Leseprobe. Bernadette Grubner. Analogiespiele. Klassik und Romantik in den Dramen von Peter Hacks

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Leseprobe Bernadette Grubner Analogiespiele Klassik und Romantik in den Dramen von Peter Hacks AISTHESIS VERLAG Bielefeld 2016 Abbildung auf dem Umschlag: Illustration aus: Aristophanes. Der Frieden. In
Leseprobe Bernadette Grubner Analogiespiele Klassik und Romantik in den Dramen von Peter Hacks AISTHESIS VERLAG Bielefeld 2016 Abbildung auf dem Umschlag: Illustration aus: Aristophanes. Der Frieden. In der Bearbeitung von Peter Hacks. Mit Zeichnungen von Günter Horlbeck. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar. Aisthesis Verlag Bielefeld 2016 Postfach , D Bielefeld Satz: Germano Wallmann, Druck: docupoint GmbH, Magdeburg Alle Rechte vorbehalten ISBN Inhaltsverzeichnis I. Einleitung... 7 II. Sie wird ganz frei sein : Der Weg zur Klassik... II.1. Antreten oder Ausschlagen? Das klassische Erbe in den marxistischen Debatten bis II.2. Die Klassik als Drittes : Hacks Abkehr von Brecht III. Die Ästhetik der sozialistischen Klassik... III.1. Metaphorizität und Größe des klassischen Kunstwerks... III.2. Klassik und Utopie... III.3. Absolutismustheorie IV. Theaterstücke von morgen von heute... IV.1. Wenn du den Krieg rühmst, Muse, als Troßweib dann wirst du reisen : Der Frieden (1962)... IV.2. Das Ränkespiel am Musenhof: Margarete in Aix (1966)... IV.3. Beim besten Willen war kein beßrer Schluß : Numa (1971) V. Schriftsteller und Politik in den siebziger und achtziger Jahren 131 VI. Die Romantik-Renaissance VII. Rückzugsgefechte oder Rückzug nach vorn? Neuausrichtung der Ästhetik... VII.1. Klassik und Romantik als politisch-ästhetische Richtungen... VII.2. Von der Utopie zum Ideal... VII.3. Ausarbeitung der Dramen- und Komödientheorie VIII. Niedergangskunst... VIII.1. Ein Widerstand nur für den Widerstand, / Taugt in der Liebe nicht und nicht im Staat : Rosie träumt (1974)... VIII.2. Die Goethe-Rezeption in den Dramen der siebziger Jahre... VIII.2.1. Das Genie Goethe im Konflikt mit der Umwelt: Ein Gespräch im Hause Stein (1974)... VIII.2.2. Haltung in misslichen Zeiten: Pandora (1979)... VIII.2.3. Vergammelte Empfindsamkeit und Faust-Verhinderung: Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern (1973) und Musen (1979) VIII.3. Ist es nicht fabelhaft romantisch? Die Binsen (1981)... VIII.4. Ja! Staatsschlaubergerei heißt mein Verbrechen : Jona (1986) IX. Aussichten im Tunnel : Die neunziger Jahre... IX.1. Klassik und Romantik als verfeindete Parteien... IX.2. Nachwendeästhetik X. den Weltverlauf noch im Weltstillstand vorstellen... X.1. bringt aller Reichtum nur schale Lust : Der Geldgott (1991) X.2. Politik der Hintern: Der Maler des Königs (1991)... X.3. Staatspolitik in den Dramen der neunziger Jahre... X.3.1. Für den schlechtesten Zaren spricht ja, daß er besser war als keiner : Die Russenstücke (1996)... X.3.2. Numa wird Stalin : Die Umarbeitung von Numa (2002) XI. High definition : Zur Romantik (2000) XII. Schluss Danksagung... Literaturverzeichnis I. Einleitung Im Jahr 2008 erschien mit Uwe Tellkamps Der Turm ein Roman, der panoramatisch durch die DDR-Gesellschaft der achtziger Jahre führt. Er wird von zahlreichen mehr oder weniger deutlich gekennzeichneten Schlüsselfiguren bevölkert. Unter ihnen befindet sich auch Eduard Eschschloraque, ein Verfasser berühmter Dramen und Gedichte im klassischen Stil. 1 Eschschloraque ist wohlhabend, stets elegant gekleidet und ausgesprochen zynisch. Zudem verehrt er Walter Ulbricht und bekennt sich offen zum Stalinismus: Auf die fassungslose Frage eines westdeutschen Pressechefs nach den von Stalin verschuldeten Toten entgegnet er kühl, dass Feinde nun einmal ausgemerzt werden müssten. 2 Literarisch ist Goethe sein uneingeschränkter Leitstern; sowohl seine Texte als auch seine Erscheinung und Lebensführung werden mit einem luxu riösen Klassizismus enggeführt. Zugleich erweist er sich als erbitterter Feind aller Romantiker, worunter er vom Geheimdienst bezahlte Konterrevolutionäre versteht, die die Utopie im Munde führen, doch eigentlich dem Kapitalismus das Wort reden. 3 Auch wenn in der Figur des Eschschloraque mehrere Personen ineinander geblendet sein dürften, sind damit die entscheidenden Hinweise zu ihrer Entschlüsselung gelegt: In ihren wesentlichen Zügen verweist sie auf den Dramatiker Peter Hacks. Ein Jahr vor Tellkamps Buch erschien ein anderer Roman, der ebenfalls Einblick in die DDR-Gesellschaft zu geben versprach, in der Presse aber deutlich weniger Beachtung fand. Der Titel lautet Anne Willing, Autor ist der Theaterkritiker und Dramaturg André Müller sen. Die Handlung konzentriert sich hier auf das Jahr 1971, in dem Ulbricht abdankte und Erich Honecker die Macht im Staat übernahm. Der Untertitel des Romans verrät, wie dieser Umbruch dargestellt wird: als Wende vor der Wende. 4 Erzählt wird die Geschichte des Kölner Kommunisten und Übersetzers Dieter Kaufmann, der aufgrund der geplanten Herausgabe von Lope-de-Vega-Übersetzungen wichtige DDR-Kulturfunktionäre und Entscheidungsträger der SED (bis hin zu Ulbricht persönlich) kennenlernt, dann aber im Zuge der Machtübernahme durch Honecker erleben muss, wie die nun an den Konsumbedürfnissen der Bevölkerung ausgerichtete Wirtschaftspolitik das Land ruiniert und sein Übersetzungsprojekt scheitert. Parallel dazu stellt sich heraus, dass seine Liebesbeziehung mit der titelgebenden Anne Willing von der Anti-Ulbricht-Opposition politisch instrumentalisiert gewesen ist. 1 Uwe Tellkamp: Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land, Frankfurt/Main: Suhrkamp 2008, S Ebd., S Vgl. auch ebd., S. 214 bzw. 321 u Vgl. ebd., S. 322 bzw. 523 u André Müller sen.: Anne Willing. Die Wende vor der Wende, Berlin: Das Neue Berlin 2007. 8 I. Einleitung Auch in Müller sen.s Text tauchen zahlreiche bekannte Figuren aus der DDR, speziell aus dem Funktionärs- und Theatermilieu, auf, die teils beim realen Namen genannt werden und teils verschlüsselt sind. Einer davon ist der Dramatiker Felsen, für den Peter Hacks ebenfalls als Vorlage dient. Felsen wird als überaus gebildeter und scharfsinniger Gesellschaftsmensch und Gesprächspartner eingeführt, der über die Meinungen von Durchschnittsmenschen hinaus denkt. 5 Er träumt[] von einem neuen, einem zweiten Weimar, lebt in einer Gründerzeitwohnung voller Barockmöbel und hegt eine tiefe Abneigung gegen Romantiker. Dabei ist er ein unbedingter Anhänger der Politik Ulbrichts, die er als Spielart absolutistischen Herrschens auffasst. 6 Nach dessen Sturz befindet sich auch Felsens Stern im Sinken der offene Krieg mit seinem wichtigsten Konkurrenten Sigurd Sader (Heiner Müller) bricht aus, der elegante Charmeur Felsen verliert an Ansehen. 7 Die Darstellungen beider Texte weisen in den Punkten, durch die Hacks jeweils als Referenzfigur erkennbar wird, Übereinstimmungen auf, gehen in der impliziten Bewertung der jeweiligen Figuren aber deutlich auseinander: Während Eschschloraque durch seine Wortmeldungen als menschenverachtender Zyniker ausgewiesen wird, erscheint Felsen als überaus kluger Kopf, der mit seinen politischen Analysen stets richtig liegt, wie sowohl durch die Handlung als auch durch die Fokalfigur Dieter Kaufmann bestätigt wird. Diese widersprüchlichen Bewertungen des 2003 verstorbenen Dramatikers auf fiktionalem Boden können als Indikator für die Polarisierung genommen werden, die im Umgang mit Hacks bis heute vorherrscht. So entspricht der anerkennenden Würdigung, die Müller sen. seinem langjährigen Freund und Briefpartner in Anne Willing zuteil werden lässt, das Wirken eines unermüdlichen kleinen Kreises von PublizistInnen, LiteraturwissenschaftlerInnen und Verlegern, die um die Verbreitung und Pflege von Hacks Werk bemüht sind. 8 Die prononcierte Ablehnung, die bei Tellkamp spürbar wird, darf hingegen als 5 Vgl. ebd., S. 15f. sowie 68 u Vgl. ebd., S. 16f. sowie 67f. u Vgl. ebd., S. 357 sowie Im Berliner Eulenspiegel Verlag erschien 2003 die Werkausgabe letzter Hand wurde als Imprint der Eulenspiegel Verlagsgruppe der Aurora Verlag gegründet, der sich ausschließlich der Publikation von Werken von und zu Hacks widmet. Dazu zählt insbesondere die Reihe der kommentierten Einzelausgaben von Hacks Werken sowie die 2010 herausgegebenen Protokolle der von Hacks geleiteten Arbeitsgruppen an der Akademie der Künste (vgl. Thomas Keck, Jens Mehrle (Hrsg.): Berlinische Dramaturgie. Gesprächsprotokolle der von Peter Hacks geleiteten Akademiearbeitsgruppen, 5 Bde., Berlin: Aurora Verlag 2010). Auch der 2005 gegründete Mainzer Verlag André Thiele hat einen Schwerpunkt auf Literatur, die sich in der einen oder anderen Weise auf das Werk Peter Hacks bezieht. Darüber hinaus richtet die 2007 gegründete Peter- Hacks-Gesellschaft seit 2008 jährlich eine wissenschaftliche Tagung zu verschiedenen Aspekten der Hacks-Forschung aus. I. Einleitung 9 diejenige Einstellung gelten, die in öffentlichen Äußerungen seit den siebziger Jahren, besonders aber seit dem Ende des Realsozialismus mit größerer Häufigkeit anzutreffen ist als eine neutrale oder positive. Das betrifft in erster Linie die Presse, ist aber auch in manchen wissenschaftlichen Publikationen erkennbar. Die Gründe für dieses negative Hacks-Bild sind den im Turm genannten durchaus ähnlich: Hier wie dort begegnet man dem Vorwurf des Eskapismus in einen klassizistischen Elfenbeinturm, des zynischen Umgangs mit dem Stalinismus und der ressentimentgeladenen KollegenInnen- bzw. Romantikerschelte. 9 Auf den ersten Blick erscheint diese deutliche Ablehnung, mit der ein Autor auch von Seiten der Literaturwissenschaft kommentiert wird, ungewöhnlich. Dass Wertungen in den Untersuchungen eine so starke Rolle spielen, ist allerdings in einen größeren Zusammenhang eingebettet. Der Umgang mit DDR- Literatur bzw. AutorInnen war und ist politisch und emotional generell stark aufgeladen und häufig voller Werturteile. Bereits vor dem Zusammenbruch des Realsozialismus war die Rezeption der DDR-Literatur im Westen in erster Linie am Politischen ausgerichtet. Während AutorInnen, deren Literatur nicht im Widerspruch zum sozialistischen Realismus zu stehen schien und von denen keine Publikations- oder Aufführungsverbote, Verbandsausschlüsse etc. bekannt waren, als ästhetisch minderwertig galten und dementsprechend wenig rezipiert wurden, erfuhren diejenigen SchriftstellerInnen, die in erkennbaren Widerspruch mit der Parteilinie gerieten und sich ab den siebziger Jahren auch öffentlich im Sinne einer kritischen Opposition zu äußern begannen, eine breite Aufnahme und Kanonisierung. 10 Auch die einschlägige Sekundärliteratur lässt über weite Strecken erkennen, dass sie die DDR-Literatur unter dem Gesichtspunkt bespricht und beurteilt, welche Haltung ihre VerfasserInnen zu ihrer realsozialistischen Gegenwart und der Kulturpolitik der SED einnahmen. In reflektierter Weise ist das etwa in feldsoziologischen Untersuchungen wie der der Politikwissenschaftlerin Angela Borgwardt der Fall hier wird der Umgang mit Gesellschaftssystem, Staat und SED-Politik zum Ausgangspunkt der Fragestellung gemacht. 11 Der auch bei ihr vorkommende Kurzschluss zwischen Herrschaftsaffirmation und literarischer 9 So heißt es bei Wolfgang Emmerich, Hacks werde in den sechziger Jahren zum angepaßten realsozialistischen Klassiker bzw. entwickle einen unverbindlichen Klassizismus. Im Zusammenhang mit der Biermann-Ausbürgerung habe er sich als Ignorant[] erwiesen (Wolfgang Emmerich: Kleine Literaturgeschichte der DDR, Erweiterte Neuausgabe, Berlin: Aufbau Verlag 2005, S. 157 bzw. 217 u. 230). 10 Vgl. Norbert Otto Eke: Nach der Mauer der Abgrund? (Wieder-)Annäherungen an die DDR-Literatur, in: Ders. (Hrsg.): Nach der Mauer der Abgrund? (Wieder-)Annäherungen an die DDR-Literatur, Amsterdam; New York: Rodopi 2013, S. 7-25, hier: S Vgl. Angela Borgwardt: Im Umgang mit der Macht. Herrschaft und Selbstbehauptung in einem autoritären politischen System, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2002. 10 I. Einleitung Minderwertigkeit der hervorgebrachten Werke ist aber auch in anderen, vordergründig ästhetisch ausgerichteten Untersuchungen aufzufinden. 12 Vor diesem Hintergrund stellt der Umgang mit einem Autor wie Hacks eine Herausforderung dar. Er war nie der SED beigetreten und häufig von Aufführungsverboten betroffen. Zahlreiche Texte konnten nur im Westen bzw. erst mit erheblicher zeitlicher Verzögerung in der DDR erscheinen. Auch eine Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi lag zu keiner Zeit vor; stattdessen stand Hacks selbst von Anfang an unter Beobachtung des Ministeriums für Staatssicherheit. Dennoch nahm er zum DDR-Staat eine grundsätzlich affirmative Haltung ein und grenzte sich in den siebziger und achtziger Jahren scharf von der intellektuellen Opposition ab. Zudem passte seine Ausrichtung am Klassischen nicht zur Kritik am Realsozialismus, die zunächst in seinem Werk noch vermutet und gesucht wurde. Die Rezeption (im Falle des Dramatikers nicht zuletzt an der Zahl der aufgeführten Stücke und Inszenierungen zu messen) verlief denn auch als Berg- und Talfahrt. 13 So führte Hacks Übersiedelung in die DDR 1955 zunächst dazu, dass er im westdeutschen Theater nicht oder kaum gespielt wurde. Erst Anfang der sechziger Jahre tauchte er wieder auf den Spielplänen auf, u.a. motiviert durch die skandalträchtige Absetzung von Die Sorgen und die Macht am Deutschen Theater Hacks galt infolgedessen vielfach als Dissident und aufmüpfiger Kämpfer gegen kulturpolitische Vorgaben. 14 Damit änderte sich auch die Bewertung seiner Stücke in den einschlägigen Zeitschriften zum Positiven; publiziert wurden sie bei Suhrkamp. Nach einer deutlichen Zunahme von Inszenierungen im Verlauf der zweiten Hälfte der sechziger Jahre 15 bemerkten die westdeutschen KommentatorInnen etwa um 1970 herum, dass Hacks Dramen keine eindeutige Kritik am Realsozialismus transportierten und sich von der Brecht schen Ästhetik deutlich entfernt hatten. Es mehrte sich der Vorwurf, der Autor enthalte sich der Artikulation zeitaktueller Konflikte und weiche stattdessen in einen unpolitischen Ästhetizismus aus; er führe, um mit Urs Allemann zu sprechen, poetische[] Rückzugsgefechte ; aus den Stücken entschwinde die 12 Vgl. exemplarisch die Beurteilung der Romane Hermann Kants durch Wolfgang Emmerich, der moniert, Kant sei der realsozialistischen Gesellschaft gegenüber nicht kritisch genug: Emmerich: Kleine Literaturgeschichte der DDR [2005], S Die Informationen zur Hacks-Rezeption in der BRD bis 1989 entnehme ich dem materialhaltigen Aufsatz von Ronald Weber, vgl. Ronald Weber: Geschichte eines Missverständnisses. Die Rezeption des Werkes von Peter Hacks in der BRD bis 1989, in: ARGOS 3 (2008), S Vgl. ebd., S Wie Weber schreibt, rangierte Hacks zu dieser Zeit auf Platz 3 der am häufigsten gespielten Gegenwartsautoren in der BRD, Österreich und der Schweiz (vgl. ebd., S. 131). I. Einleitung 11 Wirklichkeit. 16 Ab der ersten Hälfte der siebziger Jahre gingen Aufführungserfolge und Kritikermeinung getrennte Wege: In den Besprechungen wurden die Artifizialität der Sprache, der formale Konservativismus oder die Vermeidung konkreter historischer Konflikte kritisiert; das Publikum hingegen bescherte Hacks enorme Theatererfolge. Als Hacks die Ausbürgerung Wolf Biermanns öffentlich befürwortete, wurde dieser Trend weiter verstärkt. Die negative Einschätzung erreichte dann aber auch die Intendanten und das Publikum; ab Beginn der achtziger Jahre war ein erkennbarer Rückgang der Inszenierungen zu verzeichnen. Hacks galt nun weithin als Autor, der sich mit dem SED-Staat arrangiert habe. Seine Abgrenzung von den UnterzeichnerInnen der Biermann- Petition wurde als Dienst an der SED aufgefasst. 17 Schließlich leisteten die Veränderungen der Theaterlandschaft der Abnahme seiner Spielplanpräsenz weiteren Vorschub. Bis heute ist Hacks auf den deutschen Bühnen wenig vertreten. Auch die Hacks-Forschung kam infolge der geschilderten Veränderungen im Verlauf der achtziger Jahre mehr oder weniger zum Erliegen. So datiert die jüngste deutschsprachige Werkmonographie von 1986 endet in der Darstellung aber bereits bei Adam und Eva (1972) erschien die Monographie Michael Mitchells in Schottland in englischer Sprache. Sie enthält auch kurze Abschnitte zu den Stücken der achtziger Jahre, bis hin zum letzten in der DDR verfassten Stück, Jona (1986). 19 Bis dato liegt aber keine Publikation vor, die die Stücke der Nachwendezeit (Hacks schrieb bis zu seinem Tod im Jahr 2003 Dramen) in eine Gesamtschau der Werkentwicklung einbettet und Kontinuitäten 16 Vgl. Urs Allemann: Die poetischen Rückzugsgefechte des Peter Hacks, in: Judith R. Scheid (Hrsg.): Zum Drama in der DDR. Heiner Müller und Peter Hacks, Stuttgart: Ernst Klett 1981, S Für weitere Beispiele vgl. Weber: Geschichte eines Missverständnisses, S. 131f. 17 Vgl. ebd., S Andrea Jäger: Der Dramatiker Peter Hacks. Vom Produktionsstück zur Klassizität, Marburg: Hitzeroth In der Monographie werden darüber hinaus Die Sorgen und die Macht (1959), Der Frieden (1962), Moritz Tassow (1961) sowie Margarete in Aix (1966) behandelt. Jäger untersucht den Umschwung vom Brecht schen Theater zur sozialistischen Klassik und diagnostiziert bei Hacks einen sozialistische[n] Idealismus ( Jäger: Der Dramatiker Peter Hacks, S. 159). 19 Michael Mitchell: Peter Hacks. Drama for a Socialist Society, Glasgow: Scottish Papers in Germanic Studies Abgesehen von Jäger und Mitchell gibt es vier weitere werkmonographische Publikationen zu Hacks aus den siebziger Jahren: Horst Laube: Peter Hacks, Velber bei Hannover: Friedrich Verlag 1972; Winfried Schleyer: Die Stücke von Peter Hacks. Tendenzen, Themen, Theorien, Stuttgart: Klett 1976; Peter Schütze: Peter Hacks. Ein Beitrag zur Ästhetik des Dramas. Antike und Mythenaneignung, Kronberg/Ts.: Scriptor Verlag 1976; Christoph Trilse: Peter Hacks. Das Werk, 2. Aufl., Berlin: Verlag Das Europäische Buch 1981 (zuerst 1979 bei Volk und Wissen erschienen). 12 I. Einleitung und Brüche über das Ende der DDR hinaus nachzuzeichnen versucht. 20 Die Texte des sozialistischen Klassikers Hacks, der in der Nachwendezeit das Verschwinden der DDR in Aufsätzen und Gedichten uneingeschränkt bedauerte und eine umfassende Kampfschrift gegen die Romantik veröffentlichte, wurden offenkundig nicht als attraktiver Forschungsgegenstand erachtet. Wenn infolge des sogenannten deutsch-deutschen Literaturstreits die DDR-Literatur insgesamt als Untersuchungsgegenstand infrage gestellt und tendenziell abgewertet wurde, so galt dies für einen Autor wie Peter Hacks erst recht. Seit geraumer Zeit mehren sich nun die Stimmen, die eine Umorientierung und Neubelebung der DDR-Literatur-Forschung fordern und zu initiieren versuchen. 21 So stellte bereits Wolfgang Emmerich in der Einleitung der überarbeiteten Ausgabe seiner Kleinen Literaturgeschichte der DDR von 1996 rückblickend fest, dass die primär am Politischen ausgerichtete Betrachtungsweise in der Forschung zur DDR-Literatur zu einer Einengung der Lektüren und Methoden geführt habe. 22 Der von Norbert Otto Eke 2013 herausgegebene Sammelband Nach der Mauer der Abgrund? (Wieder-)Annäherungen an die DDR-Literatur dokumentiert die Bemühung, über 20 Jahre nach dem Mauerfall einen neuen Zugang zur DDR-Literatur zu finden, mithin ihre Geschichte unter neuen Gesichtspunkten zu schreiben. Konkret schlägt Eke in der Einleitung erstens eine Abkehr von der primär am Inhalt der Texte orientierten Interpretation zugunsten der Analyse ästhetischer Formen vor, zweitens eine kulturgeschichtliche Ausrichtung, die die Literatur als Teil einer kollektiven Konstruktionsleistung von Erinnerung und Gedächtnis auffasst, an der verschiedene Medien der Repräsentation mitwirken, und drittens eine Perspektive, in der sowohl die BRD- als auch die DDR-Literatur als Medien der Aushandlung symbolischer Differenz in ihrer je eigenen Gegenwärtigkeit begriffen werden. 23 Keiner der drei Schwerpunkte schließt die Berücksichtigung der engen Verflechtung von Literatur und Politik auf verschiedenen Ebenen aus. Sie stellen aber eine Absage an die Reduktion der DDR-Literatur auf ihre politische Dimension (im Sinne 20 Die 2010 veröffentlichte
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