Resilienz bei Kindern psychisch erkrankter bzw. suchtkranker Eltern

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Resilienz bei Kindern psychisch erkrankter bzw. suchtkranker Eltern 1 D R. P H I L. M A R I A G A V R A N I D O U D I P L. - P S Y C H., P P Z E N T R U M F Ü R P S Y C H I S C H E G E S U N D H E I T
Resilienz bei Kindern psychisch erkrankter bzw. suchtkranker Eltern 1 D R. P H I L. M A R I A G A V R A N I D O U D I P L. - P S Y C H., P P Z E N T R U M F Ü R P S Y C H I S C H E G E S U N D H E I T M Ü N C H E N Risiken für Kinder psychisch erkrankter Eltern Das Risiko später selbst eine psychische Erkrankung zu entwickeln ist erhöht. Das Erkrankungsrisiko von Kindern (z.b. nach Bäuml, 1994) Schizophrenie: 12% Wenn ein Elternteil erkrankt ist 40% Wenn beide Elternteile erkrankt sind 45% wenn ein eineiiger Zwilling erkrankt ist 13% wenn ein zweieiiger Zwilling erkrankt ist 8% wenn keine Zwillingsverwandtschaft vorliegt 4% wenn ein Verwandter zweiten Grades erkrankt ist 2 Risiken für Kinder psychisch erkrankter Eltern Das Risiko später selbst eine psychische Erkrankung zu entwickeln ist erhöht. Das Erkrankungsrisiko von Kindern (z.b. nach Bäuml, 1994) Bipolare Störung: 20% wenn ein Elternteil erkrankt ist 50-75% wenn beide Elternteile erkrankt sind 60-80% wenn ein eineiiger Zwilling erkrankt ist 15-20% wenn ein zweieiiger Zwilling erkrankt ist 4% wenn ein Verwandter zweiten Grades erkrankt ist 3 Risiko für Kinder suchtbelasteter Eltern Empirische Untersuchungen zeigen, dass Kinder suchtbelasteter Eltern ein erhöhtes Risiko aufweisen Körperliche und Psychische Störungen zu entwickeln Höheres Risiko für Frühgeburten Opiatkonsum in der Schwangerschaft Neonatales Entzugsyndrom (NAS) Alkohohlkonsum in der Schwangerschaft Fetales Alkohol- Spektrum-Störungen (FASD, FAS Fälle im Jahr) Als Kinder und Jugendliche entwickeln sie häufiger Verhaltensauffälligkeiten: Mädchen eher internalisierende, Jungen eher externalisierende Störungen 4 Gesundheit Zentrum für psychische Risiken für Kinder psychisch und Sucht erkrankter Eltern Das Risiko später selbst an einer psychischen Erkrankung zu entwickeln ist erhöht Genetische Faktoren Aber Adoptivstudien zeigen, dass dieses Risiko sinkt, wenn die Adoptivfamilie funktioniert (Tienari & Wynne, 2004) Umweltfaktoren Bedingen sich gegenseitig (moderierende Funktion)! 5 Modell zur Entstehung psychischer Störungen Nach Heinrichs und Lohaus (2011, S. 29) 6 Ausmaß des Risikos Gesundheit Zentrum für psychische Faktoren, die das Risiko erhöhen Schwere, Dauer und Anzahl der Krankheitsepisoden Einschränkungen der Erziehungsfähigkeit Defizite in Emotionsregulation, Bindungs- und Kommunikationskompetenzen Partnerschaftliche Probleme und eheliche Disharmonie Parentifizierung und Rollenumkehr Tabuisierung der Erkrankung Familienatmosphäre negativ Soziale Isolation und Fehlen von alternativen Bezugspersonen Ökonomische, soziale Belastungen, Bildungsferne, Diskriminierungserfahrungen, Randständigkeit 7 Kumulation von Risikofaktoren Wechselseitiges Bedingen der Risikofaktoren, die somit das Risiko für das Kind erhöhen! Längere, schwere Erkrankung, Verlust des Arbeitsplatzes, Umzug in billigere Wohnung, Rückzug von Freunden, Probleme mit Partner, Vernachlässigung des Kindes oder gar Misshandlung 8 Gesunde Entwicklung trotz psychische Erkrankung der Eltern Ergebnisse aus der Risikoforschung zeigen jedoch auch, dass Kinder sich unauffällig entwickeln trotz psychisch erkrankter Eltern! Schizophrenie Bipolare Störungen Rezidivierende Depressionen mit schweren Episoden Suchterkrankungen Widerstandsfähigkeit Resilienz 9 Resilienz 10 Die Psychologin Emmy Werner* hat diesen Begriff populär gemacht 1929 geboren, lebte bis zu ihrem 20en LJ. in Deutschland Emigrierte in die USA Schwerpunkt Entwicklungspsychologie Längsschnittstudie:Kauai *Werner, E.E. and Smith, R.S. Overcoming the odds: High risk children from birth to adulthood. Ithaca and London: Cornell University Press (paperback 1994) Werner, E.E. Vulnerable, but invincible. New York: Adams, Bannister, and Cox, 1989, meriti/hde_werner_emmy.html Resilienz Etymologie resilire (lat.) = zurückspringen, abprallen Resilience (engl.) = Spannkraft, Elastizität In Deutsch: Widerstandsfähigkeit oder Resilienz Stammt aus der Physik, Werkstoffkunde: Fähigkeit eines Werkstoffes, sich verformen zu lassen und trotzdem in die ursprüngliche Form zurück zu kehren. 11 698 Kinder, Jahrgang 1955, geboren auf Kauai U-Zeitpunkte: 1, 2, 10, 18,32, 40 Jahren Viele Merkmale erfasst: familiäre, Temperament, Krankheiten 30% der Kinder konnten anhand SE und anderer Faktoren (z.b. Suchtprobleme der Eltern) als Risikokinder eingestuft werden 2/3 der Risikokinder entwickelten Verhaltensauffälligkeiten, Lernprobleme, Dissozialiät 1/3 der Risikokinder entwickelte sich jedoch gut, leistungsfähig, fürsorglich, optimistisch, ohne Suchtprobleme, stabile Beziehungen, keine Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe, keine Konflikte mit dem Gesetz. Die Kauai Studie 12 Resilienz als a) Wiederherstellung normaler Funktionsfähigkeit, Gesundheit nach erlittenem Trauma, temporärer Krankheit und b) Erhalt der Funktionsfähigkeit, Gesundheit trotz vorliegender beeinträchtigender Umstände bzw. Risikofaktoren Masten und Kollegen: Prozess, Fähigkeit oder Ergebnis erfolgreicher Anpassung bei herausfordernden, widrigen und belastenden Umständen 13 14 unbesiegbar Resiliente Kinder Risiko- und Schutzfaktoren Risikofaktoren: Die Umstände/Kräfte, die ein Risiko (zu erkranken) erhöhen Schutzfaktoren (protektive Faktoren): die Umstände/ Kräfte, die die Auftretenswahrscheinlichkeit einer Erkrankung, Auffälligkeit, Störung bei vorhandenen Risiken senken Arten von Risiko- und Schutzfaktoren: biologische (Disposition, Hirnschädigungen, prä-, peri-, post-natal) psychosozialen (Erziehung, Armut, Rollenmodelle, Schule, Gewalt) behaviorale (Ernährung, Bewegung, Rauchen, Trinken) Persönlichkeit (Selbstwirksamkeit, Optimismus, Neurotizismus, SOC) Umwelt (Lebens- und Arbeitsbedingungen, wie Lärm, Schmutz, etc.) 15 Risiko- und Schutzfaktoren der Kauai-Studie Psychische Auffälligkeiten der Eltern Erkrankungen der Eltern Scheidung, Tod eines Elternteils Fehlende Bildung Kein Vater Arbeitslosigkeit Vater Umzüge Armut Risiko 16 Kind Schutz Erstgeboren, gutes soziale Verhalten, hohes Aktivitätsniveau, kommunikative Fähigkeiten, Selbstregulation und positives Selbstbild Umgebung Viel Zuwendung Eltern-Kind-Beziehung Andere gute Bezugspersonen Regeln und Struktur Familiärer Zusammenhalt Resilienzfaktoren Resilienzfaktoren (Schutz-, Pufferfaktoren) werden wirksam bei auftauchenden Risiken Resilienzfaktoren sind zeit- und bereichsspezifisch 17 Was für ein Kleinkind adaptiv war, z.b. eher schweigsam und wenig fordernd sein, ist für eine Erwachsene im Arbeitsbereich (möglicherweise) eher dysfunktional Während Empathie- und Perspektivübernahme im sozialen Bereich wichtig ist, kann dies bei sachlichen Aufgaben eher störend sein Relative Resilienz Resilienz als Person-Umwelt-Konstellation Schutzfaktoren keine innerpsychische Eigenschaft, sondern das Ergebnis der Interaktion von Person- und Umweltmerkmalen Personen- und Umweltfaktoren können verändert werden In jedem Lebensabschnitt ist ein Veränderungspotential gegeben Anpassung ist multidimensional (Arbeitsverhalten gut jedoch erhöhte emotionale Belastung; gute körperliche aber schlechte psychische Gesundheit) Stressoren zum Zeitpunkt A können später, zum Zeitpunkt B, zu einem Schutzfaktor werden und v.v. Relationaler Resilienzbegriff (Rutter, 1987) Relationaler Resilienzbegriff (Rutter, 1987) Vier Hauptprozesse die Reduktion des Stress-/Risikoeinflusses (reduction of risk impact), die Verhinderung und Verminderung von Kettenprozessen (reduction of negative chain reactions), Entwicklung und Erhaltung von Selbstwert und Selbstwirksamkeit (establishment and maintenance of self-esteem and self-efficacy) sowie Eröffnen von neuen Möglichkeiten und Chancen (opening up of opportunities) Relationaler Resilienzbegriff (Rutter, 1987) Hauptannahmen 1. Kein Individuum ist unbesiegbar (invincible), jeder kann bei ausreichend starker Belastung betroffen werden, Stressanfälligkeit stellt ein Kontinuum (- +) dar 2. Individuelle und Umwelteigenschaften sind gleichwertige protektive Faktoren; hierbei ist entscheidend die Art des Risikofaktors und die Lebensbedingungen 3. Resilienz kann immer nur bzgl. bestimmter Stressoren zu einem bestimmten Lebensabschnitt wirksam werden sowie 4. Protektive und Belastungsfaktoren (individuelle sowie kontextuelle) können je nach Lebensabschnitt ihre Richtung wechseln (z.b. Neugierde im Kleinkindalter bei unsicherer Umgebung Gefahr!, später jedoch Schutzfaktor!) Familiäre Resilienz (Walsch 2003) Überzeugungen in der Familie (z.b. Sinnhaftigkeit, Optimismus, Spiritualität) Struktur und Organisation (z.b. Hierarchie, Flexibilität, Offenheit, soziale Integration) Kommunikative Fähigkeiten (z.b. Problemlösefähigkeiten, Umgang mit Gefühlen, Kommunikationsregeln) 21 Schutzfaktoren (Lenz & Kuhn, 2011) Kindfaktoren Temperament Soziale Empathie und Ausdrucksfähigkeit Problemlösefähigkeit, realistische Ziele Intelligenz und gute Schulleistungen Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, positives Selbstwertkonzept Kohärenzgefühl 22 Familienfaktoren Stabile, sichere Bindung zu mind. einem Elternteil Autoritative Erziehung Gute Paarbeziehung der Eltern Flexible, liebevolle und unterstützende Beziehungsstrukturen Soziale Schutzfaktoren Soziale Unterstützung Soziale Integration Einbindung in ein Peernetzwerk Schutzfaktoren für Kinder psychisch erkrankter Eltern (Wüthrich et al., 1997) Gute funktionierende Beziehungen Zwischen Kind und erkranktem Elternteil Zwischen Kind und gesundem Elternteil Den Eltern unter einander Zwischen Kind und anderen Bezugspersonen Der Familie zu anderen 23 Krankheitsbewältigung Einstellung und Umgang mit der Erkrankung Einbeziehung von Helfern/Netz Kooperation mit dem Versorgersystem Flexible Aufgabenteilung in der Familie Kinder suchtbelasteter Eltern 24 Nach Wolin und Wolin sind sieben Resilienzfaktoren bei Kindern suchtbelasteter Eltern wichtig (Jordan, 2010, S. 343) 25 Lernen aus der Resilienzforschung und den Studien zur Prävention psychischer Störungen bei Kindern mit psychisch erkrankten Eltern Was ist zu tun? Lernen aus der Resilienzforschung 26 Resiliente Kinder zeichnen sich aus durch: Problemlösefähigkeiten, eine hohe Sozialkompetenz (Kontaktfähigkeit, soziale Perspektivenübernahme und Empathie), die Fähigkeit zur Selbstregulation, ein aktives und flexibles Bewältigungsverhalten (z.b. die Fähigkeit, sich aktiv Hilfe zu erholen oder sich von einer dysfunktionalen Familiensituation innerlich zu distanzieren), eine optimistische, zuversichtliche Lebenseinstellung, eine internale Kontrollüberzeugung und einen realistischen Attribuierungsstil, ein hohes Selbstwertgefühl sowie Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen. Die Entwicklung von Resilienz wird gefördert durch 27 insbesondere eine stabile, emotional-positive Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson, aufgrund der das Kind ein sicheres Bindungsmuster entwickeln kann, ein autoritativer Erziehungsstil, der durch Wertschätzung und Akzeptanz dem Kind gegenüber sowie durch ein unterstützendes und strukturierendes Erziehungsverhalten gekennzeichnet ist, positive Rollenmodelle, d.h. Vorbilder für aktives, konstruktives Problemlösen und prosoziale Handlungsweisen, positive Peer-Kontakte und Freundschaftsbeziehungen, positive Erfahrungen in den Bildungseinrichtungen. Risiko reduzieren Soziale Isolation und Armut der Familien verhindern Hilfen etablieren, Struktur und Organisation in die Familie (wieder) ermöglichen Aufgaben an andere, auch außerfamiliäre Strukturen/Personen delegieren 28 Familien entlasten, spezielle Angebote für Kinder psychisch erkrankter Eltern Verhinderung von Kettenreaktionen Der Abwärtsspirale entgegenwirken, Aufwärtsspiralen ermöglichen, Durch spezielle Angebote für Kinder, Eltern Weitere Bezugspersonen Interventionen (auch zunächst sehr kostspielig erscheinende) entlang der kindlichen Bedürfnisse planen und einsetzen 29 Entwicklung und Erhaltung von Selbstwert und Selbstwirksamkeit Unterstützende und therapeutische Angebote für Kinder Eltern Weitere Bezugspersonen 30 Kontexte schaffen für die Befriedigung von Grundbedürfnissen (Kontrolle, Sicherheit und Bindung, Selbstwerterhaltung und Lustgewinn) Eröffnen von neuen Möglichkeiten und Chancen Wohnformen (Therapeutische WGs für Eltern) Lernformen (rhythmisierter Unterricht) Unterstützungsformen (neben sozialpädagogischen auch aufsuchende therapeutische Angebote) 31 32 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit
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