Hessisches Kultusministerium Schulverfassungen an beruflichen Schulen

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Hessisches Kultusministerium Schulverfassungen an beruflichen Schulen Von der Kernschulverfassung zur Schulverfassung Erfahrungen und Ergebnisse aus den Modellprojektschulen M A T E R I A L I E N B A N
Hessisches Kultusministerium Schulverfassungen an beruflichen Schulen Von der Kernschulverfassung zur Schulverfassung Erfahrungen und Ergebnisse aus den Modellprojektschulen M A T E R I A L I E N B A N D 5 Impressum Herausgeber: Koordinierungsstelle des Modellprojektes Selbstverantwortung plus (KOBE) Hessisches Kultusministerium Luisenplatz Wiesbaden Internet: Verantwortlich: Hans-Peter Hochstätter Autoren: Redaktion: Fotografie: Lektorat und Gestaltung: Druck: Christian Martin, Institut für Berufsbildung, Kassel Monika Becht, Ludwig-Geißler-Schule, Hanau Prof. Dr. Ute Clement, Institut für Berufsbildung, Kassel Anne Tomiuk, Institut für Berufsbildung, Kassel Peter Querbach, Werner-Heisenberg-Schule, Rüsselsheim Dr. Jochen Burggraf Monika Becht Dr. Reinhold Fischenich Janssen Peters TEXTundREDE, Taunusstein mww.druck und so GmbH, Mainz-Kastell Stand: Juni 2011 Hinweis: Als Online-Fassung finden Sie diese Publikation auch auf den Internetseiten des Modellprojekts Selbstverantwortung plus unter Diese Druckschrift wird im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit der Hessischen Landesregierung herausgegeben. Sie darf weder von Parteien noch von Wahlwerbern oder Wahlhelfern während eines Wahlkampfes zum Zwecke der Wahlwerbung verwendet werden. Dies gilt für Landtags-, Bundestags- und Kommunalwahlen sowie Wahlen zum Europaparlament. Missbräuchlich ist besonders die Verteilung auf Wahlveranstaltungen, an Informationsständen der Parteien sowie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben parteipolitischer Informationen oder Werbemittel. Untersagt ist gleichfalls die Weitergabe an Dritte zum Zwecke der Wahlwerbung. Auch ohne zeitlichen Bezug zu einer bevorstehenden Wahl darf die Druckschrift nicht in einer Weise verwendet werden, die als Parteinahme der Landesregierung zugunsten einzelner Gruppen verstanden werden könnte. Die genannten Beschränkungen gelten unabhängig davon, wann, auf welchem Wege und in welcher Anzahl die Druckschrift dem Empfänger zugegangen ist. Den Parteien ist jedoch gestattet, die Druckschrift zur Unterrichtung ihrer Mitglieder zu verwenden. Schulverfassungen an beruflichen Schulen Von der Kernschulverfassung zur Schulverfassung Erfahrungen und Ergebnisse aus den Modellprojektschulen M A T E R I A L I E N B A N D 5 INHALT Abkürzungsverzeichnis... 6 Vorwort... 7 Einleitung Selbstverwaltung und Schulverwaltung Ein Überblick Projektverlauf 2.1 Projektverlauf Wie alles anfing Kurswechsel im HKM Motivationslage der Schulen SVplus-Fachtagung am 28. Oktober Externe Beratung und Begleitung Zwischenbilanz Workshop am 29. Juli Berichte der Arbeitsgruppen Einschätzung und Anregungen der externen Berater/-innen Abschlussbewertung durch die Berater/-innen, Juli Der Abschlussworkshop am 13. Dezember 2010 in Rüsselsheim Methodik 3.1 Forschungstheoretische Grundlegung und Methodik Gegenstand: Die Kernschulverfassung Das Plenum Der Schulvorstand Die Schulleitung Der/die Schulleiter/-in Der Schulbeirat Fraktale Organisation Die Geltungsdauer der Kernschulverfassung Vergleich der Schulverfassungen mit der Kernschulverfassung Zusammenfassende Überlegungen und allgemeine Bewertung der Kernschulverfassung und der Schulverfassungen Auswahl der Schulen und der Befragten Durchführung der Interviews Der Interviewleitfaden Dokumentation und Auswertungsverfahren MATERIALIEN BAND 5 4. Ergebnisse 4.1 Implementation Die Fraktale Bildung der Fraktale Prinzipien der Fraktalbildung Aufgaben und Befugnisse der Fraktale Herausforderung durch Selbstverantwortung Ziele verbindlich vereinbaren Die Schulvorstände Zusammensetzung der Schulvorstände Aufgaben und Befugnisse des Schulvorstandes Das Plenum Akteure: Einstellung zur Schulverfassung Erwartungen und Befürchtungen Zwischenergebnisse zu den Erwartungen und Befürchtungen Nutzen, Probleme und Lösungen Äußere Rahmenbedingungen Offen gebliebene Fragen Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse Interpretation der Ergebnisse Empfehlungen Literaturverzeichnis Anhang 1 Fragebogen 1: Interview SVF Funktionsträger Fragebogen 2. Interview SVF Lehrkräfte Fragebogen 3: Interview Feedback Anhang 2 Kern -Schulverfassung im Rahmen des hessischen Modellprojektes Selbstverantwortung plus MATERIALIEN BAND 5 ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS Abtlg. AL BSW BSWF EKS FSP HKM HSchG HVS IP KSchV KOBE LGS LK MBS OVM PPC PR QMB SchV/en SET SL SuS SVplus Abteilung Abteilungsleiter /-in Berufliche Schulen in Witzenhausen Berufliche Schulen des Landkreises Waldeck-Frankenberg in Korbach und Bad Arolsen Eugen-Kaiser-Schule in Hanau Fraktalsprecher /-in Hessisches Kultusministerium Hessisches Schulgesetz Hans-Viessmann-Schule in Frankenberg und Bad Wildungen Interviewpartner Kernschulverfassung Koordinierungsstelle des Modellprojekts Selbstverantwortung plus Ludwig-Geißler-Schule Hanau Lehrkräfte Martin-Behaim-Schule in Darmstadt Oskar-von-Miller-Schule in Kassel Peter-Paul-Cahensly-Schule in Limburg Personalratsmitglieder Qualitätsmanagementbeauftrage /-er Schulverfassung/en Schulentwicklungsteam Schulleiter /-in Schülerinnen und Schüler Selbstverantwortung plus 6 MATERIALIEN BAND 5 VORWORT Liebe Leserinnen und Leser, erweiterte Eigenverantwortung und größere Selbstständigkeit weisen neue Wege zur Qualitätsentwicklung von Schulen. Diese in vielen Ländern gewonnene Erkenntnis für das hessische Schulwesen zu nutzen und auszubauen ist Zielsetzung des Modellprojekts Selbstverantwortung plus. Hierfür ist ein Ansatz gewählt worden, der Schule als Ganzes umfasst, die schulischen Prozesse, die Strukturen wie auch die der Schule verfügbaren Ressourcen, mit dem Ziel der Förderung der Qualität schulischen Lernens. Nur über diesen ganzheitlichen Ansatz erscheint es möglich, die in Schule vorhandenen Potenziale besser zu erkennen und zu nutzen. Mit der vorgelegten Broschüre Schulverfassungen an beruflichen Schulen wird das Ergebnis aus einem Teilbereich des Modellprojekts vorgestellt, der dem Handlungsfeld Organisationsstruktur zugeordnet ist. Mit ihm stehen inhaltliche, schulische wie auch verbandspolitische Auseinandersetzungen wie in keinem weiteren der insgesamt sechs Handlungsfelder in Verbindung, die das Betreten von organisatorischem Neuland erschwerten und die Erprobung von Schulverfassungen auf der Grundlage der hierfür eigens entwickelten Kernschulverfassung belasteten. Umso wichtiger für das Gesamtprojekt ist das Ergebnis. Acht von 17 Schulen haben die Kernschulverfassung an ihre Schulstrukturen angepasst, neue Schulverfassungen entwickelt und für die Erprobung um das benötigte Vertrauen im Kollegium geworben. Vorhandenes Misstrauen wurde überwunden. Die Befürchtungen über mögliche Belastungen durch die Neuzuordnung von Aufgaben, den Verlust bisheriger Rechte, die Unwägbarkeiten durch eine neue Verantwortungsstruktur wurden gegenüber den Chancen für eine wirksamere Organisation zurückgestellt. Es galt neue Strukturen zu erproben, die durch Partizipation, bessere Steuerungsmöglichkeiten wie auch demokratische Strukturen geprägt sind. Die bisherigen Prozessergebnisse sind auf Arbeitstagungen, die das Amt für Lehrerbildung (AfL) veranstaltet hat, ausgewertet worden. Zudem führte die Wissenschaftliche Begleitung am Institut für Berufsbildung der Universität Kassel wissenschaftliche Interviews mit Vertretern von Schulleitungen, Abteilungsleitungen, Personalratsvertretern und Lehrkräften an fünf der Modellprojektschulen durch. Die über diesen Evaluationsansatz erzielten Erkenntnisse sind in die vorliegende Broschüre eingeflossen, so dass erstmals eine Begründung des verfolgten Ansatzes, die Beschreibung der erzielten Erfahrungen wie auch die Bewertung der Prozesse und der Ergebnisse aus der Sicht der Beteiligten zusammengetragen worden sind. MATERIALIEN BAND 5 7 VORWORT Die Broschüre dokumentiert somit eindrucksvoll die an den beteiligten Schulen geleistete Arbeit wie auch die zentralen Ergebnisse in diesem Handlungsfeld. Sie dokumentiert zudem, dass der begonnene Prozess der Organisationsentwicklung noch nicht abgeschlossen ist, vielmehr der Weiterentwicklung und Optimierung bedarf. Das schmälert nicht das Erreichte. Daher empfehle ich diese Broschüre allen, die sich zur selbstständigen Schule weiterentwickeln wollen, um an den Erfahrungen und Ergebnissen anzuknüpfen. Mein besonderer Dank gilt denjenigen, die die Entwicklung und Erprobung an den Schulen mitgetragen und mit ihrem Engagement zur Dokumentation dieses Prozesses beigetragen haben. Mit freundlichen Grüßen Dorothea Henzler Kultusministerin des Landes Hessen 8 MATERIALIEN BAND 5 EINLEITUNG PETER QUERBACH Teilprojektleiter Handlungsfeld 3 / Werner-Heisenberg-Schule, Rüsselsheim Wenn wir die Kinder des 21. Jahrhunderts weiterhin von Lehrkräften mit einem Ausbildungsstand des 20. Jahrhunderts in einem Schulsystem unterrichten lassen, das im 19. Jahrhundert konzipiert wurde und sich seitdem nur graduell verändert hat, dann werden Bildungsqualität und Chancengerechtigkeit auch in Zukunft unerreichbar bleiben. Andreas Schleicher, PISA-Koordinator der OECD Diese und ähnliche Erkenntnisse, verbunden mit Forschungsergebnissen zu Selbststeuerungspotenzialen von Organisationen und Einzelnen sowie eine Grundsatzdiskussion zur Weiterentwicklung von beruflichen Schulen zu regionalen Kompetenzzentren (s. S. 17) führten nach einstimmigen Beschlüssen des Hessischen Landtages 1999 und 2003 zur Konzeption des Modellprojektes Selbstverantwortung plus. Dabei lag der Fokus von Anfang an auf der Qualitätsentwicklung. Wenn die zentrale Leistung einer Schule die Durchführung von Unterricht ist, dann liegt auch der Schwerpunkt der Qualitätsentwicklung in der Unterrichtsentwicklung. Dies kommt im Handlungsfeld 1 des Modellprojekts zum Ausdruck. Lehrkräften gegenüber musste dabei oft zunächst das Missverständnis ausgeräumt werden, dem Ziel der Qualitätsentwicklung liege die Vermutung zugrunde, die bisher erreichte Unterrichtsqualität sei defizitär oder gar schlecht. Ebenso aber musste einer Haltung begegnet werden, die bisherige Arbeit sei durchgängig gut, ohne dass eine Notwendigkeit gesehen wurde, dies durch gesicherte Daten zu belegen. Vielfach führte man in beruflichen Schulen die Prüfungserfolge als ausreichenden Qualitätsnachweis für eine gesichert gute Unterrichtsqualität an. Wenn im Modellprojekt Selbstverantwortung plus die Qualitätsentwicklung im Vordergrund stand und dies im Handlungsfeld 1 mit dem Fokus der Weiterentwicklung von Unterrichtsqualität zum Ausdruck kommen sollte, dann sollten alle anderen Handlungsfelder dienende Funktion für dieses zentrale Anliegen haben: Qualitätssicherung im Handlungsfeld 2, Weiterentwicklung der Organisationsstrukturen im Handlungsfeld 3, Personalgewinnung und -entwicklung im Handlungsfeld 4, Umgang mit finanziellen Ressourcen im Handlungsfeld 5 und (zunächst optional) Entwicklung regionaler (Berufs-) Bildungsnetzwerke im Handlungsfeld 6. Die vorliegende Broschüre dokumentiert das wichtigste Teilprojekt im Handlungsfeld 3: die Entwicklung einer Schulverfassung, die sowohl dem Anliegen der Partizipation wie auch dem der Steuerungsmöglichkeit in einer komplexer werdenden Organisationsstruktur Rechnung trägt. Ausgangspunkt ist jedoch erneut das Anliegen der Unterrichtsentwicklung: Wenn es stimmt, dass nach neueren Erkenntnissen der Hirnforschung und belegt durch entsprechende Studien Formen des selbstorganisierten und selbstgesteuerten Lernens bessere Ergebnisse bringen, dann müssen Lehrkräfte stärker in Teams zusammen arbeiten. Berufliche Schulen stellen sich dieser Herausforderung schon länger in der Umsetzung von lernfeldorientierten MATERIALIEN BAND 5 9 EINLEITUNG Lehrplänen, denen das Prinzip der Handlungsorientierung zugrunde liegt. Lernfeldorientierung setzt Teambildung unter Lehrkräften geradezu voraus. Wenn das Prinzip der Selbstverantwortung im Unterricht ankommen soll, dann müssen auch Lehrerteams Kompetenzen und Ressourcen für ihren Verantwortungsbereich erhalten. Während berufliche Schulen ihre Organisationsstruktur bisher meist an Berufsfeldern oder Schulformen mit einigen Querschnittsaufgaben ausrichteten, rückt nun eine teamorientierte bzw. an Fraktalen orientierte Organisationsstruktur in den Vordergrund. Die damit verbundene, noch größere Komplexität in der Struktur unterliegt der Gefahr, dass Fraktale zwischen Teams das Ganze aus dem Blick verlieren. Wenn also von außen vorgegebene oder gemeinsam erarbeitete Ziele erreicht werden sollen, dann bedarf es einer neuen Austarierung von Partizipationsund Steuerungsmöglichkeiten. Die neu entwickelte, aufgrund ihrer Genese so genannte Kernschulverfassung trägt dem Rechnung und wird sich auch im neuen Hessischen Schulgesetz, das im Sommer 2011 in Kraft treten soll, als Option wiederfinden. In der vorliegenden Broschüre lesen Sie, wie die Kernschulverfassung entstand, welche Herausforderungen dabei gemeistert wurden und welche Erfahrungen damit in den acht Schulen gemacht wurden, die sich für die Arbeit mit dem neuen Instrument entschieden haben auf dem Weg zu einer ständigen Weiterentwicklung der Unterrichtsqualität! Dabei kommen alle Akteure zu Wort, auch die externen Beraterinnen und Berater. Der wissenschaftlichen Begleitung ist dafür zu danken, dass dieser Prozess nicht nur dokumentiert wurde, sondern Erklärungen für einige Schwierigkeiten eingefügt sind. Sie helfen beim Verständnis und zu einem bewussteren Umgang z. B. mit einer Profibürokratie. Dies gilt ebenso für die Beschreibung der bisher offensichtlich gewordenen Begrenzungen bei der Arbeit mit der neuen Schulverfassung, außerdem für die Empfehlungen zur Weiterarbeit. Die Dokumentation zweier Workshops zur Arbeit mit der neuen Schulverfassung zeigt zudem, an welchen Stellen zwischen allen Beteiligten weitgehend übereinstimmende Einstellungen vorliegen und wo kein Konsens erzielt werden konnte. Allen Schulleiterinnen, Schulleitern und Lehrkräften danken wir für ihre Zeit und ihre Offenheit bei den Workshops und den Interviews. Sie haben uns damit an Ihrem Prozess teilhaben lassen und die Veröffentlichung dieser Broschüre unterstützt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Amts für Lehrerbildung haben einen wesentlichen Anteil am Gelingen der externen Beratung sowie bei der Organisation und Durchführung der oben genannten Workshops geleistet. Ihnen und der KOBE sei für die Unterstützung herzlich gedankt. Damit ist diese Broschüre eine wichtige Informationsgrundlage für den Transfer des Modellprojektes Selbstverantwortung plus bzw. für die Schulen, die sich im Rahmen des beginnenden Transferprozesses zur selbstständigen beruflichen Schule weiterentwickeln wollen. Ebenso kann sie den 17 Modellprojekt-Schulen Vergewisserung über den erreichten Arbeitsstand im Handlungsfeld 3 liefern. 10 MATERIALIEN BAND 5 1. SELBSTVERANTWORTUNG UND SCHULVERFASSUNG EIN ÜBERBLICK PROF. DR. UTE CLEMENT Professorin für Berufs-Wirtschaftspädagogik an der Universität Kassel Schulen sind lose gekoppelte Organisationen. Das eigentliche Kerngeschäft, der Unterricht, findet immer noch oft hinter geschlossener Türe statt. Lehrkräfte verfügen über einen großen Handlungs- und Entscheidungsspielraum, was Lehrplanauslegung, Unterrichtsgestaltung und den Umgang mit Schülerinnen und Schülern angeht. Aber auch in Bezug auf die Schulorganisation haben sie über die Gesamtlehrerkonferenz und andere Gremien erhebliches Mitspracherecht. Die Führungsspannen an Schulen, d. h. die Relation Lehrkräfte-Schulleitungsmitglieder, sind an vielen Einrichtungen sehr weit ein Sachverhalt, der beispielsweise deutlich wird, wenn es um die Durchführung von Zielvereinbarungsgesprächen mit möglichst allen Lehrkräften geht. Der hohe Handlungsspielraum der Lehrkräfte ist die Folge einer guten Ausbildung und eines hohen Professionsstatus der akademischen Lehrerschaft. Organisationstheoretisch gesehen, stehen Schulen entsprechend als Profibürokratien vor der Herausforderung, sich an die Ansprüche einer gewandelten Verwaltungssteuerung und einer sich permanent ändernden Umwelt anzupassen. Die Konfiguration einer Profibürokratie ist immer dann gegeben, wenn der betriebliche Kern einer Organisation überwiegend aus hochqualifizierten, professionellen Mit- arbeitern besteht, die schwer zu erlernende, aber gut zu definierende Verfahren anwenden. Mintzberg 1992, 273 Nach der Professionstheorie von Oevermann (Oevermann 1997) sind die Merkmale einer Profession: Arbeit in gesellschaftlich relevanten Arbeitsfeldern, kritische Unsicherheiten in den zu treffenden Entscheidungen, eine situative und kontextbezogene Bedingtheit der Arbeitssituationen und die Übertragung der Deutungshoheit über die zu treffenden Entscheidungen in die Verantwortung der Professionellen. Auf Lehrkräfte und ihre Arbeit treffen diese Merkmale zu, und sie genießen in der Schule folgerichtig ein höheres Maß an Autonomie und Mitsprache, als das in anderen Organisationen der Fall ist. Denn für die Profibürokratie gilt: Sie ist demokratisch, indem sie Macht direkt an ihre betrieblichen Mitarbeiter (zumindest die professionellen Mitarbeiter) weitergibt; und sie gestattet umfassende Autonomie, indem sie ihre Mitarbeiter sogar von der Notwendigkeit, sich mit ihren Kollegen zwecks Koordinierung abzustimmen, befreit und die damit verbundenen Zwangssituationen und politischen Auseinandersetzungen vermeidet. Mintzberg 1992, 276 Schulleitungen befinden sich daher in einer widersprüchlichen Situation: Auf der einen MATERIALIEN BAND 5 11 1. SELBSTVERANTWORTUNG UND SCHULVERFASSUNG EIN ÜBERBLICK Seite vereinen sie durch die weiten Führungsspannen und die flache Strukturorganisation ein hohes Maß an Einfluss und Verantwortung auf sich. Andererseits sind sie in ihrer Entscheidungskompetenz an die Gesamtlehrerkonferenz rückgebunden, deren Entscheidungen sie umzusetzen hat. Selbstständige Schulen, die darauf abzielen, ihre Entscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten weiter auszubauen, stoßen in dieser strukturarmen Schule mitunter an ihre Grenzen. Entscheidungsprozesse werden komplexer und können in der Gesamtkonferenz teilweise nicht mehr sinnvoll bearbeitet werden. Informelle Teamstrukturen werden von der Strukturorganisation nicht mehr ausreichend abgebildet, und auch die Vernetzung mit regionalen Partnern spiegelt sich in den Entscheidungsund Beratungsgremien der Schule kaum wider. Die neuen Schulverfassungen an selbstständigen Schulen sollen hier neue, angemessenere Formen der Schulorganisation bereitstellen. Die Implementation einer neuen Schulverfassung an selbstständigen Schulen geht daher folgenden Zielen nach: Abbildung interner Teamstrukturen in der Schulverfassung, Abbildung externer Vernetzung, Erhöhung der Effizienz und Effektivität von Entscheidungsprozessen bei Beibehaltung einer demokratischen Grundstruktur von Schule sowie Schutz professioneller Handlungsfreiheit der Lehrenden. Die letzten beiden Punkte wurden im Kontext des Handlungsfeldes Schulverfassung heftig diskutiert. Vor die schwierige Entscheidung gestellt, ob das Gut der Entscheidungseffizienz oder das Gut der demokratischen Partizipation aller Lehrkräfte an möglichst allen Entscheidungen höher bewertet werden soll, haben sich die Schulen wie unten dargelegt wird nicht einheitlich entschieden. In einem komplexen Entwicklungsprozess, bei dem die Vorstellungen und Visionen an den Modellschulen ebenso zu berücksichtigen waren wie die vielfältigen gesetzlichen Vorgaben, wurde im Handlungsfeld Schulverfassung des Modellprojekts Selbstverantwortung plus eine Kernverfassung erarbeitet, die diesen Anforderungen Rechnung trägt. Ziel dieser Kernschulverfassung ist es, der Entwicklung eigener Schulverfassungen einen rechtlich geprüften und verlässlichen Rahmen zu geben. Wie man im Verlauf dieser Studie sehen kann, wird den Schulen die Möglichkeit eingeräumt, eigene Akzente zu setzen, um so ihrer besonderen Kultur und ihren Haltungen in den Verfassungen Ausdruck geben zu können. Gemeinsam ist allen Schulverfassungen die Einrichtung eines Schulvorstandes, der kleiner als die Gesamtkonferenz ist, aber dennoch alle Gruppen von Akteuren in der Schule durch Repräsentanten abzubilden versucht. Hier sollen
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