I + E = Lw. Meritokratie: Die Alltagsutopie der neuen Mitte

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Stine Marg/Franz Walter I + E = Lw Meritokratie: Die Alltagsutopie der neuen Mitte Nennt man jemanden einen Utopisten, dann will man ihn in aller Regel süffisant tadeln, als Menschen ohne Realitätssinn
Stine Marg/Franz Walter I + E = Lw Meritokratie: Die Alltagsutopie der neuen Mitte Nennt man jemanden einen Utopisten, dann will man ihn in aller Regel süffisant tadeln, als Menschen ohne Realitätssinn bespötteln. Die deutsche Gesellschaft der letzten Jahre ist stolz auf ihren Pragmatismus. Utopien sind ihr Sache von weltfremden Exzentrikern, die sich den Wirklichkeiten nicht fügen mögen, die verblasenen Träumereien anhängen, mit einem spekulativen Modell die nüchterne Empirie vergewaltigen wollen. Utopie ist keine Sache des Mainstreams, ist nicht Anliegen der großen, vernünftigen gesellschaftlichen Mitte. Denn Mitte bedeute Maß, Abwägung und Balance. Die Mitte neigt nicht zur Transzendenz. Sie jagt keinen fantastischen Zielen hinterher. Sie bleibt dem Boden verhaftet, auf dem sie steht. Mitte und Utopie scheinen sich also kategorisch auszuschließen. Allein: Ein utopisches Versprechen hat sich fest im Zentrum der Mitte eingenistet, ist nahezu konstitutiv für die Energien, aus denen die Mitte ihre Kraft für den Alltag und eine erstrebenswerte Zukunft schöpft: Es ist die Utopie der meritokratischen Gesellschaft. Meritokratie Inbegriff des Guten? Meritokratie: Das Wort klingt wie der Inbegriff des Guten , schrieb schon 2005 Ralf 1 Dahrendorf. 1 Jedenfalls spiegelt es das innere Selbstverständnis der breiten Mitte der bürgerlichen Gesellschaft wider. Denn in der meritokratischen Gesellschaft zählt allein die Leistung, die der Einzelne nachweislich erbringt, nicht Nobilitierungen der Vorfahren, nicht Merkmale der Herkunft, nicht Zufall, nicht Glück, auch kein göttlicher Plan. In der meritokratischen Gesellschaft beziehen diejenigen ein hohes Einkommen, die es durch ungewöhnlichen Fleiß und überdurchschnittliche Kompetenz auch verdient haben. 2 Aber auch, wer es im meritokratischen Gefüge nicht ganz nach oben schaffen kann, hat in diesem System prinzipiell die Möglichkeit, seine Lage zu verbessern, seine soziale Position auszubauen, voranzukommen wenn er sich stärker anstrengt als andere in seiner Stellung. Das Individuum, das sich nicht mit seinem bescheidenen Los begnügt, sondern durch die Ambition auf Aufstieg ein ordentliches Stück mehr als der Rest lernt, arbeitet, sich weiterbildet, die Freizeit für Sprachkurse nutzt, statt träge in der Sonne zu liegen dieses Individuum aus Strebsamkeit und Disziplin ist die Sozial- und Leitfigur der meritokratischen Utopie schlechthin. Maximen wie Ohne Fleiß kein Preis bilden die Slogans des Narrativs. Die Story hat bemerkenswerterweise das 20. Jahrhundert überdauert, besitzt weiterhin eine hohe Faszination und Zugkraft, auch wenn der amerikanische Traum gerade in seinem Heimatland enorm an Plausibilität verloren hat. 3 Aber das meritokratische Prinzip ist weiterhin common sense, vielleicht zu Beginn des 21. Jahrhunderts stärker denn je. Der Glauben an die präzise Messbarkeit und gerechte Prämierung von Leistung hat sich zuletzt eher noch verstärkt. Evaluationen, Rankings, Bewertungsskalen aller Art dominieren in den verschiedenen Bereichen der modernen Welt, angeheizt noch durch das Internet, das als Verstärker der meritokratischen Erziehung fungiert. Im Netz, so die Ideologie der cyberspacer, hat jeder die gleiche Ausgangslage. Hier reüssieren diejenigen mit den besten Ideen; hier kann der unbekannte, einsame Hacker von gestern der Millionär und Held von morgen werden, wenn er denn mit innovativen Konzepten zu brillieren und überzeugen versteht. 1 Ralf Dahrendorf, Aufstieg und Fall der Meritokratie, in: Project Syndicate, , online einsehbar unterhttp://www.project-syndicate.org/commentary/the-rise-and-fall-of-meritocracy/german/ [eingesehen am ]. 2 Siehe Günter Hartfiel, Einleitung. in: Ders., Das Leistungsprinzip, Merkmale-Bedingungen-Probleme, Opladen 1977, S. 7 48, hier S. 30 ff. 3 Schon Christopher Lasch, Die blinde Elite. Macht ohne Verantwortung, Hamburg 1995, S. 62 ff.; Stephen J. McNamee u. Robert K. Miller Jr., The Meritocracy Myth, Oxford Die meritokratische Utopie hat mithin an Glanz nicht verloren. Auf das Passepartout der Meritokratie verweisen nahezu alle, die in der Politik etwas zu sagen haben: Bildung entscheidet , ist das Motto von Sozial- wie Christdemokraten, von Grünen und Freidemokraten. Die Sozialdemokraten pflegen diesen Leitsatz seit Jahren ihrer Klientel zu predigen. Ihr Grundsatzprogramm, beschlossen auf dem Hamburger Bundesparteitag 2007, ist durch und durch im meritokratischen Geist formuliert. 4 Bildung, heißt es dort, eröffne soziale Aufstiegsperspektiven. Sie ist eine wirtschaftliche Produktivkraft von schnell wachsender Bedeutung. Was über Bildung dann vom einzelnen als Leistung realisiert werde, muss anerkannt und respektiert werden. Gerecht ist eine der Leistung angemessene Verteilung von Einkommen und Vermögen. Die Christdemokraten argumentieren keineswegs anders. Auch für sie ist, nimmt man das CDU-Grundsatzprogramm, dass ebenfalls 2007 verabschiedet wurde, Bildung die soziale Frage des 21. Jahrhunderts , was Sozialdemokraten in ihren Reden gleichermaßen herausstellen. 5 Die soziale Herkunft vom Menschen , so kann man im CDU- Manifest nachlesen, darf nicht über ihre Zukunft entscheiden . Aufstieg durch Bildung, so lautet unser gesellschaftspolitisches Ziel ; und als christdemokratisches Leitbild firmiert offiziell die Chancengesellschaft . 6 Selbst die CSU ist in dieser Frage von den Sozialdemokraten programmatisch nicht zu unterscheiden. In ihrem Grundsatzprogramm von 2007 wird postuliert: Chancen durch Bildung zu schaffen, ist vorsorgende Sozialpolitik . Als christsoziales Leitbild für eine vitale und gerechte Gesellschaft wird die solidarische Leistungsgesellschaft genannt, was in sozialdemokratischen Texten nicht anders ausgedrückt wird. 7 Auch die Grünenhaben in dieser Einheitsfront der Meritokraten ihren Platz eingenommen. In ihrem Grundsatzprogramm, das sie sich bereits 2002 gegeben haben, wird die Bildung ebenfalls 4 Vgl. das Hamburger Grundsatzprogramm der SPD von 2007, abrufbar unter [eingesehen am ]. 5 Siehe etwa [eingesehen am ]. 6 Vgl. das Grundsatzprogramm CDU Freiheit und Sicherheit, Grundsätze für Deutschland 2007, abrufbar unter [eingesehen am ]. 7 Vgl. das Grundsatzprogramm der CSU Chancen für alle! Freiheit und Verantwortung gemeinsam Zukunft gestalten von 2007, abrufbar unter [eingesehen am ]. 3 als Schlüssel zum beruflichen Erfolg und für die Chancengerechtigkeit charakterisiert. 8 Verglichen mit den C-Parteien und der Sozialdemokratie aber bleibt die Programmplattform der Grünen weit zurückhaltender, was die soziale Substanz des meritokratischen Narrativs angeht. Die Partei, in deren Elektorat sich bekanntlich die meisten Besserverdienenden der Republik sammeln, belässt es bei der verblüffend vage formulierten Passage: Eine Politik der sozialen Gerechtigkeit muss dabei aufmerksam sein für ungleich Verteilung von Bildungschancen. Zumindest in ihrem Grundsatzprogramm von 2006 ist den Piraten selbst diese Aufmerksamkeit abhandengekommen. Im typischen Marketingjargon des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts ist bei ihnen lediglich von wichtigste Ressource und Investition in Zukunft die Rede, wenn zur Bildung Aussagen getroffen werden. 9 Die Freidemokraten sind hier überraschenderweise von einem anderen Kaliber. Nähme man nur den Entwurf ihrer Grundsatzkommission vom Februar dieses Jahres, wäre der Befund eindeutig: Der FDP ist die Meritokratie eine Herzensangelegenheit. Die Liberalen, so heißt es im Papier der Nach-Westerwelle-FDP, wollen Chancen unabhängig von der sozialen Herkunft . 10 Darum sei es in Deutschland allerdings schlecht bestellt, konstatieren die Liberalen sozialkritisch, denn der Bildungserfolg hänge hierzulande nach wie vor stark von der Lebensgeschichte der Eltern ab. Die Folge davon: In einem Teil unserer Gesellschaft höhlt zementierte Perspektivlosigkeit statt echte Chancengerechtigkeit das Versprechen der Aufstiegschancen generationenübergreifend aus. Daher streben die Liberalen an, so zumindest in ihrer programmatischen Selbstauskunft, die Chancen von der Herkunft abzukoppeln und schon Kindern wie Jugendlichen die Erfahrung zu ermöglichen, dass sich Anstrengung und Leistung lohnen. Im Übrigen: Je stärker Parteien in Existenznöten stecken, desto beschwörender bedienen sie sich der Erfolgsformeln aus den großen Zeiten ihrer Formation. Das mag ein Grund für den 8 Vgl. das Grundsatzprogramm von Bündnis 90 / Die Grünen Die Zukunft ist grün, aus dem Jahr 2002, abrufbar unter [eingesehen am ]. 9 Vgl. das Grundsatzprogramm der Piratenpartei Deutschlands 2006, abrufbar unter [eingesehen am ]. 10 Vgl. den Entwurf der Programmkommission der FDP Verantwortung für die Freiheit von 2012, abrufbar unter [eingesehen am ]. 4 meritokratischen Programmeifer der FDP des Jahres 2012 sein. Denn die meritokratische Philosophie geht genuin auf den bürgerlichen Liberalismus in seiner Entstehungs- und Kampfzeit gegen die feudalen Mächte zurück. 11 Die Emanzipation der Gebildeten und Gewerbetreibenden schritt einher mit der Kritik an ständischen Vorrechten, Geburtsprivilegien und herrschaftlicher Willkür, die über Macht und Ohnmacht in aristokratischen Gesellschaften entschieden. Die neue säkularisierte Religion des aufstrebenden, allein durch die vererbten Vorrechte des Adels gebremsten Bürgertums lautete: Leistung des freien Individuums als alleiniger Gradmesser für Einkommen, Status, Einfluss. Die Besten, die ihr Können bewiesen hatten und immer wieder unter Beweis stellen mussten, sollten oben stehen. Nur das war gerecht, nicht weit zurückliegende Verdienste und Titel familiärer Vorfahren, nicht überlieferter Landbesitz und übertragene Lehensverhältnisse. Freie Bahn den Tüchtigen Das meritokratische Leistungs- und Chancenprinzip sollte, versprachen die frühen Liberalen, zur Ordnungsfigur der bürgerlichen Gesellschaft im Ganzen werden. Doch als sie mit diesem Prinzip ihre Emanzipation durchsetzten, sich Macht in der Ökonomie und Einfluss in der Wissenschaft verschafften, verlor der meritokratische Imperativ im arrivierten Bürgertum an Attraktivität. Die Geschichte des am puren Leistungsprinzip orientierten Liberalismus lässt sich, wie Reinhart Koselleck die Dialektik der Umkehrung reüssierender Ideen und Bewegungen zusammenfasste, als eine Geschichte des Sich-Verzehrens beschreiben. Es ist der Preis, ohne den seine Erfolge nicht zu haben waren. 12 Die zunächst meritokratisch legitimierte Herrschaft der Bürger wurde zum Ausklang des 19. Jahrhundert und mehr noch in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts gegen weitere meritokratische Ansprüche von noch benachteiligten Schichten rüde und gleichsam aristokratisch abgesichert. Das junge Bürgertum hatte zuvor die Erbrechte des Adels attackiert; jetzt hingegen tat man alles dafür, den Besitzstand für die Nachkommen zu wahren 11 Vgl. Hans-Peter Dreitzel, Soziologische Reflexionen über das Elend des Leistungsprinzips, in: Arnold Gehlen u.a. (Hg.), Sinn und Unsinn des Leistungsprinzips ein Symposium, München 1976, S Reinhart Koselleck, Vom Sinn und Unsinn der Geschichte, Berlin 2010, S und an sie weiterzugeben. 13 In Deutschland schlossen sich die anfangs liberalen Industriellen zu Kartellen und Syndikaten zusammen, alliierten sich mit den Konservativen in der Politik, um neue Konkurrenten, aufstiegshungrige Rivalen nicht in ihre Festung hineinzulassen. In Deutschland war die bürgerliche Gesellschaft der 1920er Jahre insofern nicht vom meritokratischen Elan, von Durchlässigkeit und realistischen Aufstiegschancen durchwirkt, sondern war durch Starrheit der Klassenstrukturen und Chancenzuteilungen auf Basis von Herkunft und Besitz geprägt. 14 Der Mangel an sozialen Chancen gerade für die quantitativ umfangreiche junge Erwachsenenkohorte zu Beginn der 1930er Jahre wurde zum Resonanzboden des Nationalsozialismus. Als Oppositions- wie als Diktaturpartei präsentierte sich die NSDAP als eine politisch dynamische Kraft, die Bewegung und Fluss in die zuvor zementierten Verhältnisse brachte. Das Motto, das sie dafür ausgab, lautete: Freie Bahn den Tüchtigen! Das war die im Alltagsdiskurs fest verwurzelte Sentenz der meritokratisch-nationalsozialistischen Sozialutopie einer egalitären Leistungs-Volksgemeinschaft, wie der Historiker Hans-Ulrich Wehler dieses ungemein attraktive Chancenversprechen der Nationalsozialisten kategorisiert. 15 Etliche hunderttausend junger Deutscher, die in den letzten Jahren der Weimarer Republik arbeitslos und sozial blockiert waren, erlebten nach 1933 in der Tat einen zuvor nicht für möglich gehaltenen sozialen Aufstieg, schon aufgrund der zahlreichen Positionen in neuen Institutionen, Gremien, Kampftruppen und ideologisch grundierten Organisationen, die der nationalsozialistische Staat zur Untermauerung der Diktatur begründet hatte. Die Mobilitätspropaganda des Nationalsozialismus traf so mit individuellen Erfahrungen zusammen, wirkte dadurch in die Mentalitätsschichten etlicher Deutscher ein, die sich über die meritokratisch-individuellen Hoffnungen von den kollektiven Integrations- und Zukunftsverkündungen der klassischen sozialmoralischen Milieus besonders der Linken allmählich lösten hatten die kommunitären Emanzipationsmodelle erheblichen Schaden genommen; der Leistungsappell an den Einzelnen hingegen wirkte zusammen mit dem je individuellen Traum von der sozialen und 13 Siehe auch Holger Schatz, Arbeit als Herrschaft. Die Krise des Leistungsprinzips und seine neoliberale Rekonstruktion, Münster 2004, S Vgl. Franz F. Wurm, Leistung und Gesellschaft. Motivation im Wandel, Opladen 1978, S. 105 ff. 15 Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte , München 2003, S u. S Vgl. Michael Wildt, Geschichte des Nationalsozialismus, Göttingen 2008, S materiellen Statushebung durch berufliche Tüchtigkeit weiter und wurde seit der Währungsreform zu einem elementaren Ferment der sozialen Marktwirtschaft. 17 Während in der Adenauerära das Leistungsethos dominierte und mit der Aussicht auf mehr Lohn, erschwingliche Konsumgüter, Automobile und erste mediterrane Urlaubsziele lockte, erweiterte sich die meritokratische Alltagsutopie in den Jahren, in denen Willy Brandt die SPD führte und zunächst als Minister, dann als Kanzler in die Bundesregierung aufrückte, kräftiger denn je um die Dimensionen Chancen zum sozialen Aufstieg durch Bildung. Die sozialdemokratische Kernaktivitas aus den hochqualifizierten, oft noch handwerklich vorgeprägten, berufsstolzen industriellen Bereichen hatte stets durch Bildungsambitionen, Qualifikationsehrgeiz und Mobilitätsenergien herausgeragt, war aber in den langen Jahrzehnten des zäh verteidigten bürgerlichen Bildungsprivilegs abgebremst und an den Eingangspforten der Wege nach oben abgewiesen worden. Überdies hatten die Arbeiterbildner und Intellektuellen im Sozialismus vor 1933 mit Argusaugen darauf zu achten versucht, dass bei den Absolventen der innersozialdemokratischen Bildungskurse keine individuellen Aufstiegspläne gediehen. Der Verbleib in der Klasse, um Proletariat oder Arbeiterschaft insgesamt zu heben, gehörte fest zum Kanon der sozialistischen Weltanschauung vor dem Nationalsozialismus. Mit der Auflösung des linksproletarischen Lagers, mit dem Schwund der früheren Intellektuellen (oft jüdischer Herkunft), mit der Entsakralisierung des sozialistischen Ethos und der Säkularisierung sozialdemokratischer Programmatik verlor das klassische kollektive Emanzipationsprojekt die tragenden Grundlagen und den integrierenden Kontext. Als die sozialdemokratischen Bildungspolitiker im Bund und in den Ländern den Zugang zu den höheren Schulen weit öffneten, ergriffen gerade die Kinder ihrer Traditionskader die Möglichkeiten. Die Söhne und Töchter sozialdemokratischer Dreher, Drucker, Schriftsetzer und Maschinenbauer machten Abitur, legten ein universitäres Examen ab und stiegen jede(r) für sich sozial auf, verabschiedeten sich von ihrem Klassenhintergrund. 17 Vgl. Ernest Zahn, Soziologie der Prosperität. Wirtschaft und Gesellschaft im Zeichen des Wohlstandes, München 1964, S. 20 f.; Hans Braun, Das Streben nach Sicherheit in den 50er Jahren. Soziale und politische Ursachen und Erscheinungsweisen, in: Archiv für Sozialgeschichte, Bd. 18 (1978), S Michael Young und The Rise of the Meritocracy Das war chronisch der Gang der Meritokratie. Jedenfalls hatte ihn so der Erfinder dieses Begriffs in einem utopischen, dabei satirisch verfassten Roman antizipiert, rund eine Dekade, bevor die sozialdemokratische Bildungsreform in Deutschland ihren Ausgang nahm. Der Autor war Michael Young, ein britischer Soziologe, 1915 geboren als Sohn eines Musikers und einer Schauspielerin, in den ersten acht Jahren seines Lebens eher vernachlässigt, zumindest einsam und ohne große Zuwendung seitens der Eltern in Melbourne aufgewachsen. Es mögen solche Kindheiten sein, die Sinn und Empfindlichkeit für traurige Resultate gut gemeinter Absichten schon früh schärfen. Young ging in den 1940er Jahren in die Politik, trat der Labour Party bei, verfasste 1945 maßgeblich ihr programmatisches Manifest, verhalf so dem Labour- Spitzenkandidaten Clement Attlee zum Wahlsieg über Winston Churchill. Anfang der 1950er Jahre zog sich Young aus der aktiven Parteipolitik zurück, konzentrierte sich auf seine sozialwissenschaftlichen Studien erschien dann seine lakonisch-ironisch verfasste Gesellschaftsstudie Rise of the Meritocracy, in der ein Erzähler, der sich als Fachsoziologe erkennbar macht, aus der fiktiven Perspektive des Jahres 2033 die Entwicklungsgeschichte der englischen Klassengesellschaft zur Meritokratie darstellt. 18 Der fiktive Erzähler schreibt diese Geschichte im vierten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts in Zeiten gesellschaftlicher Unruhen, da sich die Gegner der Meritokratie, die schon auf ewig paralysiert schienen, zu regen und zu radikalisieren begannen. Der meritokratische Impetus ging, in der Satire von Michael Young, von den Bedrängnissen und Bedürfnissen der englischen Wirtschaft aus. Das Land hatte Mühe, die wirtschaftliche Prosperität noch zu wahren. Die ausländische Konkurrenz hatte aufgeholt; neue Wirtschaftsrivalen zeichneten sich ab. Young hatte schon 1955 die Chinesen hierfür im Visier. Im Inneren hemmten die aristokratische Lebensweise, das Dauerprivileg der Adelsklasse, die ökonomische Produktivität. England konnte sich, kurzum, die Perpetuierung der Geburtsaristokratie nicht mehr leisten, 8 konnte die im Volk schlummernde Intelligenz aus handfesten wirtschaftlichen Interessen nicht mehr links und dadurch brach liegen lassen. Das Land musste, um im ökonomischen und politischen Kampf um die Macht in der Welt zu bestehen, die Begabungen in allen Sozialschichten systematisch abschöpfen und fördern, konnte es nicht weiterhin hinnehmen, dass der Sohn eines Grafen, selbst wenn sein Geistespotential denkbar medioker ausfiel, wie selbstverständlich wieder in die soziale Elite hineinrückte, während der Sohn eines Werftarbeiters, auch wenn er durch eine überragende Auffassungsgabe und Klugheit auf sich aufmerksam gemacht hatte, wie schon Vater und Großvater ebenfalls die harte Arbeit mit den Händen in den Docks zu verrichten gezwungen war. Das Land hatte zu lange zu viel wertvolles Menschenmaterial, das in der überkommenden Klassengesellschaft nicht erkannt und gefördert wurde, vergeudet. Man war im Wettbewerb der Nationen ins Hintertreffen geraten. Diese Erkenntnis markierte in den 1940er/50er Jahren gleichsam das Startsignal für den meritokratischen Umbruch in der historisch entwickelten Utopie von Young. Künftig sollte nur noch oben stehen, wer über die größte Intelligenz und leistungswillige Begabung verfügte. Tests, die den Intelligenzquotienten maßen, galten als rundum objektive Evaluierungsverfahren. Die Formel, die über den sozialen Rang, über das Entrée zur Elite entschied, hieß: I+E=Lw; genauer ausformuliert bedeutete das: Intelligenz und Einsatz der Persönlichkeit ergeben den Leistungswert. Über diesen Leistungswert hatten sich die Erhebungsexperten möglichst früh in der Lebensgeschichte des Probanden
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