Jahrgang Alltagsleben in einer anderen Welt

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Jahrgang Alltagsleben in einer anderen Welt Frauenhoferbrücke und Deutsches Museum, 1935 (Foto: testimon Fotoarchiv) München im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts: Wir betrachten Fotos auf
Jahrgang Alltagsleben in einer anderen Welt Frauenhoferbrücke und Deutsches Museum, 1935 (Foto: testimon Fotoarchiv) München im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts: Wir betrachten Fotos auf dickem Karton mit Jugendstilornamenten. In den ersten Filmen bewegen sich die Menschen ruckartig und wecken unweigerlich Assoziationen zu den Slapstick-Streifen von Charlie Chaplin. Die Gegenstände aus jener Zeit haben bereits Eingang in die Museen gefunden. Was davon auf uns gekommen ist, sind zugleich fremd und vertraut wirkende Relikte, in denen wir nur Vorläufer unserer heutigen Welt erkennen können. Die Zusammenhänge kann nur vermitteln, wer all das noch als alltägliche Wirklichkeit erlebt hat. In den Erzählungen der letzten Augen- und Ohrenzeugen jener Zeit werden aus den zappelnden Männchen der lebenden Bilder wieder Menschen, die sich in einer alles anderen als primitiven Zivilisation bewegten. Sie gewähren einzigartige Einblicke, doch seltsamerweise wächst mit jedem Aha-Erlebnis das Bewusstsein der Andersartigkeit. Es sind Berichte aus einer anderen Welt, dem königlich bayerischen München und den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Der Erste Weltkrieg aus der Sicht eines Kindes Für den 1910 in der Schwabinger Elisabethstraße geborenen Peter Merzbacher begann der Ernst des Lebens im Ersten Weltkrieg. Mit 64 Klassenkameraden besuchte er die Volksschule in der Türkenstraße. Seine Eindrücke erinnern eher an eine Kadettenanstalt als an eine Bildungseinrichtung: Gasbeleuchtung und farblose Klassenzimmer, in denen man vergeblich nach Kinderzeichnungen an den Wänden gesucht hätte. Bald fand der Unterricht in Kellerräumen der Universität statt, da die Türkenschule für militärische Zwecke genutzt wurde. 2 Elisabethstraße 38, Peter Merzbachers Geburtshaus Dem Krieg begegnete der Schüler auch in der Nachbarschaft der elterlichen Wohnung: In der Hohenzollernstraße, nahe am Kurfürstenplatz, befand sich ein Lichtspieltheater, in dem regelmäßig Vorstellungen für verwundete Soldaten gegeben wurden. Kolonnen von Trambahnwagen brachten sie dorthin und wieder zurück. Es war ein trauriger Anblick, viele gingen an Krücken, lagen auf Bahren und hatten Verbände um den Kopf, die ihr Gesicht kaum erkennen ließen. Das Vaterland sorgte für ihre Zerstreuung... Keine 15 Minuten von der Elisabethstraße entfernt begann der riesige Kasernenkomplex und daran anschließend das Oberwiesenfeld. Bei der Bevölkerung des Münchner Nordens war es beliebt zum Spazierengehen, Hunde abrichten und Drachensteigen. Winzige Schäferhütten waren über das Areal verstreut. Aber auch Bilder der militärischen Nutzung blieben Merzbacher in Erinnerung, wie grotesk geformte gelbe Fesselballone, die aus ihren Hangars über die Schwere- Reiter-Straße getragen wurden, und Artillerieeinheiten zu Pferd, die zu Manövern ausrückten. Tradition und technischer Fortschritt Es war eine Zeit der Fußgänger. Entfernungen maß man in der Dauer des Fußweges vom Ausgangs- zum Zielort. Die Feldherrnhalle am Odeonsplatz 3 In die Innenstadt brauchte man von Schwabing 35 Minuten, um etwa im Sommer den sonntäglichen Promenadekonzerten auf dem Odeonsplatz beizuwohnen. Dort herrschte eine festliche Atmosphäre, eine Mischung von Alt und Jung, gut und weniger gut situierten Bürgern, für Merzbacher das München meiner Jugend im besten Licht. Für den Rückweg wählte man selbst nach Einbruch der Dämmerung ohne die geringsten Bedenken die Pfade durch den Englischen Garten, vorbei an meist von Soldaten mit ihrem Gschpusi besetzten Parkbänken. Brücke über den Eisbach im Englischen Garten Neben den das Straßenbild beherrschenden Trambahnen und den ersten Automobilen gab es damals an urbanen Fortbewegungsmitteln noch die Pferdedroschken. Der Kommunikation dienten Kurbeltelefone, die erst allmählich von automatischen Apparaten mit Wählscheibe abgelöst wurden. Noch lange war für Ferngespräche das Fräulein vom Amt zuständig, das die Verbindung herstellte. Nur in Technikmuseen findet man noch die Überreste des Rohrpostsystems, einem Netz pneumatischer Röhren kreuz und quer durch das Stadtgebiet, das die Postämter miteinander verband. Ein Rohrpostbrief in einer Kapsel wurde mit großer Geschwindigkeit etwa von einem Postamt in Schwabing zu einem anderen in Bogenhausen geschossen und dort von einem Boten zugestellt. Jugend in der Weimarer Republik Im November 1918 endete der I. Weltkrieg und mit ihm Kaiser- und Königreich. Der bayerische König Ludwig III. musste abdanken. Doch schon sein prunkvolles Begräbnis mit Leichenzug drei Jahre später, dessen Augenzeuge Merzbacher in der Luisenstraße wurde, zeigte, dass die Bevölkerung der ehemaligen Residenzstadt noch lange nicht mit der Monarchie abgeschlossen hatte und zu Anhängern des neuen Freistaats geworden war. Auch im Leben des jungen Peter Merzbacher gab es damals einen Einschnitt. Als Sohn des Inhabers eines renommierten Pelzgeschäfts in der Theatinerstraße war für ihn der Besuch einer weiterführenden Schule selbstverständlich. Daher wechselte er 1920 an das Alte Realgymnasium in der Schwabinger Siegfriedstraße, das heutige Oskar-von- Miller-Gymnasium. Die schon immer mäßige Begeisterung für das weiterhin wilhelminisch geprägte Schulwesen erreichte bei dem Primaner in Latein und Mathematik ihren Tiefpunkt. Portal des Oskar-von-Miller-Gymnasiums 4 Zu einer besonderen Prüfung entwickelte sich das Fach Geographie, wo man von ihm als Großneffen des berühmten Alpinisten und Asienforschers Gottfried Merzbacher (s. Kurzbiographie bei rijoresearch.de) natürlich Bestnoten erwartete. Ablenkung von wenig erbaulichen Schulerlebnissen suchte der Gymnasiast unter anderem in der Tonhalle an der Ecke Türken- und Prinz- Ludwig-Straße, wo er den Philharmonikern und bei ihren Gastspielen Opernstars wie dem Russen Schaljapin Blick vom Alten Peter auf das Nationaltheater und die Maximilianstraße lauschte. Konnten er und seine Eltern solchen Ereignissen nicht selbst beiwohnen, so verwandelte sich das Musikzimmer der Wohnung in einen Konzertsaal: Über die Telefonleitung wurden Übertragungen aus dem Nationaltheater in verblüffender Klangqualität angeboten, die die Familienmitglieder, jeweils mit einem Kopfhörer bewaffnet, verfolgten. Eingang zum heutigen Völkerkundemuseum Ein Bildungserlebnis anderer Art verschaffte ihm sein Onkel Ernst, der ihm regelmäßig eine Jahreskarte für das Deutsche Museum schenkte, von der er reichlich Gebrauch machte. Merzbacher kannte diese Institution noch in ihrem Domizil an der Maximilianstraße, dem heutigen Völkerkundemuseum. Er erlebte 1925 den Umzug auf die Isarinsel, in deren Baulichkeiten er sich vom Keller (Bergbau) bis zum obersten Geschoss (Musik) bald auskannte wie in seiner Westentasche. Im selben Jahr bewunderte er bei einer Verkehrsausstellung auf der Theresienwiese eine aufsehenerregende Neuerung: Erstmals wurden hier Trambahnwagen mit geschlossenen Plattformen gezeigt. Um diese Zeit musste auch der anschwellende Großstadtverkehr durch obrigkeitliche Eingriffe reguliert werde. Auf dem Odeonsplatz stand nun ein Schutzmann, der den Verkehr regelte. 5 Trambahn Linie 4 vor dem Hotel Bayerischer Hof, um 1933 (Foto: Peter Merzbacher) Weniger anspruchsvollen Zeitvertreib als Konzert und Museum bot im Sommer das Ungererbad, das aus mehreren Abteilungen bestand, die primitivste davon nichts anderes als eine Bretterbude an der Würm. Es war das Reich der Schwimmmeister, die im Kasernenhofton ihre an angelartigen Gerätschaften hängenden Opfer im Schwimmen unterrichteten. Unsölds geheizte Schachterleisbahn an der Galeriestraße im Lehel, an die heute nur noch der Name ihres Erfinders als Straßenbezeichnung erinnert, und Skiausflüge mit der Eisenbahn ins Oberland gehörten zu den winterlichen Vergnügungen der Münchner Jugend erreichte Peter Merzbacher das von ihm heiß ersehnte Einjährige, nach dem er vom Gymnasium abgehen konnte. Es begann ein neuer Lebensabschnitt, der ihn zur kaufmännischen Ausbildung nach Berlin führte. Das Ende in München Den Anfang vom Ende seiner bis dahin von der Politik kaum beeinträchtigten Jugend erlebte er wieder in München. An jenem Januartag des Jahres 1933 kamen er und sein Bruder an der Ecke Barer und Georgenstraße vorbei. Dort, wie an vielen anderen belebten Plätzen, hing an einer Hauswand eine für Sondermeldungen bestimmte Anschlagtafel. Sie gehörte den Münchner Neuesten Nachrichten, damals auch beziehungsvoll die Kuhhaut genannt. Einige Passanten standen davor und lasen den gelben Zettel mit der dicken Schlagzeile: Telegramm: Hitler zum Reichskanzler ernannt. Dem Bruderpaar lief es eiskalt den Rücken herunter. Beiden war klar, dass sich von diesem Augenblick an ihr Leben radikal ändern würde. Der Prozess der Ausgrenzung, der einen besonders schmerzlichen Ausdruck im Ausschluss aus dem Deutsch- Österreichischen Alpenverein fand, für dessen Ansehen der Großonkel so viel getan hatte, endete für Peter Merzbacher mit der Auswanderung. Er verließ München am 16. November Auch sein Bruder und seine Eltern konnten sich retten, sein Onkel Ernst jedoch, der dem Neffen den unbeschränkten Zugang zu den Schätzen des Deutschen Museums ermöglicht hatte, fiel zweiundsiebzigjährig den Nazis zum Opfer. 6 Rückschau vom Olympiaturm Zwischen diesen Erlebnissen und ihrer Aufzeichnung lagen zwei Generationen, im Falle von Peter Merzbacher ein Menschenleben in mehreren zeitlich und räumlich getrennten Welten. Welche Wahrnehmung der Umwelt diese Überfülle an Erfahrung schafft, beschrieb er bei einem Besuch des Münchner Olympiaturms: Wie ich da oben stand, sah ich meine frühen Jahre aus der Vogelperspektive. Tief unter mir lag in meiner Fantasie der Schauplatz unvergesslichen Kindheitsgeschehens. An die Balustrade gelehnt hatte ich Mühe, meine Gefühle vor den anderen Besuchern zu verbergen. Ich war erschüttert von dem Bewusstsein gnadenlos vorbeigeraster Zeit. Susanne Rieger Der Olympiaturm vom Luitpoldpark Index* Home* Susanne Rieger, Gerhard Jochem; Stand:
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