so mit ihnen umgehen lernt, dass sie ihn nicht beherrschen. In den Logismoi, in den Leidenschaften, steckt eine Kraft. Diese Kraft soll sich der Mönch zunutze machen. Das Ziel dieses Ringens ist das Freisein vom pathologischen Verhaftetsein an die»pathe«, die»leidenschaften«. Es geht also um eine innere Ordnung und Reinigung von Emotionen, die das klare Denken trüben. Später wurde die asketische Lehre des Evagrius dann zur Lehre von den Sieben Todsünden umgedeutet. Das klingt wesentlich moralischer als die eher psychologische Beschreibung der Logismoi. Evagrius beobachtet 8 Einleitung genau die Gedanken und Emotionen, die in der Seele auftauchen. Er schreibt:»sollte ein Mensch aus eigener Erfahrung die schlimmen Dämonen kennenlernen und sich mit ihrer Kunst vertraut machen wollen, rate ich ihm gut, seine Gedanken zu beobachten. Achten sollte er auf ihre Intensität, auch darauf, wann sie nachlassen, wann sie entstehen und wieder vergehen. Er sollte die Vielfalt seiner Gedanken beobachten, die Regelmäßigkeit, mit der sie immer wieder auftauchen, die Dämonen, die dafür verantwortlich sind, welcher die jeweils vorausgegangenen ablöst und welcher nicht. Dann sollte er Christus bitten, ihm all das zu erklären, was er beobachtet hat«(praktikos 50). John Eudes Bamberger, Trappistenabt und selbst Psychoanalytiker, interpretiert diese Gedanken so:»der oben zitierte Abschnitt, mit Ausnahme des Hinweises auf die Dämonen, könnte genauso gut als praktischer Hinweis für jemanden gelten, der sich mit klinischer Psychologie befasst. Es ist der Ansatz der dynamischen Psychoanalyse, die die sorgfältige Beobachtung der geheimsten und spontansten Gedanken betont, wie sie entstehen und wieder vergehen, was sie miteinander verbindet und wie sie sich zueinander verhalten«(bamberger, Praktikos 32f). Wir verstehen in dem vorliegenden Buch die Sieben Todsünden im Sinn des Evagrius als Gefährdungen des Menschen. Es sind Leidenschaften, die den Menschen beherrschen wollen. Doch in ihnen steckt zugleich eine Kraft, die man nicht abschneiden darf. Wir sollen uns so sagen die frühen Mönche mit den Leidenschaften vertraut machen. Wir sollen»von ihnen nehmen und ihnen geben, dann werden sie uns bewährter machen«, sagt ein alter Väterspruch. In diesem Sinn möchten wir die Sieben Todsünden anschauen. Zunächst wird Bernd Deininger von der Psychoanalyse her die jeweilige Gefährdung beschreiben. Dabei wird er immer auch Fallbeispiele anführen, um konkret aufzuzeigen, wie ein Mensch damit umgehen kann, wie er die negative Kraft in eine lebenspendende Kraft verwandeln kann. 9 Einleitung Dann werde ich von der Spiritualität her eine Antwort versuchen. Spannend ist, dass das Thema der Sieben Todsünden auch in der Kunst eine große Rolle spielt. Es gibt die Folge von acht Lithografien von Alfred Kubin (1914), eine Folge von 16 Blättern von Marc Chagall (1925) und das Werk von Otto Dix (1933) zu diesem Thema. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es in der Kunst offensichtlich höchst aktuell. Die Künstler spürten, dass diese Sieben Todsünden das Leben in der Gesellschaft gefährdeten. In den letzten Jahren gab es einige Ausstellungen dazu mit Werken von Dürer bis Naumann. Ich möchte mich vor allem auf die Darstellung der Sieben Todsünden von Hieronymus Bosch beziehen, der im Jahr 1505 ein Bild dazu gemalt hat, und zwar als Tischplatte. Bosch hat für jede Sünde Symbole und Assoziationen genutzt, die nicht nur er, sondern die gesamte Darstellungstradition seit dem Mittelalter immer wieder mit den einzelnen Todsünden verbunden hat. Anselm Grün Bernd Deininger 10 Neid (Invidia) Bernd Deininger Zweifellos spielt der Neid in unserem Leben eine wichtige Rolle und zeigt sich in unterschiedlichen Formen im Alltag, manchmal stärker und manchmal schwächer. Gerade in engeren Beziehungen, zum Beispiel in Kontakten mit Freunden, Familienmitgliedern, Nachbarn und Arbeitskollegen, steigt das Neidgefühl in unserem Inneren auf und lässt sich, selbst wenn wir es wollen, häufig nicht zurückdrängen. Besonders dann, wenn wir uns in unserer eigenen Individualität und Gefühlswelt vom anderen nicht geachtet und gesehen fühlen in dem, was unsere Individualität ausmacht, kann ein Schamgefühl entstehen, das uns existenziell bedroht und zu vernichten scheint. Diese Scham kann unerträgliche innere Schmerzen verursachen, aus denen dann Neid, Eifersucht und Missgunst entstehen. Das Gefühl, ungeliebt und unbeachtet zu sein, kann sich zu einer Demütigung entwickeln, die so überwältigend ist, dass sich der Einzelne daraus nicht mehr befreien kann. Wenn die Demütigung und die Beschämung sich ganz tief in unsere Seele eingraben, entwickelt sich daraus Rachsucht sowie ein Vernichtungswunsch dem anderen und den Dingen gegenüber, die er besitzt. Wenn während der psychischen Entwicklung, manchmal auch unter Einwirkung einer Religion, in der alle Freude, Lust und Sexualität verpönt ist, ein ständiges Gefühl der Versagung, des Zu-Kurz-Gekommen- Seins, des Mangels erzeugt wird, ist der Boden für die Entwicklung von Neidgefühlen bereitet. 11 Neid (Invidia) Das Gefühl des Neids lässt sich vielleicht so umschreiben, dass im eigenen Inneren der Eindruck entsteht, der andere habe mehr als man selbst, er sei besser und werde mehr geachtet, er bekomme mehr Anerkennung und würde mehr geliebt. Im Vergleich dazu fühlt man sich dann minderwertig, unnütz und gedemütigt. Melanie Klein hat 1957 in ihrem Buch»Neid und Dankbarkeit«(S. 183) folgende Formulierung gebraucht:»neid ist ein wütendes (ärgerliches) Gefühl, dass eine andere Person etwas besitzt und genießt, was in den Augen des Neiders ersehnt wird. Der neidische Impuls ist es, diesen Besitz wegzunehmen, an sich zu bringen oder zu verderben. Darüber hinaus beschreibt Neid im Gegensatz zur Eifersucht eine Zweierbeziehung.«Wenn nun dem Einzelnen dieses Gefühl deutlich wird, steht hinter dem Neid häufig die Scham über diesen wahrgenommenen Unterschied. Es entsteht ein Impuls, diese Differenz dadurch zu korrigieren, dass man sich ohne Rücksicht das nimmt, worin man sich geschmälert und zu kurz gekommen fühlt, auch auf die Gefahr hin, dass es zur Herabsetzung des anderen führt. Neid kann aber auch die Möglichkeit schaffen und den Antrieb dafür geben, so sein zu wollen wie der Beneidete selbst. Neid und Gier können sich dann hinter einer Maske der Unschuld verstecken und so zur Täuschung und Lüge werden, nicht nur nach außen, sondern auch nach innen, sich selbst gegenüber. Das Gefühl des Neides kann dazu führen, den Wunsch zu mobilisieren, etwas, das am anderen bewunderungswürdig ist (oder das was bewundert wird), selbst zu haben, und dann zu einem Motor werden, diese Eigenschaften selbst zu erwerben. Wenn das gelingt, schafft die Neidreaktion ein erhöhtes Selbstwertgefühl und einen narzisstischen Gewinn. Innerhalb der Psychoanalyse wiesen Sigmund Freud und Karl Abraham als Erste auf die Bedeutung des Neides hin. Freud benutzte das Konzept von Neid in seiner Theorie des Penisneides. Karl Abraham hat in seinen gesammelten Schriften (Bd. 2, S. 15, 1923) Folgendes konzi- 12 Bernd Deininger piert:»der Neidische aber zeigt nicht nur ein Begehren nach dem Besitz anderer, sondern er verbindet mit diesem Begehren gehässige Regungen gegen den Bevorzugten. (...) Ich meine den so häufigen Neid des Patienten auf den analysierenden Arzt. Er neidet ihm die Rolle des Überlegenen und vergleicht sich beständig mit ihm. Ein Patient äußerte einmal, in der Psychoanalyse sei die Verteilung der Rollen allzu ungerecht. Er selbst müsse alleine alle Opfer bringen: Er suche den Arzt auf, liefere seine Assoziationen ab und müsse obendrein noch Geld zahlen. Derselbe Patient hatte übrigens die Gepflogenheit, jedem Menschen, den er kannte, sein Einkommen nachzurechnen.«weiterhin verband er in seinem Konzept den Neid mit der Aggression. Er stellte an mehreren Beispielen heraus, dass der Neid eine Feindseligkeit gegenüber der Person, die ein begehrtes Objekt besitzt, entwickelt. Klein (1957, S. 176) sieht im Neid, auch in Anlehnung an Freud, eine instinkthafte innere destruktive Macht, die als Furcht vor Vernichtung erlebt wird. In einer anderen psychoanalytischen Tradition, der Ich-Psychologie, wird der Neid als eine komplexe Einstellung betrachtet, die Teil der normalen Entwicklung ist. Statt als ein primärer Trieb wird Neid hier als eine sekundäre motivierende Kraft gesehen, die durchaus positive Aspekte beinhaltet, die innerhalb der Entwicklung des Kindes sinnvoll sind. Insbesondere wird von dieser Forschergruppe um Kohout die Verbindung zu Narzissmus und Selbstwertgefühl hervorgehoben. Um ein Neidgefühl entwickeln zu können, muss die Fähigkeit bestehen, zwischen Selbst und Objekt unterscheiden zu können. Dies sei bei Kindern erst etwa ab eineinhalb Lebensjahren möglich. In psychoanalytischen Behandlungen tritt Neid meist erst dann auf, wenn der Patient seine Abhängigkeit von einem guten Objekt, zum Beispiel dem Therapeuten, spürt. Es geht dann darum, die unabhängige Existenz des anderen, seine guten und schlechten Eigenschaften und dessen Beziehungen auch zu anderen Menschen zu akzeptieren. Das 13 Neid (Invidia) bedeutet, dass die Getrenntheit von diesem Objekt besonders wahrgenommen wird. In den Therapien zeigt sich der Neid dadurch, dass der Patient eine Unfähigkeit entwickelt, Hilfe anzunehmen und dankbar sein zu können. In therapeutischen Prozessen entsteht dann häufig beim Patienten ein Schuldgefühl, wenn er seinen Neid bewusst erlebt. Die Bewältigung von Neid ist mit der Fähigkeit verknüpft, Schuld zu empfinden und Scham zu spüren. Dies ist dann oft mit Trauer verbunden, dass in der eigenen Lebensgeschichte manchmal kein gutes Objekt als Gegenüber zur Verfügung stand. Wenn es dann gelingt, Unterschiede zwischen mir und den anderen anzuerkennen, wenn eine Einfühlung in den anderen möglich wird, dann kann der Neid bewältigt werden und sich die Fähigkeit zur Dankbarkeit als Gegengewicht zum Neid entwickeln. Mit der Erkenntnis von Schuld und Scham ist häufig auch der Wunsch nach Liebe und die Angst vor der Liebe verbunden. Die Angst vor der Liebe ist eine mächtige Strömung, die sich im Einzelnen breitmacht und das Streben nach Macht und Besitz, nach Haben statt Sein, nach Materialisierung statt Beziehung befördert. In der heutigen Zeit kann man, auf den Einzelnen und die Gesellschaft bezogen, Folgendes feststellen: Die Angst vor der Liebe und damit vor einer tiefen innigen Beziehung scheint häufig über die Liebe und die Anerkennung des anderen zu siegen. Die Angst vor der Liebe ist eine Urgewalt, die in einem hohen Maß das gesellschaftliche Leben prägt. Insofern wäre es besonders wichtig, wenn die Liebe angstfrei erlebt werden könnte und damit echte Ich-Du- Beziehungen geschaffen würden. Dies wäre eine Möglichkeit, den Neid zu überwinden. Diese Liebe kann dann als etwas Göttliches in uns gesehen werden, was uns zu einem reiferen Lebenssinn führt. An einem psychoanalytischen Behandlungsfall möchte ich nun die theoretischen Überlegungen praxisnah darstellen: Frau A. kam in psychosomatische Behandlung, da sie seit langen Jahren unter Depressionen und Schlafstörungen litt, die sich in den letzten zwei Jahren vor Beginn der Behandlung deutlich verschlimmert hatten. Symptomatisch standen 14 Bernd Deininger dabei emotionaler Rückzug, Panikattacken, Antriebsstörungen und Affektdurchbrüche im Vordergrund. Die Beschwerden seien phasenweise aufgetreten, manchmal so stark, dass sie an ihr Zimmer gefesselt war und das Haus nicht mehr verlassen konnte. Stark belastet habe sie, und dies war dann letztlich der Grund für eine therapeutische Behandlung, eine Geruchsstörung. Hierbei konnte sie in Anwesenheit von anderen Menschen eine unerträgliche Übelkeit entwickeln, die so stark war, dass sie den Raum sofort verlassen musste, um sich zu übergeben. Besonders bei Frauen, die sie bewundert habe und die sie für attraktiv hielt, sei ihr das aufgefallen. Sie berichtete, dass sie in vordergründig geordneten Familienverhältnissen aufgewachsen sei. Der Vater sei ein zurückhaltender, warmherziger und sich der Mutter unterordnender Mann gewesen. Zu ihm habe sie eine gute emotionale Beziehung gehabt. In Konfliktsituationen, insbesondere mit der Mutter, habe er sich aber nie offen auf ihre Seite gestellt, sondern habe eher versteckt und verborgen im Hintergrund geholfen, wenn die Mutter sie bestraft habe. Die Mutter sei eine sehr dominante, durchsetzungsfähige und bestimmende Frau gewesen. Der Vater habe alle Wünsche der Mutter erfüllt und nie eine eigene Position ihr gegenüber bezogen. Etwa ein Jahr vor ihrer Geburt war der um vier Jahre ältere Bruder ums Leben gekommen. Die Großeltern mütterlicherseits waren mit dem Bruder spazieren gewesen, er auf einem Kinderfahrrad gefahren. Am Ende eines Parks war eine Straße, und obwohl die Großeltern riefen, er solle warten, war er weitergefahren und dann von einem Auto, das mit überhöhter Geschwindigkeit herankam, erfasst worden und zu Tode gekommen. Der Tod des Bruders war für die Großeltern so belastend, dass beide die Situation nicht mehr aushalten konnten. Vermutlich habe wohl auch die Mutter die Eltern für den Tod ihres Sohnes verantwortlich gemacht. Aus Erzählungen hatte sie erfahren, dass es zwischen der Mutter und ihren Eltern dann massive Spannungen gab. Kurz danach begingen 15 Neid (Invidia) die Großeltern Selbstmord. Anschließend entwickelte die Mutter so viele Schuldgefühle, dass sie einen Selbstmordversuch mit Schlaftabletten unternommen hatte, als sie mit ihr schwanger war. Der Vater hatte sie bewusstlos gefunden und ins Krankenhaus gebracht. In ihrer Kinderzeit war sie regelmäßig mit der Mutter auf den Friedhof gegangen, sowohl zum Grab des Bruders als auch zum Grab der Großeltern. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, dass die Mutter auf dem Friedhof viel geweint hatte. Sie hatte sich aber nie getraut zu fragen, was denn eigentlich passiert war. Erst im Schulalter hatte sie von dem Unfall und dem Tod der Großeltern erfahren, wobei der Selbstmord der Großeltern erst im Erwachsenenalter thematisiert wurde. Sie bewohnten in einem vornehmen Stadtteil mit vielen Villen eine kleine zweieinhalb Zimmer-Wohnung im Souterrain eines großen Hauses. In der Schule fühlte sie sich oft ausgeschlossen, da sie auf Geburtstagsfeiern von Klassenkameradinnen als»einfaches Arbeiterkind«nicht eingeladen wurde. Sie erinnerte sich, dass sie sich wegen ihrer abgetragenen Kleidung oft geschämt hatte. Dieses Schamgefühl begleitete sie die ganze Schulzeit über. Die Eltern waren kirchlich engagiert, sie war deshalb schon früh mit dem Vater zur Kirche gegangen und hatte dann in den kirchlichen Jugendgruppen Kontakte geknüpft. In der Schule versuchte sie durch gute Leistungen den Makel des Arbeiterkindes auszulöschen, was dazu führte, dass sie noch mehr zum Außenseiter wurde. Am Gymnasium trug sie immer den Stempel der»angepassten Streberin«. Nach dem Abitur studierte sie Deutsch und Religion und war Gymnasiallehrerin geworden. Am Anfang ihrer Studentenzeit hatte sie mehrere kurzzeitige Beziehungen, da es aber nie zu einem intimen Kontakt kam, hatten die Männer sie immer nach einigen Monaten wieder verlassen. Wegen ihrer religiösen Einstellung hatte sie sich Sexualität nur in der Ehe vorstellen können. Nachdem sie aber nie einen Mann kennenlernte, den sie als langfristigen Partner hätte akzeptieren können, war sie dann alleine geblieben. 16 Bernd Deininger In der Kirchengemeinde war sie weiter aktiv. Die Männer, die sie dort kennenlernte, waren aber durchweg nichts mehr als Kameraden. Mit Frauen blieb es schwierig, insbesondere, wenn Frauen in Partnerschaften lebten oder eine Familie gründeten und Kinder hatten, habe sie dies als für sie völlig unerträglich erlebt. Am Beginn der Therapie war sie knapp 40 Jahre alt, also in einem Alter, wo eine Familiengründung kaum mehr möglich war. Frau A. wuchs in einer Familie auf, in der der Tod des Bruders und der Suizid der Großeltern emotional sehr prägend waren. Ihre Mutter signalisierte ihr schon früh, dass sie nur als»ersatz für den Bruder auf die Welt gekommen war und eigentlich als eigenständige Person keine Rolle spielte. Sie hatte auch das Gefühl, dass nach ihrer Geburt zwischen den Eltern keinerlei körperlicher Kontakt mehr stattgefunden hat, da, soweit sie dies erinnere, der Vater im Schlafzimmer und sie mit der Mutter auf einer Ausziehcouch im Wohnzimmer schlief. Zur Mutter hatte sie eine ambivalente Beziehung. Zum einen habe sie der Mutter immer beweisen wollen, dass es doch schön se
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