Freiheit eine Illusion meines Gehirns?

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Schwerpunkt Günther Pöltner Freiheit eine Illusion meines Gehirns? Ein neurowissenschaftliches Aufklärungsprogramm Freedom An Illusion of My Brain? A Program for Neuroscientific Clarification Zusammenfassung
Schwerpunkt Günther Pöltner Freiheit eine Illusion meines Gehirns? Ein neurowissenschaftliches Aufklärungsprogramm Freedom An Illusion of My Brain? A Program for Neuroscientific Clarification Zusammenfassung Die These, Freiheit sei eine Illusion, basiert auf einem unzureichenden Freiheits- und Handlungsbegriff: Die sich in der Lebenspraxis manifestierende Freiheit (i. S. eines überlegten Willens) wird in einen beobachtbaren Naturvorgang umgedeutet, Handlungsgründe bzw. Bedingungen mit Ursachen verwechselt. Die antithetisch verstandene Gegenüberstellung von Naturdeterminismus und Freiheit übersieht, dass die leibliche Natur des Menschen Freiheit nicht verhindert, sondern im Gegenteil ermöglicht. Die Hirnforschung kann zwar zu einem besseren Verständnis des Strukturunterschieds zwischen Tätigkeiten eines Menschen und menschlichen Handlungen verhelfen, verstrickt sich aber mit der Aufforderung, man möge sich der die Freiheit leugnenden Illusionsthese anschließen, in einen performativen Widerspruch. Schlüsselwörter: Freiheit, Handeln, Natur, Determinismus Abstract The thesis that freedom is an illusion is based on an incomplete conception of freedom and action. Freedom (in the sense of a considered will), as manifested in the practice of life, is interpreted as an observable natural event, and the motives and conditions of action are mistaken as causal. The confrontation of natural determinism and freedom fails to notice that human nature is not limiting but instead makes freedom possible. Brain research can contribute to a better understanding of the structural difference pertaining to the action of an individual versus human actions per se. However, brain research becomes entangled in a contradiction when it suggests to follow the illusionary thesis of denying freedom. Keywords: Freedom, Action, Nature, Determinism Univ.-Prof. Günther Pöltner Institut für Philosophie, Universität Wien Universitätsstraße 7, A-1010 Wien 2009 by IMABE Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik, Wien Imago Hominis Band 16 Heft 4 S ISSN Schwerpunkt Naturwissenschaft und Religion Der auf Darwin zurückgehende naturwissenschaftliche Evolutionsgedanke gilt zu Recht als neues Paradigma wissenschaftlicher Forschung. So richtig die unter seiner Führung erzielten Ergebnisse auch sind, die Fruchtbarkeit dieses Gedankens darf nicht blind für das mit jeder naturwissenschaftlichen Forschung verbundene Methodenproblem machen. Aus der komplexen Problematik seien nur zwei Dinge hervorgehoben: (1) die am Anfang jeder Naturwissenschaft stehende Abstraktion und (2) der Stellenwert einer genetischen Fragestellung. Ad (1) Am Anfang jeder Naturwissenschaft steht nicht die unverkürzte Wirklichkeitserfahrung, sondern eine Abstraktion, die bewusste Ausblendung und Ausklammerung von Wirklichkeitsdimensionen. Durch diese Ausblendung und das bewusste Festhalten an ihr durch den Methodenvorrang gewinnt die Naturwissenschaft überhaupt erst ihren Gegenstand. Dieser liegt nicht einfach vor, sondern ist das Resultat einer methodischen Reduktion lebensweltlich bekannter Phänomene auf deren gegenständlich fassbare Bedingungen. Die sogenannten Erfahrungswissenschaften operieren mit einem eingeschränkten Erfahrungsbegriff. Erfahrung ist nur als Experiment, d. h. als methodisch herbeigeführte Erfahrung zugelassen. Die lebensweltliche Erfahrung mit allem, was zu ihr gehört, ist unter naturwissenschaftlichem Gesichtspunkt als Erfahrung ohne Relevanz. Ad (2) Gerade in einem Darwin-Gedenkjahr ist daran zu erinnern, dass die Bestimmung des thematisch unverkürzten Ausgangsphänomens den Vorrang vor der Erklärung seiner Genese hat. Zuerst muss Klarheit darüber herrschen, was alles zum jetzt Erfahrbaren gehört, dann erst kann die Frage nach dessen Werden bzw. Gewordensein gestellt werden. Eine Unterbestimmung des Gewordenen zieht eine eben solche seiner Werdefaktoren nach sich. Die Naturwissenschaften erklären grundsätzlich immer nur eine methodisch verkürzte Wirklichkeit. Das gilt auch für die naturwissenschaftliche Rekonstruktion von Entstehungsgeschichten. Denn diese ist ebenfalls zur Gänze durch methodische Partialität gekennzeichnet, weil das Werden bzw. Gewordensein ebenfalls nur methodisch verkürzt in den Blick kommen kann. Naturwissenschaft betreibt Bedingungsforschung, der aus methodischen Gründen der Weg zurück zum vorgegebenen Ausgangsphänomen versperrt ist. Mit den Bedingungen eines Phänomens ist weder dieses selbst noch sind mit ihnen die Prinzipien seines Werdens erfasst. Alles, was den Menschen als Menschen betrifft, ist als solches kein naturwissenschaftliches Thema (z. B. Erkennen, Wissenschaft, Freiheit, Sittlichkeit) Ein neues Aufklärungsprogramm Waren es in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts einige Biologen, so sind es in jüngster Zeit einige Gehirnforscher, die das methodisch beschränkte Erklärungspotential naturwissenschaftlicher Forschung illegitimerweise mit einem Totalanspruch versehen. U. a. haben Wolfgang Prinz, Wolf Singer, Gerhard Roth ein Aufklärungsprogramm gestartet, das in der Botschaft gipfelt, die menschliche Freiheit sei eine Illusion 2, Der Mensch ist nicht frei 3, Verschaltungen legen uns fest. Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen. 4 Wir sind determiniert. Die Hirnforschung befreit von Illusionen. 5 Dieses Programm beruft sich auf Experimente, die der amerikanische Neurowissenschaftler Benjamin Libet in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts durchgeführt hat und die in der Zwischenzeit weiterentwickelt und im Wesentlichen bestätigt worden sind. Das Experiment bestand im Niederdrücken eines Knopfes innerhalb eines Zeitrahmens von max. drei Sekunden: Bei jedem dieser Versuche vollzog die Versuchsperson das plötzliche Schnippen des Handgelenks, wann immer sie sich frei dazu entschloß. 6 Die Versuchspersonen waren aufgefordert, sich den Zeitpunkt zu merken, an dem ihnen die Intention oder der Wunsch, den Knopf zu drücken, zuerst bewusst wurde. 7 Mit Hilfe einer Oszilloskop-Uhr 8 wurde gemessen, (1) wann den Versuchs- 318 Imago Hominis Band 16 Heft 4 G. Pöltner: Das Wunder des Erkennens personen nach eigenen Aussagen der Wunsch oder die Absicht des Knopfdrückens bewusst wurde und wann (2) die Muskelaktivität, das Drücken des Knopfes, eingesetzt hat. Dabei zeigte sich, dass dem Einsetzen des bewussten Handlungswunsches jedes Mal eine unbewusste elektrische Veränderung im Gehirn vorausgegangen war. Freien Willenshandlungen geht eine spezifische elektrische Veränderung im Gehirn voraus (das Bereitschaftspotential, BP), die 550 ms vor der Handlung einsetzt. Menschliche Versuchspersonen wurden sich der Handlungsintention ms nach Beginn von BP bewusst, aber 200 ms vor der motorischen Handlung. Der Willensprozess wird daher unbewusst eingeleitet. Aber die Bewusstseinsfunktion kann die Handlung durch ein Veto verbieten. Willensfreiheit ist daher nicht ausgeschlossen. 9 Es sei vorerst dahingestellt, ob die Selbstinterpretation Libets schlüssig ist oder nicht. Einige Neurowissenschaftler haben jedenfalls den entgegengesetzten Schluss gezogen. Weil in diesen Experimenten die spezifisch elektrische Gehirnveränderung ( Bereitschaftspotential ) dem Willensruck 10 vorausgeht, sei der Wille nicht frei, vielmehr werde die Handlung vom Gehirn (Gehirnprozessen) verursacht. 11 Der bewusste Willensimpuls, so Prinz, sei so etwas wie das Ratifizieren einer Entscheidung, die das Gehirn schon getroffen hat: Ich will, was ich tue. 12 Und nicht umgekehrt: Ich tue, was ich will. Roth erklärt, dass der bewusste Willensakt gar nicht der Verursacher der genannten Bewegung sein könne, weil diese Bewegung bereits vorher durch neuronale Prozesse festgelegt, d. h. kausal verursacht ist. 13 Daher müsse in der Tat gesagt werden: Nicht mein bewusster Willensakt, sondern mein Gehirn hat entschieden. 14 Oder: Nicht das Ich, sondern das Gehirn hat entschieden. 15 Wolfgang Prinz bringt die Sache auf den Punkt, wenn er erklärt: [ ] um festzustellen, dass wir determiniert sind, bräuchten wir die Libet-Experimente nicht. Die Idee eines freien menschlichen Willens ist mit wissenschaftlichen Überlegungen prinzipiell nicht zu vereinbaren. Wissenschaft geht davon aus, dass alles, was geschieht, seine Ursachen hat und dass man diese Ursachen finden kann. 16 Wenn dem so ist, sind mindestens zwei Dinge erklärungsbedürftig. (1) Woher stammt die Illusion, ein Freiheitswesen zu sein? (2) Was soll mit unserem Rechtssystem geschehen, das den Menschen als der Verantwortung fähiges Wesen, d. i. als Freiheitswesen zur Voraussetzung hat? Die von Wolf Singer stammende Antwort auf die erste Frage besteht aus zwei Teilantworten: Sie beruft sich (a) auf das asylum ignorantiae und (b) auf das Vergessen von Zuschreibungen. Weil die unser Handeln determinierenden Gehirnvorgänge uns verborgen bleiben, gewinnt die im Bewusstsein aufscheinende Entscheidung den Anschein, sie sei nicht verursacht. 17 Da wir nun aus Erfahrung wissen, dass nichts ohne Ursache ist, setzen wir an die Stelle der verborgen bleibenden Gehirnvorgänge den Willen als Ursache ein. 18 Die zweite Teilantwort lautet: Die Idee der Freiheit ist uns in früher Kindheit von unseren Erziehungspersonen zugeschrieben worden. Wir sind im Sozialisationsprozess gewissermaßen daraufhin trainiert worden, uns für frei zu halten. Weil wir das aber vergessen haben, Opfer einer frühkindliche[n] Amnesie sind, halten wir uns jetzt fälschlicherweise für frei. 19 In der Antwort auf die zweite Frage, d. i. diejenige nach den Konsequenzen für das Rechtssystem, zeigt sich die Unhaltbarkeit des Erklärungsanspruchs. Es unterbleibt die Reflexion auf die Diskrepanz zwischen gelebtem und neurowissenschaftlich erklärtem Leben. Wer menschliche Freiheit als Illusion erklärt, müsste konsequenterweise auch unser Rechtssystem für illusionär erklären. Denn wenn Handlungen bloße Ratifizierungen von Gehirnprozessen und Menschen demnach die Ausführungsorgane dieser Prozesse sind, wäre es absurd, sie gerichtlich zur Verantwortung zu ziehen. Die Gerichtstätigkeit bestünde ja ebenfalls in bloßen Ratifizierungen von Gehirnprozessen, nur eben anders verlaufenden, nämlich derjenigen der Richter. Auf die Frage, ob wir nicht unser Rechts- Imago Hominis Band 16 Heft 4 319 Schwerpunkt Naturwissenschaft und Religion system abschaffen müssten, antwortet Prinz: Wir müssen keineswegs, solange wir die Inkompatibilität der alltagspsychologischen Intuitionen und der wissenschaftlichen Erkenntnisse aushalten können. 20 Allerdings, so Prinz weiter, könnten wir auch ein anderes Rechtssystem aufstellen, das z. B. Zahlungen für zugefügten Schaden vorsieht, ohne dass man dem Handelnden Freiheit und Schuldfähigkeit unterstellt. 21 Die Antwort ist inkonsequent, weil sie genau das in Anspruch nimmt, was sie vorher geleugnet hat. Sich zum Aushalten von Inkompatibilitäten entscheiden oder ein anderes Rechtssystem etablieren, sind Freiheitsvollzüge, wie im übrigen auch das Aufstellen von freiheitsleugnenden Theorien. 2. Kritische Anfragen So selbstbewusst dieses Aufklärungsprogramm auftritt, so fragwürdig ist es. Wir übergehen die problematische Verkürzung menschlicher Entscheidungen auf ein plötzliches Schnippen des Handgelenks (Libet). Die Entscheidung zu handeln ist ja in Wahrheit schon vorher gefallen, als sich die Versuchspersonen entschlossen hatten, aus welchen Gründen auch immer, an dem Experiment teilzunehmen. Ihnen wurden genaue Verhaltensweisen vorgegeben, auf die sie sich dann vor dem Beginn des Experiments zu konzentrieren hatten. Nach Habermas könnte das Bereitschaftspotential durchaus diese Phase widerspiegeln. 22 Das trifft aber noch nicht den entscheidenden Punkt. Die Fragwürdigkeit betrifft die unreflektiert bleibenden Voraussetzungen des Experiments. Zwei solcher Voraussetzungen seien im folgenden näher untersucht. (1) Der Freiheitsbegriff, der den neurowissenschaftlichen Experimenten zugrunde liegt, (2) der Gegensatz von Freiheit und deterministischer Natur. 2.1 Der vorausgesetzte Freiheitsbegriff Umdeutung von Freiheit in einen beobachtbaren Naturvorgang Wer die menschliche Freiheit auf den experimentellen Prüfstand stellt, muss sich vorher über den Freiheitsbegriff Rechenschaft geben, den er seinem Experiment als Leitidee zugrunde gelegt hat. Bevor noch der allererste Schritt des Experiments getan wird, muss gefragt werden, ob die Leitidee sachlich angemessen ist, d. h. auch wirklich Freiheit und nicht etwas anderes zu ihrem Inhalt hat. Welche Instanz entscheidet über die sachliche Angemessenheit der Leitidee? Nicht das Experiment, denn dieses kann nur deshalb durchgeführt werden, weil dessen Untersuchungsgegenstand dem Experimentator schon von anderswoher vertraut ist, was nicht schon heißen muss, von ihm methodisch-kritisch reflektiert ist. Freiheit ist ein Datum unserer lebenspraktischen Erfahrung im Miteinandersein. Hier im lebensgeschichtlichen Umgang miteinander zeigen sich Freiheitsphänomene wie Verantwortung, Schuld, Verzeihung, Lob, Tadel. Hier ist der Ort der Institutionen, die für die Verwirklichung der Freiheit unabdingbar sind, wie z. B. die Institution des Rechts. Über die Sachangemessenheit eines Freiheitsbegriffs entscheidet nicht das neurowissenschaftliche Experiment, sondern die lebenspraktische Freiheitserfahrung. Sie muss sich in einem methodisch-kritisch reflektierten Freiheitsbegriff wiederfinden können und durch ihn zu vertieftem Selbstverständnis kommen können. Genau das aber ist nicht der Fall. Die dem neurowissenschaftlichen Aufklärungsprogramm zugrundeliegende Leitidee ist das Resultat einer Uminterpretation: Sie hat menschliche Freiheit von vornherein in einen beobachtbaren Naturvorgang, d. h. in ein Ereignis umgedeutet, das zu Antezedensbedingungen in einem naturgesetzlich beschreibbaren Abhängigkeitsverhältnis steht. Auf den Zustand A folgt nach dem Gesetz G der Zustand B (Hempel- Oppenheim-Schema). Die Umdeutung ist kritisch motiviert. Sie möchte die Vorstellung entkräften, Freiheit sei eine reine, unbedingte Spontaneität, die aus allen Naturzusammenhängen herausgelöst ist und ihnen antithetisch gegenübersteht. Die Umdeutung basiert auf der Unterscheidung zweier Perspektiven: der Erste-Person-Per- 320 Imago Hominis Band 16 Heft 4 G. Pöltner: Das Wunder des Erkennens spektive und der Dritte-Person-Perspektive, der Beobachterperspektive. Bei Wolf Singer heißt es: Wahrnehmen, Vorstellen, Erinnern, Vergessen, Bewerten, Planen und Entscheiden, und schließlich die Fähigkeit, Emotionen zu haben [ ] lassen sich operationalisieren, aus der Dritten-Person- Perspektive heraus objektivieren und im Sinne kausaler Verursachung auf neuronale Prozesse zurückführen. 23 Nun lassen sich Handlungen gewiss objektivieren, nur muss man sich dabei bewusst bleiben, dass mit ihrer Objektivierung genau das eliminiert wird, was das menschliche Handeln als Handeln ausmacht: ein willentlicher, von Gründen bestimmter, d. i. ein motivierter Selbstvollzug eines Menschen zu sein. An dieser Stelle ist an eine wichtige Unterscheidung zu erinnern. Nicht alles, was Menschen tun, sind schon menschliche Vollzüge im strengen Wortsinn (actus humani). Nur diejenigen Vollzüge, die den Menschen selbst zum Urheber haben, seiner Initiativkraft entsprungen sind, sind menschliche Vollzüge. Andere Tätigkeiten, die einem Menschen zugeschrieben werden können wie z. B. das Atmen, zwanghafte Verrichtungen, Suchtverhalten, sind zwar Verhaltensweisen des Menschen (actus hominis), aber nicht solche, die er als er selbst verantwortet. Sie geschehen ohne sein Zutun. Weshalb wir dann sagen, er kann nichts dafür. Und es ist nicht das begleitende Bewusstsein, das eine menschliche Handlung als menschliche auszeichnet. Ich atme z. B., wenn ich bei Bewusstsein bin, deshalb ist das Atmen aber keine freie Handlung. Nur diejenigen Vollzüge sind menschliche, d. h. freie Vollzüge, die aus willentlicher Überlegung hervorgehen (quae ex voluntate deliberata procedunt). 24 Frei ist nur der überlegte Wille Ursachen und Gründe Freies Handeln ist mannigfach bestimmt (und so gesehen determiniert). Es ist ein von Gründen (= Beweggründen, Motiven) bestimmter Vollzug. Welche Gründe es sind, die für verbindlich erachtet werden, hängt von den Überlegungen ab, die wir angestellt haben, davon ab, wie wir mit uns selbst zu Rate gegangen sind, hängt weiters ab von soziokulturellen und naturalen Bedingungen wie z. B. Erziehung, Veranlagung, Charakter, von Grundentscheidungen (Entscheidungen für einen Partner, für einen Beruf ). Handeln heißt nicht nur: etwas so oder anders tun, sondern auch tun oder unterlassen können. Auch das motivierte Unterlassen ist eine Form des Handelns. Frei ist, wer auch anders kann. Das schließt eine uns vorgegebene naturale Dynamik, ein Gerichtet-sein auf nicht aus, sondern im Gegenteil ein. Ohne solch ein Aus-sein-auf 26 gäbe es keine Wahlfreiheit. Wir wüssten gar nicht, was wir wollen sollen. Menschliche Zwecksetzung setzt Ziele voraus, die sich nicht einer menschlichen Zwecksetzung verdanken. Aber die unser Handeln bestimmenden Gründe sind keine Ursachen. Sie bestimmen uns nicht zwanghaft. Nur wo wir uns genötigt erfahren, anders, d. h. gegen unsere für richtig erachteten Überlegungen zu handeln, reden wir von Unfreiheit. Die Gründe bestimmen uns, indem wir uns von ihnen bestimmen lassen. Sie gewinnen ihre handlungsmotivierende Kraft in diesem Lassen. Sie nötigen uns nicht, sondern binden uns, indem wir uns an sie binden und sie uns zu eigen machen. Nur so sind wir selbst die Urheber unserer Handlungen. Wir selbst handeln nicht etwas in uns und an unserer Stelle. Gewiss gibt es die Möglichkeit, durch Manipulation Menschen dazu zu bringen, dass sie tun, was Dritte von ihnen wollen (Hypnose, Gehirnwäsche, pharmakologische Einwirkungen). Und gewiss gibt es Vollzüge, die wir fälschlicherweise uns selbst zuweisen. Man kann sich bezüglich der eigenen Urheberschaft täuschen. Aber das zeigt bloß, dass die Möglichkeit besteht, jemanden in seiner Urheberschaft auszuschalten. Und die Möglichkeit, sich bezüglich der eigenen Urheberschaft zu täuschen, berechtigt noch nicht zur prinzipiellen Schlussfolgerung, das Handeln aus eigener Initiativkraft sei eine Illusion. Solch eine Schlussfolgerung verstrickt sich in einen performativen Widerspruch. Imago Hominis Band 16 Heft 4 321 Schwerpunkt Naturwissenschaft und Religion Dass die den neurowissenschaftlichen Experimenten zugrundeliegende Freiheitsidee genau das eliminiert hat, was das Handeln als Handeln ausmacht, zeigt die Wortwahl. Das beginnt schon damit, dass die unhintergehbare lebenspraktische Freiheitserfahrung, die unser Miteinanderleben trägt, als Alltagspsychologie ausgegeben und damit zu einer bloßen Vorstufe herabgesetzt wird, die in der wissenschaftlichen Psychologie überwunden ist. Roth behauptet, [ ] dass die klassisch-philosophische wie auch alltagspsychologische Aussage Mein Arm und meine Hand haben nach der Kaffeetasse gegriffen, weil ich dies so gewollt habe nicht richtig ist. 27 Dieser Satz ist in der Tat nicht richtig, aber aus anderen Gründen als den angeführten. Dieser Satz ist weder eine klassisch-philosophische (welche?) noch eine alltagspsychologische Aussage, sondern Ausdruck einer vergegenständlichenden Einstellung, die den eigenen Leib zu einem beobachtbaren Gegenstand distanziert. Er ist Ausdruck einer methodischen Selbstausschaltung, die vergessen hat, auf ihre eigenen Ermöglichungsbedingungen zu reflektieren. In dem zitierten Satz betrachtet der Sprechende seinen Leib als einen beliebigen Gebrauchsgegenstand, zu dem er in einer Art Eigentumsverhältnis steht. Zwischen mein Arm und meine Kaffeetasse liegt kein semantischer Unterschied mehr. Der Sprechende lässt unausgesprochen, dass er selbst als leibliches Wesen es ist, der diese Selbstausschaltung vornimmt. Es greift weder mein Arm noch meine Hand nach der Kaffeetasse, sondern ich hebe meinen Arm und greife nach der Tasse. Und mein Arm führt auch nicht eine Greifbewegung aus, weil ich es so gewollt habe. Nicht will ich, dass mein Arm nach der Kaffeetasse greift, sondern i
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