NEUE NACHBARSCHAFT INFOBRIEF #7 STARKE VIELFALT NEUE-NACHBARSCHAFT.DE

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NEUE NACHBARSCHAFT INFOBRIEF #7 STARKE VIELFALT NEUE-NACHBARSCHAFT.DE Projekte, in denen Vielfalt stark macht, schaffen weit mehr als Möglichkeitsräume. Sie nutzen Potenziale, machen Mut und bieten langfristig
NEUE NACHBARSCHAFT INFOBRIEF #7 STARKE VIELFALT NEUE-NACHBARSCHAFT.DE Projekte, in denen Vielfalt stark macht, schaffen weit mehr als Möglichkeitsräume. Sie nutzen Potenziale, machen Mut und bieten langfristig Perspektiven. Mit Muskelkraft, viel Köpfchen, Wissen, Fantasie, Ausdauer und Neugierde auf Fremde und Fremdes lässt sich gemeinsam viel mehr auf die Beine stellen, als der Einzelne oft für möglich hält. Wir haben spannende Beispiele gefunden und möchten zum Nachmachen anregen, wie hier bei»refugees Kitchen«in Oberhausen. FOTO: CHRISTOPH STARK KITEV e. V. GUTE NACHBARSCHAFTEN SIND WICHTIG FÜR EIN GUTES ZUSAMMENLEBEN. MANCHE WERDEN RICHTIG UNTER- NEHMERISCH UND ENTWICKELN GEMEINSAM MIT ANDEREN IMMOBILIEN. DAS KÖNNEN VERANSTALTUNGSRÄUME, SCHWIMMBÄDER, STADTTEILLÄDEN UND VIELES ANDERE SEIN. DIESE IMMOVIELIEN IMMOBILIEN VON VIELEN FÜR VIELE UNTERSTÜTZEN WIR. WIR WOLLEN, DASS ES MEHR WERDEN UND DASS SIE ES LEICHTER HABEN. NAH DRAN. DAS PORTRAIT. FOTO: CHRISTOPH STARK KITEV e. V.»Wir haben Spaß an Vielfalt!«Vier Beispiele für integrative Immovielien Integration hat bekanntlich viele Gesichter. Hoch im Kurs stehen clevere und wirksame Ideen. Am besten solche, die allen Beteiligten neben einem Miteinander, Weiterbildung und besseren Sprachkenntnissen auch noch Spaß bringen und Potenziale nutzen. Denn Integrationsprojekte verwandeln sich dann in gelebte, gute Nachbarschaft, wenn möglichst viele gerne teilhaben und aktiv auf Augenhöhe mit anpacken können und wollen. Auf der Suche nach solchen kreativen»baustellen«für integrative Immovielien sind wir quer durchs Land fündig geworden: in Göttingen, Köln, Nieheim und Oberhausen. Allesamt Projekte, die mehr als»möglichkeitsräume«schaffen. Sie machen Mut und bieten langfristig Perspektiven. Mit Muskelkraft, viel Köpfchen, Wissen, Fantasie, Ausdauer und Neugierde auf Fremde und Fremdes lässt sich gemeinsam viel mehr auf die Beine stellen, als der Einzelne oft für möglich hält. DIE HEIMATWERKER VON NIEHEIM Nieheim in Ost-Westfalen hat zwar nur knapp Einwohner und ist doch gerade in aller Munde. Die»Heimatwerker«sind es, über die derzeit weit über die ländlichen Ortsgrenzen hinaus gesprochen wird. Zu tun hat das mit jungen Männern wie Wahid, Kokhan, Dafar und Said, die aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und dem Irak nach Nieheim gekommen sind. Mit Christian, Leo und anderen Architektur-Studenten. Und mit einigen engagierten Nieheimern selbst.»heimatwerker«ist ein Pilotprojekt für Geflüchtete, die gemeinsam mit Studierenden und Anwohnern die Sanierung und Umnutzung eines leer stehenden, historischen Bauernhofes geplant haben. In diesem Frühjahr beginnen sie mit dem Umbau zunächst im 230 Quadratmeter großen Erdgeschoss, der»großen Diele«sagt man hier. Bauen als Beitrag zur Integration. Eine Erbengemeinschaft stellt dafür das Haus für zehn Jahre kostenlos den Heimatwerkern zur Verfügung.»Das Thema Integration beschäftigt uns doch alle«, sagt der am Projekt beteiligte Architekturstudent Christian Schantz.»Nun kann ich auch endlich mal was tun und nicht nur darüber reden.«seminarräume, ein Bürgercafé, eine Lernwerkstatt, ein Fitnessraum, eine Bibliothek, ein Gemeinschaftsgarten; all diese Wünsche soll die offene Begegnungsstätte für Alteingesessene und Neuangekommene ab 2018 erfüllen.»wir haben die Ideen, wie das Haus genutzt werden soll, gemeinsam mit den Geflüchteten entwickelt«, erzählt Brigitte Kämmerer von der Landesinitiative StadtBauKultur NRW, die das bislang einzigartige Projekt zusammen mit der Stadt Nieheim und der Hochschule Ostwestfalen-Lippe initiiert hat. So wünschen sie sich etwa eine Werkstatt, um ihre Fahrräder zu reparieren. Aber auch an geeigneten Räumen für Sprachkurse fehlt es noch in Nieheim. Aktiv los ging es im Herbst 2016: 50 Geflüchtete, Anwohner, Schüler und Studierende kamen zu einer einwöchigen»heimatwerkstatt«in dem alten Fachwerkhaus an der Lüttge Straße 14 mitten im Ort zusammen und schmiedeten konkrete Pläne für den Umbau.»Man kannte sich noch nicht, aber sehr schnell entstand eine herzliche Atmosphäre. Da war viel gegenseitige Neugierde zu spüren. Das war sehr motivierend«, erinnert sich Brigitte Kämmerer.»Und es konnten Vorurteile abgebaut werden.«von dem Modellprojekt profitieren am Ende alle Beteiligten. Einige der Asylsuchenden 144 Geflüchtete sind im vergangenen Jahr in Nieheim ansässig geworden können sich NAH DRAN. DAS PORTRAIT. auf der Baustelle beruflich qualifizieren, ihre Sprachkenntnisse verbessern und sich dabei aktiv integrieren. Die Handwerksbetriebe und Architekten aus der lokalen Baubranche, die als Fachkräfte in den Umbau mit einbezogen sind, generieren hier beruflichen Nachwuchs. Die Studierenden sammeln fachliche und soziale Erfahrungen. Die Stadt Nieheim erhält historische Bausubstanz und schafft Bleibeperspektiven für die Asylsuchenden. Und neue und alteingesessene Nieheimer bekommen Räume für handwerkliche und kreative Tätigkeiten, eine Immobilie für viele. Finanziert wird die Sanierung des Hauses (ca Euro) durch ein Städtebau-Sonderförderprogramm des Landes NRW und einen Eigenanteil der Stadt Nieheim. Für die langfristige Nutzung des Gebäudes sollen weitere Fördergeber, Sponsoren und Spenden gewonnen werden. Um den späteren Betrieb der Begegnungsstätte kümmert sich der gerade gegründete Verein»Heimatwerker Nieheim e. V.«REFUGEES KITCHEN AUS OBERHAUSEN Vor Ort ist es nicht selten die Chilischote, die Menschen einander näherbringt. Die wohl meistverwendete Zutat dieser kulinarischen Geschichte führt nämlich gerne mal zu Diskussionen.»Was ist für dich scharf? Was ist für mich scharf? Die Idee von Schärfe ist sehr individuell und immer Anlass für ein gutes Gespräch«, erzählt der Künstler und Architekt Christoph Stark vom Künstlerkollektiv»Kitev Kultur im Turm e. V.«in Oberhausen. Und wo finden diese Gespräche statt? In und vor der»refugees Kitchen«, einer rollenden Küche mit viel Potentzial. Gemeinsam mit Ali Dor, Abdullhakim Nazari, Rachael Adebisi, Raymond Kpoghomou, Okechukwu Levi Kpaduwa und vielen weiteren Refugees haben die Kitev-Künstler im vergangenen Jahr in Eigenregie einen alten Kleinlaster renoviert und eine Container-Küche gebaut. Der Truck tourt nun als mobile Küche mit eigener Dachterrasse durchs Ruhrgebiet, macht bei Festivals und Veranstaltungen Halt und hat exotisches, manchmal auch ziemlich scharfes Streetfood auf der Speisekarte. Monatelang hat das Team von neuen und alten Oberhausenern zuvor in einer Industriehalle am Küchentruck geschraubt, geschweißt und lackiert. Gleichzeitig lernten die Geflüchteten in der temporären Werkstatt besser Deutsch und knüpften Kontakte. Vor allem der Schlosser Ali Dor aus Syrien war ein gefragter Mann, weiß Christoph Stark zu berichten. Auch dank seiner fachkundigen Hilfe konnte also am Ende der Motor gestartet werden. Im September 2016 war Tourbeginn. Erster Halt: Das Fest»Zollverein mittendrin«auf der Zeche Zollverein in und das hätte ja besser nicht passen können Essen. Das Kulinarische verbindet, schafft soziales Miteinander und gelungene Integration. Denn dort, wo die Macher von»refugees Kitchen«ihren Gasherd anzünden, mit scharfen Messern Gemüse schnippeln und gut gewürzte Delikatessen aus Eritrea, dem Iran, Togo oder Syrien auf den Teller bringen, wird diese als Beilage gleich mit serviert.»uns war es wichtig, die Menschen mit ihren Fähigkeiten zu integrieren und nicht etwas für sie, sondern mit ihnen gemeinsam zu schaffen«, so Christoph Stark. Unter den Projektmachern sind nämlich Hausmeister, Handwerker, Schneider, Schlosser, Automechaniker und natürlich auch Köche wie der Palästinenser Feras Al Khateeb oder der Syrer Ahmed Abbas.»Wir stellten fest, dass die Menschen viel Tatendrang und Hoffnungen haben, was aber vielfach ungenutzt bleibt«, so Christoph Stark. Genau diese Energie war es, die das Küchenmobil erfolgreich auf die Straße brachte. Aber die rollende Multikulti-Kantine, bei der bis zu vier Köche und viele Helferinnen und Helfer mit an Bord sind, möchte noch weit mehr sein: Infomobil. Über das Essen verabreicht»refugees Kitchen«in kleinen Häppchen auch Hintergründe zu Kriegen, Krisen und Fluchtgründen. Fastfood meets Fastfacts sozusagen.»wir unterfüttern das Thema Flucht mit subjektiven Geschichten«, sagt Stark. Die Idee ist inzwischen sogar preisgekrönt.»refugees Kitchen«wurde vom Kulturstaatsministerium als eines der bundesweit besten»projekte zur kulturellen Teilhabe«nominiert und hat beim Dortmunder Theaterfestival»Favoriten«den Publikumspreis bekommen. Gefördert wird und wurde die motorisierte Weltküche auch von der innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft, dem Fonds Soziokultur e. V., der Sparkassen Bürgerstiftung, dem Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW und der LAG Soziokultur NRW. Die gesellschaftliche und soziale Bedeutung des charmanten Küchenprojektes, das sich schon jetzt über einen vollen Terminkalender 2017 freut, fasst Christoph Stark so zusammen:»ganz wichtig ist es, dass Geflüchtete aus ihren konzentrierten und statischen Umgebungen heraus können. Sie verbinden sich mit einem anderen Teil der Stadtgesellschaft und werden so zu einem aktiven Part in der Stadt und im öffentlichen Raum. Das Gefühl zu vermitteln, nicht irgendwo geparkt zu sein, ist dem Projekt wichtig.«von wegen also: Viele Köche verderben den Brei. Scharfes Chili schafft Integration müsste es heißen. INTERNATIONALER GARTEN GÖTTINGEN Viele Wege führen zum erfolgreichen Tomatenanbau.»Die bosnischen Frauen haben da ganz andere Methoden als die deutschen und die Kurdinnen kennen wieder andere Tricks.«Najeha Abid muss lachen, als sie von den Erkenntnissen aus dem Alltag ihres Gartens erzählt. Wobei,»ihres«Gartens stimmt nicht ganz. Denn die Lehrerin aus dem Irak buddelt, jätet und pflanzt schon seit 21 Jahren mit Menschen aus inzwischen 20 verschiedenen Nationen gemeinsam auf einem großen Acker: dem»internationalen Garten Göttingen e. V.«Es gibt keinen Zaun, kein Tor, keinen Schlüssel; hier kann jeder mitgärtnern, wie und wann er will. Immer freitags nachmittags und sonntags aber treffen sich die Gartenfreunde aus aller Welt, um gemeinsam zarte Pflänzchen zu hegen und zu pflegen. Auch in puncto Verständigung ist dabei mit den Jahren etwas sehr Robustes gewachsen. Nicht nur die Pflanzen, auch ihre Gärtnerinnen und Gärtner haben hier Wurzeln geschlagen. Mittlerweile gibt es bereits zwei Internationale Gärten in Göttingen, in denen Migranten und ihre deutschen Nachbarn gleich nebeneinander auf Parzellen Obst, Gemüse und Blumen anbauen und sich gegenseitig mit den besten Tricks und Kniffen weiterhelfen. Im sogenannten Friedensgarten und im Geismarer Garten; dort, wo alles begann. Ende der 90er Jahre war der Göttinger Garten damals sprossen die ersten Salate und Tomatensämlinge noch in einer Baulücke Deutschlands erstes multikulturelles»urban-gardening«-projekt. Inzwischen weiß fast jedes Stadtkind mit dem Begriff etwas anzufangen, kaum eine großstädtische Brachfläche wird nicht mit Saatgut besetzt. Heute gibt es bundesweit über 360 Gärten, die im»bundesnetzwerk Interkulturelle Gärten«in München bei der Stiftung Ertomis/»anstiftung«gebündelt und zusammengeschlossen sind. Das Geheimnis, das diese enorme grüne Welle des Erfolgs trägt, ist schlicht: Gemeinsames Gärtnern macht Spaß, Sinn und verbindet. Schon auf der In- NAH DRAN. DAS PORTRAIT. ternetseite des Göttinger Vereins wird der Leser mit diesen ersten Worten begrüßt:»wir HABEN SPASS AN BUNT!Die ersten Migranten in Deutschland haben ihre Gärten zu Hause sehr vermisst. Und sie hatten viel Erfahrung mit dem Anbau von Obst und Gemüse«, erzählt Najeha Abid, die heute in Alphabetisierungskursen unterrichtet, aber ihre Freizeit immer noch am liebsten im Garten verbringt. Mit 12 Familien aus Bosnien, Afghanistan und dem Irak startete sie damals das erste gemeinsame Gartenprojekt. Man tauschte Saatgut aus und freute sich natürlich über eine üppige Ernte, die auch den Geldbeutel schonte, aber vor allem entwickelte sich der Garten schnell zu einem Ort der Begegnung und Freundschaft, erinnert sich Abid.»Es wurde viel gesprochen und viel gelernt.«und das ist bis heute so geblieben. Jeweils Quadratmeter sind die beiden Gärten in Göttingen groß. Die Finanzierung ist denkbar simpel: Das Grundstück des Friedensgartens gehört der Stadt. 550 Euro Pacht zahlt der Verein pro Jahr für die Nutzung. Das Grundstück in Geismar wird von der Evangelischen Gemeinde kostenlos zur Verfügung gestellt. Wer eine Parzelle beackert, zahlt zwischen 20 und 30 Euro und zusätzlich zehn Euro Wassergeld im Jahr. Vereinsmitglieder ohne eigene Parzelle unterstützen das Projekt mit zehn Euro pro Jahr. In Eigenleistung ist für alle eine Komposttoilette gebaut worden. Gartenhäuser oder andere Gebäude gibt es nicht. Bei schönem Wetter sitzt man in Göttingen oft bis spät abends im Garten zusammen und futtert Selbstgeerntetes. Najeha Abid backt bei solchen Gelegenheiten gern im Garten auf heißen Steinen irakisches Hefebrot. In diesem Jahr möchten die Hobbygärtner ihren Kreis erweitern und auch neu angekommenen Geflüchteten Parzellen zur Verfügung stellen. INITIATIVE BAUEN UND WOHNEN KÖLN Früher herrschte streng geordnete Kasernenatmosphäre hier am Rand von Köln-Ossendorf. Davon ist längst nichts mehr zu spüren. Viele junge Familien sind seit Anfang des Jahrtausends hergezogen. Wohnen ist in diesem Quartier nur knapp zehn Kilometer von der Innenstadt entfernt noch günstig möglich, und die meisten der unter Denkmalschutz stehenden Gebäude der ehemaligen belgischen Streitkräfte, die hier bis 1990 stationiert waren, wirken auch 2017 immer noch wie frisch saniert. Am Ende der Peter-Michels-Straße ist es besonders lebhaft, kunterbunt und grün. Große und kleine Hunde bellen, Hühner gackern, in einem Gemüsegarten sprießen die ersten Pflänzchen, Spielzeug liegt herum, unzählige Fahrräder lehnen an den Hauswänden, bemalte und bewohnte Bauwagen und Gartenhäuschen stehen rund um die zartgelb gestrichenen Häuser. Am Hofeingang begrüßt ein großes Holzschild den Gast:»Initiative Bauen Wohnen Arbeiten e. V.«, kurz IBWA. Willkommen in Deutschlands erfolgreichstem Wohnungslosen-Arbeitsprojekt. 130 Menschen der Jüngste gerade mal drei Monate alt, der Älteste 76 Jahre leben auf dem Quadratmeter großen Vereinsgelände in 46 Wohnungen und zahlreichen Bauwagen und Hütten. Unter ihnen auch 25 Menschen, die früher lange auf der Straße gelebt haben. Und noch eine Besonderheit: Beim Umbau der Kaserne zu Wohnungen haben Obdachlose aktiv mit angepackt.»obdachlose Menschen verfügen über enorme Ressourcen. Sie überleben schließlich auf der Straße«, weiß Dieter Breuer, Künstler, Vereinsmitglied und selbst seit vielen Jahren Bewohner auf dem Gelände.»Diese Ressourcen haben wir hier konstruktiv genutzt.«hauptanliegen des Vereins, dem Künstler, Architekten, Streetworker und engagierte Privatleute bis heute angehören, ist es, die soziale Ausgrenzung von Obdachlosen zu überwinden und ihnen wieder ein Dach über dem Kopf und auch dauerhafte Beschäftigung zu bieten.»wohnungslose bauen für Wohnungslose«war zu Projektbeginn 1997 Motto und Grundprinzip zugleich und es funktioniert bis heute. Damals wird zunächst ein Finanzierungskonzept für das Grundstück samt Kasernenhäusern entwickelt, ein Bauantrag bei der Stadt und ein Förderantrag beim Land NRW gestellt. Grundstück und Häuser können schließlich vom Verein erworben werden. Der Umbau beginnt. Von da an sind die Obdachlosen unter fachmännischer Anleitung die Hauptakteure. Ziel ist es von Anfang an aber auch, eine möglichst heterogene Bewohnerschaft anzusiedeln. Mit den ehemaligen Wohnungslosen leben heute kinderreiche Familien, Senioren, Alleinerziehende und Geringverdienende Tür an Tür in der Peter-Michels-Straße 1 9. Die Wohnungen sind zwischen 45 und 120 Quadratmetern groß, etwa ein Drittel sind Single-Wohnungen. 6,90 Euro warm beträgt die Miete pro Quadratmeter, was für Kölner Verhältnisse sehr günstig ist, und nur möglich, weil alleine beim Umbau Euro durch Eigenleistung erwirtschaftet werden konnten. Außerdem flossen Wohnungsbaufördermittel in das Projekt und eine Bank gewährte ein Darlehen. Um die Instandhaltung kümmert sich der gemeinwohlorientierte Verein heute selbst.»natürlich gibt es auch mal Probleme und Streitereien. Viele Obdachlose haben psychische und physische Probleme, das ist nicht immer einfach«, verschweigt Breuer nicht, fügt aber hinzu:»die Fluktuation ist dennoch sehr gering. Und unsere Wartelisten sind ziemlich lang. Jeden Tag bekommen wir neue Anfragen.«Der Grund für die große Nachfrage auch bei den Obdachlosen liegt wohl in der Offenheit und Flexibilität des Projektes. So habe man etwa die Erfahrung gemacht, dass es für manche psychisch kranke Obdachlose durchaus bedrohlich ist, wieder in festen vier Wänden mit direkten Nachbarn zu leben, schildert Breuer.»Dann ist ein Bauwagen oder eine Hütte einfach die bessere Alternative und die können wir auch bieten.«aber Bauwagen oder Wohnung alleine holen ehemals obdachlose Menschen noch nicht zurück in einen geregelten Alltag. Dazu sind Jobs nötig und auch die kann der Verein bieten. Ein eigener Naturbaubetrieb wirtschaftet auf dem Gelände. Er beschäftigt ca. 50 Menschen. Insgesamt 22 dauerhafte Vollund Teilzeitstellen gibt es, dazu etliche Jobs im Rahmen von Qualifizierungsmaßnahmen. So kümmern sich die Mitarbeiter täglich zwischen 9 und 15 Uhr um die Instandhaltung des Geländes und der Wohnungen. Eine Kantine bietet einen Mittagstisch an, es gibt eine Holz- und Metallwerkstatt, einen kleinen Gartenbetrieb und eine eigene Hühnerschar, deren Eier man verkauft.»wir können die Menschen also direkt von der Straße in den Arbeitsprozess integrieren«, so Breuer. Sie sind sozialversicherungspflichtig angestellt und leben wieder mit einem ordentlichen Mietvertrag. Viel wichtiger noch, sie haben aus eigener Kraft den Weg zurück in die Gesellschaft gefunden. Weil die Erfahrungen der letzten 20 Jahre allen Beteiligten Mut gemacht haben, ist nun ein zweites, ähnliches Wohn- und Arbeitsprojekt mit Obdachlosen und Geflüchteten im einen Kilometer entfernten Stadtteil Bilderstöckchen in Planung. Ein geeignetes, schon lange leer stehendes städtisches Gebäude ist bereits gefunden. Derzeit wird der Kaufpreis verhandelt. neue-nachbarschaft.de/prevg NOCH MEHR WISSEN FILMTIPP FILMTIPP»WER WAGT BEGINNT«EIN FILM ÜBER GEMEINSINN UND SELBSTVERWALTUNG»Gemeinsam den Traum vom Dorf in der Stadt verwirklichen, dem Kapitalismus ein Schnippchen schlagen und die paar Kröten, die wir haben, dem Mietmarkt und der Spekulation entziehen«, so steht es auf dem Filmcover und beschreibt kurz und bündig das, worum es in dem Dokumentarfilm»Wer wagt beginnt«geht. Er begleitet eine Münchener Baugruppe hautnah beim Planen und Bauen ihres neuen Hauses am Ackermannbogen. Ein faszinierendes Lehrstück für alle, die selber Projekte umsetzen wollen. Buch & Regie: Uli Bez.»DAS IST UNSER HAUS!«RÄUME ANEIGNEN MIT DEM MIETSHÄUSER SYNDIKAT Gemeineigentum, Selbstorganisation, Solidarität seit 1989 gibt es eine Netzwerkstruktur von inzwischen mehr als 120 Hausprojekten in Stadt und Land, um der Wohnungsfrage mit anderen Werten und Lösungen zu begegnen: das Mietshäuser Syndikat. Finanzschwache Gruppen können sich mit der Solidarität anderer ermächtigen und so bezahlbare Räume sichern. Klar, dass das Interesse an dieser wichtigen Initiative aus der Zivilgesellschaft wächst. Wer schon immer genau wissen wollte, was die vom Mietshäuser Syndikat eigentlich machen und wie das System funktioniert, sollte sich unbedingt Zeit nehmen für diesen 65-minütigen Film mit vielen Interviews aus Projekten in der Stadt und auf dem Land. Ein Film der Autoren und Produzenten Burkhard Grießenauer, Daniel Kunle und Holger Lauinger. TIPP 1 TIPP 2 In eigener Sache NEUES FÖRDERPROGRAMM Mit dem Investitionspaket»Soziale Integration im Quartier«unterstützt das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau- Reaktorsicherheit bis 2020 mit 200 Millionen Euro jährlich die Kommunen bei der Sanierung und Weiterentwicklung von sozialen Infrastrukturen. Zi
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