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Herkunft Ankunft Zukunft. Neue Herausforderungen für Frauen und Gesundheit Dokumentation der 23. AKF-Jahrestagung 2016 Ist das Wissen um unsere Wurzeln wichtig für unser Leben? Podiumsdiskussion mit Prof.
Herkunft Ankunft Zukunft. Neue Herausforderungen für Frauen und Gesundheit Dokumentation der 23. AKF-Jahrestagung 2016 Ist das Wissen um unsere Wurzeln wichtig für unser Leben? Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Michi Knecht, Magdalena Kotowski, Ulrike Riedel und Prof. Dr. Christina Schües Moderation: Dr. Eva Schindele Dr. Eva Schindele: Wir haben heute Morgen schon Einblicke in die Geschichte der Reproduktionsmedizin gewinnen können. Ich möchte zu Beginn kurz die feministische Diskussion zum Thema Reproduktionsmedizin nachzeichnen wurde das erste Retortenkind Louise Brown geboren. Damals wurde diese Form des Kindermachens mehrheitlich abgelehnt, vor allem wegen der Künstlichkeit des Verfahrens und der Angst davor, dass die künstliche Erzeugung den Kern des Humanen bedrohen könnte. Die feministische Kritik bündelte sich Anfang der 1980er Jahre in der Gründung von FINRRAGE (Feminist International Network Against Reproductive Technologies and Genetic Engineering) und prangerte vor allem die Mütterideologie an. Auch andere Feministinnen kritisierten den Zwang zur biologischen Mutterschaft, der durch diese neuen Angebote geschürt werden würde, ebenso wie die Manipulation des weiblichen Körpers durch die gesundheitlich riskanten und entmündigenden Methoden dieser Technologien. Ich gehörte von Anfang an zu diesen Kritikerinnen. Nicht zuletzt befürchteten wir damals, dass das Kind dadurch zu einem Produkt wird und schon im Labor einer Produktkontrolle bedarf. In den späten 1990er Jahren änderten sich die öffentlichen Debatten grundlegend. Aus dem Retortenbaby, was ja schon begrifflich die Künstlichkeit anzeigt, wurde das Wunschkind. Heute hat das Wunschkind einen hohen Stellenwert und ist zum Projekt der Eltern geworden. Hinter der enormen Dynamik und dem Boom der Reproduktionstechnologie steht ein kapitalistisches Verwertungsinteresse. Es rentiert sich, den Lebensanfang nachzubauen und zu vermarkten. So verwundert es nicht, dass sich regelrecht eine Kinderwunschindustrie entwickelt hat, die nach globalen Kriterien funktioniert und in der die Eltern als Käuferin und Käufer eine wichtige Rolle spielen: Wo bekomme ich die günstigste und erfolgversprechendste Behandlung, günstige und qualitativ gute Eizellen, den properen Samen? Wo erleichtern die gesetzlichen Bedingungen den Zugang zu den Rohstoffen, wo kann ich einfach eine Mietmutter anheuern? Daneben gibt es aber auch noch private Arrangements, zum Beispiel die Samenspende, die ja kein medizinisches Know-How an sich erfordert. Ulrike Riedel hatte dies schon als Bechermethode angesprochen. Jüngere Feministinnen können den reprotechnischen Möglichkeiten inzwischen durchaus etwas abgewinnen. So könnte die Geschlechterungerechtigkeit aufgehoben werden, sagen sie einer der Aspekte, die ich gleich auf dem Podium diskutieren möchte. Ansprechen möchte ich auch, inwieweit die medizintechnischen Möglichkeiten alte Gewissheiten infrage stellen. Bisher war immer sicher, wer die Mutter ist. Kinder haben eine Geschichte, eine Familienerzählung darüber, woher sie kommen. Christina Schües hat darüber schon in ihrem Vortrag heute Vormittag gesprochen. Meine Frage: Brauchen wir eigentlich AKF e.v. Sigmaringer Str Berlin Vertretungsberechtigter Vorstand: Registergericht: Bank für Sozialwirtschaft Tel.: Dr. Dagmar Hertle (1. Vorsitzende) Amtsgericht Konto: Fax: Karin Bergdoll (2. Vorsitzende) Charlottenburg BLZ: Ellen Ohlen (Kassenwartin) Registernummer: IBAN: DE Sabine Striebich (Schriftführerin) VR B BIC: BFSWDE33BER Gewissheiten, Orientierungen, die sich vor allem auf den Anfang und das Ende des Lebens beziehen? Über die Ränder unserer Existenz, also den Anfang und das Ende des Lebens, ist in den letzten Jahrzehnten viel diskutiert worden. Gerade am Anfang des Lebens dominiert inzwischen die Vorstellung der Machbarkeit und damit verbunden der Verfügungsmöglichkeit durch die einzelne Frau oder das Paar. Das erfordert von den Eltern neuartige Entscheidungen und wirft ethische Fragen auf. Unser Podium heißt: Ist das Wissen um unsere Wurzeln wichtig für unser Leben? Dieser Frage und den Vorträgen des heutigen Morgens werden wir uns jetzt widmen. Auf dem Podium sitzt die Juristin Ulrike Riedel, die Ärztin Magdalena Kotowski, die Philosophin Christina Schües und die Ethnologin Michi Knecht. Zunächst möchte ich Magdalena Kotowski nach ihrer persönlichen Geschichte fragen. Sie macht gerade ihre Ausbildung zur Kinder- und Jugendpsychiaterin und ist seit fünf Jahren in dem Verein Spenderkinder e. V. aktiv. Dort haben sich Frauen und Männer zusammengefunden, die durch eine Samenspende entstanden sind. Frau Kotowski, Sie haben in einem Interview vor kurzem gesagt, es ist eine Leerstelle, dass ich nicht weiß, wer eigentlich mein Erzeuger ist. Magdalena Kotowski: Ich habe vor sechs Jahren erfahren, dass ich durch anonyme Samenspende gezeugt wurde. Ich hatte Medizin studiert und schon lange die Idee, dass ich nicht mit meinem Vater verwandt sein könnte. Es gab verschiedene Anhaltspunkte: Ich fühlte mich bei meinem Vater nicht wohl und habe gemerkt, dass in meiner Familie irgendetwas nicht stimmte. Über das Medizinstudium bekam ich eine Idee, warum das so sein könnte und fragte meine Eltern, ob Sie mir die Wahrheit über meine Herkunft sagen könnten. Ich bin durch eine anonyme Samenspende entstanden und suche seither meinen Vater, was unglaublich schwierig ist. Rechtlich müsste ich Auskunft bekommen, doch in meinem Fall wurden die Akten nach zehn Jahren vernichtet. Das entsprach damals der Aufbewahrungspflicht. Ich finde, die Wurzeln sind wichtig für einen Menschen, weil die Herkunft viel über einen selber aussagt. Man sucht ja in der Familie, wer ist mir vielleicht ähnlich? Ein ganz einfaches Beispiel ist meine Augenfarbe, die dazu führte, dass mir klar wurde: Mein Vater ist nicht mein biologischer Vater. Meine Mutter ist meine Mutter. Sie hat grüne Augen, mein Vater braune und ich aber habe blaue Augen. Diese Mischung ist relativ untypisch. Allein solche Beobachtungen lassen einen als Kind aufhorchen. Ich habe eine Halbschwester, die von einem anderen Samenspender abstammt. Wir sind sehr unterschiedlich, auch im Aussehen. Wir haben uns oft gefragt, wo wir herkommen. Meine Schwester sagte zu mir, ich wäre vom Postboten. Das war schon ganz früh in unserer Familie ein Thema. Oder: Ich habe Situationen in Krankenhäusern erlebt, wo ich familienanamnestisch gefragt wurde, ob ich vorbelastet bin. Ich saß dort und sagte: Krebserkrankungen kann ich von Seiten meiner Mutter erläutern, von meinem Vater weiß ich nichts. Die Leute denken zuerst, vielleicht ist der Vater weggelaufen. Wenn ich dann erzähle, dass ich durch anonyme Samenspende entstanden bin, verstehen sie das. So gibt es viele Momente, in denen man spürt, dass es eine Lücke gibt, die man nicht schließen kann. Dr. Eva Schindele: War das für Sie ein Schock, dass Sie erst als junge Frau über Ihre Entstehungsgeschichte erfahren haben? 2 Magdalena Kotowski: Das ist, als ob ein Vorhang runtergefallen ist. Ich hatte nur das Wort anonyme Samenspende im Kopf. Das klang für mich schambesetzt. Ich lebe in einer Gesellschaft, in der über Sexualität offen gesprochen wird, deshalb wirkt es komisch, wenn die Samenspende anonym ist. Meine Eltern sagten, du kannst den Samenspender nicht kennenlernen. Das war für mich unvorstellbar. Selbst ein Adoptivkind kann seine Herkunft erfahren. Ich sagte meiner Mutter: Das kann doch nicht sein, ihr habt doch nicht zugestimmt? Kurz danach war ich sehr traurig und hatte das Gefühl einen Verlust zu betrauern, den Verlust eines Teils meiner Identität. Dr. Eva Schindele: Haben Sie weiterhin Kontakt zu ihren Eltern, auch zu ihrem sozialen Vater? Magdalena Kotowski: Wir haben jetzt einen wunderbaren Kontakt. Meine Eltern gehen mittlerweile auch offener damit um und wir haben viele Gespräche geführt, auch über meine Bedürfnisse und über den Verlust, den ich für mich empfinde. Dr. Eva Schindele: Warum ist das Wissen um biologische Wurzeln wichtig? Ist das nicht eine Genetisierung? Ist der soziale Vater, mit dem man aufgewachsen ist, nicht viel wichtiger? Frau Professorin Michi Knecht ist Ethnologin an der Universität Bremen. Sie hat über die Lebensschutzbewegung promoviert und viele vergleichende Studien zu Reproduktionstechniken gemacht, in Deutschland und der Türkei. Ethnographisch hat sie Menschen in Samenbanken beobachtet und sich mit den Effekten der Reproduktionstechnologien auf die Verwandtschaftsbeziehungen beschäftigt. Ist das Wissen über die biologische Herkunft überall wichtig oder ist das auch eine kulturelle Frage? Prof. Dr. Michi Knecht: In unserer Gesellschaft, wie in den meisten Gesellschaften, ist das Wissen über biologische Abstammung konstitutives Wissen für Beziehungen. Das heißt: In dem Moment, wo ich etwas darüber weiß, von wem ich via Blut oder heute via Gene abstamme, bekommt das eine nicht zurückweisbare Bedeutung. Natürlich kann man sagen, ich will mit diesen Menschen keine Beziehung haben. Aber das Wissen, das eine Beziehung definiert, kann man nicht zurückweisen. Es existieren Personen, Eltern, Halbgeschwister, wer auch immer, die eine biologische Beziehung zu mir haben. Dieses Wissen ist heute abhängig von Wissenschaften. Vaterschaftstests sind historisch noch nicht so alt, aber diese Art Wissen über biologische Abstammung ist anerkannt und hat Bedeutung. Dem widerspricht nicht, dass sowohl in unseren Gesellschaften als auch historisch oder geografisch anderen Gesellschaften die Frage, wie Verwandtschaft gedacht wird und was überhaupt als Abstammung gilt, ein ganz breites Spektrum umfasst. Verwandtschaft ist ja nicht nur Abstammung. Sie setzt sich aus den drei Elementen Abstammung, Heirat und Geschwisterschaft zusammen. Jedes ist hochgradig variabel. Abstammung kann mythisch sein, Abstammung kann unilateral, kann bilateral sein, kann entweder nur über die weiblichen oder die männlichen Mitglieder vermittelt sein. Es gibt die verschiedensten Möglichkeiten, wie das gedacht wird und wie es mit Bedeutung sozial und alltäglich gefüllt wird. Dr. Eva Schindele: Ethnologen und Ethnologinnen sprechen von doing kinship. Was versteht man eigentlich darunter? 3 Prof. Dr. Michi Knecht: Auf Deutsch hieße das Verwandtschaft machend. Damit ist nicht gemeint, dass wir heute mit reproduktionstechnologischer Assistenz Verwandtschaft machen und früher war sie gegeben. Verwandtschaft ist schon immer gemacht, aber immer auch schon da. Verwandtschaft ist immer eine soziale, kulturelle und gleichzeitig biologische Tatsache gewesen. Dr. Eva Schindele: Wir werden heute anders in eine Familie hineingeboren als vor hundert Jahren. Meinen sie das? Prof. Dr. Michi Knecht: Was wir als die bürgerliche Kleinfamilie kennen und kennengelernt haben, würde ich als einen historischen Sonderfall ansehen, der für eine ganz bestimmte Situation der Früh- und Hochindustrialisierung gültig war und die Familie in einer ganz spezifischen, normativen Art und Weise enger definierte, als es historisch vorher oder anderswo üblich war. Heute haben wir es mit einer großen Pluralisierung zu tun. Auch das gab es im Laufe der Geschichte früher schon. Familienformen, die Art und Weise darüber zu denken, wer mit mir genetisch verwandt sein kann, all das kann vielfältig sein. Es gibt auch andere Kriterien, wie die miteinander verbrachte Zeit, das Sorgeempfinden, die Reziprozitätsverpflichtungen. Es gibt Gesellschaften, in denen das miteinander Essen Körper und Geist so verändern, dass darüber Verwandtschaft entsteht. Dr. Eva Schindele: In unserer gegenwärtigen Kultur ist aber das Biologische, das Genetische nach wie vor bedeutsam. Würden Sie dem zustimmen? Prof. Dr. Michi Knecht: Das ist durch die neuen Biologien und die neuen Genetiken einerseits verstärkt oder verschärft worden. Es gibt mehr Wissen über Genetik und mehr Möglichkeiten der Gestaltbarkeit im biologischen Bereich. Andererseits würde ich aber nicht von einem neuen genetischen Determinismus sprechen. Es gibt gleichzeitig ganz andere, konträre EntwickIungen. Wir können eher von einem Anwachsen von Dualitäten und Ambivalenzen sprechen über das, was als verwandt gilt. Es gibt viele Familienmodelle, die gerade nicht auf biologischer Verwandtschaft beruhen. Dr. Eva Schindele: Christina Schües, Sie haben davon gesprochen, dass am Anfang die Beziehung war, unabhängig davon, welche Familienmodelle vorherrschend sind. Aber beispielsweise bei der Mietmutterschaft baut die Frau gerade keine Beziehung zu dem Kind auf. Wie würden Sie unter diesen Gesichtspunkten die Reproduktionstechnologien in ihre philosophischen Überlegungen einordnen? Prof. Dr. Christina Schües: Ich möchte noch einmal auf die Wichtigkeit der Wurzeln zurückkommen, um davon ausgehend Ihre Frage zu beantworten. Magdalena Kotowski hat schön ausgeführt, wie es ist mit einer Leerstelle zu leben. Üblicherweise werden in diesem Zusammenhang Informationen vorenthalten, sie werden aktiv nicht weitergegeben. Das findet sicher niemand schön und das ist es, was eine Beziehung schädigen kann und betroffene Personen verunsichert. Damit komme ich zu Ihrer Frage: Wenn etwas vorenthalten wird, ist erst einmal egal, ob es genetische, biologische, soziale Information ist. Das spielt an der Stelle überhaupt keine Rolle. 4 Zweitens speist sich das Interesse etwas über meinen Herkunftsort zu erfahren daraus, wissen zu wollen, wie und warum die beteiligten Menschen miteinander Kontakt hatten. Das ist oft und traditionell Sex, heute möglicherweise auch der Becher, das Labor, Verträge. Nun ist die Frage, ob Becher, Labor, Verträge geeignet sind, dieser Beziehungskonstellation des Herkunftsortes so viel Gewicht zu geben wie Sex, Verwandtschaft, miteinander essen also miteinander gelebt zu haben. Da habe ich meine Zweifel. Mir scheint, so etwas wie Verträge stellen ungünstige Bedingungen dar für ein gelungenes Selbstverhältnis und familiäres Miteinander. Verträge unterliegen einer anderen Logik als z. B. Liebe, Freundschaft, Zufall. Sicher können auch Gewalt, Vergewaltigung oder ein One-Night-Stand und zu viel Alkohol am Anfang stehen. Wir haben es hier mit ganz verschiedenen Logiken zu tun, die zu bestimmten Formen der Beziehungen führen und die wiederum zu bestimmten Erzählungen passen, auch zu Leerstellen, die nachträglich gefüllt werden können. Ich wage zu bezweifeln, dass ein Vertrag oder das Labor, die Zusammenfügung von Reproduktionsmaterialien, geeignet sind als Fundus für eine von sicheren mitmenschlichen Beziehungen geprägte Lebensgeschichte, die letztendlich davon zeugen soll, woher man kommt. Als dritten Aspekt möchte ich hier noch anführen, dass diese Suche nach dem Herkunftsort üblicherweise mit dem Bild von vollständigen Personen, die miteinander in Beziehung standen, zu tun hat. Wer waren diese Menschen und was hatten sie miteinander zu tun? Die Erzählungen vom ganzen Menschen ist bei gespaltenen Elternschaften, bei örtlichen oder generationenüberspannenden Aufspaltungen, die technisch möglich sind, nicht mehr sinnvoll. Das schafft Unruhe, um es mal milde zu sagen. Dr. Eva Schindele: Diese Praktiken des Kinderkriegens sind heute von Gerichtsprozessen begleitet. Wenn es kein Gesetz gibt, versucht man den eigenen Anfang über Gerichte zu klären. Das haben Sie doch auch eingeklagt? Magdalena Kotowski: Meine Klage ist an einem Verfahrensfehler gescheitert. Ich wollte sogar in höhere Instanzen gehen, um endlich einen Gesetzentwurf auf den Weg zu bringen. Nicht für mich. Mir war schon klar, dass der Arzt vermutlich keine Daten mehr hat. Ich wollte eine Klärung darüber, dass Ärzte zu Schadensersatz verpflichtet sind, wenn sie die Daten entsorgen. Nur dann wird sich an der Praxis etwas ändern. Sonst werden weiterhin Generationen von Spenderkindern entstehen, die nicht die Informationen erhalten, die für sie selbst vielleicht wichtig sind. Ich sage deshalb vielleicht, weil mir oft vorgeworfen wird, dass nicht jede/r die Daten wissen will. Aber jede/r sollte die Möglichkeit haben sie einzufordern. Wer nichts vermisst, vielleicht weil die Auskunft darüber durch Samenspende entstanden zu sein reicht, der sollte ohne weitere Auskünfte leben dürfen. Wir fordern als Verein den Eintrag ins Geburtenregister, weil wir keine andere Möglichkeit sehen, die Eltern zur Aufklärung des Kindes zu verpflichten. Ich zum Beispiel wusste gar nicht, dass ich durch eine Samenspende entstanden bin. Ich wusste nur, irgendwas stimmt hier nicht und ich habe auch an Adoption gedacht. So hätte ich gar nicht auf die Idee kommen können bei einem Spendenregister nachzufragen. Sicher wäre es unangenehm, wenn jemand heiraten möchte und im Geburtsregister steht durch anonyme Samenspende entstanden. Ich finde es aber sehr traurig, dass bis heute nicht geklärt ist, wie und wo ich dies erfahren kann. 5 Dr. Eva Schindele: Die Frage gebe ich an die Juristin Ulrike Riedel weiter. Ist so eine Regelung möglich oder was spräche dagegen? Ulrike Riedel: Das könnte man natürlich regeln. Aber das wurde sehr kontrovers diskutiert, denn viele Eltern verschweigen die Spende. Sie fürchten, dass dies negativ ankommt. Der Deutsche Ethikrat hat zum Beispiel in seiner Stellungnahme zur Embryonenspende hier sind sowohl die biologische Mutter als auch der Vater mit den sozialen Eltern nicht identisch empfohlen, das Kind so früh wie möglich darüber aufzuklären. Das wird auch in der Adoptionsforschung empfohlen, damit es diese Leerstelle möglichst nicht gibt. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine liebevolle Beziehung mit festen Bezugspersonen genauso wichtig ist wie die Genetik. Das macht die Genetik nicht unwichtig. Ich habe mich in meiner Praxis mit Adoptionen befassen müssen und ich bin immer wieder erschüttert, wie viele Adoptionen scheitern trotz liebevollster Adoptiveltern. Das Rätsel habe ich nie lösen können. In den meisten Familien haben die Kinder allerdings erst spät von der Adoption erfahren. Nach diesen Erfahrungen frage ich mich: Gibt es einen Unterschied zwischen einer Adoption nach der Geburt und dem Austragen eines Kindes mit Samen- oder Eizellspende? Völlig sicher bin ich mir, dass in jedem Fall das Recht auf Kenntnis der Abstammung wichtig ist. Man will wissen, wo man herkommt. Wenn man es dann weiß, ist für viele die Sache erledigt und sie lieben ihre Adoptiveltern so wie vorher oder erst recht. Das Bundesverfassungsgericht hat klar festgestellt: Das Aufwachsen eines Kindes in einer homosexuellen Partnerschaft kann für das Kind genauso befriedigend sein wie in einer Ehe oder verschiedengeschlechtlichen Partnerschaft. Ich denke nur, wir sollten offen mit der Kenntnis über die Abstammung umgehen. Magdalena Kotowski: Adoptivkinder entwickeln häufig Bindungsstörungen, auch wenn sie als Neugeborene angenommen werden. Zweiter Punkt in der Diskussion: Die Sorge um den sozialen Vater. Aber über Verlust oder Folgen einer Samenspende muss vorher gesprochen werden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, mein Mann und ich haben einen akuten Kinderwunsch, wir sprechen über das Thema. Eine Samenspende kommt für mich nicht in Frage, weil ich einen Vorteil gegenüber meinem Mann hätte. Es gäbe einen dritten Mann, der meinen Mann depotenziert, ihm vorführt, was er nicht kann. Darüber muss man sprechen, bevor ein Kind entsteht. Es kann jedenfalls nicht sein, dass das Kind nicht aufgeklärt wird, weil der soziale Vater Probleme bekommt. Publikum: Wer ist in Deutschland berechtigt, eine ärztlich unterstützte Samenspende zu bekommen? Ulrike Riedel: Wir sind in Essen, einer Stadt mit der größten Samenbank und medizinischen Einrichtung, die Samenspende vornimmt, die Praxis Katzorke. Dort werden seit vielen Jahren unendlich viele Samenspenden durchgeführt. Samenspende ist erlaubt. Es ist gesetzlich nicht geregelt, wer das machen kann. Es gibt nur die Richtlinien der Bundesärztekammer zur Reproduktionsmedizin. Danach wird momentan eine feste, dauerhafte Beziehung verlangt. Man muss nicht mehr verheiratet sein, aber alleinstehende Frauen und homosexuelle Paare haben immer noch große Probleme, weil die ärztlichen Richtlinien das nicht
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