Möglichkeiten und Probleme in der Begutachtung von Flüchtlingen

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Möglichkeiten und Probleme in der Begutachtung von Flüchtlingen Katarina Rafailovic, Hans Wolfgang Gierlichs, Elise Bittenbinder Zusammenfassung Der Beitrag schildert im ersten Teil die Entwicklung der
Möglichkeiten und Probleme in der Begutachtung von Flüchtlingen Katarina Rafailovic, Hans Wolfgang Gierlichs, Elise Bittenbinder Zusammenfassung Der Beitrag schildert im ersten Teil die Entwicklung der Begutachtungspraxis von PsychologInnen und MedizinerInnen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren und fasst die aktuelle Diskussion zu diesem Thema zusammen. Es folgt die Darstellung eines Begutachtungsprozesses, bei dem es zu einer für den Klienten gesundheitsförderlichen Kooperation zwischen dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und der Gutachterin/Therapeutin kam. Im zweiten Teil werden spezielle Problemfelder in der Begutachtungspraxis dargestellt: GutachterInnen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren benötigen gute Kenntnisse unterschiedlicher Krankheitsbilder und ihrer kulturtypischen Ausformungen, unterschiedlicher kultureller Kommunikationsstile und der Arbeit mit Sprach- und KulturmittlerInnen. Sie müssen darüber hinaus in der Lage sein, unter schwierigen Bedingungen ein Vertrauensverhältnis herzustellen, in dem Opfer von Verfolgung und Gewalt ihre Erlebnisse berichten können. Schließlich müssen sie juristische Denkweisen und Begrifflichkeiten kennen und in der Lage sein, heilberufliche Erkenntnisse so zu formulieren, dass sie für Juristen nachvollziehbar sind. Ihre Arbeit erfolgt in einem von diffusen Überfremdungs- und Verlustängsten bestimmten gesellschaftlichen Umfeld, in dem eine humanitäre Offenheit für Asylsuchende oft als Bedrohung staatlicher Integrität wahrgenommen und abgelehnt wird. Um dies eindämmen ist Aufklärung darüber notwendig, dass staatliche Schutzfunktion und notwendige humanitäre Belange in Einklang gebracht werden können. Zusätzlich muss der Schutz verfolgter und traumatisierter Flüchtlinge gesetzlich klarer definiert werden, um Behörden zu entlasten und Konflikte zu begrenzen. Behörden und Heilberufler sollten sich auf verbindliche, transparente Standards für klinische Begutachtungen einigen. Die diagnostischen Ergebnisse nachweislich ausgebildeter und supervidierter Gutachterinnen und Gutachter sollten dann staatlicherseits nicht mehr in Frage gestellt werden. Potentialities and Problems in the Medicolegal Assessment of Refugees The article describes in the first part the development of the assessment practice of psychologists and physicians in connection with procedures relating to the right of residence and summarizes the current discussion on this topic. Then follows a description of an assessment process, where a health-promoting cooperation between the Federal Office for Migration and Refugees (BAMF) and the expert/therapist was reached for the client. In the second part, special problem areas in the assessment practice are presented: Experts involved in procedures relating to the right of residence must have a good knowledge of different clinical pictures and of their culturally typical shapings, of different cultural communication styles, and of the work with mediators of languages and cultures. In addition, they must be able to establish a relationship of personal trust under difficult conditions, within which victims of perse- Zeitschrift für Politische Psychologie, Jg. 14, 2006, Nr. 1+2, S 256 Zeitschrift für Politische Psychologie, Jg. 14, 2006 cution and violence can report their experiences. Finally, they must be familiar with legal ways of thinking and with legal terms, and they must be able to formulate therapeutic or medical insights in such a way that they will be comprehensible for lawyers and judges. They have to do their work in a social environment, which is determined by vague fears of foreign infiltration and fears of loss, where any humanitarian openness for asylum-seekers is often perceived and rejected as a threat of public integrity. In order to contain this, information and educational work are required to make clear that the protective function of the state and necessary humanitarian concerns may be reconciled with each other. Additionally, the protection of persecuted and traumatized refugees has to be legally defined more clearly in order to relieve public authorities and to restrain conflicts. Public authorities and health professionals should agree upon binding, transparent standards for clinical assessments. The diagnostic results of any provably trained and supervised experts should then no longer be questioned by government agencies. 1. Einleitung Mitte der 90er Jahre wurden behandelnde PsychologInnen und ÄrztInnen mit Anfragen von Behörden, Gerichten und RechtsanwältInnen sowie von Betroffenen selbst konfrontiert, Stellungnahmen und Atteste zum physischen und psychischen Gesundheitszustand ihrer Klienten und Klientinnen zu verfassen. Die Erfahrungen und Beobachtungen aus dem therapeutischen Prozess wurden in Form von Befundberichten, Stellungnahmen und Gutachten in das aufenthaltsrechtliche Verfahren eingebracht. Im Kontrast zu einer Erstanhörung im Asylverfahren wurde argumentiert, keine Gesprächssituation sei so sehr geeignet, Vertrauen mit den Betroffenen herzustellen wie eine Befragung im Verlauf der psychotherapeutischen Behandlung. Ein therapeutisches Vertrauensverhältnis sei dazu prädestiniert, Missverständnisse in der Verfolgungsgeschichte auszuräumen, verdrängte, belastende Erfahrungen wiederzubeleben, Erinnerungslücken deutlich zu machen und wieder zu füllen. Gerade für extrem traumatisierte Menschen sei der therapeutische Prozess oft die einzige Chance, überlebenswichtige Selbstschutzstrategien kontrolliert zu lockern und tiefe seelische Verletzungen zur Sprache zu bringen (Koch 2001). Das Einbringen dieser Stellungnahmen kann als relativ erfolgreich betrachtet werden, denn tatsächlich konnten durch die engagierten Stellungnahmen der behandelnden Zentren negative Entscheidungen des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge in einigen Fällen revidiert werden mit Informationen, die erst im therapeutischen Prozess zugänglich wurden (Koch, Winter 2001, S. 13). Durch die Berücksichtigung dieser Stellungnahmen erhielten die betroffenen Flüchtlinge in gewissem Umfang Anerkennung. Gleichzeitig jedoch wurde die gesamte Anerkennungspraxis von Flüchtlingen zunehmend restriktiver. Standen vor den 90er Jahren bei der Anerkennung politische Fluchtgründe im Vordergrund, beriefen sich nun viele Flüchtlinge darauf, zu der Gruppe Traumatisierter zu gehören. Dies führte zu Misstrauen K. Rafailovic, H.W. Gierlichs, E. Bittenbinder: Begutachtung von Flüchtlingen 257 bei Behörden und Gerichten, die einerseits forderten, jeder Betroffene solle in einem wissenschaftlich fundierten psychologischen oder ärztlichen Gutachten oder einer gutachterliche Stellungnahme sein Leiden dokumentieren und seine Aussagen glaubhaft untermauern (BAFF 2006). Von Seiten der Zentren wurden daher Qualitätsstandards für Begutachtungen entwickelt und öffentlich gemacht. Zur Qualitätssicherung wie auch zur Orientierung und Schulung von PsychotherapeutInnen und MedizinerInnen publizierte der Bundesverband der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAFF) erstmals im Jahr 2000 Richtlinien für die psychologische und medizinische Untersuchung von traumatisierten Flüchtlingen und Folteropfern (BAFF 2001) i. Daneben wurden 2001 als zweite wichtige Norm zur Begutachtung in aufenthaltsrechtlichen Verfahren von der Projektgruppe SBPM Standards für die Begutachtung psychotraumatisierter Menschen entwickelt (Gierlichs et al. 2004). Eine qualitativ hochwertige Begutachtung setzt aber nicht nur entsprechende Fachkenntnisse voraus, sondern auch einen zuträglichen institutionellen Rahmen sowie ausreichende finanzielle und zeitliche Ressourcen Bedingungen, die innerhalb einer restriktiven Anerkennungspraxis kaum gegeben sind. Auch war es bislang schwierig, Richtern und entscheidungstragenden Mitarbeitern des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) verständlich zu machen, dass mittels einer klinischen Begutachtung eine Rekonstruktion der historischen Wahrheit der individuellen Verfolgungsgeschichte nur begrenzt möglich ist. Der Auftrag zur Wahrheitssuche, als zentrales Anliegen des administrativen und juristischen Verfahrens, wird hier verknüpft mit einer ärztlich/psychologischen Diagnosestellung, also einer klinischen Fragestellung. Und damit stehen sich zwei Disziplinen, zwei Denkmodelle und zwei Sprachsysteme gegenüber, die oft konträrer nicht sein könnten. (BAFF 2006, S. 11) Hinzu kommt, dass es zu einer methodischen Verwirrung von forensischen und klinischen Sachverständigen- Gutachten kommen kann (Birck 2003; Gierlichs et al. 2005a; BAFF 2006) ii. Im Gegensatz zu einer Therapie geht es bei einer klinischen Begutachtung darum, in einer befristeten Zeit zur Diagnosestellung einer psychischen Störung beziehungsweise zur sachverständigen Beantwortung einer gezielten Fragestellung zu gelangen. Dies geht mit weniger günstigen Untersuchungsbedingungen einher. Ein mit einer Therapie vergleichbares Vertrauensverhältnis ist in einem gutachterlichen Kontakt schwerlich aufzubauen. Außerdem befinden sich die untersuchten Flüchtlinge häufig zusätzlich zu ihren Erlebnissen im Herkunftsland in einer aktuell höchst belasteten Lebenssituation. Unter diesen Umständen ist die Begutachtung häufig eine Gratwanderung zwischen dem Erlangen notwendiger Informationen und einer Vertiefung und Verlängerung des Traumaprozesses (Keilson 1979). Anstelle einer Integration belastender Lebensereignisse aus der Vergangenheit kann die Belastung durch 258 Zeitschrift für Politische Psychologie, Jg. 14, 2006 die wiederholte Befragung anhalten oder sich durch den anhaltenden Stress sogar erheblich verschlimmern. Im Folgenden soll nun ein solcher Begutachtungsprozess beispielhaft dargestellt werden. 2. Darstellung des Prozesses einer Begutachtung: Herr Alic iii aus Bosnien Die Begutachtung mit Herrn Alic und seiner Familie wurde von den Autorinnen ausgewählt, weil damit neben den erheblichen Problemen in der Begutachtungspraxis auch einmal eine gute Praxis aufgezeigt werden kann, in dem Sinne, dass die Zusammenarbeit mit den Entscheidungsbehörden effektiv und für die Familie hilfreich war, neue Perspektiven ermöglichte und eine psychotherapeutische Behandlung begonnen werden konnte. Herr Alic ist bosnischer Staatsbürger, der gemeinsam mit seiner Ehefrau und zwei Kindern wie viele andere bosnische Flüchtlinge seit Mitte der 90er Jahre in Deutschland lebt. Er hat bisher seine Duldung immer wieder verlängern können. Ihm wurde wiederholt eine Posttraumatische Belastungsstörung und eine Depression diagnostiziert. Die zuständige Mitbearbeiterin der Ausländerbehörde riet Herrn Alic, einen Antrag auf ein Bleiberecht als traumatisierter Flüchtling aus Bosnien iv zu stellen und sich in diesem Zusammenhang um eine Stellungnahme einer Behandlungseinrichtung für Flüchtlinge und Folteropfer zu bemühen. Dies tat er schließlich, wenn ihm auch der Zusammenhang zwischen einer solchen Stellungnahme und seinem Aufenthaltsstatus nicht bewusst zu sein schien. Eine solche sachkundige Beratung durch die Ausländerbehörde ist, obwohl man es anders erwarten sollte, leider nicht die Regel. Herr Alic kam gemeinsam mit seiner Ehefrau in die spezialisierte Berliner Einrichtung für Flüchtlinge und Folteropfer Xenion. Schon bei der Begrüßung war zu beobachten, dass Herr Alic sich sehr zurückhaltend verhielt und jeden direkten Kontakt vermied. Die Initiative überließ Herr Alic seiner Frau. Er war äußerst misstrauisch und schien hinsichtlich Zeit und Ort nicht ausreichend orientiert zu sein. Immer wieder verbarg er den Kopf in seinem Schoß und reagierte nur verzögert auf die Fragen der Begutachterin. Daher übernahm die Ehefrau zunächst das Gespräch und schilderte aus ihrer Sicht die Probleme ihres Ehemannes. Sie benannte besonders massive Schlafprobleme, zeitweise aggressive Ausbrüche, Halluzinationen und Niedergeschlagenheit. Sie äußerte, sie habe ihren Mann nach einem Einsatz als Reservist in der Armee vollkommen verändert erlebt. Über seine Erlebnisse hätten sie aber nie geredet. Frau Alic war sehr darauf bedacht, ihren Ehemann für jede Mitteilung um Erlaubnis zu bitten und ihn nicht zu verärgern oder zu verletzen. Nachdem Frau Alic aus dem Raum gebeten wurde, teilte sich Herr Alic zö- K. Rafailovic, H.W. Gierlichs, E. Bittenbinder: Begutachtung von Flüchtlingen 259 gerlich und leise mit. Da Herr Alic sehr angespannt und verschlossen war, wurde der erste Termin dazu genutzt, seine Beschwerden genauer zu explorieren, ferner über seine Kindheit und Familiengeschichte zu sprechen. Herr Alic erzählte, dass seine Kindheit normal verlaufen sei. Seine Familie habe in einer Kleinstadt in Bosnien und Herzegovina gelebt. Er habe viele Geschwister gehabt, die von der Landwirtschaft gelebt hätten und arm gewesen seien. Er habe eine Berufsausbildung gemacht und zur Zeit seines Militärdienstes seine Ehefrau kennen gelernt, die er nach einem Jahr geheiratet habe. Sie hätten einen Sohn bekommen und seien zufrieden und glücklich gewesen. Man einigte sich, Herr Alic möge seine Erlebnisse bis zum folgenden Termin niederschreiben. An einem der folgenden Tage gab er eine umfangreiche und chronologische Biographie in der Einrichtung ab, die er im nächsten Begutachtungstermin noch einmal mündlich berichtete. Er schien nun mehr Vertrauen gefasst zu haben. Seine Stimme war deutlicher zu verstehen und gefasster, auch wenn Herr Alic insgesamt immer noch misstrauisch, zurückgezogen und niedergeschlagen wirkte. Während er über seine Erlebnisse im Krieg berichtete, erschien er sehr belastet und stark angespannt; an einigen Stellen gab es Anzeichen von dissoziativen Zuständen. Herr Alic schilderte, dass er seit Anfang der 90er Jahre immer wieder als Reservist der Jugoslawischen Volksarmee eingezogen worden sei, um an militärischen Übungen teilzunehmen. Bei einer dieser Übungen sei abends eine Gruppe von Paramilitärs im Übungslager aufgetaucht, die zwar die gleichen Uniformen wie die Reservisten, aber lange Haare und Bärte getragen und sich auch anders verhalten hätten. Sie hätten viel Alkohol getrunken und die Reservisten beschimpft und beleidigt. Diese Paramilitärs hätten zehn Zivilisten im Übungslager gefangen gehalten. Man habe ständig Weinen und Schreie aus diesem Raum gehört. Herr Alic und die anderen Reservisten hätten daher vermutet, dass die Gefangenen geschlagen und gefoltert würden. Später hätten die Paramilitärs einen Mann aus jenem Raum geholt und ihn an einen Baum gefesselt. Sie hätten alle Reservisten im Lager zusammengerufen und sie gezwungen zuzuschauen, wie sie diesen Mann stundenlang folterten und schließlich brutal mit einer Axt ermordeten. Dabei hätten alle Volkslieder singen müssen. Die Reservisten hätten in den folgenden Tagen immer wieder Schreie und Wimmern aus dem Gefangenenraum gehört. Später seien auch alle anderen Gefangenen ermordet worden. Er und zwei andere Reservisten hätten den Befehl erhalten, den Gefangenenraum nach diesem Massaker zu reinigen. Der Raum sei voller Blut und abgeschnittener Gliedmaßen gewesen, Herr Alic habe anschließend völlig unter Schock gestanden. Als Moslem in der Jugoslawischen Volksarmee habe er sich danach in diesem Übungslager nicht mehr sicher gefühlt. Mit Hilfe seines serbischen Kommandanten seien er und ein anderer Reservist dann aus der Armee geflohen. Drei Tage lang 260 Zeitschrift für Politische Psychologie, Jg. 14, 2006 seien sie unterwegs gewesen. Wieder zuhause angelangt, habe er sich nicht getraut, irgendjemandem etwas zu erzählen, weil er Angst gehabt habe, dass sie zu mir nach hause kommen und uns alle umbringen. Bis heute habe er auch seiner Frau nichts von seinen Erlebnissen im Übungslager erzählt, und er habe große Angst, dass sie etwas erfahren könnte. Herr Alic schilderte noch andere intensive Bedrohungserlebnisse gegenüber seiner Familie, die sie schließlich dazu bewegt hätten, Bosnien zu verlassen. Sie seien in der Nacht zu Fuß in die nächste Stadt geflohen, um von dort aus mit dem Bus nach Kroatien zu fliehen. Die Busse nach Kroatien seien voll mit anderen Flüchtlingen gewesen, die wie sie nur die nötigsten Sachen gepackt hätten, um möglichst schnell dem Bürgerkriegsgeschehen zu entkommen. Ihr Bus sei von Panzern angehalten worden, alle Flüchtlinge hätten aussteigen müssen und ihre letzten Wertgegenstände an die Soldaten abgeben müssen. Den Menschen, die sich weigerten, hätten die Soldaten auf die Füße geschossen. Einer Frau, die ihren Ehering nicht abnehmen konnte, hätten sie den Finger mit einer Zange abgetrennt. Der Bus sei beschlagnahmt worden, und die Flüchtlinge seien drei Tage zu Fuß bis zum Grenzfluss Save gelaufen. Diesen hätten sie mit Booten überquert. In Kroatien angelangt, sei die Familie Alic in einen kroatischen Bus eingestiegen und weiter nach Deutschland geflüchtet. Während seiner Schilderung zeigte Herr Alic misstrauische Ängstlichkeit und Anspannung bei gleichzeitiger Erschöpfung und Antriebslosigkeit, deutliche Konzentrationsstörung und insbesondere den Versuch, traumanahe Themen zu vermeiden. Er verlor bei der Exploration mehrfach die Fassung; die Erinnerungen an das Erlebte überfluteten ihn, und er zeigte Anzeichen von Dissoziationen und Flashbacks. Wie er meint, habe er versucht, die Bilder und Geräusche im Zusammenhang mit seinen Erinnerungen zu vergessen. Sie würden ihn aber immer wieder überfallen, besonders wenn er versuche zu schlafen oder wenn er mit Situationen, Bildern und Geräuschen konfrontiert sei, die ihn an die Erlebnisse erinnerten. Das könne Volksmusik sein, die seine Frau besonders gerne höre, oder auch Fernsehsendungen, die sie und seine Kinder häufig anschauten: Dann kommt es mir so vor, als ob diese bärtigen Männer singen würden. Die Beschwerden von Herrn Alic schienen das gesamte Familiensystem erheblich zu belasten. So schilderte er zum Beispiel: Wenn ich die Augen schließe, kommen Bilder und Geräusche, das ganze Zimmer schallt davon, wie ein Echo. Das Licht darf ich nicht ausmachen, da es sonst noch beängstigender für mich wird. Ich kann keine Musik hören, da ich denke, dass mich jemand ruft und dann lacht. Deswegen musste ich das Radio kaputt machen. Ich habe alle Steckdosen zugeklebt, weil dort kleine Männer rauskommen, die mich schlagen und lachen. Ich kämpfe manchmal mit ihnen, so dass meine Frau mich fragt: Warum hältst du einen Hammer in der Hand? Die Frau K. Rafailovic, H.W. Gierlichs, E. Bittenbinder: Begutachtung von Flüchtlingen 261 und die Kinder dürften kein Fernsehen schauen, solange er zuhause ist, da er ihn sonst zerstören würde. Seine Frau bestätigte, dass Herr Alic sich hin und wieder selbst vergesse; er habe sie in einer solchen Situation schon einmal mit einer Axt bedroht. Diese Halluzinationen machten Herrn Alic und seiner Familie Angst, und er denke, verrückt zu werden. Die Inhalte dieser Halluzinationen standen in augenfälligem Zusammenhang mit seinen traumatischen Erfahrungen. Herr Alic habe gehofft, diese Erinnerungen in Deutschland hinter sich lassen zu können, aber sie brächen immer wieder unkontrollierbar über ihn herein. Dies geschehe tags und auch nachts, so dass er nicht einschlafen und nicht durchschlafen könne. Er könne nur noch mit Licht einschlafen, höre Stimmen und Geschrei der bärtigen Männer. Er sehe keinen Sinn mehr im Leben und spiele häufig mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. So laufe er nachts durch die Straßen von Berlin und achte nicht auf den Verkehr. Er habe andauernd Angst, dass seiner Familie etwas passieren oder er ihnen in einem unkontrollierten Zustand etwas antun könne. Diese Angst reiche bis hin zu Panikattacken, die er nicht kontrollieren könne. Die Erinnerungen hätten einen sehr realen Charakter in Form von akustischen und visuellen Halluzinationen, so dass er oft nicht mehr wisse, wo er sei. Er versuche die Umwelt so zu kontrollieren, dass er alle Hinweisreize auf die Erlebnisse vermeidet, was ihn und seine Familie zusätzlich einschränke. Er verliere den Kontakt zu seiner Umwelt, habe ein Gefühl von Entfremdung und isoliere sich stark. Er grüble viel und sei sehr n
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