Paulus von Christus ergriffen. I. Versuch einer Annäherung an Paulus

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Paulus von Christus ergriffen (Gedanken über Paulus aus den Schriften von Eugen Biser) Paulus war ein Zeitgenosse Jesu. Trotzdem scheint es bewiesen zu sein, dass Paulus nie die Gelegenheit gehabt hat,
Paulus von Christus ergriffen (Gedanken über Paulus aus den Schriften von Eugen Biser) Paulus war ein Zeitgenosse Jesu. Trotzdem scheint es bewiesen zu sein, dass Paulus nie die Gelegenheit gehabt hat, Jesus während seines öffentlichen Wirkens zu begegnen. Dennoch ist Paulus ein Mensch, der ganz und gar von Christus ergriffen ist. Wie ist das zu verstehen? Wie kommt es dazu? I. Versuch einer Annäherung an Paulus 1. Was Paulus über den irdischen Jesus in Erfahrung gebracht hat Vorbemerkung: Paulus schrieb zwischen ca. 50 und 56 n. Chr., also vor allen anderen Autoren des Neuen Testaments. Was er über das Erdenleben Jesu wußte, muss er wohl durch die Apostel und die entstehende Kirche kennengelernt haben. In seinen Briefen können wir drei Formen der Bezugnahme auf den irdischen Jesus finden: An erster Stelle stehen die ausdrücklichen und direkten Bezugnahmen: - Paulus weiß um die Existenz der Brüder oder Verwandten Jesu (1 Kor 9,5; Gal 1,19) - Er kennt den Verlauf des Letzten Abendmahles (1 Kor 11,23) - Paulus kennt nicht nur der Verlauf des Abendmahles, sondern auch die von Jesus beim letzten Abendmahl gesprochenen Worte ( vgl. 1 Kor 11,24-25 mit Lk 22,19-20) - Er kennt die Worte Jesu, z. B. über die Unauflöslichkeit der Ehe (vgl.1 Kor 7,10 mit Mk 10,11-12) - Er kennt die Worte über die Notwendigkeit, dass wer das Evangelium verkündet, von der Gemeinde erhalten werden muss, - dass der Arbeiter ein Recht hat auf seinen Lohn (vgl. 1 Kor 9,14 mit Lk 10,7) An zweiter Stelle können wir in seinen Briefen verschiedene Anspielungen auf die Überlieferung erkennen, die auch in den synoptischen Evangelien bezeugt sind: - Wenn wir z. B. im 1 Kor 1,27f lesen: Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt.., dann hört man den getreuen Widerhall der Lehre Jesu über die Unmündigen und die Armen. - Paulus kennt auch das Leiden Jesu, sein Kreuz, die Art, wie er die letzten Augenblicke seines Lebens verbracht hat. Das Kreuz Jesu und die Überlieferung über dieses Ereignis des Kreuzes stehen im Mittelpunkt der paulinischen Verkündigung. 1 Schließlich kann man eine dritte Art der Gegenwart der Worte Jesu in den Briefen des Apostels Paulus feststellen: Dies ist dann gegeben, wenn er eine Art Übertragung der vorösterlichen Überlieferung auf die Situation nach Ostern vornimmt: - Ein typischer Fall ist das Thema des Reiches Gottes. Es steht sicher im Mittelpunkt der Verkündigung des historischen Jesus (vgl. Mt 3,2; Mk 1,15; Lk 4,43). Bei Paulus kann man eine Übertragung dieses Themas erkennen, weil es nach der Auferstehung offensichtlich ist, dass Jesus in Person, der Auferstandene, das Reich Gottes ist. Das Reich Gottes ist deshalb dort, wo Jesus ist. Und so verwandelt sich das Thema vom Reich Gottes in Christologie - Ein zweites Beispiel findet sich in den Titeln, die auf Jesus bezogen sind: Vor Ostern weist sich Jesus selbst als Menschensohn aus; nach Ostern wird offenkundig, dass der Menschensohn auch Gottes Sohn ist. Daher ist der Titel, den Paulus für die Bezeichnung Jesu bevorzugt, Kyrios, Herr (vgl. Phil 2,9-11), der auf die Göttlichkeit Jesu hinweist. Auf dem Ölberg hatten die Jünger gehört, wie Jesus mit seinem Vater sprach und ihn Abba nannte. Bei Paulus wird dieses Wort überraschenderweise aus dem Munde der Getauften auftauchen (Gal 4,6; Röm 8,15), da diese den Geist des Sohnes empfangen haben und jetzt mit Jesus auch zu ihrem Vater sprechen und Abba sage können. - Als Letztes sei noch auf die heilbringende Dimension des Todes Jesu hingewiesen, die wir in den Evangelien in den Worten finden: Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele (Mk 10,45; Mt 20,28). Paulus spricht vom Tod Jesus als Lösegeld (1 Kor 6,20), als Erlösung (Röm 3,24), als Befreiung (Gal 5,1) und als Versöhnung (Röm 5,10; 2 Kor 5, 18-20). (Eugen Biser, Der unbekannte Paulus, S. 53; Papst Benedikt: Generalaudienz vom 8. Oktober 2008) Paulus hat also auch Details über das Erdenleben Jesu in Erfahrung gebracht. Auf dieses Thema bezieht sich Paulus selbst im 2. Korintherbrief, wenn er schreibt: Auch wenn wir früher Christus nach menschlichen Maßstäben eingeschätzt haben, jetzt schätzen wir ihn nicht mehr so ein (2 Kor 5,16) Das bedeutet: Jesus wird jetzt nicht mehr als eine Person der Vergangenheit gesehen, sondern als unseren Herrn und Bruder, der heute mit uns ist und uns zeigt, wie wir leben und sterben sollen. (Papst Benedikt XVI.). 2 2. Wo und was über Paulus berichtet wird Über Paulus berichtet an mehreren Stellen der Verfasser des Lukas-Evangeliums in der Apostelgeschichte: Apg 7,54-8,3 Steinigung des Stephanus; Verfolgung der Urgemeinde durch Saulus und Zerstreuung: Als sie das hörten, waren sie aufs äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen. Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß. So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er. Saulus aber war mit dem Mord einverstanden. An jenem Tag brach eine schwere Verfolgung über die Kirche in Jerusalem herein. Alle wurden in die Gegenden von Judäa und Samarien zerstreut, mit Ausnahme der Apostel. Fromme Männer bestatteten Stephanus und hielten eine große Totenklage für ihn. Saulus aber versuchte die Kirche zu vernichten; er drang in die Häuser ein, schleppte Männer und Frauen fort und lieferte sie ins Gefängnis ein. Apg 9,1-22 Die Bekehrung des Paulus und seine erste Begegnung mit Jesus Christus: Saulus wütete immer noch mit Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn. Er ging zum Hohenpriester und erbat sich von ihm Briefe an die Synagogen in Damaskus, um die Anhänger des (neuen) Weges, Männer und Frauen, die er dort finde, zu fesseln und nach Jerusalem zu bringen. Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, daß ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Er antwortete: Wer bist du, Herr? Dieser sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst. Seine Begleiter standen sprachlos da; sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemand. Saulus erhob sich vom Boden. Als er aber die Augen öffnete, sah er nichts. Sie nahmen ihn bei der Hand und führten ihn nach Damaskus hinein. Und er war drei Tage blind, und er aß nicht und trank nicht. In Damaskus lebte ein Jünger namens Hananias. Zu ihm sagte der Herr in einer Vision: Hananias! Er antwortete: Hier bin ich, Herr. Der Herr sagte zu ihm: Steh auf und geh zur sogenannten Geraden Straße, und frag im Haus des Judas nach einem Mann namens Saulus aus Tarsus. Er betet gerade und hat in einer Vision gesehen, wie ein Mann namens Hananias hereinkommt und ihm die Hände auflegt, damit er wieder sieht. Hananias antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört, wieviel Böses dieser Mann deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat. Auch hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle zu verhaften, die deinen Namen anrufen. Der Herr aber sprach zu ihm: Geh nur! Denn dieser Mann ist mein auserwähltes Werkzeug: Er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen. Ich werde ihm auch zeigen, wie viel er für meinen Namen leiden muß. Da ging Hananias hin und trat in das Haus ein; er legte Saulus die Hände auf und sagte: Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Weg hierher erschienen ist; du sollst wieder sehen und mit dem 3 Heiligen Geist erfüllt werden. Sofort fiel es wie Schuppen von seinen Augen, und er sah wieder; er stand auf und ließ sich taufen. Und nachdem er etwas gegessen hatte, kam er wieder zu Kräften. Einige Tage blieb er bei den Jüngern in Damaskus; und sogleich verkündete er Jesus in den Synagogen und sagte: Er ist der Sohn Gottes. Alle, die es hörten, gerieten in Aufregung und sagten: Ist das nicht der Mann, der in Jerusalem alle vernichten wollte, die diesen Namen anrufen? Und ist er nicht auch hierher gekommen, um sie zu fesseln und vor die Hohenpriester zu führen? Saulus aber trat um so kraftvoller auf und brachte die Juden in Damaskus in Verwirrung, weil er ihnen bewies, daß Jesus der Messias ist. Apg 22,1-21 Die Rede des Paulus im Tempelvorhof von Athen - Lukas legt ihm die Rede in den Mund: Brüder und Väter! Hört, was ich euch zu meiner Verteidigung zu sagen habe. Als sie hörten, daß er in hebräischer Sprache zu ihnen redete, waren sie noch ruhiger. Und er sagte: Ich bin ein Jude, geboren in Tarsus in Zilizien, hier in dieser Stadt erzogen, zu Füßen Gamaliëls genau nach dem Gesetz der Väter ausgebildet, ein Eiferer für Gott, wie ihr alle es heute seid. Ich habe den (neuen) Weg bis auf den Tod verfolgt, habe Männer und Frauen gefesselt und in die Gefängnisse eingeliefert. Das bezeugen mir der Hohepriester und der ganze Rat der Ältesten. Von ihnen erhielt ich auch Briefe an die Brüder und zog nach Damaskus, um dort ebenfalls die Anhänger (der neuen Lehre) zu fesseln und zur Bestrafung nach Jerusalem zu bringen. Als ich nun unterwegs war und mich Damaskus näherte, da geschah es, daß mich um die Mittagszeit plötzlich vom Himmel her ein helles Licht umstrahlte. Ich stürzte zu Boden und hörte eine Stimme zu mir sagen: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Ich antwortete: Wer bist du, Herr? Er sagte zu mir: Ich bin Jesus, der Nazoräer, den du verfolgst. Meine Begleiter sahen zwar das Licht, die Stimme dessen aber, der zu mir sprach, hörten sie nicht. Ich sagte: Herr, was soll ich tun? Der Herr antwortete: Steh auf, und geh nach Damaskus, dort wird dir alles gesagt werden, was du nach Gottes Willen tun sollst. Da ich aber vom Glanz jenes Lichtes geblendet war, so daß ich nicht mehr sehen konnte, wurde ich von meinen Begleitern an der Hand geführt und gelangte so nach Damaskus. Ein gewisser Hananias, ein frommer und gesetzestreuer Mann, der bei allen Juden dort in gutem Ruf stand, kam zu mir, trat vor mich und sagte: Bruder Saul, du sollst wieder sehen! Und im gleichen Augenblick konnte ich ihn sehen. Er sagte: Der Gott unserer Väter hat dich dazu erwählt, seinen Willen zu erkennen, den Gerechten zu sehen und die Stimme seines Mundes zu hören; denn du sollst vor allen Menschen sein Zeuge werden für das, was du gesehen und gehört hast. Was zögerst du noch? Steh auf, laß dich taufen und deine Sünden abwaschen, und rufe seinen Namen an! Als ich später nach Jerusalem zurückgekehrt war und im Tempel betete, da geriet ich in eine Verzückung. Und ich sah ihn, wie er zu mir sagte: Beeil dich, verlasse sofort Jerusalem; denn sie werden dein Zeugnis über mich nicht annehmen. Da sagte ich: Herr, sie wissen doch, daß ich es war, der deine Gläubigen ins Gefängnis werfen und in den Synagogen auspeitschen ließ. Auch als das Blut deines Zeugen Stephanus vergossen wurde, stand ich dabei; ich stimmte zu und paßte auf die Kleider derer auf, die ihn umbrachten. Aber er sagte zu mir: Brich auf, denn ich will dich in die Ferne zu den Heiden senden. Bis zu diesem Wort hörten sie ihm zu, dann fingen sie an zu schreien: Weg mit so einem Menschen! Er darf nicht am Leben bleiben. In der Apg, Kap steht Paulus im Mittelpunkt der Berichte. 4 Nebenbei: Aus Saulus wird Paulus Wie oft hat man, ganz besonders auch im Paulusjahr, in Vorträgen, Predigten, oder auch in Hirtenbriefen, diese Formel Aus Saulus wird Paulus gelesen und gehört! Immer wieder wird die Änderung seines Namens mit seiner Bekehrung in Verbindung gebracht. Sogar in einem Hymnus zum Fest der Bekehrung des Apostels Paulus heißt es: Staunend sehen wir / deines Lebens Wandlung: Saulus hießest du / und ein Feind der Christen, Paulus bist du jetzt, / und als Christi Zeuge wird dir die Krone. Eugen Biser dazu: Während der Apostel sich selbst immer nur mit dem Namen Paulus einführt, wird er in den Bekehrungsszenen der Apg mit Saul angerufen, sonst aber hier nur bis zum 13. Kapitel Saulus genannt. Von da an heißt er dann nur noch, wie in seinen Briefen, Paulus (Paulus für Christen, 17, Fußnote 1). Sonst aber gilt, dass nicht erst durch seine Bekehrung aus dem jüdischen Namen Saul der griechische Name Paulos, (lat.: Paulus) wurde. Der Doppelname geht vielmehr auf die Herkunft des Paulus zurück. Als Kind jüdischer Eltern wurde er in der hellenistischen Handelsstadt Tarsus (in Kleinasien) geboren. In diesem griechisch-sprechenden Umfeld werden hebräische Namen natürlich gräzisiert, also in die griechische Fassung gebracht. In der (oberflächlichen) Auslegung der Apg hat man die zwei verschiedenen Namen mit dem Bekehrungserlebnis vor Damaskus in Verbindung gebracht, dabei aber übersehen, dass Lukas selbst ausdrücklich an der zweifachen Namenfassung festhält: Saulus, der auch Paulus heißt (Apg 13,9). Behauptungen über Paulus in der Apostelgeschichte - In Apg 7,54-8,3, wird auch berichtet, wie Saulus bei der Steinigung des Stephanus dabei war: Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß. So steinigten sie Stephnaus. - In Apg 22 finden wir die Rede des Paulus im Tempelvorhof : Da legt Lukas dem Apostel Paulus auch die Behauptung in den Mund, er sei zu Füßen des Gamaliels genau nach dem Gesetz der Väter ausgebildet worden. - Auch da behauptet Paulus selbst (wird ihm in den Mund gelegt), an der Steinigung des Stephanus beteiligt gewesen zu sein 5 - In Apg 9, Lebenswende: Saulus wütete immer noch mit Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn... Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, dass ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Er antwortete: Wer bist du, Herr? Dieser sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt. Dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst Zu Hananias sagte der Herr: Geh nur, denn dieser Mann ist mein auserwähltes Werkzeug: Er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen. Ich werde ihm auch zeigen, wie viel er für meinen Namen leiden muss. Da ging Hananias und sagte zu Saulus: Der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Weg hierher erschienen ist; du sollst wieder sehen und mit dem Hl. Geist erfüllt werden Sofort fiel es wie Schuppen von seinen Augen, und er sah wieder; er stand auf und ließ sich taufen. Und nachdem er etwas gegessen hatte, kam er wieder zu Kräften Sogleich verkündete er Jesus in den Synagogen und sagte: Er ist der Sohn Gottes Er bewies ihnen, dass Jesus der Messias ist 3. Vergleich zwischen der Apostelgeschichte und den Paulus-Briefen Namhafte Paulus-Forscher sind sich heute einig darüber, dass manches in der Darstellung des Apostels Paulus in der Apostelgeschichte der historischen Nachprüfung nicht standhält: Eugen Biser: Paulus hatte das Glück, dass der Verfasser des Lk-Evangeliums im Zug seines heilsgeschichtlichen Denkens in seinem zweiten Werk, der Apg, auch seine Person und missionarische Tätigkeit würdigte; aber er hatte auch das Unglück, von diesem nur unzulänglich verstanden und deshalb nur paradigmatisch behandelt und dargestellt worden zu sein. Denn der Verfasser der Apg sieht in ihm zwar den großen, vom Gottesgeist geführten und inspirierten Missionar, dagegen nicht den gleichrangigen Apostel, um dessen Anerkennung Paulus in seinen Briefen kämpft, so dass diese ständig als Korrektiv an das Paulusbild der Apg herangetragen werden müssen (Der unbekannte Paulus, S.18). Beispiele: - Entgegen einer Schlussfolgerung der Apg 22,3 stand Paulus nicht in einem Schülerverhältnis zu dem toleranten Gamaliel, sondern unter dem Einfluss christenfeindlicher Kreise, unter dem er zum Christenverfolger wurde (Ebd.19): Ihr habt doch von meinem früheren Leben im Judentum gehört, wie ich in meinem maßlosen Eifer für die Satzungen der Väter die Gemeinde Gottes verfolgt und zu vernichten suchte (Gal 1,12f). 6 - Dass er sich dabei sogar an der Steinigung des Stephanus beteiligte, ist eine unwahrscheinliche Behauptung der Apg, die damit Paulus nur in ihre Darstellung einzubringen sucht (Apg 7,58), - von Paulus selbst jedoch widerlegt wird, da er eine Beteiligung am ersten Martyrium keinesfalls verschwiegen hätte (Ebd. 19). - Die Darstellung der Apg mit ihrer dramatischen Bildhaftigkeit steht der Rezeption des paulinischen Originaltons im Weg. Denn Paulus weiß z. B. nichts von einem ihn überstrahlenden und zu Boden werfenden Licht, sondern lediglich von einer inneren Lichtung, und er vernimmt keine Stimme, die ihm mit der Frage Saul, Saul, warum verfolgst du mich (Apg 9,4) das Unrecht seiner Verfolgungstätigkeit zu Bewusstsein bringt; vielmehr ist es in seinem Zeugnis Gott, der ihm das Geheimnis seines Sohnes ins Herz spricht (Gal 1,16). (Ebd. 43f) -..das von der Apostelgeschichte entworfene Gesamtbild erweckt eine Reihe von Bedenken. Nicht nur, dass sich einzelne Angaben der Apg kaum mit den authentischen Äußerungen des Apostels vereinbaren lassen; vielmehr ergeben sich noch weit tiefgreifendere Divergenzen So zog das lukanische Paulusbild eine seltsame Perpektivenverengung nach sich, die immer nur Teile dessen in den Blick bringt, was zum Selbstverständnis des Apostels gehört (Biser, Paulus für Christen, 77.79). Diese These wird auch von anderen Paulus-Kennern bekräftigt: - Joachim Gnilka: In der Apg schreibt Lukas Geschichte gemäß den Regeln seiner Zeit, und er schreibt als Theologe. Sein Paulusbild fügt sich ein in das von ihm entfaltete theologische Konzept. Damit entfernt er sich auch vom historischen Paulus (Paulus von Tarsus, 314). - Ernst Dassmann: Die Apg lässt den eigentlichen Anspruch des Apostels unerwähnt: Was Paulus mit allem Nachdruck fordert, nämlich Apostel zu sein wie die zwölf in Jerusalem, weil auch er den Herrn Jesus gesehen und von keiner menschlichen Instanz, sondern von ihm allein den Auftrag bekommen habe, den Heiden das Evangelium zu verkünden (Gal 1,1; 2,7f), das übergeht Lukas. Für ihn sind die Apostel nur die Zwölf, und Paulus erfüllt nicht die Voraussetzungen, die er für die Berufung zum Apostel fordert: beim Herrn gewesen zu sein, angefangen von der Taufe des Johannes bis zur Himmelfahrt (1,21f). Als Abgesandter Antiochiens wird Paulus zusammen mit Barnabas zwar einmal Apostel genannt (14,4.14), aber das besagt nichts, denn hier ist ein anderer (älterer) Apostelbegriff im Spiel (Zitiert bei Biser, Paulus für Christen, 78). 7 4. Wer also war Paulus? Die Frage wer war Paulus? ist zumindest halbwegs falsch gestellt; denn sehr oft redet Paulus in einem Ton, der ihn nicht als eine abgeschiedene Gestalt der Geschichte, sondern als einen höchst gegenwärtigen Gesprächspartner erscheinen lässt (Der unbek. Paulus, 37) So z. B. wenn er die Korinther fragt: Was wollt ihr? Soll ich mit dem Stock zu euch kommen oder in Liebe und im Geist der Milde? (1 Kor 4,21). da fühlt man sich, trotz der abschwächenden Alternative, nur allzu deutlich mit dem Stock bedroht. Und wenn er klagt: Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich von diesem todverfallenen Leib befreien? (Röm 7,24). so ist diese Klage jedem Leser als seine ureigene aus dem Herzen gesprochen. Von der Beseitigung seines gespannten Verhältnisses zum Gesetz spricht sein emphatischer Ausruf: Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; jetzt ist er da, der Tag des Heiles! (2 Kor 6,2). der sich in den Schlüsselsatz des Römerbriefes fortsetzt, der das Zeitalter der Furcht durch den Anbruch der Gotteskindschaft überwunden sieht: Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht,
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