MONATSCHRIFT FÜR DEUTSCH-UNGARISCHEN KULTURAUSTAUSCH GELEITET VON b LA PUKÄNSZKY

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JAHRGANG 1941 JUNIHEFT MONATSCHRIFT FÜR DEUTSCH-UNGARISCHEN KULTURAUSTAUSCH GELEITET VON b LA PUKÄNSZKY BISMARCK UND UNGARN GEGENWARTSPROBLEME DER UNGARISCHEN WIRTSCHAFT DIE UNGARISCH-SLOWAKISCHE VOLKSGRENZE
JAHRGANG 1941 JUNIHEFT MONATSCHRIFT FÜR DEUTSCH-UNGARISCHEN KULTURAUSTAUSCH GELEITET VON b LA PUKÄNSZKY BISMARCK UND UNGARN GEGENWARTSPROBLEME DER UNGARISCHEN WIRTSCHAFT DIE UNGARISCH-SLOWAKISCHE VOLKSGRENZE Ungarische Kunstdenkmäler im heimgekehrten Siebenbürgen Ungarische Volkskunde auf Schallplatten Deutsch-ungarische Waffenbrüderschaft Die Berliner Staatsoper in Budapest Ungarnreise deutscher Wissenschaftler Gedichte von B. BALASSI und GY. ILLYES Bücher- und Presseschau Ungarisch-Deutsche Gesellschaft VERLAG DANUBIA BUDAPEST - LEIPZIG UNGARN M O N A T S C H R IF T F Ü R D E U T S C H -U N G A R IS C H E N K U L T U R A U S T A U S C H D E R U N G A R IS C H -D E U T S C H E N G E S E L L S C H A F T IN B U D A P E S T Ersch eint am i. jedes M onats Mitteilungen und Beiträge sind zu richten an den Schriftleiter: Prof. Dr. BELA PUKÄNSZKY Schriftleitung und Administration : Budapest, V., Arany Jänos-utca i. Fernruf: Sprechstunden: Dienstag bis Freitag Nachmittag 4-7. Verlag für Ungarn: DANUBIA, Budapest, IV., Apponyi-ter 1. Auslieferung für das Grossdeutsche Reich: Fr. C. FLEISCHER, Leipzig, Salomonstrasse 16. P reis des Ja h rg a n g e s fü r U n g a r n 1 0 P, fü r D eu tsch lan d R M. 10. E in z e lh e ft:;in U n g a r n P 1., in D eu tsch la n d R M. 1.. E in zah lu n g d er B ezu gsp re ise in U n g a r n a u f P ostschekkonto N r M itg lie d e r d er U n g a ris c h D eu tsch e n G esellsch aft in B u d a p e st erhalten die Z eitsch rift gegen En trich tu n g des M itgliedbeitrages. UNGARISCH-DEUTSCHE GESELLSCHAFT IN BUDAPEST P R Ä S ID E N T : ANDREAS VON TASNÄDI NAGY, kön. ung. Justizminister a. D., kön. ung. Geheimrat, Präsident des ungarischen Abgeordnetenhauses. M I T P R Ä S I D E N T E N : GRAF TIBOR TELEK1, kön. ung. Geheimrat, Hüter der Heiligen Krone, KOLOMAN VON SZILY, kön. ung. Geheimrat, Staatssekretär, STEFAN VON FAY, kön. ung. Geheimrat, Staatssekretär, BARON BERTHOLD FEILITZSCH, kön. ung. Geheimrat, Obergespan a. d. ALOIS KOVÄCS, Staatssekretär. G E N E R A L S E K R E T Ä R : Prof. ALEXANDER VARGA VON KIBED. R E C H T S A N W A L T : LUDWIG V. HUSZOVSZKY, Reichstagsabgeordneter. S E K R E T Ä R : ELEMER V. BUÖCZ, Ministerialreferent. S C H A T Z M E I S T E R : KARL SZANDER, Direktor des Rechnungsamtes im Reichstag. BISMARCK UND UNGARN V O N LADISLAUS TÖ TH Am 8. Juni des Jahres 1852 kam ein junger, doch bereits bedeutender preussischer Diplomat in die österreichische Kaiserstadt, um im Aufträge seines Königs statt des erkrankten Botschafters Graf Arnim die Verhandlungen über einen zollpolitischen Vertrag zwischen den beiden Ländern zu möglichst raschem und erfolgreichem Ende zu führen. Dieser junge und hochstrebende preussische Diplomat war Otto von Bismarck, der Schöpfer der deutschen Einheit, der eiserne Kanzler des Reiches damals nur noch Botschafter Preussens an dem Reichstag von Frankfurt. Bismarck verbanden mit Wien die schönen Erinnerungen seiner Hochzeitsreise von 1847; er weilte hier nicht das erste Mal. Diesmal aber kam er nicht mit der Sorglosigkeit des Weltbummlers in die österreichische Kaiserstadt, sondern mit den Lasten seines Amtes. Sein Empfang liess an Herzlichkeit und Höflichkeit weder seitens der österreichischen amtlichen Kreise, noch der Wiener Gesellschaft etwas zu wünschen übrig; er überstieg im Gegenteil alle Erwartungen Bismarcks. Seine eigentliche Sendung blieb indessen erfolglos. Die allzu tief verankerten preussisch-österreichischen Gegensätze, die damals nicht nur gefühlsmässiger, sondern auch realer Natur waren, Hessen keine Einigung in den zollpolitischen Fragen herbeiführen. So blieb der bloss vierwöchentliche Wiener Aufenthalt nur eine unwichtige Episode in Bismarcks politischer und diplomatischer Laufbahn. Was aber Bismarcks Beziehungen zu Ungarn betrifft, so wurde diese Wiener Sendung bedeutungsvoll: der spätere grosse Kanzler hatte hier zum ersten Mal Gelegenheit, Ungarn und das ungarische Volk kennenzulernen. Bismarck interessierte sich schon früher für Ungarn. Mit den Bestrebungen des ungarischen Freiheitskampfes von 1848 sympathisierte er freilich nicht. Vielmehr machte er als Abgeordneter im preussischen Reichstag von 1849 der damaligen Regierung heftige Vorwürfe, weil sie Österreich nicht zur Hilfe eilte, um mit Russland gemeinsam den ungarischen Aufstand zu unterdrücken. Nun fand er Gelegenheit, dieses Volk und sein Land auch durch eigene Erfahrung kennenzulemen. Auch seine Auffassung änderte sich in den letzten drei Jahren in mancher Hinsicht. Zunächst machten den Weitblickenden die Übertreibungen und Fehler der Reaktion, die nach 1849 in Preussen und Österreich emporkam, der liberalen Richtung gegenüber verständnisvoller. Dann lernte er in Karlsbad den gewesenen Kanzler Siebenbürgens, Baron Samuel Jösika kennen, und schloss mit ihm herzliche Freundschaft. Dieser machte ihn nicht nur mit den siebenbürgischen Verhältnissen, sondern auch mit dem Rechtszustand Ungarns und Siebenbürgens eingehend bekannt. Eigentlich war nun dieser konservative ungarische Magnat der erste, der Bismarcks Sympathie für Ungarns Volk und sein Schicksal sowie sein Verständnis für die Bestrebungen der ungarischen Politik erweckte. Auch die zollpolitischen Verhandlungen lenkten sein Interesse Ungarn zu,war doch wie Bismarck in seinen Aufzeichnungen schreibt, gerade Ungarn einer der Sachgründe des Misslingens der Einigung in der Zollfrage. Ungarn war nämlich damals ein mehr oder weniger vollkommen selbstversorgtes Gebiet, wo sich keine Möglichkeit für die Einfuhr preussischer Waren bot. Während seines Wiener Aufenthaltes verkehrte Bismarck viel mit Baron Josika, der offenbar Anteil daran hatte, dass der auch sonst unternehmungslustige preussische Diplomat mit Freude die Gelegenheit ergriff, die romantischen Schönheiten und etwas übertriebenen Gefahren Ungarns kennenzulernen. Reizvoll berichten über die Ungarnreise Bismarcks Briefe an seine Frau und andere. Der eigentliche Grund der Reise war ein längerer Aufenthalt Franz Josefs in Ungarn. Bismarck musste schon wegen der Fortsetzung der preussischösterreichischen Verhandlungen den jungen Monarchen auf seiner Reise begleiten. Franz Josef behandelte ihn während seines Aufenthaltes in Ungarn mit besonderer Aufmerksamkeit. Er schreibt an seine Gattin, man habe ihn auf Verfügung des Kaisers in der königlichen Burg in Ofen untergebracht. Er wohnt in einem Appartement von vier grossen Zimmern, die mit riesigen Eichenholzmöbeln eingerichtet sind, der Überzug der Möbeln ist blaue Seide. Bismarck bemerkt scherzhaft offenbar als Erinnerung an die Ereignisse von 1849, dass auf den Möbeln grosse schwarze Flecke sichtbar sind, die die erhitzte Phantasie für Blutflecke halten könnte, dabei sind es nur alte Tintenflecke. Mit dichterisch beschwingten Worten schildert er die grosszügige Schönheit der Gegend im Gegensatz zur Schlichtheit der Einrichtung. Schon während der Schiffahrt von Wien nach Budapest entzückt ihn der Zauber der Landschaft, besonders die Strecke von Gran abwärts. Wärst du doch einen Augenblick hier, und könntest jetzt 322 auf die mattsilberne Donau, die dunklen Berge auf blassrothem Grund, und auf die Lichter sehn, die unten aus Pesth herausscheinen; Wien würde sehr bei Dir im Preise sinken gegen Buda-Pesth.. schreibt er entzückt an seine Frau. Während seines Budapester Aufenthaltes besuchte der Kaiser und König ein Volksfest, das in den Ofener Bergen, bei der Schönen Schäferin veranstaltet wurde. Er nahm auch Bismarck mit, der in einem Brief an seine Gattin die romantischen Schönheiten des Ausflugs in lebhaften Farben schildert. Ein Volksfest hatte Tausende hinaufgeführt, die den Kaiser, der sich unter sie mischte, mit tobendem eljen (ewiva) umdrängten, Csardas tanzten, walzten, sangen, musizierten, in die Bäume kletterten und in den Hof drängten. Auf einem Rasenabhang war ein Souper-Tisch von etwa 20 Personen, nur auf einer Seite besetzt, die andre für die Aussicht auf Wald, Berg, Stadt und Land freigelassen, über uns hohe Buchen mit kletternden Ungarn in den Zweigen, hinter uns dicht gedrängtes und drängendes Volk in nächster Nähe, weiterhin Hörnermusik mit Gesang wechselnd, wilde Zigeunermelodien, Beleuchtung, Mondschein und Abendroth, dazwischen Fackeln durch den Wald; das Ganze konnte ungeändert als grosse Effektscene in einer romantischen Oper figurieren. Neben mir sass der weisshaarige Erzbischof von Gran, Primas von Ungarn, in schwarzseidenem Talar mit rothem Überwurf, auf der anderen Seite ein sehr liebenswürdiger eleganter Cavallerie-General, Fürst Lichtenstein. Du siehst, das Gemälde war reich an Contrasten. Dann fuhren wir unter Fackel-Escorte im Mondschein nach Hause. In seinem Bericht an den Kaiser beschreibt Bismarck den Ausflug mit ähnlicher Wärme, doch mit dem bemerkenswerten Zusatz, dass Fürstprimas Scitovszky im Gespräch mit Bismarck stolz seine ungarische Nationalität betonte. Das bisher Gesehene und seine Erlebnisse in Budapest veranlassten Bismarck, die günstige Gelegenheit zu ergreifen und eine längere Reise in Ungarn zu machen. Er hätte gerne allein die ungarische Puszta besucht, aber die Behörden gaben ihm berittenes Militär zur Begleitung, wegen der ungarischen Betyären, wie sie sagten. Sein Weg führte ihn in das ungarische Tiefland zwischen Donau und Theiss. Die Briefe an Gattin und Freunde enthalten einige reizvolle und kennzeichnende Einzelheiten von dieser Reise, die reich an allerdings eher romantisch-abenteuerlichen, als ernstlichen Gefahren war. Bismarck kam über Albert-Irsa nach Kecskemet und kehrte dann, nachdem er die grossen Puszten zwischen Donau und Theiss besucht hatte, über Szolnok nach Budapest zurück. Während der Reise be 21* 323 geistert ihn die ungarische Puszta und deren kräftiges, männliches Volk. Nach einem komfortabeln Frühstück unter dem Schatten einer Schönhausischen Linde bestieg ich einen sehr niedrigen Leiterwagen mit Strohsäcken und drei Steppenpferden davor, die Ulanen luden ihre Karabiner, sassen auf, und fort ging s in sausendem Galopp. Hildebrand und ein ungarischer Lohndiener auf dem Vordersack, und ein Kutscher, ein dunkelbrauner Bauer mit Schnurrbart, breitrandigen: Hut, langen speckglänzenden schwarzen Haaren, einem Hemd, das über dem Magen aufhört und einen handbreiten, dunkelbraunen Gurt eigener Haut sichtbar lässt, bis die weissen Hosen anfangen, von denen jedes Bein weit genug zu einem Weiberrock ist, und die bis an die Kniee reichen, wo die gespornten Stiefel anfangen. Auf der Tiefebene zwischen Donau und Theiss betrachtet er mit grossem Interesse die riesigen Pferde- und Rinderherden, deren Hirten den mit militärischer Begleitung reisenden ausländischen Herrn mit Ehrfurcht grüssen. Die Nacht verbringt er in Kecskemet, dessen Äusseres ihn an ein preussisches Dorfende erinnert. Die Strassen sind ungepflastert, die niedrigen, östlich anmutenden Häuser gegen die Sonne geschlossen, und ringsherum liegen grosse Wirtschaftshöfe. Den Abend verbrachte er in Gesellschaft von Offizieren, die ihn vielleicht nicht ohne einige Übertreibung mit Räubergeschichten unterhielten. Fast hätte Bismarck Lust verspürt, auch persönlich die Bekanntschaft von Betyären der ungarischen Tiefebene zu machen, die nach seiner Schilderung in Banden von fünfzehn Mann, auf vorzüglichen Pferden die Reisenden überfallen, und Tags darauf schon zwanzig Meilen weit sind. Anständigen Leuten gegenüber benehmen sie sich höflich. Ihre Anführer tragen schwarze Masken, und man sagt, sie kämen manchmal aus den Kreisen des niedrigen Adels. Die romantische Beschreibung der ungarischen Betyärenwelt war umso zeitgemässer, als gerade während Bismarcks Aufenthalt zwei festgenommene Betyären standrechtlich erschossen wurden. Dergleichen erlebt man in unseren langweiligen Gegenden gar nicht, setzt er in einem Brief an seine Frau hinzu. Aber Betyären traf Bismarck dennoch nicht, weder auf der langen Fahrt über die Puszten von Kiskünfelegyhäza und Csongräd, noch auf der Rückkehr nach Szolnok, als er zwölf Stunden im Wagen sass. Der Grund war, wie sein Begleiter angibt, dass die Betyären schon vor dem Morgengrauen in Erfahrung brachten, er komme mit militärischer Begleitung. Seine Erlebnisse in Szolnok vervollkommn ten dann seine Kenntnisse über ungarisches Volk und ungarische Landschaft; die wildesten und verrücktesten Zigeunermelodien schallen mir ins Zimmer, dazwischen singen sie durch die Nase mit weit- 324 aufgerissenem Munde, in kranker, klagender Molldissonanz Geschichten von schwarzen Augen und von dem tapferen Tod eines Räubers, in Tönen, die an den Wind erinnern, wenn er im Schornstein lettische Lieder heult. Die Weiber sind im ganzen gut gewachsen, einige ausgezeichnet schön; alle haben pechschwarzes Haar, nach hinten in Zöpfe geflochten, mit roten Bändern darin. Die Frauen entweder lebhaft grün-rote Tücher oder rot-sammetne Häubchen mit Gold auf dem Kopf, ein sehr schönes, gelbes seidenes Tuch um Schulter und Brust, schwarze, auch urblaue kurze Röcke und rote Saffianstiefel, die bis unter das Kleid gehen, lebhafte Farben, rneisst ein gelbliches Braun im Gesicht, und grosse, brennend schwarze Augen; im ganzen gewährt so ein Trupp Weiber ein Farbenspiel, das dir gefallen würde, jede Farbe am Anzug so energisch, wie sie sein kann. Ich habe nach meiner Ankunft um 5, in Erwartung des Dieners, in der Theiss geschwommen, Csardas tanzen sehen, bedauert, dass ich nicht zeichnen konnte, um die fabelhaften Gestalten für Dich zu Papier zu bringen, dann Paprika-Händel, Stürl (Fisch) und Tick gegessen, viel Ungar getrunken, geschrieben, und will nun zu Bett gehen, wenn die Zigeunermusik mich schlafen lässt. Auch in anderen Aufzeichnungen Bismarcks aus dieser Zeit finden wir einen ähnlichen Widerhall seiner Ungarnreise. Die Eindrücke von Ungarn fasst er in einer kurzen, aber vielsagenden Bemerkung zusammen: Ein merkwürdiges Volk, aber mir gefällt es! Die Ungarnreise hinterliess in Bismarck eine Erinnerung, die ihn sein ganzes Leben hindurch begleitete. Als ihn Maurus Jökai 1874 in Berlin besuchte, wurden in Bismarck Erinnerungen wach an seine Erlebnisse in Kecskemet, die nun schon 22 Jahre zurücklagen. Selbst nach vierzig Jahren, 1892 als ihm in Kissingen ein Budapester Advokat vorgestellt wurde sprach er noch mit Begeisterung über die Erinnerungen an Ungarn. Während meiner Reise erlernte ich auch viele ungarische Wörter, und ich bemühte mich, sie zu behalten, zumal jener Ausflug, ungeachtet meiner diplomatischen Mission eine der schönsten Erinnerungen meines Lebens bildet. Bismarck machte seine Reiseerfahrungen in Ungarn auch in der Politik nützlich. Als man im preussischen Hauptquartier Besprechungen über den Feldzug von 1866 führte, wurde die Frage aufgeworfen, ob man nicht den Kriegsschauplatz aus Böhmen nach Ungarn verlegen sollte, um so grössere Zugeständnisse zu erzwingen. Bismarck war entschieden gegen diesen Plan, wie dies seine Aufzeichnungen bezeugen. Ich befürchte neben politischen Sorgen, dass bei Verlegung der Operationen nach Ungarn die mir bekannte Beschaffenheit dieses 325 Landes die Krankheit schnell übermächtig machen würde. Das Klima, besonders im August, ist gefährlich, der Wassermangel gross, die ländlichen Ortschaften mit Feldmarken von mehreren Quadratmeilen weit verstreut, dazu Reichtum von Pflaumen und Melonen. Eben darum, schon aus rein militärischen Gründen, hält er die erfolgreiche Fortsetzung des Krieges auf diesem Gebiet, auf Grund seiner örtlichen Erfahrungen, für unvorstellbar. Tatsächlich war es dem energischen Auftreten Bismarcks zu verdanken, dass sich Preussen trotz des vollkommenen Sieges für einen raschen, und für Österreich sehr günstigen Abschluss des Krieges entschied. Bismarcks Sympathie für das ungarische Volk, seine günstigen Erfahrungen, die er während der Reise in Ungarn machte, waren gewiss auch auf seine politische Stellungnahme Ungarn gegenüber von grossem Einfluss. Allerdings konnte hier nicht in allem der ungarische Standpunkt zur Geltung kommen, da ja Ungarn ein Teil der Habsburg-Monarchie war, und Bismarck nachdem der Sieg von 1866 die Vorherrschaft Preussens sichergestellt hatte die Habsburg- Monarchie, der damaligen Lage in Europa entsprechend, auch aus preussischem Interesse festigen wollte. Aus diesem Grunde hätte er Ungarns Ausscheiden aus dem Habsburg-Reich nicht für wünschenswert erachtet, doch hielt er es für notwendig, dass Ungarn in diesem Reich zu einem gleichgestellten, in gewisser Hinsicht sogar führenden Land werde. Dieser gemässigte, gleichsam den Mittelweg vertretende Standpunkt, erklärt Bismarcks zurückhaltende Stellungnahme Ludwig Kossuth und seiner Politik gegenüber. Als er 1866 mit den ungarischen Emigrantenkreisen ein Zusammenwirken gegen Österreich beginnt, zieht er sich von Kossuths Radikalismus zurück und vertraut die Abwicklung der ohnedies nicht sehr bedeutenden ungarischen Aktion dem gemässigteren Georg Klapka an. Bismarcks Beziehungen zur ungarischen Emigration reichen in die Zeit seiner Stellung als Botschafter in Paris, 1862 zurück. Der Vermittler zwischen Bismarck und den ungarischen Emigranten in Paris war Graf Arthur Seherr-Thoss, ein preussischer, in Ungarn ansässiger Aristokrat, und auch Nikolaus Nemeskeri Kiss, ein gewesener Honvedoberst, kam in nähere Beziehungen zu ihm. Nikolaus Kiss hatte durch seine Frau, eine Französin von vornehmer Abstammung, gute Beziehungen zu den politischen Kreisen des zweiten Kaiserreichs; offenbar machte auch dies seine Bekanntschaft für Bismarck wertvoll. Übrigens erhielt Bismarck durch Seherr-Thoss und die Emigration stets Auskunft über die inneren Zustände in Ungarn. Ausser 326 seinen eigenen Erfahrungen in Ungarn beeinflussten gewiss auch diese vertraulichen Berichte seinen Standpunkt in den Verhandlungen über den preussisch-österreichischen Gegensatz, die er bereits Ende 1862 als Preussens neuer Ministerpräsident und Aussenminister mit Graf Alois Kärolyi, dem österreichischen Gesandten in Berlin zu führen beginnt. Er sieht nunmehr keine Möglichkeit, dass Österreich im Verband der deutschen Länder zur Geltung komme, und rät dem bestürzten Gesandten Österreichs Schwerpunkt nach Ofen zu verlegen, da die innere Festigung Österreich für die auf deutschem Boden geschwächte Machtstellung entschädigen werde. Österreich befolgte Bismarcks Rat nicht; in kurzer Zeit kam es dann zur militärischen Entscheidung zwischen den beiden deutschen Staaten. Die ungarischen Emigranten in Italien erhielten schon im Frühjahr 1866 die vertrauliche Mitteilung, sich nötigenfalls zum Handeln bereit zu halten. Obwohl Preussens militärische Überlegenheit Österreich gegenüber Bismarck gesichert erschien, war die Möglichkeit weiterer Verwicklungen nicht ausgeschlossen, falls Napoleon III. oder eine andere Macht in den Zwist der beiden Staaten eingreifen sollte. Dies gab Preussen den Gedanken, sich mit Italien zu verbünden und einen gemeinsamen Feldzug zu führen; nötigenfalls aber wollte es auch andere Kräfte gegen Österreich in den Kampf werfen. Der Gedanke, die Unzufriedenheit der Völker der Monarchie im Krieg zur Steigerung der inneren Wirren zu benützen, lag wegen der Zerrüttung der inneren Zustände in der Monarchie auf der Hand. Am zweckmässigsten schien hiezu, die Unzufriedenen des ungarischen Volkes zu sammeln und gegebenenfalls in den Kampf zu werfen. Da Bismarck die wahre Stimmung Ungarns kannte, wusste er, dass die an Preussens Seite erscheinende, zahlenmässig geringe ungarische Legion nicht fähig sei, in Ungarn eine revolutionäre Bewegung von entscheidender Bedeutung hervorzurufen. Doch würde sie genügen, um die innere Unruhe zu steigern, und möglicherweise in den Reihen der in der österreichischen Armee kämpfenden ungarischen Truppen ernstere Unruhen hervorzurufen. Bismarck entschloss sich daher in Ungarn einen nationalen Aufstand zu entfachen. Als Führer wählte er General Klapka, der sich auch bereit erklärte, diese nicht gerade dankbare Rolle zu übernehmen. Bismarck schreibt am 27. Juni 1866 an General Blumenthal, man müsse die ungarischen Gefangenen und Flüchtlinge zuvorkommend behandeln. Denen, die entsprechen
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