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Nr. 19/2016 Recenzní rada/ Rezensionsrat: Doc. Mgr. Hana Bergerová, Dr. (Univerzita J. E. Purkyně v Ústí n. L.) Doc. Mgr. Renata Cornejo, Ph.D. (Univerzita J. E. Purkyně v Ústí n. L.) Univ.-Prof. Dr. Peter
Nr. 19/2016 Recenzní rada/ Rezensionsrat: Doc. Mgr. Hana Bergerová, Dr. (Univerzita J. E. Purkyně v Ústí n. L.) Doc. Mgr. Renata Cornejo, Ph.D. (Univerzita J. E. Purkyně v Ústí n. L.) Univ.-Prof. Dr. Peter Ernst (Universität Wien) Prof. PhDr. Ingeborg Fialová, Dr. (Univerzita Palackého v Olomouci) Dr. Renate Fienhold (Universität Erfurt) Univ.-Prof. Dr. Wynfrid Kriegleder (Universität Wien) Doc. PhDr. Jiřina Malá, CSc. (Masarykova univerzita v Brně) Dr hab. Anna Mańko-Matysiak (Uniwersytet Wrocławski) Mgr. Martin Mostýn, Ph.D. (Ostravská univerzita) Doc. PhDr. Karsten Rinas, Dr. (Univerzita Palackého v Olomouci) Prof. Dr. Johannes Schwitalla (Universität Würzburg) Doc. PhDr. František Štícha, CSc. (Ústav pro jazyk český AV ČR) Doc. PhDr. Marie Vachková, Ph.D. (Univerzita Karlova v Praze) Doc. et doc. Mgr. Iveta Zlá, Ph.D. (Ostravská univerzita) Prof. PhDr. Iva Zündorf, Ph.D. (Masarykova univerzita v Brně) Vědecká redakce/ Wissenschaftliche Redaktion: Dr. Horst Ehrhardt (Universität Erfurt) Prof. Dr. Mechthild Habermann (Universität Erlangen/Nürnberg) Prof. Dr. hab. Marek Hałub (Uniwersytet Wrocławski) Prof. Dr. Wolf Peter Klein (Universität Würzburg) Prof. PhDr. Jiří Munzar, CSc. (Masarykova univerzita v Brně) Prof. PhDr. Lenka Vaňková, Dr. (Ostravská univerzita) Prof. Dr. DDDDr. h. c. Norbert Richard Wolf (Universität Würzburg) Doc. PhDr. Pavla Zajícová, Ph.D. (Ostravská univerzita) Výkonná redakce/ Verantwortliche Redakteure: Prof. PhDr. Lenka Vaňková, Dr. Prof. Dr. DDDDr. h. c. Norbert Richard Wolf Technická redakce/ Technische Redaktion: Mgr. Martin Mostýn, Ph.D. Kamila Brychtová Obálka/Umschlag: Mgr. Tomáš Rucki Časopis je zařazen do mezinárodních databází ERIH Plus a EBSCO. Die Zeitschrift ist in den internationalen Datenbanken ERIH Plus und EBSCO registriert. The journal is included on the international databases ERIH Plus and EBSCO. Ostravská univerzita, Filozofická fakulta, 2016 Reg. č. MK ČR E ISSN X ACTA FACULTATIS PHILOSOPHICAE UNIVERSITATIS OSTRAVIENSIS STUDIA GERMANISTICA Nr. 19/2016 Inhalt SPRACHWISSENSCHAFT Der Erste Weltkrieg und die deutsche Sprachwissenschaft Teuta Abrashi... 5 Deutsch-tschechische und tschechisch-deutsche Lernerwörterbücher auf dem Prüfstand. Eine Fallstudie zur Behandlung fester Wortverbindungen Hana BERGEROVÁ Uneigentlich gegen den Krieg. Ausdruck von Emotion durch Metaphern in Lion Feuchtwangers dramatischen Werken,Die Perser des Aischylos und,friede Oliver HERBST Der Krieg von der Kanzel Almut König Anglizismen und andere fremdsprachige Neologismen als Indizien für Sprach- und Schreibwandel. Empirische Analysen zum Schreibusus auf der Basis von Textkorpora professioneller und informeller Schreiber Sabine KROME und Bernhard ROLL Zunehmende Verhärtung. Textlinguistische Vergleiche derselben Szene in Ernst Jüngers,Kriegstagebuch, im Roman,In Stahlgewittern und in der Essaysammlung,Der Kampf als inneres Erlebnis Johannes Schwitalla LITERATURWISSENSCHAFT Bosnien vor und nach 1914: Literarische Meilensteine zur wechselvollen Dolmetschkultur zwischen Krieg und Frieden Silvana Simoska Zur Entwicklung der Paraphrasierungs- und Zusammenfassungskompetenz bei Studierenden. Ausgewählte Aspekte der Arbeit mit Fachtexten Eva POLÁŠKOVá BUCHBESPRECHUNGEN Urválek, Aleš (2015): Vyměřování Německa. Promluvy o podstatě němectví Iveta Tomáštíková Kováčová, Michaela (2015): Interkultúrná komunikácia. Aplikácie pre vybrané nemecké a slovenské kontexty Iveta Zlá Leonardi, Simona / Thüne, Eva-Maria / Betten, Anne (Hrsg.) (2016): Emotionsausdruck und Erzählstrategien in narrativen Interviews. Analysen zu Gesprächsaufnahmen mit jüdischen Emigranten Martin Mostýn Der Erste Weltkrieg und die deutsche Sprachwissenschaft Teuta Abrashi Abstract The First World War and German Linguistics The First World War brought devastating consequences for German linguistics. Formerly one of the most prestigious foreign languages taught at schools and universities outside Germany, after the war German disappeared from almost all curricula abroad. Furthermore, it proved impossible to establish a structuralist school (such as the Prague school) in Germany. The article suggests that this was neither due to the long tradition of the Jungian grammarians nor due to the Nazis official condemnation of structuralism as being incompatible with the ideology of the state. It is shown that such a development should instead be attributed to the so-called Krieg der Geister ( war of the intellect ), which remained present even after the military peace (1918) amid a feeling of national insecurity. The article concludes that such a nationalistic social and political environment proved to be fertile ground for Whorfianism, and the influence of the so-called Sprachinhaltsforschung prevailed towards structuralism. Keywords: History of German linguistics, First World War, German as a foreign language, structuralism, German Whorfianism 1. Einleitung Der Erste Weltkrieg ist eines der bedeutenden Ereignisse in der Geschichte der Menschheit. Als globaler Krieg, mit zahlreichen Opfern und der Zerstörung eines (relativen) Wohlstandes in Westeuropa, hat er Spuren in verschiedenen sozialen und kulturellen Bereichen hinterlassen. Wie bei anderen Nationen Europas (Franzosen, Engländern) sind bei den Deutschen diese Spuren zunächst einmal mit einer Reihe von Begriffen, die aus dieser Periode, d. h. aus der Zeit des Krieges und unmittelbar danach stammen, ebenfalls erkennbar. Außerdem werden wegen weiterer historischer Ereignisse nach dem Ersten Weltkrieg diese Spuren sowohl in einigen Gebieten der deutschen Sprachwissenschaft (DaF), als auch bei einigen Strömungen der deutschen Sprachwissenschaft (Strukturalismus), greifbar. Allein der Status der deutschen Sprache als etablierte, international akzeptierte Sprache der Wissenschaft, geht nach dem Ersten Weltkrieg verloren und Deutschland war sogar, nach Meinung einiger Sprachwissenschaftler, bis Ende der 60er Jahre, ein Land ohne Strukturalismus. In diesem Beitrag wird veranschaulicht, dass der Strukturalismus in Form von linguistischen Gedanken in der deutschen Sprachwissenschaft sogar schon früher als in anderen 5 Teuta Abrashi Ländern präsent war. Der Grund, warum sich diese Gedanken nicht in eine kohärente linguistische Richtung entwickelt hat, besonderes nach dem Verlust des Prestiges von den Junggrammatikern, scheint in einer unmittelbaren Verbindung mit der soziopolitischen Lage während und nach dem Ersten Weltkrieg zu stehen. Da es Ziel dieses Beitrags ist, dem Einfluss eines gesellschaftspolitischen Ereignisses in der Sprachwissenschaft nachzugehen, muss diese Fragestellung deshalb sowohl aus einer sprachwissenschaftlichen als auch einer politischen Perspektive behandelt werden. Die beiden Arten setzen in einem gewissen Ausmaß eine historiografische Behandlung voraus und beziehen sich aufeinander bzw. überlappen sich gegenseitig. Deswegen stelle ich im ersten Abschnitt in einem gewissen Umfang den politischen Blickwinkel dar, vor allem die Entstehung des Geists von 1914, der eine Schlüsselrolle spielte, um bis Ende der 60er Jahre des letzteren Jahrhunderts den Neuhumboldtianismus in der deutschen Sprachwissenschaft durchzusetzen. Im zweiten Abschnitt befasse ich mich mit dem Boykott der deutschen Sprache und der Isolierung der deutschen Wissenschaft nach dem Ersten Weltkrieg. Im dritten Abschnitt zeige ich, basierend auf empirischen Daten, den sprunghaften Rückgang von DaF nach dem Ersten Weltkrieg im Vergleich mit der französischen und englischen Sprache. Im vierten Abschnitt erläutere ich einige Begriffe und Bezeichnungen, die aus dieser Periode stammen, und im letzten Abschnitt behandle ich die These vom ausgebliebenen Strukturalismus in Deutschland. 2. Der Krieg Der Krieg der Geister Propaganda Ende Juli bzw. Anfang August 1914 gingen Österreich-Ungarn und Deutschland in den Krieg. Dieser kam nicht unerwartet. Schon vor 1914 war die Atmosphäre, die Erwartung des Krieges, die Bereitschaft da (Mann 2009:450). Doch als er dann eintrat, kam er plötzlich, wie ein Wirbelwind und verwandelte in Windeseile die deutsche öffentliche Meinung. Wie aber war denn die öffentliche deutsche Meinung vor dem Krieg? Die Jahre vor 1914 waren für die meisten Europäer die gute alte Friedenszeit. Mit der Industrialisierung, technologischen Entwicklung und transnationalen Kommunikationsinfrastrukturen 1 hatten viele Menschen den boomenden Optimismus auf dem alten Kontinent zu Beginn des neuen Jahrhunderts begrüßt. Sie glaubten an eine goldene Zukunft mit mehr Freiheit, Fortschritt und Wohlstand. In die Welt von Gestern (1948) behauptete Stephan Zweig, man glaubte an diesen Fortschritt mehr als an die Bibel [...] Alles Radikale, alles Gewaltsame schien bereits unmöglich in einem Zeitalter der Vernunft (Zweig 1944:18). Dieses Gefühl der Sicherheit war das gemeinsame Lebensideal für die Zentraleuropäer, und der oberste Garant dieser Beständigkeit war die österreichische Monarchie (ebd.). 2 In Deutschland herrschten vergleichbare gesellschaftliche Verhältnisse und Lebensbedingungen (Knobloch 2005). Aus der Sicht der heutigen Europäischen Union, so Clark (2013:13), [...] betrachten wir den zerfallenen Flickenteppich des habsburgischen Österreich-Ungarn tendenziell mit mehr Sympathie oder zumindest weniger Verachtung. In einer Zeit, in der die nationale Idee noch jung und voller Versprechungen war, herrschte Sympathie mit den nationalistischen Bewegungen, wie dem Nationalismus der Balkanvölker und wenig Sympathie für die Völkergemeinschaft des Habsburger Reichs (ebd.). Clarks These lässt sich mit der folgenden persönlichen Behauptung Zweigs verstärken: [...] ich persönlich muss bekennen, weder in der Schule, noch auf der Universität, noch in der Literatur jemals die geringste Hemmung oder Missachtung als Jude erfahren zu haben (Zweig 1944:34). 1 2 Der erste Telegraph zwischen Europa und Großbritannien wurde im Jahr 1851 festgelegt; zwischen Europa und den USA im Jahr 1866 (vgl. Keisinger 2014:2). Das goldene Zeitalter der Sicherheit wird auch von den anderen bestätigt, so von dem britischen Historiker A.J. P. Taylor: Until August 1914 a sensible, law-abiding Englishman could pass through life and hardly 6 Der Erste Weltkrieg und die deutsche Sprachwissenschaft Im August 1914 schlitterten alle fünf Großmächte Europas in einen globalen Krieg hinein. 3 Der Eintritt in den Krieg führte alle Staaten in eine Notsituation, die eine Rechtfertigung gegenüber der Öffentlichkeit erforderlich machte. Einerseits waren diese Erklärungen an das eigene Volk gerichtet, andererseits für die globale öffentliche Meinung, für die neutralen Staaten, insbesondere die Vereinigten Staaten bestimmt (Unberg-Stenberg 2014:1 2). Unterstützt von einer skrupellosen Propaganda: Alle hielten sich für die Angegriffenen, Könige, Diplomaten, Völker [...] jeder beschuldigte den anderen und alle fühlten sich als Opfer (Mann 2009:456). Jede Seite behauptete: einen bellum iustum (gerechten Krieg) mit causa iusta (gerechtem Grund) zu führen. 4 Von der (Wieder-) Entdeckung des Vaterlandes, ein (vom Erzfeind) hochbedrohtes, für das man sogar das Leben einsetzen musste und es endlich wieder eine Nation gab, anstatt der Parteien und Klassen, 5 wurde die Stimmung dieser Augusttage (Augusterlebnis) 6 bestimmt. Dementsprechend herrschte in Europa Jubel, Kriegswut und Kriegsfreude. Nicht überall im gleichen Maße: in Frankreich wohl etwas weniger als in Deutschland, dort etwas stärker als in England (ebd.). Die Volksmassen wälzten sich selbst lustig in den Straßen von London. Fast überall war, wie eine deutsche Diplomatengattin bemerkte, das gleiche Bild: Es geht in den Krieg wie die Ente ins Wasser (Steinbach 2014:10). Die allgemeine öffentliche Meinung war: Der Krieg würde kurz sein und schön; ein erregendes, befreiendes Abenteuer. Und Gott würde auf allen Seiten sein; und alle würden siegen (Mann 2009:459). In der Tat waren die Völker Europas von einer massiven Propaganda aufgehetzt. Sehr bald nach der Kriegserklärung (3. bzw. 7. August) wurden die sogenannten Pressebüros in Frankreich bzw. in London gegründet, um Zensur und Propaganda zentral zu steuern. In Deutschland wurde im Oktober die Zentralstelle für Auslandsdienst gegründet, um feindliche und neutrale Länder zu beeinflussen (Bruendel 2014:3). Zu Beginn des Krieges waren britische Propagandisten die Ersten, die außer der Presse auch die Bedeutung der Literatur als Mittel zur Verbreitung von Informationen erkannten. Deshalb lud der Leiter des War Propaganda Bureau (WPB) fünfundzwanzig prominente Schriftsteller ein, um mit ihren Schriften die britischen Kriegsanstrengungen zu unterstützen (Budgen 2014:2). Sehr bald folgten französische und deutsche Kollegen mit derselben Absicht. Schon lange vor dem Augusterlebnis galt die parteipolitische Arbeit und das parteipolitische Engagement als anrüchig und eines objektiven Wissenschaftlers unwürdig (Schwabe 1961:601) notice the existence of the state ( Bis August 1914 konnte ein vernünftiger, gesetzestreuer Engländer durch das ganze Leben kommen und kaum die Existenz des Staates bemerken ). Um das goldene Zeitalter der Sicherheit zu bestätigen, nimmt Fromkin (2005:38) weiter das Beispiel des französischen Geographen Andre Siegfried. Der Geograph reiste durch die ganze Welt ohne ein anderes Identifizierungsdokument als seine Visitenkarte, es war nicht einmal eine geschäftliche, sondern nur eine persönliche Visitenkarte. Mit anderen Worten, war damals schon eine Art globale Schengener Zone vorhanden. Fromkin (ebd.) führt weiter fort, dass der freie Kapitalverkehr und die freie Bewegung noch stärker waren als heute. Eine herausragende aktuelle Studie der Welt im Jahre 2000 zeigt uns, dass es vor 1914 mehr Globalisierung gab als heute. Es ist zu bemerken, dass Fromkin über die Studie keine Referenz, weder Namen noch Autor angibt. Diese Behauptung, die die kollektive europäische Politik und nicht die Politik der einzelnen Großmächte bei Kriegsausbruch in die Verantwortung nimmt, ist in Einklang mit der klassischen Formel des damaligen englischen Premiers David Lloyd George. Diese These wurde später von Golo Mann (1959:447) befürwortet und neulich ebenso von Christopher Clark (vgl. Steinbach 2014:7). Das Recht zum Krieg fordert zwingend einen gerechten Grund (lat. causa iusta), auf den sich objektiv nur eine der beiden kriegführenden Parteien berufen kann (vgl. Dower 2009). Irritiert durch die russische Generalmobilmachung beschlossen auch die Sozialdemokraten im Deutschen Reichstag mit Ja zu stimmen, Kredite zu bewilligen, denen das Reich zur Führung des Krieges bedürfen würde (Mann 2009:458). Obwohl ungern, selbst der damalige Kommunist Karl Liebknecht stimmte dafür (ebd.:459 f.). Für die deutschen Arbeiter wurde der russische Zarismus als europäisches Übel angesehen (vgl. Bruendel 2014:5). Der Begriff Augusterlebnis, oft auch unter der Formulierung Geist von 1914 bekannt, bezeichnet die Stimmung weiter Kreise der Bevölkerung des Deutschen Reiches im August 1914, dem Beginn des Ersten Weltkriegs (s. Verhey 2004). 7 Teuta Abrashi Aber in diesen schweren Vaterlandszeiten waren die politisch bewusste Hochschullehrerschaft und im Allgemeinen auch die prominenten Intellektuellen wieder bereit die Stelle politischer Mentoren ihres Volkes einzunehmen. 7 Viele von ihnen hielten öffentlich politische Reden, 8 denn das Bürgertum blickte zu ihnen auf als die gegebenen Führer in einem Kampf, in dem es neben der materiellen auch um die geistige Existenz Deutschlands zu gehen schien. (ebd.:604). Demzufolge entstand parallel zu dem Militärkrieg der sogenannte Krieg der Geister Unberg-Stenberg (2014:3). 9 So hatte die französische Zeitschrift Excelsior bereits am 6. August 1914 den deutschen Kaiser einen Führer der Barbaren genannt, nachdem Deutschland ins neutrale Belgien einmarschiert war und damit das Völkerecht (Grossbongardt 2014:50) gebrochen hatte. Zwei Tage später nannte der berühmte französische Philosoph Henri Bergson, in einer Sitzung der Académie des Sciences Morales et Politiques im Namen der Wissenschaft, den Krieg gegen Deutschland den Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei (Bruendel 2014:4 f.). Die Presse war voll mit jeder Art von Gräuelberichten über das deutsche Vorgehen in Belgien und Frankreich, insbesondere nach dem Brand der Universitätsbibliothek in Löwen und nach der Beschießung der Kathedrale von Reims. Der französische Schriftsteller Romain Rolland fragte in einem offenen Brief vom 2. September 1914 den Dramaturgen Gerhart Hauptmann: Seid ihr die Enkel Goethes oder die Enkels Attilas? (Münkler 2014:318). 10 Der englische Literaturnobelpreisträger Rudyard Kipling (,Das Dschungelbuchʻ) und literarische Anwalt des britischen Imperiums, formulierte in einem poetischen Kampfaufruf in der,timesʻ: The Hun is at the gate!, der Hunne pocht ans Tor. Zwei Jahre später verglich derselbe Schriftsteller die Deutschen mit einem Tod bringenden Bakterium: Wann immer der Deutsche eine geeignete Kultur bekommt, worin er gedeiht, dann bedeutet er Tod und Verlust für zivilisierte Menschen, genauso wie Bakterien irgendeiner Krankheit. Für uns ist der Deutsche wie Typhus oder Pest Pestis Teutonicus, wenn Sie so wollen. (Hochschild 2013:295) Für die Deutschen waren die damaligen Ereignisse in Löwen und Reims die Folge einer Provokation, da belgische Freischärler (Franktireurs) angegriffen hätten (Salden 2014:86). Infolgedessen taten die Intellektuellen die Kritik aus dem Ausland rundherum als lügnerische Märchen ab. Auf diese Weise trat der Krieg der Geister sehr bald in eine neue Etappe ein. Ein größerer Teil von Gelehrten wurde auf verschiedenen Unterschriftenaktionen erfasst: durch gemeinschaftliche Erklärungen von Wissenschaftlern und Künstlern bzw. die Manifeste von Intellektuellen, wie es sie seit der Dreyfus-Affäre in Frankreich gab (Chatzoudis 2014). 11 Unter den ersten waren die Historiker der Universität Bonn mit einer Erklärung am 1. September. Gleich danach veröffentlichen 52 britische Schriftsteller in der,timesʻ die Erklärung,Ein gerechter Kriegʻ: Die Verletzung der belgischen Neutralität lasse England keine Wahl als die der Kriegserklärung. Kurz darauf, wandten sich 93 sorgfältig ausgewählte deutsche Intellektuelle gegen die massive internationale Kritik an Deutschland. Ihr Manifest oder Aufruf An die Kulturwelt! wurde am 4. Oktober 1914 veröffentlicht und in 14 Sprachen übersetzt. Der Spiritus rector dieser trotzigen Überreaktion (wie sie später In Deutschland war sie in Folge des Fehlschlages der Achtundvierzigerevolution verdrängt worden. Schwabe (ebd.:603 f.). Vgl.:,Die deutschen Reden in schwerer Zeitʻ (URL 1). Wir werden sehen, dass Der Krieg der Geister von 1914 bis 1918 eine verheerende und kontinuierliche Auswirkung auch auf die späteren Ereignisse nach dem Ersten Weltkrieg hatte (ebd.:9 f.). Siehe auch Smith (2013:74). Chatzoudis, Georgios (2014): Der Aufruf An die Kulturwelt Eine trotzige Überreaktion. Interview mit Jürgen von Ungern-Sternberg über das Manifest der 93. In: L.I.S.A: Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung, (zugänglich unter URL 2). 8 Der Erste Weltkrieg und die deutsche Sprachwissenschaft eingeschätzt wurde) war ein Zusammenwirken des Leiters des Nachrichtenbureaus der Reichsmarine und Vertretern des Goethebundes, Ludwig Fulda, 12 Georg Reicke und Hermann Sudermann, und einiger Berliner Professoren (Chatzoudis 2014). Die Unterzeichner waren führende Vertreter der Kunst und Wissenschaft, darunter auch die Nobelpreisträger Max Planck, Wilhelm Roentgen u. a., die die deutsche Kultur nachdrücklich repräsentierten und schon dadurch die Diffamierung aller Deutschen als Barbaren ad absurdum führten (ebd). Als Unterzeichner zu erwähnen sind auch die Sprachwissenschaftler Wilhelm Wundt und Karl Vossler. Beide verhielten sich kritisch gegenüber der junggrammatischen Tradition bzw. den Lautschiebern, gleichwohl auf Grund sehr unterschiedlicher sprachwissenschaftlicher Vorstellungen. Im Gegensatz zu Vossler glaubte Wundt nicht an die Sprache
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