Elcin Dindar. Die türkische Zypernpolitik im Konfliktfeld des östlichen Mittelmeers Herbert Utz Verlag München

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Elcin Dindar Die türkische Zypernpolitik im Konfliktfeld des östlichen Mittelmeers Herbert Utz Verlag München Geschichtswissenschaften Band 43 Zugl.: Diss., München, Univ., 2017 Bibliografische
Elcin Dindar Die türkische Zypernpolitik im Konfliktfeld des östlichen Mittelmeers Herbert Utz Verlag München Geschichtswissenschaften Band 43 Zugl.: Diss., München, Univ., 2017 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, der Entnahme von Abbildungen, der Wiedergabe auf fotomechanischem oder ähnlichem Wege und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen bleiben auch bei nur auszugsweiser Verwendung vorbehalten. Copyright Herbert Utz Verlag GmbH 2017 ISBN Printed in EU Herbert Utz Verlag GmbH, München Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung Gegenstand der Arbeit Problemstellung Stand der Forschung Theoretisches und methodisches Vorgehen Theoretische Grundlagen: Der Synoptische Neorealismus Methodik der Internationalen Konstellationsanalyse Determinantenfelder der türkischen Zypernpolitik Begründung der Theorie- und Methodenwahl Ziel der Arbeit Historischer Rückblick Zypern im Osmanischen Reich (bis 1878) Die Ansiedlung eines muslimischen Bevölkerungselements Der politische Machtzuwachs des orthodoxen Klerus Die letzten Jahrzehnte der osmanischen Herrschaft auf Zypern Zypern unter britischer Kolonialherrschaft (bis 1950) Die Interessen Englands auf der Mittelmeerinsel Die Haltung der zyprischen Volksgruppen zur neuen Herrschaftsmacht Der Differenzierungsprozess der zyprischen Bevölkerung Der politische Kampf um die Verfassungsänderung Das Erziehungssystem als spaltendes Element der zyprischen Bevölkerung Die wirtschaftliche Entwicklung Zyperns Der Einfluss des griechischen und türkischen Nationalismus auf Zypern (bis 1950) Die entliehene Ideologie: Der griechischzyprische Nationalismus Das politische Ringen um die Vereinigung mit Griechenland Der Einfluss des türkischen Nationalismus auf Zypern Phasen der türkischen Zypernpolitik ( ) Phase 1: Die passive türkische Zypernpolitik ( ) Die Selbstbestimmungsforderung der Zyperngriechen Die Organisation des türkischzyprischen Widerstandes Die türkische Passivität in der Zypernfrage Die griechische Zurückhaltung in der Zypernfrage Inhaltsverzeichnis Die kompromisslose Zypernpolitik der britischen Kolonialmacht und die Haltung der USA Kodeterminanten der türkischen Zypernpolitik Phase 2: Die türkische Forderung nach Beibehaltung des Status quo oder Rückgabe der Insel ( ) Der erste griechische UN-Appell und die Aktivierung Ankaras Die Gründung der griechischzyprischen Untergrundorganisation EOKA Der Beginn des EOKA-Kampfes und die Einberufung der Dreimächtekonferenz Unruhen in der Türkei: antigriechische Krawalle und Ausschreitungen Amerikanischer Schlichtungsversuch und erneuter griechischer UN-Antrag Weitere Spannungen zwischen den NATO-Partnern Die Verhärtung der britischen Zypernpolitik unter Anthony Eden Vom Kolonialkampf zum interkommunalen Kampf Weitere diplomatische Lösungsversuche der beteiligten Parteien Kodeterminanten der türkischen Zypernpolitik Phase 3: Die separatistische Zypernpolitik der Türkei ( ) Teilung als langfristiges Ziel der Regierung Menderes Kurswechsel der griechischen Zypernpolitik unter Konstantinos Karamanlis Neubewertung der britischen Zypernpolitik unter Premierminister Macmillan Amerikanische Einmischung und Freilassung von Erzbischof Makarios Reaktionen der Türkei und der türkischzyprischen Führung Die Bankrotterklärung des britischen Verteidigungsministers Innerzyprische Entwicklung zwischen Spannung und Entspannung Psychologische Kriegsführung der EOKA Gründung der Türkischen Widerstandsorganisation TMT Konfliktlösungsprogramme der Großmächte Der vierte griechische UN-Antrag Der Foot-Plan und die Reaktion der Türkei Das britische Partnerschaftskonzept: Der zweite Macmillan-Plan Die Polarisierung der interkommunalen Beziehungen auf Zypern Orchestrierte Welle der Gewalt: terroristische Aktivitäten der TMT Mediationsversuche des NATO-Generalsekretärs Spaak Inhaltsverzeichnis Die zweite Welle der türkischzyprischen Gewalt Ansätze türkischer Kursänderung Kodeterminanten der türkischen Zypernpolitik Phase 4: Die türkische Unterstützung für ein unabhängiges Zypern ( ) Griechenlands letzter Kampf in den Vereinten Nationen Der türkische Kurswechsel und die Wende im Zypernkonflikt Die Gründung der Republik Zypern Das türkisch-griechische Arrangement: Der Züricher Vertrag Die Londoner Fünferkonferenz und die endgültige Lösung der Zypernfrage Die Zypernverträge vom August Die Verfassung der unabhängigen Republik Zypern Die Wahrnehmung des Zypernarrangements durch die Konfliktparteien Die innenpolitische Entwicklung Zyperns nach der Unabhängigkeit Kodeterminanten der türkischen Zypernpolitik Phase 5: Zurück zur intransigenten Teilungspolitik: Die doppelte Enosis ( ) Die geplante Verfassungsänderung durch Erzbischof Makarios Die Antwort Ankaras und der Zyperntürken auf den Dreizehn Punkte-Plan Die Interessen der griechischzyprischen Seite: Der Akritas-Plan Die Interessen auf türkischzyprischer Seite: Das Strategiepapier von Rauf Denktaş Der Ausbruch interkommunaler Kämpfe und die Bildung türkischzyprischer Enklaven Schlichtungsversuche der Garantiemächte und der internationalen Staatengemeinschaft Gemeinsame Intervention der Garantiemächte und das Green Line-Abkommen Die zweite Londoner Zypernkonferenz und der englischamerikanische Plan zur Wiederherstellung des Friedens auf Zypern (Sandys-Ball-Plan) Die Vermittlungsversuche des UN-Sicherheitsrats Der griechische Versuch der Disziplinierung von Makarios Die Fortsetzung des Bürgerkriegs: Interventionsdrohungen der Türkei und Einmischung der USA Der Johnson-Brief und die ausgebliebene türkische Intervention Inhaltsverzeichnis Amerikanische Vermittlungsversuche im Zypernkonflikt: Der Acheson-Plan Kämpfe bei Kokkina-Mansoura und die erneute Interventionsdrohung der Türkei Der zweite Acheson-Plan und der dritte Ball-Plan Zunehmende Spannungen zwischen den Konfliktparteien Makarios' einseitige Verfassungsänderungen und ihre Folgen Der türkische UN-Appell Die Athener Militärjunta um Papadopoulos und das Fiasko von Evros Die Kophinou-Krise und das erneute Ausbleiben der türkischen Intervention Die Ausrufung der Vorläufigen Türkischen Verwaltung Zyperns Der Beginn der interkommunalen Verhandlungen Die innenpolitische Entwicklung auf Zypern Zuspitzung des Zypernkonflikts durch die griechische Seite Der Aufbau einer neuen Untergrundorganisation unter Georgios Grivas Der EOKA-B Terror auf Zypern Vom griechischen Diktator Papadopoulos zu Dimitrios Ioannidis Kodeterminanten der türkischen Zypernpolitik Phase 6: Der türkische Einmarsch auf Zypern (1974) Der fehlende ausländische Faktor : Die passive amerikanische Zypernpolitik Der griechische Staatsstreich auf Zypern Die türkische Bemühung um eine gemeinsame Intervention Die Reaktion der internationalen Staatengemeinschaft Die türkische Friedensoperation auf Zypern Innen- und außenpolitische Faktoren der türkischen Interventionen Die erste türkische Operation: Attila I. (20. bis 22. Juli 1974) Befreiungsaktion versus Invasion Die Reaktionen der internationalen Staatengemeinschaft Der Waffenstillstand auf Zypern und der Regierungswechsel in Athen Die Genfer Konferenzen Die zweite türkische Operation: Attila II. (14. bis 16. August 1974) Internationale Verurteilung und faktische Teilung der Insel Inhaltsverzeichnis Die internationale Reaktion auf die zweite türkische Militärintervention Die Folgen der Militärintervention: Flüchtlingsdrama und Kolonisierung Interessen und Wahrnehmung der griechischen und türkischen Zyprer Kodeterminanten der türkischen Zypernpolitik Synopsis Bewertung der konstellationsbeeinflussenden Determinantenfelder Beurteilung der Gesamtkonstellation Abkürzungsverzeichnis Quellen- und Literaturverzeichnis 1 Einleitung 1.1 Gegenstand der Arbeit Betrachtet man die geographische Lage Zyperns 1 ist es nicht verwunderlich, dass die Insel in der Vergangenheit immer wieder zum Gegenstand von Auseinandersetzungen rivalisierender Mächte wurde. Zypern liegt im östlichen Mittelmeer, ungefähr 50 km südlich von der türkischen, 95 km westlich von der syrischen und 380 km nördlich von der ägyptischen Küste, sowie 800 km östlich vom griechischen Festland entfernt. Mit einer Fläche von 9251 km 2, ist sie die drittgrößte Mittelmeerinsel nach Sardinien und Sizilien. 2 An der Schnittstelle der drei Kontinente Europa, Asien und Afrika gelegen, wurde die Insel sehr früh zu einem wichtigen Handelszentrum des Mittelmeerraums. Ihre strategisch günstige Lage bot zudem einen idealen Ausgangspunkt für Expeditionen im Nahen Osten. Am Knotenpunkt mehrerer Hochkulturen war die Insel der Aphrodite vom Beginn ihrer Geschichte verschiedensten Einflüssen ausgesetzt. Dennoch wäre nichts falscher, als in Cypern ein Spiegelbild fremder Kulturen zu sehen. ( ) Aller Prägung von außen gelang es nicht, ihren Eigencharakter völlig zu verdrängen; zumindest als Unterströmung blieb er stets spürbar und wirksam. Die fremden Kulturen erwiesen sich sogar als ein fruchtbares, in der Herausforderung die Lebenskraft der cyprischen Kultur stärkendes Element. 3 So auch die dreihundert Jahre andauernde Herrschaftszeit der Osmanen. Durch die Einführung der osmanischen Verwaltungsordnung oder den Bau von Moscheen formten sie das Gesicht und das Leben der Insel weiter und hinterließen zugleich ein lebendiges Erbe. 4 Die Ansiedlung von Muslimen etablierte einen neuen permanenten Bevölkerungsteil, der sich religiös, sprachlich und kulturell von der auf der Insel lebenden Bevölkerung unterschied. Dadurch wurde der Eigencharakter der Insel nicht unterdrückt, denn das Gefühl der Kontinuität 5, das auf der gemeinsamen hellenistischen Kultur, Tradition und Sprache, sowie der griechisch-orthodoxen Religion und einem kollektiven geschichtlichen Bewusstsein der ethnisch griechischen Bevölkerung beruhte, blieb bestehen. Dieses einheitliche Selbstverständnis hatte während der fränkischen Epoche ( ) den Charakter von ethnischen Grenzen erhalten. Die tiefe soziale Spaltung der Gesellschaft führte allerdings nicht zur Mobilisierung oder Bildung einer ethnisch definierten Gemeinschaft. Eine solche entwickelte sich erst unter der osmanischen Herrschaft mit der Einführung des so genannten Millet-Systems In dieser Promotionsschrift finden in Anlehnung an die entsprechenden Regelungen des Auswärtigen Amtes ( Viersprachenverzeichnis ) für den interministeriellen Sprachgebrauch im Öffentlichen Dienst der Bundesrepublik Deutschland, anstelle der früher gängigen Schreibweisen Cypern, Cyprioten bzw. Zyprioten durchgehend die Schreibweisen Zypern und Zyprer Verwendung. 2 Auswärtiges Amt der Bundesrepublik Deutschland, Länderbericht Zypern (2017). 3 Maier (1982), S. 21 f. 4 Vgl. Maier (1982), S Tzermias (2004), S Millet: Das so genannte Millet-System (arab. Nation), regelte auf der Grundlage des islamischen Rechts den Status aller nichtmuslimischen Religionsgemeinschaften im Osmanischen Reich. Allen ethnischen 10 Einleitung Durch dieses organisatorische Prinzip von Staat und Gesellschaft auf Basis der Religionszugehörigkeit, markierten die Osmanen ökonomische und soziopolitische Grenzen zwischen muslimischen und christlichen Zyprern, die von den Oberschichten instrumentalisiert wurden, um die eigene Machtposition zu stabilisieren. Von der Unterschicht wurden sie hingegen weitgehend ignoriert, da die soziökonomischen Probleme viel zu groß waren, als dass sie zu ethnischen Interessenskonflikten geführt hätten. Die ähnlichen Lebensbedingungen der ausgebeuteten Bauern begünstigten dennoch nicht die Integration oder Assimilation der beiden Volksschichten. Angesichts der gemeinsamen Interessenslage waren jedoch Ansätze einer panzyprischen Solidarität 8 erkennbar. In den ersten zweihundert Jahren der osmanischen Herrschaft war die gesell - schaftliche Entwicklung vor allem durch das sozioökonomische Verhältnis zwischen Herrschern und Beherrschten geprägt. 9 Dieser Klassenkonflikt wurde durch die so genannten Tanzimat-Reformen 10 allmählich aufgelöst und die gemeinsame Front der unterdrückten Leidensgemeinschaft gegen die Obrigkeit zersetzt. Die Modernisierungsmaßnahmen bewirkten unter anderem die Herausbildung einer bürgerlichen Mittelschicht, die im Rahmen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung in verschiedene Richtungen lief (ökonomisch bei den griechisch-orthodoxen Zyprern und militärisch/ administrativ bei den muslimischen Zyprern 11 ). Sie führte dazu, dass erkennbare ethnische Grenzen zwischen beiden Bevölkerungsgruppen gezogen wurden. 12 In den letzten Jahrzehnten der osmanischen Herrschaft politisierte der aufkommende Nationalismus die Beziehungen zwischen der muslimischen und christlichen Bevölkerung auf Zypern. Dazu trugen vor allem der neu gegründete griechische Nationalstaat und seine Politik der Megali Idea 13, sowie die repatriierten griechischen Freiheitskämpfer nach dem Unabhängigkeitskrieg gegen die Osmanen ( ) bei. Insbesondere förderte auch die autokephale Kirche die nationale Ideologisierung des griechischzyprischen Bevölkerungsteils. Dadurch verschlechterten sich die interkommunalen Beziehungen vorerst nicht. Denn das Nationalbewusstsein bildete sich anfangs nur innerhalb einer kleinen griechisch-orthodoxen Oberschicht heraus, das sich im Wunsch nach einem Anschluss Zyperns an Griechenland (Enosis) und nach Entledigung der osmanischen Herrschaft äußerte. Eine analoge Entwicklung war bei den muslimischen Zyprern nicht zu beobachten. Das Osmanische Reich hatte als Vielvölkerstaat stets versucht, das Aufkommen partikularer Identitäten zu bekämpfen, um dem Zerfall seines Reiches vorzubeugen. Erst mit dem Ende des Ersten Weltkrieges waren die Voraussetzungen für eine türkische Identität gegeben. 14 Am Ende der Gemeinschaften gleichen religiösen Bekenntnisses wurde ein weitgehendes Selbstbestimmungsrecht, in allen religiösen und zivilrechtlichen Fragen zugestanden. 7 Vgl. Lambrianou (2011), S. 81 f. 8 Kadritzke/Wagner (1976), S Vgl. Lambrianou (2011), S. 82 f. 10 Tanzimat: osmanisch: Anordnung, Neuordnung ; bezeichnet die Periode ( ) tiefgreifender Reformen im Osmanischen Reich. 11 Heide (1980), S Vgl. Lambrianou (2011), S Megali Idea (zu dt. die Große Idee): Bezeichnet das irredentistische Konzept des griechischen Nationalismus. Dieses verfolgte eine konsequente Expansionspolitik mit dem Ziel das Byzantinische Reich wiederherzustellen. 14 Vgl. Kadritzke/Wagner (1976), S. 15 f. 11 Einleitung 300 jährigen Herrschaft waren auf Zypern jene gesellschaftlichen Grundlagen geschaffen, die für die Integration der beiden Bevölkerungsgruppen in eine gesellschaftliche Einheit hinderlich waren. Sowohl die ethnische Arbeitsteilung als auch die Ideologisierung der griechisch-orthodoxen Zyprer trugen zur fortschreitenden ethnischen Differenzierung der Bevölkerungsgruppen bei. 15 Geht man in der Geschichte der Insel an den Punkt zurück, an dem das türkische Element erstmals auftaucht, hat man damit keineswegs den Ursprung einer türkisch-griechischen Feindschaft auf Zypern entdeckt. 16 Das Leben der muslimischen und griechisch-orthodoxen Zyprer war von einer konfliktfreien ethnischen Koexistenz geprägt. Diese Situation änderte sich mit der Besetzung und Verwaltung Zyperns durch Großbritannien im Jahr Nach ihrer Landung auf der Insel führten die Briten zunächst eine Volkszählung durch, um die genaue Zusammensetzung der zyprischen Gesamtbevölkerung zu ermitteln. Danach verzeichnete die Bevölkerung im Jahr Einwohner, davon griechisch-orthodoxe Zyprer (74,14 %) und muslimische Zyprer (24,48 %). Die restlichen 1,38 % bildeten Minderheiten aus Maroniten, Armeniern, Juden und Lateinern. 17 Für die Grundlage ihrer Erhebung bedienten sich die Briten des ethnischen Kriteriums der Religionszugehörigkeit (und nicht etwa der Schichten- oder Berufszugehörigkeit). 18 Dieses nahmen sie ebenfalls beim Aufbau ihrer Verwaltungsstruktur zur Hilfe, womit sie an den religiösen Grunddifferenzen der zyprischen Bevölkerung ansetzten, die seit der Ansiedlung des muslimischen Bevölkerungsteils durch die Osmanen vorhanden waren. Sie weiteten die Unterscheidung der Bevölkerung nach religiösen Kriterien auf die gesamte Verwaltungspraxis aus, um eine langfristige, effektive und reibungslose Kolonialverwaltung zu etablieren. Dadurch förderten sie die uneinheitliche politische, soziale, wirtschaftliche, kulturelle und ideologische Entwicklung der zyprischen Gesellschaft. Indem sie die türkischen Zyprer in der gesamtgesellschaftlichen Machtverteilung bevorzugten, entwickelten sich aus den bestehenden ethnischen Unterschieden interethnische Gruppenkonflikte, die in Wirklichkeit ideologisch-politisch und sozioökonomisch bedingt waren. Dabei trug die zeitungleiche Übernahme des griechischen und des türkischen Nationalismus im zunehmenden Maße zum gegnerischen Spannungsverhältnis bei. 19 Durch die künstliche Anlehnung an Griechenland bzw. an die Türkei identifizierten sich beide zyprische Gemeinschaften immer stärker mit ihren Mutterländern. Die über Jahrhunderte herangewachsenen Eigentümlichkeiten der zyprischen Kultur, wie Gewohnheiten, Sitten und Dialekte wurden allmählich hellenisiert bzw. turkisiert und standen der Herausbildung einer integrierten zyprischen Gesellschaft im Wege. 20 Dem nationalen Ruf der griechischen Zyprer nach einem Anschluss Zyperns an Griechenland, begegnete die britische Kolonialmacht, indem sie ihre Politik des Divide et 15 Vgl. Lambrianou (2011), S Kadritzke/Wagner (1976), S Vgl. Papadopoulos (1965), S. 78 f. 18 Vgl. Heide (1980), S Vgl. Choisi (1993), S. 57 f. 20 Vgl. Kizilyürek (1990), S Einleitung impera 21 auf beide zyprische Volksgruppen und später auf die Mutterländer übertrug. Dadurch wurden Griechenland und die Türkei zu Mitspielern im Poker um Zypern. 1.2 Problemstellung Die Türkei wurde durch den ständigen Enosis-Ruf der Zyperngriechen erstmals im Jahr 1950 auf Zypern aufmerksam. Obwohl sie im Vertrag von Lausanne (24. Juli 1923) auf alle rechtlichen Ansprüche hinsichtlich Zyperns verzichtet hatte, 22 führte ihre Sorge, dass Großbritannien die Mittelmeerinsel an Griechenland abgeben oder in ihre Unabhängigkeit entlassen könnte, spätestens im Jahr 1954 zu einer aktiven Einmischung Ankaras. Bis 1974 verfolgte die Türkei eine Zypernpolitik, die sie aufgrund von verschiedenen Faktoren immer wieder änderte. Diesbezüglich stellen sich folgende Fragen: Warum und in welchen Abständen änderte die Türkei zwischen 1950 und 1974 ihre Zypernpolitik? Welche Machtmittel war die türkische Regierung bereit einzusetzen, um ihre Interessen auf Zypern zu verwirklichen? Welche Kooperationen oder Konflikte war die Türkei bereit, mit anderen Staaten einzugehen, um ihre Interessen zu verwirklichen? Welche Folgen hatte die türkische Zypernpolitik für und auf Zypern und welche für Griechenland, Großbritannien und die westlichen Verbündeten? Die Türkei verfolgte verschiedene Interessen auf Zypern, die die Führungskräfte im Rahmen des politischen Systems und des politischen Willensbildungsprozesses definierten. Dabei flossen vor allem die eigenen Wahrnehmungen, sowie die erfahrungsund geschichtsbedingte Weltsicht der politischen Entscheidungsträger in die Interessenformulierung mit ein. Dasselbe galt für die Führer der griechischen und türkischen Zyprer, sowie für Griechenland und Großbritannien und nach der Internationalisierung der Zypernfrage, für die USA und die Sowjetunion. Dadurch ergab sich ein Perzeptions- und Interessenpluralismus, der in einigen Fällen (aufgrund der Interessengemeinschaft) zu Kooperationen oder Bündnissen und in anderen Fällen (aufgrund von Interessengegensätzen) zu Konflikten, Krisen oder Kriegen führen konnte. 23 Unter Berücksichtigung der vorhandenen Machtpotentiale, Wertesysteme, Rechtslagen und Verhaltenssysteme war jeder Staat bereit, verschiedene Mittel (z.b. Diplomatie, Drohung, Einsatz von Machtmitteln) einzusetzen, um seine Inte
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