Köbis und Reichpietsch! Renitente, enttäuschte Seeleute oder Rebellen für das Streben nach Frieden und Gerechtigkeit?

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58. Historisch - Taktische Tagung der Marine 2018 Menschen in Grenzsituationen Handeln und Führen im Widerstreit von Moral und Maßgabe, Wahrnehmung und Wirklichkeit - Vortrag 5 Köbis und Reichpietsch!
58. Historisch - Taktische Tagung der Marine 2018 Menschen in Grenzsituationen Handeln und Führen im Widerstreit von Moral und Maßgabe, Wahrnehmung und Wirklichkeit - Vortrag 5 Köbis und Reichpietsch! Renitente, enttäuschte Seeleute oder Rebellen für das Streben nach Frieden und Gerechtigkeit? Tanja Merkl Kapitänleutnant Lehrgangsteilnehmer MFA Stufe II (B-Lehrgang) und im Herzen Minör 1. Inspektion, Marineoperationsschule Bremerhaven 1 Gliederung 1. Begrüßung und einleitende Worte 2. Albin Köbis und Max Reichpietsch Ihr Leben bis zu ihrer Hinrichtung am 5. September Die Lebensumstände auf den seegehenden Einheiten 1916/17 4. Die Widerstandsbewegung 5. Zusammenfassung der Grenzsituationen und Gegenwartsbezug 6. Quellenverzeichnis 7. Anmerkungsverzeichnis 2 1. Begrüßung und einleitende Worte Kameraden hört mir zu: Es reicht! Wir sind an einem Punkt angekommen an dem es so nicht weitergehen kann. Das, was mit uns passiert, dürfen wir uns nicht länger gefallen lassen - auch wir haben Rechte, wir verdienen es respektiert zu werden. Wir brauchen jetzt einen festen Zusammenhalt! Herr Admiral, meine Damen, meine Herren, so muss es sich vor fast genau 100 Jahren angehört haben, als Matrosen und Heizer, wie Albin Köbis und Max Reichpietsch, widerständig wurden. Wie konnte es soweit kommen? 2. Köbis und Reichpietsch Ihr Leben bis zu ihrer Hinrichtung am 5. September 1917 Die Leben von Köbis und Reichpietsch endeten am 5. September 1917 durch Erschießung in Köln-Wahn. i Dem Tod der jungen Männer ging ein zügiger Gerichtsprozess wegen Kriegsverrats voraus. Ich halte hier das Gerichtsurteil in den Händen. Die Richter haben darin die vollendete kriegsverräterische Aufstandserregung für Recht erkannt. Es folgte die Verurteilung zum Tode, die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte und die Entfernung aus der Marine. ii Bereits vor der Vollstreckung wurden Zweifel am harten Strafmaß geäußert. Doch der Chef der Hochseeflotte, Admiral Reinhard Scheer, wich als Gerichtsherr von seinem Grundkurs nicht ab. iii Verurteilte das Gericht des vierten Geschwaders Gehorsamsverweigerer im Krieg oder Streiter für Gerechtigkeit und Frieden? In der DDR wurden sie als Helden gefeiert. Heute werden sie uns durch das Reichpietschufer, nördlich des Berliner Landwehrkanals oder anderen nach ihnen benannten Straßen und Wegen, in Erinnerung gerufen. Aber wer waren diese Männer? Max Reichpietsch iv, geboren am 24. Oktober 1884 in Berlin-Neukölln, besuchte die Schule bis zu seinem 14. Lebensjahr. Bevor er seinen Dienst als Soldat antrat, arbeitete er in einer Schraubenfabrik und danach als Zimmermann, auch bei der Berliner Müllabfuhr soll er tätig gewesen sein. Der eher schmächtig wirkende Matrose Reichpietsch stammte aus einem christlichen Arbeiterhaushalt. Er war Besatzungsmitglied auf S.M.S. FRIEDRICH DER GROSSE. Seine zunächst guten Leistungen wurden im Laufe seiner Dienstzeit von Verfehlungen und Dienstvergehen abgelöst. v Insgesamt sammelte er 14 Disziplinar- und Feldkriegsgerichtsverfahren. Ganz nach dem Motto: Ein Soldat ohne Diszi ist wie ein Cowboy ohne Whisky. 3 Und wer war Albin Köbis? Albin Köbis vi wurde am 18. Dezember 1892 in Reinickendorf, heute ein Stadtteil von Berlin, geboren. Er arbeitete vor seinem Eintritt in die Marine als Mechaniker und fuhr auf Handelsschiffen zur See. Köbis galt als politisch interessiert und stand zunächst dem linken Flügel der SPD nahe. Direkt und aufrichtig soll er gewesen sein. Er diente als Oberheizer auf S.M.S. PRINZREGENT LUITPOLD. Die Biographien von Köbis und Reichpietsch unterschieden sich nicht wesentlich von denen anderer Mannschaftssoldaten. Der Großteil der Matrosen und Heizer war jung, stammte aus eher einfachen Verhältnissen und trat freiwillig in die Marine ein. Neben ihnen wurden 1917 die Oberheizer Sachse und Weber und der Heizer Beckers zum Tode verurteilt. Während ihre Kameraden zu langen Haftstrafen begnadigt wurden, blieben die Todesurteile für Köbis und Reichpietsch bestehen. vii Warum die Soldaten, trotz ihrer freiwilligen Verpflichtung zum Dienst, nicht strikt ihren Befehlen folgten und loyal blieben, lässt sich vor allem anhand der Lebensumstände auf den Großkampfschiffen erklären. 3. Die Lebensumstände auf den seegehenden Einheiten bis 1916/17 Die deutschen Flottenbauprogramme seit 1898 verfehlten ihr Ziel. Großbritannien wurde 1914 nicht vom Kriegseintritt gegen das Deutsche Reich abgeschreckt. Die alternativ erwartete große Entscheidungsschlacht in der Nordsee blieb ebenfalls aus. Stattdessen nahmen die hochmodernen Kampfschiffe eine strategisch defensive Rolle ein und verharrten über Monate in Häfen und Werften. Infrastruktur und Dienstumstände, die den Bereitschaftsdienst hätten erträglich gestalten können, waren mangelhaft. Der strategische Schwerpunktwechsel, hin zum offensiv geführten UBootkrieg, forderte zudem die Erfahrungsträger aus den Reihen des Offizierkorps von den Großkampfschiffen weg zu versetzen. Junge Fähnriche und Leutnante, so grün hinter den Ohren wie Steuerbord Fahrtlaternen, bildeten nun das Bindeglied zwischen den Mannschaften und Unteroffizieren und der Schiffsführung. Es fehlte ihnen die Erfahrung als Menschenführer. Der Kontrast zwischen den langgedienten Unteroffizieren mit großer Expertise, auch manchen diensterfahrenen Mannschaften und den im Dienstgrad vorangestellten, forschen und blutjungen Neulingen beeinträchtigte das Zusammengehörigkeitsgefühl. Viele junge Seeoffiziere erhielten ihren Posten 1916/17 nicht aufgrund nachgewiesener Eignung sondern mehr aus Mangel an Alternativen; es waren rasch Lücken zu füllen. Führungsfehler, mangelnder Informationsfluss und grundlegende Unterschiede im sozialen Denken, ließen ein Gemeinschaftsgefühl, wie es auf Booten herrschte, mehr und mehr entschwinden. 4 Nicht anders als heute war die Besatzung eines Schiffes auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Das soziale Gefälle war so facettenreich, dass selbst zwischen Seeoffizieren, Decksoffizieren und Ingenieuren im täglichen Dienstbetrieb und Umgang unterschieden wurde. Überheblich und mit aller militärischen und administrativen Gewalt ausgestattet viii grenzten sich Seeoffiziere oft mit Geringschätzung von allen anderen Offizieren ab. Mannschaften und Unteroffiziere waren, aus Sicht der jungen Seeoffiziere, von noch minderem Stand und somit auch Wert. Täglich verspürte man die Ungleichheit, die zwischen den einzelnen Gruppierungen herrschte. Körperliche Gewalt und Schikane, stupider Drill und das Versagen von Ausgang, Urlaub oder Freizeitaktivitäten, wie Kinobesuchen, schürten eine ständig steigende Unzufriedenheit. ix Selbst kleinere Vergehen wurden hart bestraft. Stundenlanger Formaldienst vor den Schiffen oder auf dem Achterdeck sollte mangels Seefahrt der Disziplin der Truppe Stabilität verleihen. Das Fehlverhalten von Offizieren wurde dagegen nicht oder selten geahndet. Die Stimmung auf den Großkampfschiffen wurde zunehmend explosiv. Der Versuch Untergebender, den Ungleichbehandlungen mit Worten zu begegnen und durch Meldung an Vorgesetzte Missstände aufzuzeigen, führte nicht selten zur Herabsetzung vor der Front. Der soziale Kampf hielt Einzug in die Decks der Großkampfschiffe. Besonders kämpferisch präsentierten sich die Heizer. Das Schippen von Kohle, für die unter Dampf fahrenden Einheiten, samt dem Dreck und der sengenden Hitze bedeutete besonders für sie körperlich harte Arbeit. Die Enge der kriegsmäßig überfüllten Decks, gepaart mit dem Gefühl, als Mitkämpfer nicht respektiert zu werden, befeuerte die Spaltung der Besatzung. Für noch mehr Zündstoff sorgte das schlechte, teils ungenießbare Essen. Der Mangel an Nahrungsmitteln bei allen Mittelmächten im Steckrübenwinter 1916/17 machte sich auch im Speiseplan der Besatzungen bemerkbar. x Die Soldaten berichteten von ewig eintöniger Steckrübensuppe mal mit, mal ohne Maden. Verdorbenes Essen wurde mit nicht verdorbenen Produkten vermischt, um es genießbarer zu machen. Ein eintöniger Speiseplan, die Rationierung von Mahlzeiten und die Maden, die den Soldaten das Essen weg aßen und dann selbst zur Mahlzeit wurden - das war die traurige Realität für Köbis, für Reichpietsch, für alle einfachen Soldaten. Wie dienstfreudig wären wohl unsere Soldaten, wenn wir ihnen das Essen madig machen würden? Jeder Seefahrer weiß wie wichtig gute Verpflegung ist. Nachvollziehbar wird dann die immer größer werdende Aggression gegen die, denen es sichtbar ging, die Offiziere. Sie erlitten keinen Mangel und selbst in Zeiten schlechter Versorgung bekamen sie mehr als genug von Speisen guter Qualität. xi Das räumliche Nebeneinander dieser schmerzhaft ungerecht empfundenen Klassenunterschiede wurde zum tragenden Fundament für Widerstand und Ablehnung. 5 Hinzu kam das Warten. Das Warten auf den Einsatz im Krieg, auf das warum sie einberufen wurden und wofür es sich vielleicht hätte lohnen können all das auszuhalten, was ihnen widerfuhr. Die Soldaten waren es leid, ohne verständlichen Auftrag und klares Ziel den widrigen Bedingungen zu begegnen. Das Jahr 1917 war das vierte Kriegsjahr. Die Vorstellung vom Krieg in den Zeiten, als noch Frieden herrschte, unterschied sich grundlegend von dem, was die Soldaten tatsächlich am eigenen Leib erfuhren. Der Satz Nur alle paar Monate eine Skagerrak-Schlacht, und alles wäre gut! xii gehörte nach 1917 zu den gängigen Aussprüchen der Kaiserlichen Marine. Diese sarkastischironische Äußerung verdeutlicht den Wunsch der Soldaten nach sinngebenden Aufgaben. Die Untätigkeit in den Häfen und Werften war demnach schlimmer als die Konfrontation mit der überlegenen Britischen Flotte. Nun könnte angenommen werden, dass es der Britischen Flotte; vor dem Hintergrund ähnlicher Klassenunterschiede und Umstände ebenso erging und die Truppe in den Häfen vom Warten und Ausharren mürrisch und widerständig wurde. Dem war nicht so, denn die englische Flottenführung hatte aus den Unruhen vergangener Zeiten gelernt. Sportliche Wettkämpfe, Freizeitmöglichkeiten und Bildungskurse sorgten für Abwechslung und hielten die Motivation hoch. Das Zusammengehörigkeitsgefühl wurde durch die Einbindung aller Dienstgradgruppen in die genannten Aktivitäten gestärkt. Auch auf den kleineren Einheiten der Kaiserlichen Marine blieben Zusammengehörigkeit und Disziplin erhalten. Nicht zuletzt lag dies am Einheitsessen und der geringeren Besatzungsstärke. xiii Es wurde auf den Linienschiffen und Großen Kreuzern zunehmend schwieriger diese riesigen Besatzungen, von 1000 bis 1400 Mann pro Schiff, zu führen. 4. Die Widerstandsbewegung Einige Monate vor den ersten offen-widerständischen Handlungen wurden durch die Flottenführung Menagekommissionen xiv ins Leben gerufen. Es war die erste Form von Mitbestimmung an Bord und ein Vorläufer der Verpflegungsausschüsse. Sie sollten deeskalierend wirken. Köbis und Reichpietsch beteiligten sich und erhielten so ein Forum, um ihrer Stimme Reichweite zu verleihen. Nicht von jedem Kommandanten der Großkampfschiffe ernst genommen xv, formten sich die Menageausschüsse zu Ansprechund Beschwerdestellen. Die Führer dieser Kommissionen ernannten sich nicht selten selbst. Sie kamen aus den Reihen der engagierten Matrosen und Heizer. Teilweise kam es zur Verselbstständigung einiger Kommissionen. Ein Netzwerk entstand. Wie Wellen schwappten Wahrheiten, Halbwahrheiten und Gerüchte von Schiff zu Schiff. Die aktivsten Mitglieder, wie Köbis und Reichpietsch, trafen sich in Wirtshäusern oder auf den Schiffen und entwickelten sich zunehmend zum Kern der widerständischen 6 Bewegung. Teile der heterogenen Truppe fanden einen ersten gemeinsamen Kurs. Natürlich gab es neben Leuten mit Verstand auch Hetzer und Besserwisser und gerade sie erhoben ihre Stimme und forderten rebellisch ihre Version von Gerechtigkeit. Welche Rolle in der Flotte die ewigen Gerüchte aufgrund halbverdauter Nachrichten bzw. bösartiger Erfindungen spielten, ist erklärlich, wenn man berücksichtigt, in welcher Verfassung ein ständig herumlungerndes Kriegsvolk sein kann. xvi Die Menagekommissionen förderten einen regen Austausch zwischen den Schiffsbesatzungen. Hatten Informationen den Weg über die Stelling in das Schiff gefunden, war es damals wie heute eine Frage nur weniger Augenblicke bis sich Neuigkeiten von der Vorpiek bis in den letzten Winkel des Heizerreichs verbreiteten. Köbis und Reichpietsch fanden und hielten beide Kontakte zur Führung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der USPD. xvii Diese sich von der SPD abspaltende, unter anderem für eine Kompromisslösung zur Beendigung des Krieges strebende Partei entstand erst im Frühjahr Umfang und Tiefe der parteipolitischen Beteiligung von Köbis und Reichpietsch werden in der Literatur kontrovers diskutiert. Festzuhalten ist, dass der politische Wille der USPD nach dem baldigen Ende des Krieges mit den Absichten von Köbis und Reichpietsch übereinander kam. Von einer politischen Unterwanderung der Marine seitens der USPD kann jedoch keine Rede sein. Führende USPD Mitglieder sahen die Marine als kein taugliches Kriegsmittel xviii. Die Treffen zwischen Köbis und Reichpietsch und Angehörigen der USPD Führung, das Sammeln von Unterschriften und der Austausch von politischen Werbematerial, ist kein belastbarer Beweis für eine parteipolitisch bestimmte Aufstandsbewegung. Dennoch kam es soweit, dass Max Reichpietsch am 8. August 1917 festgenommen wurde. Vorgeworfen wurde ihm die politisch gesinnte Gehorsamsverweigerung. Im Laufe seiner Dienstzeit organisierte vor allem Köbis Treffen von Heizern und Matrosen. Er setzte sich mit seinen Reden für das Fernbleiben vom Dienst auf den Linienschiffen ein. Am 2. August 1917 marschierten etwa 600 Matrosen xix zu einer Versammlung nach Rüstersiel bei Wilhelmshaven. xx Im Gasthaus Zum weißen Schwan versammelten sich die Soldaten. Köbis ergriff das Wort und forderte einen festen Zusammenhalt und ein gemeinsames Vorgehen gegen die Vorgesetzten auf S.M.S. PRINZREGENT LUITPOLD. Auf anderen Schiffen verlief es ähnlich. Hungerstreiks, Verpflegungsdiebstahl, Verweigerung von Dienst, Beschädigungen an der Schiffstechnik und Massenentfernungen - Köbis und Reichpietsch trieben diese Entwicklungen mit ihren Reden wesentlich voran bis Soldaten sollen sich zum aktiven Widerstand bekannt haben. xxi 7 Es ist festzuhalten, dass das Aufstandsbegehren von Köbis und Reichpietsch keine lang geplante, gut durchorganisierte Struktur besaß. Sie waren weder politisch geschult noch im Halten von Reden erfahren. Bis zu ihren Festnahmen im August 1917 waren ihre Handlungen eher spontane Reaktionen als vorbereitete Aktionen. Die Aufrufe, dem Dienst fern zu bleiben und den Gehorsam zu verweigern, entsprachen weder dem damaligen noch dem heute geltenden Recht. Vor einhundert Jahren galt das Militär-Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich von Heute würde die Rechtssprechung gemäß dem Wehrstrafgesetz die Vergehen von Köbis und Reichpietsch ahnden. Gehorsamsverweigerung, Meuterei und Verabredung zur Unbotmäßigkeit werden mit Freiheitsentzug bestraft. Das Strafmaß könnte heute maximal drei oder gar fünf Jahre Haft betragen. 5. Zusammenfassung der Grenzsituationen und Gegenwartsbezug Kommen wir nun zur Zusammenfassung der Grenzsituationen und dem Bezug zur Gegenwart. Herr Admiral, meine Damen, meine Herren, der Schwerpunkt der Auseinandersetzung mit dem Thema Köbis und Reichpietsch! Renitente, enttäuschte Seeleute oder Rebellen für das Streben nach Frieden und Gerechtigkeit? lag auf der Beschreibung ihrer Lebensumstände. Festzuhalten ist, dass Köbis und Reichpietsch herausragende Stellvertreter all jener Soldaten waren, für die der theoretische Wunsch nach Frieden zum großen Teil der reale Wunsch nach besseren Lebensbedingungen und einer respektvollen Behandlung durch ihre Vorgesetzten war. Der Feind des Matrosen und Heizers - so empfunden war mehr der Seeoffizier im Tagesdienst als die übermächtige Britische Flotte. Die Kämpfe wurden weniger auf See ausgetragen sondern vornehmlich im Hafen, in den Messen und Decks. Es war nicht die Angst vor dem Feind, die die einfachen Soldaten an Bord zur Verzweiflung brachte, sondern es waren die unwürdigen Lebensumstände. Bezogen auf die Ausgangsfrage lautet meine Antwort daher: Ja, beides trifft zu. Köbis und Reichpietsch waren renitent und enttäuscht. Sie waren aber auch Rebellen für das Streben nach einem Ende des nicht mehr verstandenen Krieges. Sie kämpften für mehr Respekt. Anders als die große Mehrheit ihrer Kameraden ließen sie sich nicht alles gefallen, sondern lehnten sich auch aktiv gegen die Geschehnisse auf den Großkampfschiffen auf. Nicht purer Idealismus sondern ihre fatale Situation führte zum Widerstand. Auch wenn ihnen die letzte Konsequenz ihres Handelns, der Tod, nicht klar war, so wussten sie um die mögliche Ahndung ihrer Vergehen. xxii 8 Und heute? Wie steht es um unsere Marine? Schützen uns die zahlreichen Einsätze und einsatzgleichen Verpflichtungen vor Tristesse und Langeweile? Haben wir deshalb die Truppen im Griff? Ich bitte nicht um Handzeichen aber auch heute gibt es noch enttäuschte und renitente Seeleute. Der militärische Auftrag bestimmt unser Handeln. Er verlangt unlösbar danach, Menschen zu fordern und sie enormen Belastungen auszusetzen. Gleichzeitig sind die Anstrengungen gewaltig den Soldaten, die für unser Land ihren Dienst leisten, gerecht zu werden. Wir haben den Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, das Wehrbeschwerderecht, Beteiligungsausschüsse, den Bundeswehrsozialdienst, die Militärseelsorge. Wir stützen uns auf Vorschriften und Verordnungen über Arbeitsschutz, Urlaub und Versorgung. Wir nutzen Truppenpsychologen und Schulungen von Vorgesetzten zur Verbesserung der Führungskultur. Es besteht ein Netz aus Bindungen, um die vom Grundgesetz geforderte Würde des Menschen auch im militärischen Dienst zu gewährleisten. Zudem müssen und wollen wir uns als attraktiven Arbeitgeber präsentieren. Sicher ist, anders als noch vor einhundert Jahren, kein Soldat ist Mensch zweiter Klasse. Wir führen unsere Matrosen und Heizer, unsere Meister und Wachoffiziere so hoffe ich und so wird es erwartet - mit dem Bewusstsein, dass dienstgradunabhängig die Belange der anvertrauten Menschen, vor allem ihre Menschenwürde, ernst genommen werden. Zu keinem Zeitpunkt der Geschichte hatten deutsche Soldaten mehr individuelle Rechte. Wer heute der Marine dient, dem dient auch die Marine. Lassen Sie mich folgendes festhalten: Die Erschießung von Köbis und Reichpietsch soll als Mahnmal einer völlig missratenen Art der Menschenführung, trotz existierender rechtsstaatlicher Ordnung, in Erinnerung bleiben. Es ist ein Beispiel wie man mit Menschen und ihrer Würde nicht umgeht. Halten wir weiter fest: Weder Institutionen, Konzepte noch Attraktivitätsprogramme können uns davor schützen, Rebellen und renitente Seeleute zu generieren. Denn es sind WIR, die es im täglichen Dienstbetrieb in der Hand haben, wie es um unsere Soldaten, um unsere Marine steht. Vertrauen und Zusammenhalt können nicht befohlen, sondern müssen gelebt werden. Der Auftrag, für den wir alle Entbehrungen der Seefahrt hinnehmen, muss für jeden, angefangen beim Matrosen, nachvollziehbar sein. Die Grundsätze der Inneren Führung geben uns ein Werkzeug, damit arbeiten müssen der Inspekteur, Sie, ich - jeder selbst. Für einen gemeinsamen Kurs brauchen wir ein gemeinsames Verständnis unserer Rechte und Pflichten. Den Kurs zu halten erfordert Kommunikation offen und aus einer Hierarchie heraus, die der Würde des Menschen verpflichtet ist. xxiii Wir brauchen keine arroganten Seeoffiziere sondern Vorbilder. Wir brauchen gegenseitigen Respekt und ein würdigendes Maß an Wertschätzung der geleisteten Arbeit. Reden wir doch nicht übereinander sondern miteinander. Und aus 9 diesem Grund beende ich meine Ausführungen und freue mich auf Ihre Fragen und eine spannende Diskussion. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! 10 6. Literaturverzeichnis Beckers, Hans: Wie ich zum Tode verurteilt wurde Die Marinetragödie im Sommer 1917, Leipzig 1928 BMVg, FüSK III 3: ZDv A-2600/1: Innere Führu
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