In Demut und Reue Zur Beichtpraxis in der säkularen Gesellschaft Deutschlands

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In Demut und Reue Zur Beichtpraxis in der säkularen Gesellschaft Deutschlands Marion Maier / Erfurt Um das Beichtsakrament steht es im deutschen Sprachgebiet nicht allzu gut man versucht zwar, sowohl den
In Demut und Reue Zur Beichtpraxis in der säkularen Gesellschaft Deutschlands Marion Maier / Erfurt Um das Beichtsakrament steht es im deutschen Sprachgebiet nicht allzu gut man versucht zwar, sowohl den Kindern im Religionsunterricht als auch den Erwachsenen in den Gemeinden den Wert und die Bedeutung des Sakraments der Versöhnung nahezubringen, doch diese Bemühungen tragen scheinbar kaum Früchte: Die Beichtstühle sind verwaist und die Priester beklagen die mangelnde Beichtfrömmigkeit ihrer Gemeinden. Die regelmäßige Beichte, die früher noch ganz selbstverständlich zur Glaubenspraxis eines Christen gehörte, scheint heute bei den einen in Vergessenheit geraten zu sein und von anderen schlicht abgelehnt zu werden oder doch nicht? Die Zeiten haben sich gewandelt und mit ihr die Menschen, welche jedoch wie zu allen Zeiten auf der Suche sind nach innerer Heilung, nach Trost und Vergebung. Wie sieht sie also tatsächlich aus, die Beichtpraxis der säkularen Gesellschaft Deutschlands? Welche Bedürfnisse haben die Menschen heute? Und wo liegen die Chancen und Möglichkeiten für eine zeitgemäße Beichtpraxis? 1 Die Menschen wissen, was sie suchen Seit längerer Zeit beschäftigt sich die dritte Klasse einer deutschen Grundschule nun schon mit dem Themenbereich Schuld und Vergebung. Bevor die Kinder zur Erstkommunion gehen, sollen sie, wie in Deutschland allgemein vorgesehen, auch zum ersten Mal das Sakrament der Buße und Versöhnung erhalten. Die Lehrerin hat mit den Schülerinnen und Schülern ausgiebig am Beispiel des Gleichnisses vom Barmherzigen Vater behandelt, wo und wie Menschen aneinander und an Gott schuldig werden und wie sie sich wieder miteinander und mit Gott versöhnen können. Die Schüler arbeiten gut mit und werden von der Lehrerin einfühlsam an die Beichte herangeführt. Sie lernen: Gott ist mein Freund, der mich immer begleitet und dem ich alles erzählen kann. Sie schreiben Briefe an Gott und erzählen ihm, was sie bewegt, was sie freut und was sie traurig macht, was ihnen geglückt und was ihnen misslungen ist, und erfahren: Es tut gut, sich diesem Gott mitzuteilen und sich ihm anzuvertrauen. Die Kinder sind so gesehen hochmotiviert für das Sakrament der Buße und Versöhnung. GuL 85/4 (2012) 426 IM SPIEGEL DER ZEIT Als dann jedoch die Lehrerin der Klasse mitteilt, dass der Kaplan den Kindern in der kommenden Woche die Beichte abnehmen wird, sagt ein Schüler laut vernehmlich: Beim Kaplan soll ich beichten? Der hört doch gar nicht richtig zu. Ich möchte viel lieber bei Ihnen beichten. Eine weitere Beobachtung stammt von Arndt Büssing, Medizintheoretiker an der Universität Witten-Herdecke, der über den Zusammenhang von Spiritualität und Krankheit forscht. Seiner Untersuchung nach möchten drei Viertel aller Patienten im Krankheitsfall mit ihrem Arzt auch über religiös-spirituelle Themen sprechen lieber als mit dem Pfarrer: Sie erwarten keinen Bibelexperten, sondern einen Fachmann, der mitfühlend ist, zuhören kann und sie in ihrer Vielschichtigkeit ernst nimmt. Den meisten Patienten geht es auch nicht primär um klassische religiöse Fragestellungen, sondern sie wollen einen Weg finden zu einer inneren Aussöhnung, zu innerem Frieden. 1 Weiterhin beobachtet Büssing ein starkes Bedürfnis nach einem höheren Beistand, selbst bei jenen, die sich weder als religiös noch als spirituell einschätzen. 2 Diese beiden Beispiele zeigen deutlich, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene im säkularisierten Deutschland ein untrügliches Gespür dafür haben, wie derjenige sein und sich verhalten soll, dem sie sich und ihre Probleme, Sorgen und Nöte anvertrauen wollen: Er oder sie muss präsent sein, Zeit haben und vor allem zuhören können. Theologische Kompetenz, geschweige denn ein kirchlich ordinierter Amtsträger und die Absolution desselben sind dabei eher weniger bis gar nicht im Blick. Die Worte In Demut und Reue bekenne ich meine Sünden, die früher in jedem Beichtstuhl gesprochen wurden, sind, wenn überhaupt, nur noch älteren Menschen bekannt. Dabei ist das Bedürfnis, sich mitzuteilen und Versöhnung und inneren Frieden zu finden, sehr wohl vorhanden. Doch die Gestalt der»beichte«, wie sie viele Menschen in Deutschland heute suchen, ist eine andere, als die Kirche sie derzeit anbietet. 2 Angebot und Nachfrage Die Angebote der Kirche sind in Deutschland durchaus vielgestaltig: Vielerorts gibt es die Möglichkeit zur klassischen Beichte im Beichtstuhl oder zum Beichtgespräch im eigens dafür eingerichteten Beichtzimmer. Wirklich frequentiert werden diese Orte jedoch hauptsächlich abseits der kirchlichen Normalität von Pfarreien: In kirchlich konservativen neuen Jugendbewegungen, an Wallfahrtsorten oder bei kirchlichen Großereignissen (Weltjugendtreffen, Kirchen- und Katholikentagen etc.) boomt die Beichte. Nicht selten wird dieses Phänomen zum kirchenamtlichen Argument dafür, dass es um das Beichtsakrament doch 1 A. Büssing, Mit dem Arzt über Gott und die Welt reden, in: CiG 63 (2011), Vgl. ebd. IM SPIEGEL DER ZEIT 427 gar nicht so schlecht bestellt sei. 3 Die leeren Beichtstühle und -zimmer in den Gemeinden sprechen jedoch eine andere Sprache: Obwohl in vielen Pfarreien regelmäßig und oft sogar wöchentlich Beichtmöglichkeiten angeboten werden und die Pfarrer durchaus sehr bemüht sind, in ihrer Gemeinde die Bedeutung des Bußsakramentes zu vermitteln und hoch zu halten, werden diese nur von wenigen Gläubigen wahrgenommen. Statistisches Datenmaterial ist diesbezüglich leider nicht vorhanden, doch gibt es kaum einen Pfarrer in Deutschland, der nicht das mangelnde Interesse seiner Schäfchen vor allem der jüngeren am Beichtsakrament beklagt. Großen Anklang dagegen finden allerorts sogenannte Bußgottesdienste, die häufig vor den großen Kirchenfesten angesetzt und von den Gläubigen gerne angenommen werden als Ausdruck der Versöhnung und auch als Ersatz für das Bußsakrament. 4 Die deutschen Bischöfe, die sich in ihrem Hirtenbrief Umkehr und Versöhnung im Leben der Kirche zuletzt 1979 zum Thema Buße und Beichte geäußert haben, unterstützen diese Feiern als Gewissensvertiefung und Erneuerung des Christseins, 5 sehen sie jedoch nur bedingt als Ersatz für das Bußsakrament: Der glaubende Mitvollzug dieser Feiern schenkt wirksame Vergebung der alltäglichen Sünden. 6 Bei schwerer wiegenden Sünden und damit ist die radikale Zurückweisung des Guten bzw. die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen gemeint 7 ist die Einzelbeichte abzulegen. Neben diesen klassischen Formen der Umkehr und Versöhnung werden jedoch hier und da ganz neue Wege beschritten. Beispielsweise gibt es in Reutlingen, Tübingen, Essen, Göppingen u.a. mittlerweile die sogenannten Orte des Zuhörens. Diese sind entstanden aus der Beobachtung, dass eine zunehmende Zahl der Menschen, die sich an die Mitarbeitenden von Caritas/Diakonie und an die Hauptamtlichen in den Gemeinden sowie an andere professionelle Hilfeangebote wenden, zunächst einmal und manchmal auch ausschließlich einen Menschen bräuchten, der ihnen mit einem Kontingent an Zeit zuhört, das dort nicht zur Verfügung steht. 8 Das Projekt geht zurück auf den Mailänder Kardinal Martini, der es in Mailand unter dem Namen Centro di ascolto (Zentrum des Zuhörens) Mitte der 70er Jahre ins Leben rief mit dem Ziel, eine Kultur der Solidarität zu schaffen. Sie sind ein Angebot der Gemeinden für Menschen in und 3 Vgl. J. Pock, Beichte zwischen Ignoranz und Boom. Die Bedeutung einer differenzierten Bußpastoral für den Umgang mit der Schuld, in: Geistes-Gegenwart. Vom Lesen, Denken und Sagen des Glaubens. Hrsg. von F. Gruber u.a. Frankfurt u.a. 2009, Vgl. E. Volgger, Das Wasser der Taufe und die Tränen der Buße Kirchliche Wege und liturgische Formen der Umkehr und der Versöhnung unter besonderer Berücksichtigung der so genannten Bußfeier, in: HID 59 (2005), 42 56, bes Vgl. Umkehr und Versöhnung im Leben der Kirche. Orientierungen zur Bußpastoral ( ). Hrsg. vom Sekretariat der DBK. Bonn 1997 (DtBis; 58), Ebd. 7 Vgl. aao., Vgl. (Stand: ). 428 IM SPIEGEL DER ZEIT außerhalb der Gemeinde und steht allen offen, die einen Menschen suchen, um sich auszusprechen, um klarer zu sehen und wenn möglich durch das Gespräch Lösungsperspektiven in den Blick zu bekommen 9 unabhängig von Geschlecht, Alter oder Konfession. Und die Zuhörer sind nicht etwa nur Priester, wenngleich es auch diese gibt und die Möglichkeit der Beichte, sondern ebenso hauptamtliche Laien sowie geschulte ehrenamtliche Mitarbeiter. So kann man in einer Informationsbroschüre der Caritas lesen: Heute arbeiten im Gebiet der Erzdiözese 290 Orte des Zuhörens in Zusammenarbeit mit der Caritas Ambrosiana (der Caritas in der Erzdiözese Mailand). Gewachsene Kontakte zwischen der Caritas der Diözese Rottenburg-Stuttgart e.v. sowie der Caritas Ambrosiana führten dazu, dass 2005 der erste Ort des Zuhörens in Reutlingen entstand, seit 2007 gibt es auch in Esslingen Anlaufstellen sowie mittlerweile auch in Göppingen und Tübingen. Laut Caritas hat sich das Angebot bewährt: Im Jahr 2010 haben über 400 Menschen Rat gesucht. 10 Aus einer Statistik der Caritas Fils-Neckar-Alb aus dem Jahr 2010 geht hervor, dass 47% der Ratsuchenden unter 40 Jahre alt sind, 45% zwischen 40 und 60 Jahre und nur 7% über 60 Jahre. 90% der befragten Personen gaben zudem an, sich in dem Gespräch in ihrer jeweiligen Situation verstanden gefühlt zu haben Zeichen der Zeit Auf dem Hintergrund des eben Dargestellten scheint ein Spiegelbild zu entstehen, das die Situation in den Beichtstühlen umkehrt: Während fast ausschließlich ältere Menschen den Beichtstuhl oder das Beichtzimmer betreten, fühlen sich jüngere Menschen in einer offeneren Form der Aussprache besser aufgehoben. Das mittelalterliche Bußverständnis, das noch bis weit nach dem II. Vatikanischen Konzil in den Köpfen der Menschen verhaftet war, scheint in der säkularen Gesellschaft Deutschlands im Aussterben zu sein: Nicht mehr das drohende Gottesgericht, die Angst vor dem die Sünder strafenden Gott und der Verdammnis motivieren die Menschen zur Beichte der Mensch heute lebt in einer anderen Zeit, er wächst anders auf und versteht sich und seine Welt anders als noch vor fünfzig Jahren. Was also in den beiden oben erwähnten Beispielen schon aufgeschienen ist, wird immer deutlicher: Die Menschen suchen in ihren Nöten, Fragen, Problemen und in ihrer Schuld nicht mehr unbedingt Priester, sondern vielmehr Menschen und Orte auf, wo Zeit und Raum und offene, hörende Ohren gegeben sind. 9 Vgl. ebd. 10 Vgl. (Stand: ). 11 Vgl. - pakongress_ pdf (Stand: ). IM SPIEGEL DER ZEIT 429 Neue Freiheit Der Theologe Johann Pock postuliert treffend: Soziologische, philosophische und theologische Analysen unserer Zeit stimmen darin überein: Dem Subjekt- Sein des Menschen waren noch nie so viele Möglichkeiten gegeben, es war aber auch nie solchen Belastungen und Gefährdungen ausgesetzt. Die Idee der Freiheit des Individuums, die wesentlich durch das Christentum geprägt wurde, in der Geschichte leider aber oft gegen die Kirche durchgesetzt werden musste, hat ihren Siegeszug angetreten allerdings auch in ihrer Doppelgesichtigkeit der Freiheit für die Religion und der Freiheit von der Religion, und in der tendenziellen Überforderung, die mit der Freiheit und ihren Wahlmöglichkeiten mitgegeben ist. 12 Der Mensch ist frei in seiner Lebensplanung und -gestaltung und er fühlt sich auch frei in seiner Religiosität. Man ist heute nicht mehr automatisch katholisch oder evangelisch. Nicht wenige Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr taufen, um sie später, wenn sie reif genug sind, selbst entscheiden zu lassen, ob und wenn ja, welches Glaubensbekenntnis sie annehmen möchten. Und auch die, die getauft sind, gehen heute nicht mehr zwangsläufig mit ihrer ganzen Schulklasse geschlossen zur Erstkommunion oder zur Firmung, geschweige denn zur Erstbeichte, wie das noch vor zwanzig Jahren beinahe überall üblich war. Man geht auch nicht mehr unbedingt dort in den Gottesdienst, wo man territorial zugehörig ist, sondern dort, wo man sich wohl und angesprochen fühlt und man wendet sich mit seinen Sorgen und Nöten dementsprechend an den Menschen, zu dem man Vertrauen hat, ungeachtet dessen, ob dieser Mensch Priester ist oder nicht. Betonung von Individualität Das Leben wird heute immer mehr zum individuellen Projekt. Nur noch selten steigt der Sohn in die Schuhe seines Vaters und übernimmt dessen Firma oder Geschäft. Man fragt heute weniger danach, was zweckmäßig ist, als vielmehr danach, was man kann und wozu man sich hingezogen fühlt. Man erforscht sich und seine Talente heute genauer als früher und hat auch größere Möglichkeiten, dem Raum und Gestalt zu geben. So kann man mit Pock sagen: Die Gestaltung persönlicher Lebensdeutung und Sinnfindung ist zur zentralen Aufgabe des Einzelnen geworden. Die komplexen und entbetteten Biografien in postmodernen Gesellschaften, die dem einzelnen einerseits die Möglichkeit geben, ein eigenes Leben zu führen, was gleichzeitig mit vielen Unsicherheiten einhergeht, produzieren allerdings weiterhin einen hohen individuellen Begleitungsbe- 12 J. Pock, Beichte zwischen Ignoranz und Boom (Anm. 3), 430. 430 IM SPIEGEL DER ZEIT darf. 13 Die Menschen sind auf der Suche nach Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung; sie wollen ihre Talente zum Einsatz bringen und damit sinnvoll und gut leben. Die Möglichkeiten hierzu sind vor allem in der Berufswahl, aber ebenso in der ehelichen oder nichtehelichen Lebensform man denke dabei an Patchworkfamilien, Lebenspartnerschaften, homosexuelle Beziehungen, Lebensabschnittspartner etc. unüberschaubar geworden. Menschen sind heute auf solch brüchigen und unsicheren Wegen mehr denn je auf der Suche nach Beistand, Unterstützung und Hilfe. Diese finden sie jedoch nicht mehr in erster Linie im Beichtstuhl, sondern sie wenden sie sich an Ärzte, Therapeuten, Lehrer etc. eben Menschen, denen sie vertrauen, die sie anhören und ihnen Wegbegleiter sind. Entdeckung des systemischen Umfelds Der systemische Ansatz von Bert Hellinger, 14 bekannt durch seine Familienaufstellungen, mag umstritten sein, 15 hat aber dennoch in den vergangenen zehn Jahren weitläufig das Bewusstsein wachsen lassen, dass der Mensch nicht nur ein Individuum ist, das sich unabhängig und frei von anderen bewegen und betätigen kann, sondern in einem Geflecht von Beziehungen steht, die ihn nicht unwesentlich beeinflussen und die auch er beeinflusst. Mehr und mehr kommt in den Blick, dass der Einzelne immer innerhalb eines Systems steht, in welchem Liebe fließt und in welchem es dort, wo Liebe nicht fließt, Verstrickungen gibt, die Unglück und Leid verursachen. Wenn man den Blick auf die sozialen Systeme mit ihren jeweiligen Netzwerken von Wirkungen richtet, wird das kausale und individuelle Modell der Schuld zu einem überindividuellen überschritten, und es wird möglich, von der Ebene des faktischen Geschehens weiterzugehen und auch die Wirkungen mit in den Blick zu nehmen, die von einem schuldhaften Ereignis nicht abzulösen sind. 16 Die Menschen spüren heute stärker als früher, dass sie in einem Geflecht stehen und Begleitung und Hilfe von jemandem brauchen, der sich in diesen Systemen auskennt und auf professionelle Weise helfen kann, Verstrickungen zu lösen. 13 Ebd. 14 Vgl. B. Hellinger, Ordnungen der Liebe. Heidelberg u. G. Weber (Hrsg.), Zweierlei Glück. Die systemische Psychotherapie Bert Hellingers. Kempten Vgl. z.b. C. Goldner, Der Wille zum Schicksal. Die Heilslehre des Bert Hellinger. Wien 2003 u. AStA der Universität München, Niemand kann seinem Schicksal entgehen. Kritik an Weltbild und Methode des Bert Hellinger. München Vgl. J. Pock, Beichte zwischen Ignoranz und Boom (Anm. 3), 431. IM SPIEGEL DER ZEIT Seelische Begleitung ist Mangelware Alle vorgenannten Punkte münden, wie wir gesehen haben, immer in der (auch unbewussten) Suche des Menschen nach hilfreicher seelischer Begleitung, welche sie jedoch im Beichtstuhl bzw. -zimmer nur höchst selten finden. Dies hat mehrere Gründe, die alle ineinander spielen: Umgang mit der»sünde«wie erleben Menschen, die noch beichten gehen, das Bußsakrament? Sie kommen in die Kirche oder an den Ort, an dem die Beichte stattfindet, sie sammeln sich, bereiten sich im Gebet auf die Beichte vor und betreten dann den Beichtstuhl bzw. das Beichtzimmer. Unabhängig davon, ob es sich um die klassische, stark ritualisierte Beichte oder um das Beichtgespräch handelt, berichtet der Pönitent von seinen Verfehlungen und spricht von seinen Sorgen und Nöten. Am Ende steht die Absolution, der Freispruch von den Sünden, und es wird dem Beichtenden ein Bußwerk auferlegt, bei welchem es sich zumeist um das Persolvieren eines Gebets (wie z.b. des Vaterunsers oder des Ave Marias) handelt. Wer seine Sünden aufrichtig bereut, so vermittelt die Kirche, der wird von seinen Sünden durch die Gnade Gottes befreit. Problematisch wird es jedoch für Menschen, wenn sie frustriert feststellen müssen, dass sie bei der nächsten Beichte die gleichen Verfehlungen beichten müssen. Ich beichte immer das gleiche es ändert sich nichts, obwohl ich mich so bemühe, stellen viele resigniert fest. Das Bereuen der Sünden ist die eine Sache, eine ganz andere ist der Umgang mit sich selbst und seinen inneren Neigungen, welche auch nach dem Bekenntnis des Fehlverhaltens weiter bestehen und genau hierfür benötigt der Mensch Rat und Hilfe. Wenn einer beichtet, jemanden angelogen, einen anderen schlecht behandelt und beleidigt zu haben, dann sind das zwar in der Sprache der Kirche»Sünden«, jedoch sind dies»nur«oberflächliche Symptome tieferliegender seelischer Haltungen, welche aber meist von den Beichtvätern gar nicht gesehen werden. Vielmehr beschäftigt man sich mit diesen Symptomen und bleibt bei ihnen stehen. Die eigentliche»sünde«aber liegt tiefer. So schreibt der Jesuit Franz Jalics: Der Mensch wurde so geschaffen, dass er ständig und mit seinem ganzen Sein auf Gott ausgerichtet war. Das ist seine Natur, das war sein Urzustand, und darin bestand seine Glückseligkeit. ( ) Der Sündenfall bestand darin, dass der Mensch von seinem Ausgerichtetsein auf Gott zurückgefallen ist auf ein Ausgerichtetsein auf sich selbst. ( ) Statt auf Gott, auf seine wahre Mitte zu achten und von dort aus zu leben, ist er an seinem eigenen egoistischen Standpunkt, seinem Eigenwillen, seinen Wünschen, Plänen und Zielen hängengeblieben. ( ) Damit 432 IM SPIEGEL DER ZEIT war das Chaos gegeben. Der Mensch war von seinem Ursprung getrennt. ( ) Er konnte sich nicht mehr so annehmen, wie er war. Eine Seite von sich bejahte er. Vieles fand er aber in sich vor, was er nicht akzeptieren konnte. Er war in zwei Bereiche getrennt. Einen, den er zulassen konnte, und einen anderen, den er ignorierte, bekämpfte und verdrängte. Er war in sich gespalten und zerrissen, konnte seine eigene Identität nicht mehr finden und wusste nicht mehr, wer er eigentlich war. Er fing an, vor sich zu flüchten. ( ) Durch dieses Chaos kam Krankheit, Leid und Tod über den Menschen. Dieser Zustand hält bis heute an und ist in jedem erlösungsbedürftigen Menschen zu finden 17 und ist die eigentliche Wurzel all der»sünden«, welche von den Menschen im Beichtstuhl gebeichtet werden. Die Erlösung besteht nun nicht einfach nur darin, diese Symptome auszumerzen, indem man sie bereut und sich bemüht, dieses oder jenes nicht mehr zu tun (wenngleich dieses Bemühen natürlich auch mit dazu gehört), sondern viel grundlegender darin, dass Jesus Christus uns von der Ichbezogenheit wieder zur Gottbezogenheit zurückführt 18 oder anders ausgedrückt: dass der Mensch aus seinem Chaos wieder hin findet zu seiner inneren Mitte, zu Ruhe und innerem Frieden. Kunst der geistlichen Begleitung Den Weg hin zur Gottbezogenheit kann der Mensch jedoch nur schwer allein gehen, da es ein mühsamer und verschlungener Weg ist. Hierfür braucht er einen Seelenführer, einen, der sich ganz in den anderen hineinversetzen kann, der die Seele versteht und ihr helfen kann, neue Wege zu gehen. Schon Origenes versteht unter einem Beichtvater eine Art Seelenarzt, dem man die Krankheiten der Seele, die in den schlechten Ge
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