Karl König. Sinnesentwicklung und Leiberfahrung (Verlag Freies Geistesleben, 1971) Einleitung (S. 1) Der Tastsinn (S. 2) Der Lebenssinn (S.

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1 Karl König Sinnesentwicklung und Leiberfahrung (Verlag Freies Geistesleben, 1971) Einleitung (S. 1) Der Tastsinn (S. 2) Der Lebenssinn (S. 14) Der Eigenbewegungssinn (S. 28) Der Gleichgewichtssinn
1 Karl König Sinnesentwicklung und Leiberfahrung (Verlag Freies Geistesleben, 1971) Einleitung (S. 1) Der Tastsinn (S. 2) Der Lebenssinn (S. 14) Der Eigenbewegungssinn (S. 28) Der Gleichgewichtssinn (S. 41) Körperschema und Leibessinne (Georg von Arnim) (S. 59) Literaturverzeichnis (S. 79) S : Wir legen diesen Untersuchungen die Einteilung der Sinne, die von Rudolf Steiner angegeben worden ist, zugrunde. Lange bevor die akademische Psychologie eine Erweiterung der fünf Sinne für notwendig hielt, hat er zunächst (1909) von zehn und später (1916) von zwölf verschiedenen Sinnen gesprochen. Beim Ausbau dieser Sinneslehre ergab sich dann eine sehr deutliche Gliederung in dreimal vier Sinnesgebiete, die als untere, mittlere und obere Sinne bezeichnet werden. 1 Als die vier unteren Sinne können die folgenden gelten: - Tastsinn - Lebenssinn - Bewegungssinn - Gleichgewichtssinn. Diese vermitteln ein unmittelbares Erlebnis der unseren Leib betreffenden Erfahrungen. Wie wir uns fühlen, wie es uns ergeht, wie wir stehen und gehen, liegen und sitzen, das empfinden wir durch diese Sinne. Der Wille als Tätigkeit ist vornehmlich in diesen vier Sinnesprozessen wirksam. Die zweite Vierheit bilden die mittleren Sinne: - Geruch - Geschmack - Gesicht - Wärmesinn. Hier geht es nicht mehr um das Erlebnis der eigenen Leiblichkeit, sondern um die unmittelbaren Erfahrungen der uns umgebenden «sinnlichen» Welt. Es ist der «Leib» der uns umschlies- 1 Unter Anmerkung 1 steht: Ich folge hier den Darstellungen Rudolf Steiners und beziehe mich dabei auf eine ganze Reihe der von ihm gehaltenen Vorträge. (Literatur bei Lauer [16]) 2 senden Umwelt, der sich durch die vier mittleren Sinne offenbart. Er enthüllt sich in seiner Eigenschaftlichkeit und erweckt unsere Sympathien und Antipathien. Deshalb sind auch diese vier Sinnestätigkeiten stark von Gefühlen durchsetzt. Liebe und Haß wirken in ihnen. Endlich gibt es die Vierheit der oberen Sinne: - Hörsinn - Wortsinn - Denksinn - Ichsinn. Sie offenbaren uns die Welt des Geistes, aus der das Wort und die Sprache kommen und in der wir selbst, als Individualitäten, urständen. Das Ohr erschließt uns die Welt der Töne, Klänge und Laute, und dadurch nehmen wir am Verstehen der Worte und Sätze teil. Die Folge davon ist ein Erwachen im Reich der Gedanken (Denksinn), und daraus entsteht das unmittelbare Erlebnis des anderen menschlichen Ich. 2 Rudolf Steiner nennt diese vier Sinne «Erkenntnis-Sinne», da sie vor allem durch das Denkleben mitbestimmt sind. Diese Gliederung der Sinneslehre gibt uns die Möglichkeit, die Sinne nicht nur als einzelne Qualitäten zu untersuchen, sondern sie auch in ihrer Stellung innerhalb der Sinnessphäre selbst zu erkennen Der Tastsinn Was ist der Tastsinn? Darüber sagt er (Rudolf Steiner), im gleichen Zusammenhang (1 3 ), das Folgende: «Doch ist, richtig betrachtet, nicht nur das ein Tasten, was wir tun, wenn wir einen Gegenstand anrühren, seine Oberfläche abfühlen; Tasten ist es auch, wenn wir mit den Augen etwas suchen. Auch Geruchssinn und Geschmackssinn können tasten. Wenn wir schnüffeln, so tasten wir mit dem Geruchssinn. Bis herauf zum Wärmesinn ist das Tasten eine gemeinschaftliche Eigenschaft der Sinne vier bis sieben (Geschmack, Geruch, Seh- und Wärmesinn).» Daraus wird ersichtlich daß hier vom «Tasten» im Gegensatz zum «Tastsinn» gesprochen wird und daß den vier «mittleren» Sinnen eine Art von Tasten zugrunde liegt. Wenn dann Rudolf Steiner hinzufügt, daß «mit den Sinnen des Tastens die Außenwelt an der Oberfläche wahrgenommen wird», dann beginnen wir zu verstehen, was er meint. Noch präziser drückt er sich dann über den gleichen Gegenstand in einem aus diesen hier erwähnten Vorträgen entstandenen Buch aus, das erst viel später in unvollständiger Form herausgegeben wurde. (2) Dort heißt es: «Nicht in derselben Art, wie bei den zehn angeführten Sinnen, erscheint der Sinnescharakter bei dem, was man gewöhnlich den Tastsinn nennt. Dieser vermittelt äußeren Druck, Widerstand, Härte, Weichheit. Man vergegenwärtige sich das Wesen dessen, was man als «Druck» bezeichnet. Der Vorgang ist keineswegs ein durchaus einfacher. Man nimmt in 2 Unter Anmerkung 1 (immer seitenbezogen) steht: Siehe dazu das Kapitel «Die Entfaltung der drei höchsten Sinne» in des Verfassers Buch «Die ersten drei Jahre des Kindes» (Stuttgart, 3. Auflage 1968). 3 Alle in Klammer stehenden Zahlen: siehe Literaturverzeichnis am Ende des Textes (S. 79) 3 Wirklichkeit nicht den drückenden Körper unmittelbar wahr, sondern die Tatsache, daß man durch ihn veranlaßt wird, mit dieser oder jener Stelle der Haut zurückzuweichen, oder daß man eine mehr oder weniger große Anstrengung machen muß, um auf den Körper einen Eindruck zu machen.» Anschließend wird der grundlegende Unterschied zwischen einem Wärme- und einem Tasterlebnis dargestellt und darauf hingewiesen, daß es sich dort um das Erfahren einer Eigenschaft des Gegenstandes selbst, hier aber um ein Selbsterlebnis handelt. Die Tastempfindung vermittelt uns nicht eine Qualität des ertasteten Gegenstandes, sondern die Auseinandersetzung, die ich selbst mit diesem Ding der Außenwelt habe. Das «Tasten» wird erlebt, nicht aber das «Ertastete». Im Tasten liegt eine Aktivität der wahrnehmenden Person, die sich auch in den «mittleren» Sinnen vollzieht. Dort aber eröffnet uns die aufgewendete Tastaktivität Sinneserlebnisse, die jenseits des Tastens liegen. Ein «Ertasten» flüssiger Substanzen vermittelt uns Geschmackswahrnehmungen; ein «Ertasten» von Temperaturzuständen gibt uns die Empfindung von Wärmequalitäten usw., so daß der Unterschied zwischen dem Tasten als Aktivität und dem Tastsinn selbst deutlich wird. Vom letzteren aber sagte Rudolf Steiner noch 1910 in dem oben erwähnten Buch (2): «Was unmittelbar beim Tasten empfunden wird, das kann immer innerhalb der Gebiete der drei zuerst hier aufgezählten Sinne gefunden werden. Ein Körper, der auf mich drückt, verursacht z. B. eine Lageverschiebung innerhalb meiner Leiblichkeit; diese wird durch den Lebens-, oder den Eigenbewegungs-, oder den Gleichgewichtssinn wahrgenommen», so daß der Tastsinn selbst in dieser Beschreibung als eine Art von Raum angesehen wird, innerhalb dessen die Erfahrungen der drei anderen Sinne, einzeln oder in verschiedenen Kombinationen, zum Erlebnis werden. Tastendrücke sind komplizierte Ergebnisse, die sich aus Wahrnehmungen der drei «unteren» Sinne im Zusammenhang mit früher Erfahrenem, Erschlossenem und Erinnertem zu einem Ganzen aufbauen. Streiche ich über einen Seidenstoff, dann ist es das Erlebnis der wahrgenommenen Bewegung, das, mit zartesten Lebensempfindungen gemischt, die Erinnerung «das ist wie Seide» herbeiruft. Eine Fülle von Eindrücken ist nötig, um zum Schluß «Seide» zu kommen. Der Tastsinn selbst ist nur der Raum, in dem diese Kombination von Erlebnissen vor sich geht. Als Rudolf Steiner im Jahre 1916 seine früheren Ausführungen zur Sinneslehre wieder aufgreift, gibt er dem Tastsinn einen eigenen Platz. Er fügt auch den Ichsinn hinzu und kommt dadurch zur Zwölfzahl der Sinne. Vom Tastsinn heißt es nun, daß er «derjenige Sinn ist, durch den der Mensch in das Verhältnis zur materiellsten Art der Außenwelt tritt. Durch den Tastsinn stößt gewissermaßen der Mensch an die Außenwelt... aber trotzdem spielt sich der Vorgang des Tastens innerhalb der Haut des Menschen ab.» (3) Hier wird der Tastsinn in seiner Selbständigkeit anerkannt, aber nur insofern, als wir durch ihn nicht die Umwelt, sondern ihre Wirkung auf uns über die Oberfläche der Haut erfahren, so daß wir davon sprechen können, daß es sich beim Tastsinn um eine Art von «Vor-Sinn» handelt, der uns nicht eine primäre, sondern nur eine sekundäre Sinneserfahrung vermittelt. Was ich da wahrnehme, sind Zustände meines eigenen Leibes, die eigentlich den Gebieten des Lebens-, Eigenbewegungs- und Gleichgewichtssinnes angehören. Das «Tasten» selbst bleibt meinem Bewußtsein verborgen, obwohl ich ständig von den Erlebnissen, die mir der Tastsinn selbst vermittelt, eingehüllt bin. Aber man kommt beim Tasten gar nicht zum Erleben der Wahrnehmung, weil sich andere Sinneseindrücke dauernd darüberschieben. 4 Auch die Sprache kennt keine Bezeichnungen für Tastqualitäten, sondern verwendet für diese Eindrucke Worte wie: weich, hart, spitz, stumpf, glatt, rauh, usw. Diese Bezeichnungen sind nicht Wahrnehmungsinhalte, sondern Urteile; eine Vielheit von Sinneseindrücken und Empfindungen wird zusammengefaßt und deren Ergebnis mit einem Wort ausgedrückt. «Spitz» ist ebensowenig eine Tastempfindung wie «stumpf»; vielmehr sind schon Gefühlseindrücke, Seherfahrungen und Lebensempfindungen mit hinein verwoben. Es handelt sich hier nicht um Wortklaubereien, sondern um notwendige Abgrenzungen, da wir sonst zu keinem wirklichen Erfassen des Tastsinns selbst kommen würden. Denn er vermittelt uns nicht einen Einblick in die Welt, sondern nur ein zunächst dumpfes Erlebnis der Grenzen unserer leiblichen Existenz. Das Tasterlebnis Auch den Sinnes-Physiologen und Psychologen fällt es heute besonders schwer, den Tastsinn gegenüber anderen Sinneserfahrungen abzugrenzen. Deshalb wird meistens von einem Hautsinn gesprochen, der in einen Schmerz-, Tast-, Temperatur- und Drucksinn unterteilt wird. Der Drucksinn wird manchmal auch als Tiefensensibilität bezeichnet oder Muskelsinn genannt. Dem Tastsinn selbst werden verschiedene Qualitäten der Wahrnehmung zugeschrieben; meistens eine Druck-, eine Berührungs- und eine Vibrationsempfindung. Dann aber heißt es: «Man neigt immer mehr der Ansicht zu, daß die Vibrationsempfindungen nicht modifizierte Druck- oder Berührungsempfindungen sind, sondern eine Sinnesmodalität für sich bilden. Sie entstehen z. B., wenn man die Hand mit einer schwingenden Stimmgabel in Berührung bringt oder sie auf den Kehlkopf legt, während dieser einen Ton produziert... Der Vibrationssinn hat mit dem Ohr die oszillatorische Reizform gemeinsam.» (4) Man ersieht daraus, daß das Tasterlebnis und die Tastempfindung ein kaum faßbarer Zustand ist, den wir alle wohl kennen, von dessen Existenz wir wissen, dessen Beschreibung und Umgrenzung uns aber außergewöhnlich schwerfällt. Unsere Tasterfahrungen beschränken sich auch nicht auf die Haut allein, sondern reichen als allgemeine Eindrücke weit hinein in unseren Leib. Der Füllungszustand gewisser Organe, Schwellungen, Entzündungen sind uns als Druck- und Zugerlebnisse im Leibesinnern wohl bekannt. Auch das Klopfen des Blutes in den Fingerspitzen und an der Schläfenhaut, das Pochen des Herzens sind innerleibliche Tasteindrücke. Auf der Haut erleben wir Tastempfindungen, die von der zartesten kaum merklichen Berührung bis zum Schlag und Stoß reichen. Was aber ist das wirkliche Tasterlebnis in all diesen Erlebnisbündeln? Am durchsonnten Strand des Meeres zu liegen, ist Wohltat. Die gleichmäßig warme und glatte Umhüllung des dünnen Sandes erweckt Behagen. Im Augenblick aber, da eine Ameise über die Hand kriecht, entsteht Mißbehagen, und eine energische Abwehrbewegung erfolgt. Hier ist zunächst die Tastwahrnehmung fast vollständig vom Wärmeerlebnis des Sandes und vom Gefühl der Umhüllung überdeckt. Dieses einheitliche Behagen wird in seinem Gleichgewicht von der die Hand berührenden Ameise gestört, und die Abwehr erfolgt. Was ist in diesem ganzen Bereich von Erlebnissen Tastempfindung? Nichts anderes als die dumpfe Erfahrung meiner Körpergrenze, die ungestört mit dem Sand, gestört aber mit der Ameise sich auseinandersetzt. Wenn ich z. B. mein Gesicht in die Innenseite der Hand meines aufgestützten Armes lege, dann habe ich 5 zunächst sehr differenzierte Wärmeempfindungen, je nachdem, ob mein Gesicht wärmer oder kühler als meine Hand ist. Durch diese Temperaturwahrnehmungen aber schiebt sich das Erlebnis der Berührung zwischen Hand und Wange, und dahinein rückt eine dunkle Wahrnehmung der Oberflächengestalt der Wange und des darunterliegenden Knochens. Es ist ein Grenzerlebnis, das hier erfahren wird. Es ist das Ergebnis, das aus Druck und Gegendruck entsteht und uns ein erstes, dumpfes Bewußtsein unseres Da-Seins vermittelt. Dieses Erleben der Leibesgrenzen ist nicht allgemein bleibender Eindruck, sondern wird dadurch gegliedert, daß wir die Möglichkeit haben, den Ort zu bestimmen, an welchem dieses Grenzempfinden sich vollzieht. Wir wissen genau, wo die Ameise unseren Leib berührt, wenn sie über den Rücken der rechten Hand krabbelt. Wir spüren z. B. genau den Druck des Schuhes und können oft «haargenau» die Stelle angeben, an welcher wir eine Druckempfindung erleben. Diese örtliche Orientierung ist als Phänomen sehr erstaunlich, weil das Tasterlebnis selbst so sehr im Dunkel liegt. Man kann oft den Eindruck haben, daß die Wahrnehmung des Ortes die eigentliche und einzige Bewußtseinserhellung ist, die sich auf diesem Gebiet vollzieht. Nicht das Tast-, sondern das Ortserlebnis ist der ins Bewußtsein tretende Anteil im Reich des Tastsinns. Dadurch aber wird das allgemeine Tasterlebnis schon zu einer in sich gegliederten Erfahrung. Wir erleben dumpf die Grenzen, die uns am Umfang und im Innenraum unseres Leibes gegeben sind. Außerdem aber werden die einzelnen Stellen und Orte wahrgenommen und in das Bild, das wir uns von unserem Körper erworben haben, eingefügt. Auch hier fließen verschiedene Seelenerlebnisse und Seelentätigkeiten zusammen: vielfachste Erfahrungen, die durch lokalisierte Schmerzen, Stöße, Temperatur- und Druckempfindungen in den Jahren und Jahrzehnten unseres Lebens erworben wurden. Sie zeichnen sich auf dem dunklen Untergrund des allgemeinen Tasterlebens so ab wie eine Zeichnung, die mit farbigen Kreiden auf schwarzem Grund entworfen wird. Wir vergessen nur meist, daß ohne diesen schwarzen Grund die farbige Zeichnung nicht entstanden wäre; er allein gibt die Unterlage dafür her, verschwindet aber selbst dahinter. Gleich einem guten Spiegel, der uns das Bild zurückwirft, sich selbst aber verleugnet, ist das Tasterlebnis. Es ist kaum faßbar, und dennoch bildet es die Basis aller auf ihm sich abspielenden Sinneserfahrungen. Was wir hier als Tasterlebnis zu charakterisieren versuchten, ist das Ergebnis jener Tastaktivität, von der wir im ersten Abschnitt gesprochen haben; sie liegt am Grunde der mittleren Sinnesprozesse und tritt in dumpfer Form auch im Gebiet des Tastsinns auf, so daß wir zwischen dem Tasten selbst, dem Tastsinn und dem Tasterlebnis zu unterscheiden haben. Nur wenn wir diese Differenzierung erkennen, wird ein Begreifen der hier vorliegenden Zusammenhänge möglich sein. Als Rudolf Steiner im Kursus über «Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik» auch die vier unteren Sinne beschreibt, charakterisiert er sie als Willens-Sinne. «Diese Sinne sind hauptsächlich durchdrungen von Willenstätigkeit.... Fühlen Sie doch, wie in das Wahrnehmen von Bewegungen... der Wille hineinwirkt... Der ruhende Wille wirkt auch in die Wahrnehmung Ihres Gleichgewichtes hinein. In den Lebenssinn wirkt er ja sehr stark hinein und in das Tasten wirkt er auch hinein: denn wenn Sie irgend etwas betasten, so ist das im Grunde genommen eine Auseinandersetzung zwischen Ihrem Willen und der Umgebung.» (5) 6 Aus dieser Darstellung erkennen wir nun, daß die Tastaktivität ein Willensvorgang ist und das Tasterlebnis das Resultat, das aus der Begegnung unseres Willens mit der Umwelt entsteht. So müssen wir jetzt die Orte finden, wo diese Begegnung stattfindet, da wir dann erst die Organisation des Tastsinns werden anschauen können. Die Organe des Tastsinns Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß der Hauptsitz des Tastsinns innerhalb der Haut zu suchen ist. Liest man in der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur nach, dann ist das Ergebnis dieser Orientierung ein sehr spärliches. Eine große Reihe von Nervenendorganen, die als Sinnesorgane gedeutet werden müssen, wurden aufgefunden; ihre mikroskopische Struktur ist genau beschrieben, ihre Funktion aber in den meisten Fällen nicht exakt bestimmbar. Nun findet man aber bei genauester Untersuchung der Hautoberfläche eine sehr große Anzahl sogenannter «Druckpunkte»; das sind allerkleinste Areale der Haut, die besonders empfindlich für Berührung und Druck sind. Die Verteilungsdichte dieser Druckpunkte wechselt in den verschiedenen Gebieten der Haut. Ein Phänomen aber konnte eindeutig festgestellt werden: jeder dieser Druckpunkte ist eng mit einem dazugehörigen Haar vergesellschaftet. Auch liegen die Druckpunkte in gleichbleibenden Abständen von der Austrittsstelle des Haares, und es ist mehr als wahrscheinlich, daß das zarte Nervennetz, das unter der Hautoberfläche den Hals jedes Haares umspinnt, das Empfindungsorgan für Druck und Berührung an diesen Druckpunkten bildet. Außerdem aber wurde an den haarlosen Stellen der Haut, die oft ganz besonders fein empfindend für Tasterlebnisse sind (wie etwa die Innenseite der Hand und Finger, die Fußsohlen, die Stirn usw.), unterhalb der Epidermis ein zahlreich auftretendes Nervenorgan gefunden: das Meissnersche Körperchen. Die Zahl dieser Endorgane innerhalb der Haut entspricht annähernd der Anzahl der an den gleichen Stellen aufgefundenen Druckpunkte, so daß mit einem gewissen Maß von Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, daß die Meissnerschen Organe die Sinnesorgane für das Tasterlebnis an den unbehaarten Stellen der Körperoberfläche sind. Wir können also von einem über die ganze Haut verteilten Netz von Druckpunkten sprechen, denen darunterliegende Sinnesorgane zugehören. Im behaarten Teil der Haut sind es die den Haarschaft umgebenden Nerven; in der unbehaarten Haut die zahlreich ausgebildeten Meissnerschen Organe. Durch diese netzartige Anordnung wird erst jene genaue Lokalisation ermöglicht, auf die wir oben hingewiesen haben. Das gesamte Netz aller Druckpunkte vermittelt uns das allgemeine Grenzerlebnis, das als Grundlage des Tastsinns angesehen werden muß. Die einzelnen Druckpunkte hingegen, in größerer oder kleinerer Zahl, ermöglichen uns das Erlebnis des Ortes, an dem der Tastreiz auftritt, so daß wir vom allgemeinen Tasterlebnis sprechen können, das gleich jener schwarzen Tafel ist, auf der die Raumzeichen der Stellen und Punkte des Erlebten «angekreidet» werden. Dieses Netz von Druckpunkten setzt sich aber auch ins Innere des Körpers fort. Lippen, Zunge, Gaumen und Rachen, Harnblase und Kehlkopf und viele andere Teile des Leibes sind von diesem Tastnetz durchwirkt. Dadurch entstehen jene dauernd auftretenden Empfindungen der Organgrenzen und Organoberflächen, die wir täglich immer wieder neu haben. 7 Dieses Netz ist aber keine starre Organisation. Es wandelt sich im Laufe des Lebens; denn seine Maschen sind beim Kinde enger und weiten sich im Gang der Entwicklung aus, so daß wir ein veränderliches Gewebe vorstellen müssen, das unsere Haut durchzieht. Dazu aber kommt noch ein weiteres Moment, das hier beschrieben werden muß. Wenn wir z. B. einen Stock zum Gehen benützen und uns auf ihn stützen, dann empfinden wir nicht nur den Druck, den der Griff des Stockes auf unsere Handfläche ausübt, sondern wir erleben deutlich das immer neue Auftreffen der Stockspitze auf den Boden. Das aber ist ein zunächst unverständliches und für die heutige Physiologie ganz unerklärliches Geschehen. Sie hilft sich mit einer Ausflucht, indem sie davon spricht, daß wir unsere Tastempfindung in das Stockende «verlegen». Niemand aber kann sagen, was er mit einem solchen «Verlegen» oder «Projizieren» wirklich meint. Dennoch ist unser Empfindungsorganismus bis zur Stockspitze hin erweitert und fühlt die Berührung mit dem Boden in genau der gleichen Art, wie der Druck des Fingers auf irgendeinen Gegenstand wahrgenommen wird. Das ist nicht nur mit dem Stock so, sondern mit allen Dingen und Werkzeugen, die wir handhaben und mit denen wir umgehen. Alles, was wir verwenden, halten, stellen, tragen, wird in den Augenblicken, da es uns angehört, auch wirklich «unser». Ich empfinde die über das Papier gleitende Bleistiftspitze so unmittelbar, wie ich meinen darüber streichenden Finger fühlen würde. Die Berührung zwischen Hammer und Nagelkopf,
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