Gesundheit ist ein Menschenrecht

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D E Gesundheit ist ein Menschenrecht Nachrichten Berichte Reportagen COMPAREX Roadshow für Kirchen & Wohlfahrtsverbände MISSION ZUKUNFT. Digitalisierung 2018 COMPAREX ROADSHOW FÜR DIE VERBÄNDE
D E Gesundheit ist ein Menschenrecht Nachrichten Berichte Reportagen COMPAREX Roadshow für Kirchen & Wohlfahrtsverbände MISSION ZUKUNFT. Digitalisierung 2018 COMPAREX ROADSHOW FÜR DIE VERBÄNDE DER FREIEN WOHLFAHRTSPFLEGE COMPAREX hat sich neben der Festschreibung eines einzigartig günstigen Konditionenmodells für Microsoft Online-Produkte und -Services in hohem Maße für die Schaffung der vertraglichen Grundlagen engagiert, damit die in den Rahmenverträgen inkludierten Microsoft Cloud-Technologien sinnvoll implementiert werden und den maximalen Mehrwert liefern können. Das COMPAREX Experten-Team berät Sie zu den Themen Lizenzierung, Beschaffungsmöglichkeiten, Implementierung und Einsatz von Microsoft Online Services in der Praxis und berücksichtigt dabei auch relevante Haftungs- oder Datenschutzfragen. Lassen Sie sich die zentralen Aspekte einer gelungenen Digitalisierung vorstellen persönlich, offen, ehrlich. Wir freuen uns, Sie zu einem unserer Roadshow-Termine begrüßen zu dürfen. Die Teilnahme ist für Sie kostenfrei. THEMEN: Rahmenverträge als Basis Ihrer Digitalisierung Erste Schritte Neuer Microsoft Online-Vertrag was passiert mit den klassischen Microsoft Lizenzen? Fachvorträge: Vorstellung + Nutzenanalyse aktueller Projekte Office 365 Erfahrungen mit Office 365 im Projekteinsatz Das Projekt Microsoft Azure Servicebetrieb auf Abruf Sicherheit im laufenden Betrieb von Services Regionale Initiativen und Verbände berichten aus der Praxis TERMINE: in Berlin in Hamburg in Köln in Bad Homburg in München DIE NEUEN RAHMENVERTRÄGE: BASIS FÜR DIE DIGITALISIERUNG Bereits heute sichert die Digitalisierung den Wohlfahrtsverbänden in Deutschland enorm viele Chancen: sichere Kommunikation, mobiles und gemeinschaftliches Arbeiten, attraktive Arbeitsplätze. Und die Vorteile reichen von garantierter Verfügbarkeit über moderne Konzepte für neue IT-Services bis hin zu weniger Kosten bei mehr Qualität. Als autorisierter Vertragspartner unterstützt COMPAREX alle Einrichtungen der BAGFW beim Bezug von Microsoft Online- Produkten und -Services über vorverhandelte Rahmenverträge mit dem Lizenzgeber Microsoft. Sie profitieren vollumfänglich von einem vordefinierten und praxiserprobten Einstiegspfad bis hin zur optimalen Nutzung der Microsoft Cloud-Technologien und von lukrativen COMPAREX Sonderkonditionen. Bis 75 % Preisersparnis gegenüber EA Level D Vertraglich fixierter Rahmen für Aufwands- und Risikominimierung Mit BAGFW und WGKD abgestimmtes Rundum-Sorglos- Service-Paket Melden Sie sich jetzt an: Ihr Ansprechpartner: Alexander Ginzel, Key Account Manager phone: mobile: Inhalt 8 12 Editorial 4 Thema Gesundheit ist ein Menschenrecht! Gesundheit: Menschenrecht oder Privileg? Menschenrecht! 5 Drei Fragen an Prof. Dr. Gerhard Trabert zum Thema Armut und Gesundheit 7 Das Leben ohne gesetzliche Krankenversicherung 8 Gesundheitsrisiko Chronisch krank zu sein bedeutet oft, arm zu sein 12 Kurz vorgestellt: Der Preis der Ungleichheit - Armut als Gesundheitsrisiko vom Paritätischen Bremen 13 Drei Fragen an Heike Gronski zum Projekt Praxis Vielfalt der Deutschen AIDS-Hilfe 14 Heilmittel Sprache: Zum Umgang mit den sprachlichen Problemen im Gesundheitswesen 15 Gesund altern im Quartier. Ein Mobilisierungsprojekt des Selbsthilfebüros Darmstadt 17 Kommentar: Eine für alle. Die Bürgerversicherung 18 Die Mondscheinkinder: Ein Leben im Schatten 19 Drei Fragen an Anne Jung von medico international 20 Zwei Jahre Präventionsgesetz: Eine allererste Zwischenbilanz 21 Handicap International: Für Menschen mit Behinderung weltweit 22 Das Bremer Modell. Die Gesundheitskarte für Flüchtlinge 22 Sozialpolitik Anforderungen an die Sozialpolitik der kommenden Bundesregierung 23 Pro und Contra: Smartphone und Tablet für die Kleinsten? 24 Inhuman : Der Paritätische kritisiert die Begrenzung des Familiennachzugs 26 Hilfen für Kinder aus Suchtfamilien 27 Verbandsrundschau Paritätischer Verbandstag Drei Fragen an Dr. Gabriele Schlimper zum Projekt Gedenkort-t4.eu 30 Frisch veröffentlicht: Neue Broschüren des Paritätischen 31 Frauen- und Mädchenrechte gehen uns alle an. 32 Mitgliedschaft, die sich lohnt und aus den Landesverbänden 33 Termine, Termine, Termine und Buchtipp 34 Aufruf!, Bildnachweise und Impressum Nicht nur gedruckt sondern auch unter facebook.com/paritaet und bei Twitter Editorial Professor Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbands Liebe Leserinnen und Leser, Im Rahmen unserer Jahreskampagne Mensch, Du hast Recht! widmen wir uns in dieser Ausgabe unseres Verbandsmagazins dem Menschenrecht auf Gesundheit. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte schreibt in Artikel 25 das Menschenrecht auf Gesundheit als einen Bestandteil des Menschenrechtes auf einen angemessenen Lebensstandard fest. Gemeint ist damit das Recht auf angemessene gesundheitliche Versorgung. Obwohl Deutschland hier im internationalen Vergleich nicht schlecht dasteht, ist auch bei uns der Zugang zu medizinisch-gesundheitlichen Versorgungsleistungen nicht frei von Benachteiligungen und Barrieren: SGB II-Leistungsbeziehende, die sich Medikamente nicht leisten können. Wohnungslose Menschen, die selten medizinisch versorgt werden. Oder Asylbewerber/-innen, deren ärztliche Versorgung nur im Notfall sichergestellt ist. Es ist die Aufgabe der Politik, das Recht aller Menschen auf gesundheitliche Versorgung zu achten, zu schützen und zu verwirklichen. Dazu braucht es ein solidarisches Gesundheitssystem, das jedem Menschen unabhängig von seinem Einkommen, ethnischer Herkunft, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung einen diskriminierungsfreien und offenen Zugang zu einer qualitativ hochwertigen und vollständigen Versorgung gewährt. Wenn man das Recht auf Gesundheit im umfassenden Sinn versteht, dann ist die Lage in Deutschland erschreckend: Die amtlichen Statistiken belegen, dass die Lebensdauer ärmerer Menschen wesentlich geringer ist als die wohlhabender Personen in Deutschland. Männer aus dem untersten Einkommenssechstel leben im Durchschnitt elf Jahre weniger als das oberste Fünftel, bei Frauen sind es acht Jahre. Im Durchschnitt erkranken Menschen im unteren Einkommensfünftel zudem 3,5 Jahre früher an chronisch-degenerativen Erkrankungen wie Herzinfarkten, Skelettoder Lungenerkrankungen. Damit haben arme Menschen in Deutschland im Vergleich zu finanzstarken Haushalten eine um insgesamt 14 Jahre reduzierte Lebenserwartung in guter Gesundheit. Der Einfluss des sozialen Status auf die Gesundheit ist also unbestritten. Selbstverständlich hat auch das individuelle Gesundheitsverhalten einen Einfluss auf die Lebenserwartung. Aber auch das Gesundheitsverhalten wird stark durch die soziale Lage geprägt. Zudem: Weitaus stärkere Auswirkungen auf die Gesundheit eines Menschen haben seine Lebensverhältnisse. Menschen im unteren Einkommensbereich haben oftmals schlechtere Bildungschancen, kleinere Wohnungen umgeben von Verkehrslärm, gering entlohnte Arbeit, gesundheitlich belastendere Arbeit, schlechte Arbeitszeiten und weniger Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das Recht auf Gesundheit zu gewährleisten, be- deutet damit auch, gesundheitliche Chancengleichheit anzustreben. Dazu braucht es eine gesundheitsförderliche Gesamtpolitik, die die Verminderung der sozial bedingten Ungleichheit als Aufgabe aller Politikfelder betrachtet und so auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gefordert wird. Dafür notwendig ist eine stärker geförderte inklusive Bildungspolitik, von der Kita bis zur Hochschule, die allen Kindern und Jugendlichen gleiche Bildungschancen ermöglicht. Es bedarf einer Arbeitsmarktpolitik, die auch Menschen mit geringeren Qualifikationen mitnimmt sowie einer Rentenpolitik, die Altersarmut wirksam verhindert. Die Wohnungspolitik muss dafür sorgen, dass allen Menschen bezahlbarer und würdiger Wohnraum zur Verfügung steht. Nicht zuletzt muss Steuerpolitik Einkommen und Vermögen gerechter verteilen. Das alles ist Gesundheitspolitik. Das vorliegende Heft zeigt die Aktivitäten des Paritätischen und seiner Mitglieder und informiert über politische Forderungen sowie konkrete Reformvorschläge, das Recht auf Gesundheit für alle Menschen in der Praxis umzusetzen. Herzlich, Ihr 4 Schwerpunkt Gesundheit: Menschenrecht oder Privileg? Menschenrecht! In Artikel 12 des Sozialpakts der Vereinten Nationen von der Bundesrepublik also mitgezeichnet ist das Recht auf höchstmögliche körperliche und geistige Gesundheit sowie das Recht auf medizinische Versorgung für jeden Menschen festgeschrieben. Trotzdem ist auch in der Bundesrepublik Deutschland, in einem der reichsten Länder der Welt, der Gesundheitszustand noch immer vom Einkommen, Wohnort, Geschlecht und Bildungsstand abhängig. Der soziale Status entscheidet nach wie vor auch hier darüber, wie lange ein Mensch über die Lebensspanne gesund bleibt und wie hoch seine Lebenserwartung ist. Soziale Lage und Gesundheit Es ist hinlänglich bekannt, dass die soziale Lage einen entscheidenden Einfluss auf den Gesundheitszustand hat. Menschen mit niedrigem Sozialstatus leben in Deutschland im Durchschnitt zehn Jahre kürzer als Menschen mit hohem Sozialstatus. Die Gründe dafür sind vielfältig: schlechtere Bildungsund Berufschancen, schlechtere Arbeits- und Wohnbedingungen, schlechtere Gesundheitsversorgung, soziale Isolation und vieles mehr. Unter den aktuellen politischen Bedingungen ist eine Änderung nicht in Sicht, denn die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Jeder Mensch hat jedoch das gleiche Recht auf einen barrierefreien Zugang zu umfassender gesundheitlicher Versorgung bei Krankheit und Pflegebedürftigkeit. Dieses grundlegende Menschenrecht muss unabhängig von Alter, Geschlecht, Wohnort, Herkunft, Religion oder Einkommen garantiert werden. Dies ist eine der zentralen Forderungen des Paritätischen Gesamtverbandes. Denn: Gesundheit ist nicht alles aber ohne Gesundheit ist alles nichts. Gesundheit ist zudem eine der zentralen Voraussetzungen für gesellschaftliche Teilhabe und Selbstbestimmung. Dringend benötigt werden daher gesundheitsförderliche Lebensbedingungen für alle Menschen. Dafür ist ein sozialpolitisches Maßnahmenpaket notwendig, das die Arbeitsmarkt-, Bildungs-, Wohnungs-, Umwelt-, Kinderund Familienpolitik wirksam zusammenführt. Strategien der Gesundheitsförderung und Prävention können einen Beitrag dazu leisten, die beschriebene sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen zu verringern. Trotz Verabschiedung eines Präventionsgesetzes im Jahr 2015 bleiben die Maßnahmen zur Gesundheits förderung und Prävention vornehmlich im Leistungsspektrum der gesetzlichen Krankenkassen. Zudem sind sie in der Regel zeitlich befristet, dadurch wenig nachhaltig und vor allem nach wie vor massiv unterfinanziert. Notwendig ist der Einbezug von Bund und Ländern in die Finanzierung und die Schaffung von flächendeckenden und dauerhaften Angeboten, die in den Lebenswelten der Menschen ansetzen also dort, wo gelebt, gelernt, gewohnt, gespielt und gearbeitet wird. Die Angebote müssen die Menschen erreichen und dazu beitragen, ihre Lebenskompetenzen zu erhöhen und darauf zielen, die Lebenswelt der Menschen zu verbessern. Aufweichung des Solidarprinzips Auch bei der medizinischen Versorgung gibt es viel zu tun. Jahrzehntelang bildeten das Solidarprinzip und die paritätische Finanzierung eine feste Säule des gesetzlichen Krankenversicherungssystems. Der schrittweise Umbau des Sozialstaats im Zuge der Agenda 2010 hat jedoch auch vor dem Gesundheitssystem nicht Halt gemacht. Mehrere Gesundheitsreformen der vergangenen Jahrzehnte haben zu einer Umverteilung von unten nach oben geführt. Dazu zählten: die Praxisgebühr, Eigenbeteiligungen, Zusatzbeiträge durch Abschaffung der paritätischen Finanzierung und Kürzungen medizinischer GKV-Leistungen. Die Praxisgebühr wurde 2013 zwar zum Glück für gescheitert erklärt und abgeschafft, geblieben sind dennoch eine Reihe finanzieller Mehrkosten, die allein die gesetzlich Versicherten zu tragen haben. Nicht nur für chronisch kranke und ältere Menschen sind die Eigenbeteiligungen für Arznei-, Heilund Hilfsmittel, Rezeptgebühren etc. eine enorme finanzielle Belastung. Aus unserer Sicht gehören all diese Zuzahlungen, Zusatzbeiträge und Eigenbeteiligungen (inkl. Brillen und Zahnersatz) abgeschafft. Hinzu kommt, dass Zehntausende in Deutschland trotz bestehender Versicherungspflicht nicht krankenversichert sind. Offizielle Zahlen sprechen von Menschen, die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher, da z.b. Wohnungs- und Obdachlose sowie Menschen ohne Papiere überhaupt nicht statistisch erfasst werden. Auf dem Weg zu einer gerechteren gesundheitlichen Versorgung ist die Einführung einer solidarischen Bürgerversicherung daher aus unserer Sicht ein entscheidender Schritt. Das duale System aus privater und gesetzlicher Krankenversicherung gehört abge- 5 Schwerpunkt schafft, denn durch diese Trennung zahlen rund 11 Prozent der Bevölkerung nicht in das Versicherungssystem ein. Wohlhabende sollten aber den gleichen Anteil ihres Einkommens einzahlen wie arme Menschen und alle Einkommensarten gleichermaßen einbezogen werden. Die Abschaffung des dualen Krankenversicherungssystems kann zu einer grundlegend besseren gesundheitlichen Versorgung beitragen. Dazu zählen u.a.: gute medizinische Versorgung in Wohnortnähe, kürzere Wartezeiten für Arzttermine, Wegfall bestimmter Behandlungsprivilegien und eine bessere medizinische Versorgung für alle. Rückkehr zur paritätischen Finanzierung Die Einführung einer Bürgerversicherung rückt bei der Fortsetzung der Großen Koalition erneut in weite Ferne. Lediglich in einem, wichtigen Punkt, gibt es Anlass zur Hoffnung: Im Koalitionsvertrag von SPD und Union wurde die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung festgelegt. Damit entfielen künftig die ungerechten Zusatzbeiträge, die seit 2010 allein von den gesetzlich Krankenversicherten getragen werden mussten. Zugangsgerechtigkeit und Solidarität sind die Kernelemente und die Basis eines Gesundheitssystems, das allen hier lebenden Menschen eine gute medizinische Versorgung zusichert. Für die Verwirklichung dieses Ziels werden wir uns auch künftig mit ganzer Kraft einsetzen. Martina Huth, Referentin für Gesundheit, Prävention und Bevölkerungsschutz beim Paritätischen Gesamtverband Unsere Kampagne 2018 MENSCH, DU HAST RECHT! Der Paritätische Wohlfahrtsverband und seine Mitglieder treten täglich für die sozialen und individuellen Menschenrechte ein. Wir wissen durch unsere Arbeit, dass diese Grundrechte vielfach verletzt und missachtet werden. Wir wissen, dass wir um ihre Einhaltung und ihren Ausbau kämpfen müssen. Im 70. Jahr der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte setzen wir genau dort mit unserer Kam pagne MENSCH, DU HAST RECHT! an: Als Träger der freien Wohlfahrtspflege machen unsere Mitglieder und wir uns stark für die Einhaltung der Menschenrechte. Geplant sind zahlreiche Veranstaltungen und Aktivitäten rund um die zentralen Themen Wohnen, Gesundheit, Bildung, Selbstbestimmung, Teilhabe und Schutz. Siehe auch die Seiten 28 und 29. Alle Informationen sind abrufbar auf: 6 Schwerpunkt Drei Fragen an Prof. Dr. Gerhard Trabert zum Thema Armut und Gesundheit Prof. Dr. Gerhard Trabert ist Gründer und erster Vorsitzender des Vereins Armut und Gesundheit in Deutschland e.v. Der 1997 gegründete Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, obdachlosen und sozial benachteiligten Menschen gesundheitlich zu helfen. Er ist außerdem Buchautor, Mitglied der Nationalen Armutskonferenz und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Sein Verein präsentiert sich unter Herr Prof. Trabert, Sie behandeln Menschen, die durch das gesundheitliche Versorgungsnetz gefallen sind. Welche Menschen in Not suchen Ihre Hilfe? Von Armut und Ungleichheit in Bezug auf die Gesundheitsversorgung sind in Deutschland viele Gruppen betroffen: Von Menschen mit einem regulären, gesetzlichen Sozialleistungsanspruch über Wohnungslose Menschen bis hin zu Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus und vielen weiteren. Das Gesundheitssystem in Deutschland zeigt zunehmend Versorgungsdefizite und Lücken gegenüber verschiedenen Personengruppen auf. Dies hat strukturell bedingte gesundheitsgefährdende Auswirkungen. Die Morbidität und die Mortalität in bestimmten Bevölkerungsgruppen nehmen signifikant zu. So sterben arme Frauen acht Jahre und arme Männer elf Jahre früher als reiche Menschen in Deutschland. Sie gelten als Vater des Mainzer Modells. Können Sie kurz erklären, was das ist? Das sogenannte Mainzer Modell versucht die zunehmenden Versorgungslücken in unserem Gesundheitssystem durch ein niedrigschwellig angelegtes und interdisziplinär ausgerichtetes medizinisches Versorgungsangebot zu schließen. Als Ergebnis der Analyse der Gesundheitssituation sozial benachteiligter und insbesondere wohnungsloser Menschen, stellt der lebensraumorientierte Ansatz den Grundgedanken und methodischen Ansatz dar: Kommt der meist wohnungslose Patient nicht zum Arzt, muss der Arzt zum Patienten gehen. Ein wesentlicher Baustein ist das sogenannte Arztmobil. Dies ist eine Form mobiler medizinischer Versorgungseinrichtung, umgangssprachlich fahrendes Sprechzimmer, um die Menschen in Sammelunterkünften, Teestuben und auf der Straße medizinisch versorgen zu können. Darüber hinaus haben wir 2014 eine Poliklinik für nicht krankenversicherte Menschen in Mainz aufgebaut. Inter- und multidisziplinär bieten hier Ärzte, Sozialarbeiter, Krankenschwestern, Arzthelferinnen und Hebammen unterschiedliche Sprechstunden an. Was müsste Ihrer Meinung nach auf der politischen Ebene passieren, damit Ihre Arbeit überflüssig wird? Innerhalb der Diskussion zur Gesundheitsversorgung von sozial benachteiligten Menschen in Deutschland sind drei Handlungsebenen bzw. Aktionsbereiche von entscheidender Bedeutung: Erstens ist eine von Respekt und Wertschätzung geprägte Diskussion zum Kontext Armut und Gesundheit einzufordern. Dies ist leider, gerade auch im Hinblick von Äußerungen politischer Entscheidungsträger, immer noch nicht der Fall. Armut als individuelles Versagen zu bezeichnen ist inhaltlich falsch und diffamierend sowie stigmatisierend. Zweitens muss auf der praktischen Ebene schnell, kompetent, betroffenenzentriert agiert werden. Aufgrund der Feststellung, dass das bestehende Gesundheitssystem zunehmend Menschen in besonderen Lebenslagen nicht erreicht, sind Überlegungen im Sinne einer Umstrukturierung der medizinischen Versorgung notwendig. Die klassische Komm-Struktur im ärztlichen Bereich, also der Patient, der zum Arzt kommt, ist durch eine Geh- Struktur, der Arzt geht zum Patienten, zu ergänzen. Ein niedrigschwelliges medizinisches Versorgungsangebot vor Ort, in sozialen Brennpunkten, Wohnungsloseneinrichtungen, Drogenberatungsstellen, Arbeitsämtern, Schulen, Kindergärten muss verstärkt und konsequent praktisch umgesetzt werden. Die Finanzierung muss staatlich gefördert werden. Drittens sind die gesellschaftsstrukturellen Verursachungsmechanismen zu identifizieren und abzuschaffen. Entsprechend vorgegebene Rahmenbedingungen, in Gesetzestexten, Bestimmungen, Handlungsanweisungen usw., sind zu verändern. Beispiele sind die vollkommene Befreiung von Zuzahlungen und Eigenbeteiligungen im Gesundheitssektor für Transferleistungsbezieher. Finanzierung von Sehhilfen als Regelleistung durch die Krankenkassen. Umstrukturierung des dualen Krankenversicherungssystems in Richtung einheitlicher Bürgerversicherung. Jeder Mensch hat ein Recht auf eine menschenrechtskonforme Gesundheitsversorgung. Die Fragen stellte Philipp Meinert 7 Schwerpunkt... und raus bist Du! Das Leben ohne gesetzliche Krankenversicherung In Deutschland leben rund Menschen ohne jegliche Krankenversicherung. Was machen sie, wenn sie mal krank sind? Dann gehen sie zu Ärzten wie Jenny De la Torre in Berlin-Mitte. Selbst in einem reichen Land wie Deutschland können viele Menschen ihre Beiträge zur gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung aus unterschiedlichen Gründen nicht oder nur sporadisch zahlen, manche über Monate und sogar über Jahre hinweg. Auf die
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