LEBEN VOR 100 JAHREN. Materialblätter für die Grundbildung. am Beispiel Braunschweig

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LEBEN VOR 100 JAHREN Materialblätter für die Grundbildung am Beispiel Braunschweig IMPRESSUM Herausgeber Volkshochschule Braunschweig GmbH Diese Materialblätter sind entstanden im Rahmen des 1913/2013-Projekts
LEBEN VOR 100 JAHREN Materialblätter für die Grundbildung am Beispiel Braunschweig IMPRESSUM Herausgeber Volkshochschule Braunschweig GmbH Diese Materialblätter sind entstanden im Rahmen des 1913/2013-Projekts der Grundbildungskurse an der VHS Braunschweig Zu ihrer Realisierung haben, neben den unten genannten, auch die übrigen KollegInnen des Grundbildungsbereichs sowie in besonderer Weise die LernerInnen durch ihre Fragen, Rückmeldungen und Recherchen beigetragen. AutorInnen und Redaktionsarbeit Edelgard Blume Annette Brumme Barbara Jördening Andreas Klepp Ute Koopmann Michaela Schnur Fotos Bei der Auswahl der Fotos war uns in besonderer Weise Frank Erhardt vom AK Andere Geschichte behilflich; ebenso bedanken wir uns für die Abdruckgenehmigungen des Städtischen Museums Braunschweig. Titel oben und Seite 13 Städtisches Museum Braunschweig Seiten 3 und 8 Andreas Klepp Seiten 9 und 11 Stadtarchiv Braunschweig Seite 12 Seite 17 rechts Alle übrigen Arbeitskreis Andere Geschichte Braunschweig Design und Satz Anja Fass Kommunikations-Design, Braunschweig Braunschweig Germany 2014 Vervielfältigung erlaubt mit Nennung des Herausgebers. gefördert durch: 2 LEBEN VOR 100 JAHREN INHALT Materialblätter für die Grundbildung am Beispiel Braunschweig Einleitung 4 Deutschland vor 100 Jahren: Das Deutsche Reich 6 Eine Stadt vor 100 Jahren: am Beispiel Braunschweig 8 Arbeit 10 Technik 12 Verkehr 13 Frauen 14 Kinder und Schule 15 Ernährung 16 Gesundheit 17 Freizeit 18 Mode 19 Historischer Stadtrundgang im Rahmen des 1913-Projekts der VHS 3 Leben in einer deutschen Stadt am Beispiel Braunschweig EINLEITUNG Materialien für die Grundbildung Diese Materialsammlung ist entstanden aus einem Projekt des Regionalen Grundbildungszentrums der Volkshochschule Braunschweig. Von Frühjahr 2013 bis Anfang 2014 haben sich die Alphabetisierungsund Grundbildungskurse der VHS im Zusammenhang mit dem örtlichen 1913-Projekt im Unterricht mit den unterschiedlichsten Aspekten des Themas beschäftigt und eine Reihe von gemeinsamen Aktivitäten unternommen. Die beiden übergeordneten Ziele waren, den TeilnehmerInnen zu ermöglichen und sie zu ermutigen, sich historische Grundkenntnisse über die Geschichte insbesondere ihrer eigenen Stadt anzueignen sowie mit spezifischen Formen der Vor- und Nachbereitung gemeinsam an diversen Veranstaltungen teilzunehmen. In unserem Verständnis von Grundbildung sind solche Elemente von historisch-politischen Kenntnissen und die Möglichkeit zur erweiterten und verbesserten gesellschaftlichen Partizipation der Lernenden unabdingbare Bestandteile. Wie bereits bei Projekten des Fachbereichs zur kulturellen Partizipation in vergangenen Jahren, u.a. auf den lokalen und regionalen - Spuren von Lessing und Raabe, erlaubt die Projektform dabei, über diese Ziele hinaus verschiedene positive Zwecke zu erreichen: Die Lernenden beschäftigen sich über längere Zeit mit einem Schwerpunktthema, wobei sie je nach Lernstand und Schriftsprachkompetenzen vielfältige Wege zur Aneignung des Wissens nutzen: Lesetexte, Foto und Bildleseverstehen von Grafiken und Schaubildern, Audio- und Videodokumente, Internet-Recherche u.a. Von Kurs zu Kurs werden dabei Materialien und z.t. selbst erstellte Lesetexte und Arbeitsblätter ausgetauscht. Zu den gemeinsamen Aktivitäten wie Stadtrundgang, Museums- und Theaterbesuch u.a. kommen die KursteilnehmerInnen (wieder) zusammen, die sich sonst im VHS-Alltag kaum begegnen. Auch für die Kursleitenden bietet die Arbeit am Schwerpunktthema eine Form der Zusammenarbeit und Auseinandersetzung, die sich sonst auf die begrenzte Zeit der regelmäßigen Konferenzen und Fortbildungsveranstaltungen beschränkt. Im Rahmen der Projektarbeit entwickelt bzw. erneuert sich die Kooperation mit anderen Einrichtungen vor Ort; in diesem Fall mit zwei Braunschweiger Museen und dem Staatstheater. Die Veranstaltungen des VHS-Grundbildungsbereichs fanden dabei auch Eingang in das offizielle 1913-Programm der Stadt Braunschweig. 4 VOR 100 JAHREN Dabei ist von besonderer Bedeutung, dass Inhalte und Arbeitsweisen im Projekt vielfältige Anknüpfungspunkte an die Lebens- und Alltagsrealität der TeilnehmerInnen bieten. Zum einen betrifft das natürlich unmittelbar den Ort. Bei aller historischen Spurensuche wurde ausgegangen von den noch real auffindbaren Orten in der Stadt, die dann in einen geschichtlichen Zusammenhang der 100 Jahre von 1913 bis 2013 gestellt werden konnten. So wurden in einem historischen Stadtrundgang Stationen ausgewählt, an denen die TeilnehmerInnen selbstverfasste kurze Texte zu damals und heute vortrugen. Eine besondere Herausforderung in der Grundbildung stellt bei vielen Lernenden die oft verwirrende und verwirrte Auffassung von Zeit und Geschichte dar. Verbunden mit nur geringen Rechenkenntnissen und nicht vorhandenen realistischen Einschätzungen von Mengen und Größen ist bei vielen die Dimension Zeit kaum rational ausreichend erfasst. So war es besonders zu Beginn und durchgehend in allen Phasen und Arbeitsschritten des Projekts immer notwendig, z.b. per Zeitstrahlen auf dem Boden und anderen möglichst viele Sinneskanäle ansprechenden Formen zur Verdeutlichung vom Ablauf der Zeit und den Größenordnungen von 100 Jahren sowie eigener Lebenszeit beizutragen. Hilfreich war dabei die Verknüpfung von eigenen Lebensdaten bzw. solchen aus der Familiengeschichte mit allgemeinen historischen Daten Braunschweigs. Die Auswahl der hier zusammengestellten Arbeitsblätter sollen den LeserInnen und BenutzerInnen in zweifacher Weise dienen: Zum einen bieten sie eine Reihe historischer Inhalte zu verschiedenen Themen auf Grundbildungsniveau, zumeist in einfacher Sprache verfasst, die somit auch in anderen Lernzusammenhängen als Lesetexte und Ausgangspunkte für alle möglichen Aufgabenstellungen und Übungsformen verwendet werden können. Inhaltliche Überschneidungen sind dabei unvermeidlich, da die jeweiligen Arbeitsblätter eigenständig entstanden und ebenso für sich benutzt werden können. Zum anderen illustrieren sie als Beispiele mögliche Themen und Fragestellungen für eigene Projekte auch in anderen Orten und zu ggf. besonderen Schwerpunkten. Die ausgewählten Fotos sollen dabei auch für sich allein Rede- und/oder Schreibanlässe bieten, die den Einstieg in das jeweilige Thema unterstützen können. EINLEITUNG Andreas Klepp 5 DEUTSCHLAND Das Deutsche Reich Vor 100 Jahren war Deutschland noch eine Monarchie. So nennt man ein Land, an dessen Spitze ein König oder Kaiser steht, der alle wichtigen Dinge entscheiden kann. In Deutschland war das zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis 1918 Kaiser Wilhelm II. In Berlin gab es zwar den Reichstag so wie das berühmte Gebäude mit dem Bundestag heute noch heißt. Aber die Volksvertreter dort hatten nur wenige Rechte, eine richtige Demokratie war das noch nicht. Frauen durften noch gar nicht wählen und es gab keine Freiheiten und Grundrechte wie heute in Deutschland. Es gab keine Meinungsfreiheit wer zum Beispiel laut etwas gegen den drohenden Krieg in Europa sagte, musste Angst haben, dafür ins Gefängnis zu kommen. Die Zeitungen wurden von der Regierung kontrolliert und zensiert. Wenn darin etwas kritisch berichtet wurde, durften die Artikel nicht gedruckt werden. Sogar Parteien wurden manchmal ganz verboten: Für einige Jahre war die SPD, die sich in der Zeit vor allem für die Rechte und die sozialen Interessen der Arbeiter eingesetzt hat, komplett verboten. Bundesländer wie heute gab es damals nicht, aber Deutschland bestand auch schon aus vielen einzelnen Teilen. Damals waren das alles Fürstentümer, das heißt, auch hier standen Fürsten als die mächtigen Herrscher an der Spitze und die Parlamente hatten nur wenig zu sagen. Im Herzogtum Braunschweig waren im Parlament sowieso nur die reichen Leute vertreten, denn hier gab es sogar noch ein Drei- Klassen-Wahlrecht. Das bedeutete, alle Wähler waren in drei Klassen eingeteilt, je nachdem, wie viel Steuern sie bezahlten. Dadurch hatten die Reichen und ganz Reichen ihre Vetrtreter im Braunschweiger Landtag, die Arbeiter und armen Leute aber waren dort gar nicht vertreten, obwohl es von der Zahl der Menschen am meisten waren. Sie konnten sich nur mit Streiks und Demonstrationen wehren. Ihre Arbeit in den Fabriken war sehr hart und viel zu schlecht bezahlt, ihre Wohnungen zu klein, oft feucht und dunkel. 6 Materialien für die Grundbildung: Regionale Grundbildungszentren Niedersachsen, VHS Braunschweig GmbH VOR 100 JAHREN So kämpften die Arbeiter für ein besseres Leben und für eine wirkliche Demokratie die Republik. Als dann 1914 noch dazu der Erste Weltkrieg vom Deutschen Reich und von Österreich-Ungarn begonnen wurde, in dem Millionen von Soldaten starben und die Familien in den Heimatländern an Hunger litten, wurde die Unzufriedenheit immer größer. Obwohl es verboten war, demonstrierten und streikten die Menschen gegen den Krieg und im November 1918 weigerten sich Matrosen und Soldaten, weiter in den Krieg zu gehen. Sie machten in ganz Deutschland eine Revolution gegen die Generäle und die Fürsten. Der Kaiser musste auf seine Macht verzichten und in Berlin wurde die erste deutsche Republik ausgerufen. Das Deutsche Reich in einem Atlas von 1913 Materialien für die Grundbildung: Regionale Grundbildungszentren Niedersachsen, VHS Braunschweig GmbH 7 EINE STADT am Beispiel Braunschweig Vor 100 Jahren sahen die Städte völlig anders aus. Das Stadtbild wurde bestimmt durch die großen mittelalterlichen Kirchen. Im Zentrum in Braunschweig gab es mehr als 2000 Fachwerkhäuser. Die meisten Straßen hatten Kopfsteinpflaster. Die ersten Autos waren bereits unterwegs und die Elektrische = die Straßenbahn. Unter der Erde waren gerade die Kanäle für Abwasser sowie die Leitungen für Gas, Wasser und Strom gebaut worden. Eingekauft wurde in den vielen kleinen Geschäften und auf den Wochenmärkten. Auf diesen Marktplätzen fand man meist auch Brunnen mit frischem Trinkwasser. Die alte Stadt wurde von den Flussarmen der Oker umgeben. Rund um die Oker waren Parks angelegt. Weiter außerhalb im Westen waren die Fabriken und die Wohnviertel der Arbeiter entstanden: Große Mietskasernen mit oft dunklen engen Wohnungen. Im Osten waren die Häuser mit den großen Wohnungen der wohlhabenden Bürger gebaut worden. Mittendrin der Burgplatz mit einem nachgebauten kleinen Teil der alten Burg, dem über 800 Jahre alten Dom und in der Mitte das große Standbild mit dem Löwen aus Bronze. Das stammt aus der Zeit des berühmtesten Braunschweiger Herzogs, Heinrich dem Löwen. Bis heute ist der Löwe das Wahrzeichen der Stadt. Burgplatz Braunschweig, noch fast wie vor 100 Jahren 8 Materialien für die Grundbildung: Regionale Grundbildungszentren Niedersachsen, VHS Braunschweig GmbH VOR 100 JAHREN Der Alte Bahnhof lag mitten in der Stadt, umgeben von Hotels, Gasthäusern und vielen Geschäften. Nicht weit davon die alte Hauptpost, ein großes Gebäude, die Fassade reich geschmückt. Etwas weiter das Regierungsviertel, denn die Stadt Braunschweig war auch Sitz der Regierung des Herzogtums Braunschweig so etwas wie ein kleines Bundesland heute. Das Regierungsgebäude, das Rathaus, die Staatsbank und nicht weit davon: das Schloss der Herzöge. Nur ein paar hundert Meter entfernt ein großes Gebäude, von den Braunschweigern das Rote Schloss genannt. Das hatten die Gewerkschaften und die SPD gebaut. Den Namen Volksfreundehaus erhielt es von der Zeitung der Braunschweiger Arbeiter. Viele der alten Häuser im Zentrum sind im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört worden. Aber manche blieben erhalten oder wurden wieder aufgebaut. So läuft man heute durch die Stadt und nebeneinander stehen ganz moderne Gebäude oder Häuser, mehr als 100 Jahre alt. Ab und zu sogar eins, vielleicht vor 400 oder 500 Jahren gebaut und die alten Kirchen stehen schon seit ungefähr 800 Jahren! Hinterhof in Braunschweig, 1915 Materialien für die Grundbildung: Regionale Grundbildungszentren Niedersachsen, VHS Braunschweig GmbH 9 ARBEIT In den Städten war die Industrie. In den neu entstandenen Fabriken arbeiteten Männer, Frauen und bis ans Ende des 19.Jahrhunderts auch Kinder. Selbst noch im Jahre 1906 halfen in Braunschweig mindestens Kinder ihren Müttern bei der Heimarbeit für die Konservenindustrie. Oder sie sammelten Altpapier und Altglas oder waren Zeitungsjungen. Die Bedingungen waren viel härter als heute: oft waren zehn oder mehr Stunden am Tag zu arbeiten. Der Lohn für eine Person reichte nicht, um anständig zu leben und eine Familie zu ernähren. Der Stundenlohn lag vor dem Ersten Weltkrieg nur bei etwa 15 Pfennigen. Es passierten viele Unfälle und es gab kaum Schutz vor schädlichen Stoffen. Wenn die Arbeiterinnen und Arbeiter sich dagegen wehrten, Mitglied der Gewerkschaften oder der SPD wurden, bekamen sie oft Schwierigkeiten oder verloren sogar ihren Arbeitsplatz. Erst nach der Revolution 1918 konnten der 8-Stunden-Tag eingeführt und Betriebsräte gegründet werden. In Braunschweig gab es vor allem viele Konservenfabriken, weil auf dem Land ringsherum viel Gemüse geerntet wurde. In der größten Konservenfabrik in Braunschweig 10 Materialien für die Grundbildung: Regionale Grundbildungszentren Niedersachsen, VHS Braunschweig GmbH VOR 100 JAHREN Fabrik arbeiteten im Jahr 1905 mehr als 250 Frauen und 40 Männer. Berühmt war schon immer der Braunschweiger Spargel. Ohne Maschinen wurde er geschält, gekocht und in die Dosen gefüllt. In den Konservenfabriken arbeiteten zu 90% Frauen. Sie hatten keine Ausbildung und bekamen nur die Hälfte des Lohnes ihrer männlichen Kollegen. Auch die Dosen wurden in den Braunschweiger Fabriken hergestellt. Und es gab Maschinenfabriken, die die Maschinen für die Dosenherstellung produzierten: Blechschneidemaschinen, Maschinen zum Verschließen usw. Ganz wenige von diesen Betrieben gibt es heute noch so die Braunschweiger Maschinenfabrik (BMA), die in der ganzen Welt Anlagen baut. Für Zuckerfabriken, für die Lebensmittelindustrie und Anlagen für Silos und Lager, z.b. in Häfen. Die alten Gebäude der Konservenfabrik Brunsviga wurden renoviert und sind heute ein großes Kultur- und Stadtteilzentrum. Aber wie in jeder großen Stadt gab es auch viele andere interessante Industrien. In Braunschweig produzierten Voigtländer und Rollei Kameras und die Firma Büssing baute neben LKWs die ersten Autobusse. Ihr Symbol der Braunschweiger Löwe ist noch heute auf allen Lastkraftwagen und Bussen von MAN zu sehen. FabrikarbeiterInnen Materialien für die Grundbildung: Regionale Grundbildungszentren Niedersachsen, VHS Braunschweig GmbH 11 TECHNIK VOR 100 JAHREN Die Technik hat sich immer superschnell entwickelt. Vor 100 Jahren hatten die Menschen weder Radio noch Fernsehen und natürlich weder Computer noch Handys. Aber es gab schon das Telefon. Noch mit Wählscheiben zum Drehen und Hörer und der Trichter zum Sprechen waren nicht zusammen. SMS gab es auch noch nicht aber Nachrichten wurden per Telegramm geschickt. Es gab Telegraphenleitungen in die ganze Welt, über die kurze Texte versendet werden konnten. Autos gab es bereits, aber nur wenige, denn sie waren noch so teuer, dass nur reiche Leute sich das leisten konnten. Die übrigen Menschen hatten vielleicht ein Fahrrad oder benutzten Bus und Straßenbahn. Das Interesse an neuen Erfindungen und technischen Entwicklungen war bei vielen sehr groß. So zum Beispiel, als 1909 zum ersten Mal ein Zeppelin in Braunschweig landete. Auf Weltausstellungen wurden die neuesten Dinge gezeigt und besonders in den Städten änderte sich das Leben schnell. Telefon zu Beginn des 20. Jahrhunderts 12 Materialien für die Grundbildung: Regionale Grundbildungszentren Niedersachsen, VHS Braunschweig GmbH VERKEHR VOR 100 JAHREN Vor 100 Jahren gingen die Menschen meistens zu Fuß. Sie transportierten ihre Sachen auf Karren oder mit Pferde-Fuhrwerken. Manche konnten sich ein Fahrrad leisten. Autos hatten nur wenige reiche Leute. Sie galten bei vielen als arrogant, weil sie oft laut und viel zu schnell durch die Straßen fuhren. Am wichtigsten war die Elektrische = die Straßenbahn. Sie fuhr quer durch die Stadt in alle Richtungen bis an den damaligen Stadtrand. Die Menschen nutzten sie, um zur Arbeit zu fahren, sich zu besuchen und am Wochenende an den Stadtrand ins Grüne zu kommen. Die Straßenbahn lieferte auch Obst und Gemüse zu den Wochenmärkten. Sie nahm dazu Pferdewagen auf besondere Anhänger das nannte man den Huckepack-Verkehr. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es die ersten Autobusse. Sie fuhren nicht nur in der Stadt, sondern auch in die umliegenden Dörfer und Kleinstädte. Von Braunschweig aus konnte man so bald bis in den 50 km entfernten Harz fahren. Durch die vielen neuen Fabriken und den zunehmenden Handel mit Waren aller Art gab es immer mehr Güterverkehr. Das war besonders die Aufgabe der Eisenbahn. In Braunschweig wie in anderen großen Städten gab es mehrere Bahnhöfe. Das Ringgleis verband sie mit den wichtigsten Fabriken rund um die alte Innenstadt. Heute ist das ein beliebter Fahrrad- und Spazierweg. Plakat zum Radfahrer-Bundesfest 1912 in Braunschweig Materialien für die Grundbildung: Regionale Grundbildungszentren Niedersachsen, VHS Braunschweig GmbH 13 FRAUEN VOR 100 JAHREN Vor 100 Jahren hatten die Frauen kaum Rechte und eine viel schlechtere Stellung in der Gesellschaft als die Männer. Sie arbeiteten schwer in den Fabriken oder zum Beispiel als Dienstbotinnen in den Haushalten reicher Familien, aber bekamen weniger Lohn als die Männer. Selbst in den reichen Bürger- oder adligen Familien mussten sie sich auf Handarbeiten und kulturelle Aktivitäten beschränken. Die Jungen dagegen sollten länger lernen und die Führungspositionen in den Unternehmen und in der Gesellschaft übernehmen. Zuhause hatten die Frauen die Hauptarbeit mit den Kindern und dem Haushalt. Dazu hatten sie kein Wahlrecht und wurden daran gehindert, sich politisch in Gewerkschaften, Frauenverbänden oder in der SPD zu organisieren. Aber sie nahmen sich das Recht trotzdem. Immer mehr Arbeiterinnen gingen in die Gewerkschaften und viele bürgerliche Frauen schlossen sich in der Frauenbewegung zusammen. Auch an den Universitäten und in der Forschung waren bis zu Beginn des Jahrhunderts nur Männer erlaubt. Die bekannte Braunschweiger Schriftstellerin Ricarda Huch musste in die Schweiz gehen, um studieren zu können. Frauen im Bürgertum (links) und in der Fabrik (rechts), Braunschweig 14 Materialien für die Grundbildung: Regionale Grundbildungszentren Niedersachsen, VHS Braunschweig GmbH KINDER und SCHULE Für die meisten Kinder aus den Arbeiter- und anderen armen Familien gab es nur die Volksschule. Das Gymnasium besuchten nur wenige Schüler aus den reichen Bürgerfamilien. Es musste Schulgeld bezahlt werden und die Lehrmittel waren für viele der armen Familien kaum bezahlbar. Mädchen und Jungen wurden getrennt unterrichtet. Wichtig waren vor allem Lesen, Schreiben, Rechnen. Der Sportunterricht war dafür gedacht, dass die Jungen kräftige Soldaten für den Krieg werden sollten. Dazu gehörte auch die Erziehung zu Gehorsam, Ordnung, Fleiß und Sauberkeit. Die Lehrer waren sehr streng, schlugen und prügelten die Kinder mit der Hand oder dem Rohrstock. Oder sie mussten sich kürzer oder länger in die Ecke stellen. Sie standen vorne am Pult und in den Klassen saßen oft bis zu 50 Schüler. Die Kirchen hatten einen großen Einfluss auf die Schulen und so spielte der Religionsunterricht eine große Rolle. Die SchülerInnen schrieben mit Stiften auf kleinen Schiefertafeln, die LehererInnen mit Kreide auf große Wandtafeln, wie sie heute in alten Schulen noch manchmal zu sehen sind. Volksschule BS-Melverode Materialien für die Grundbildung: Regionale Grundbildungszentren Niedersachsen, VHS Braunschweig GmbH 15 ERNÄHRUNG VOR 100 JAHREN zum Beispiel Kartoffelsuppe: Man nehme 1-2 kg Kartoffeln, Suppengrün, durchwachsenen Speck, 2 Zwiebeln, 2 Esslöffel gekörnte Brühe, Salz, Pfeffer, Majoran, Thymian, Petersilie Dieses Rezept aus einem Kochbuch von 1910 ist typisch für eine Mahlzeit, die wenig kostete. Manche Bewohner der Städte hatten kleine Gärten oder Verbindungen zu Bauern auf d
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