Standardisierte kognitive Leistungstestung in der Ergotherapie Ein objektives Instrument zur Leistungserfassung und Vergleichsmessung

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Standardisierte kognitive Leistungstestung in der Ergotherapie Ein objektives Instrument zur Leistungserfassung und Vergleichsmessung Teil II: Praktische Anwendung der kognitiven Leistungstestung Ronald
Standardisierte kognitive Leistungstestung in der Ergotherapie Ein objektives Instrument zur Leistungserfassung und Vergleichsmessung Teil II: Praktische Anwendung der kognitiven Leistungstestung Ronald Herb-Hassler Im ersten Teil dieses Fachartikels 1 wurden die Testtheorie im Allgemeinen und verschiedene kognitive Tests vorgestellt, um eine fundierte Grundlage für die ergotherapeutische Arbeit zu schaffen. Im jetzigen zweiten Teil werden Möglichkeiten der praktischen Anwendung vorgestellt. 1. Anwendungsbereiche Für die praktische Anwendung der standardisierten kognitiven Leistungstestung kommen vor allem die folgenden Bereiche in Frage (können jedoch bei einer anderen Praxisausrichtung erweitert werden): Hirnleistungstraining: Einem Patienten mit entsprechender Diagnose wird ein ergotherapeutisches Hirnleistungstraining verordnet. Das Testverfahren dient der eingehenden Befundung des Patienten, der Berichterstattung an den verordnenden Arzt sowie der Verlaufs- und gegebenenfalls Erfolgskontrolle nach einer bestimmten Anzahl von Therapieeinheiten. Psychisch-funktionelle Behandlung zur Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit (Arbeitstherapie): Um den kognitiven Anteil der Probleme des Patienten abzugrenzen und, wie oben, die Veränderung und gegebenenfalls die Arbeitsfähigkeit feststellen zu können, kommt das Verfahren ebenfalls zum Einsatz. Testung zur Wirksamkeitskontrolle einschlägiger Medikamente bei ADHS: Eine Spezialität des Autors, die von fast allen Karlsruher Neurologen abgerufen wird, ist die Wirksamkeitskontrolle von Medikamenten bei ADHS. Ein erwachsener Patient mit der Diagnose 1 praxis ergotherapie, Ausgabe 1/2017, S. 38 ff. Verdacht auf ADHS wird mit dem oben genannten Testverfahren getestet. Der Arzt erhält eine Rückmeldung in Form eines Diagramms mit den Testergebnissen und verordnet daraufhin ein einschlägiges Medikament, beispielsweise ein Methylphenidatpräparat bei Unaufmerksamkeit oder Nortrilen bei starker Verlangsamung. Wenn das Medikament seine Wirksamkeit erreicht haben kann (Wartezeit), findet eine vergleichende Testung statt. Ist der Erfolg mit dem Medikament so gut, dass nur noch wenige Probleme verbleiben, findet eine ergänzende Testung statt, um z.b. die Langzeitaufmerksamkeit zu testen oder den Stroop-Test durchzuführen. Sind diese Ergebnisse auch gut, kann die Testung beendet werden. Ist die erwartete Wirkung eines Medikaments nicht vorhanden oder nicht ausreichend, kann der Arzt mit Hilfe des vergleichenden Diagramms die Medikation durch eine veränderte Dosierung oder ein anderes oder ein weiteres Medikament anpassen. Neurofeedbacktraining: Beim Neurofeedbacktraining genügt oft das Frankfurter-Aufmerksamkeits-Inventar alleine. Zur Befundung wird das FAIR 2 durchgeführt und jeweils am Ende der Verordnung wiederholt. So lässt sich elegant und schnell die Veränderung feststellen und eine Prognose der weiteren Therapiedauer erstellen. Für den Bericht an den Arzt ersetzt das vergleichende Diagramm weitgehend die schriftliche Formulierung, ist sehr anschaulich und dient auch den Patienten zur Motivation. 2. Testbeispiele Beispiel 1: Junge, 13 Jahre, Verdacht auf ADHS. Wenig motiviert, Therapiezeit morgens 7:00 Uhr. Neurofeedbacktraining seit März In der Testung zum 82 praxis ergotherapie Neurologie Befund hatte er im Frankfurter-Aufmerksamkeits-Inventar FAIR 2 einen niedrigen, aber im Normbereich liegenden (PR) von 27, im Leistungswert einen am unteren Ende des Normbereichs liegenden PR von 17. Nach zehn Therapieeinheiten hat sich, wie meistens beim Neurofeedbacktraining, der Leistungswert auf einen PR von 44 gebessert, während der Qualitätswert mit PR 17 gleich blieb. Nach weiteren zehn Therapieeinheiten waren sowohl der Leistungs- als auch der Qualitätswert mit einem PR von 93 deutlich oberhalb des Normbereiches (Abb. 1). Die Therapie kann nach weiteren zehn Therapieeinheiten beendet werden. Beispiel 2: Patient, männlich; Beruf: Fachinformatiker; Schulabschluss: mittlere Reife; Diagnose: schwere psychotische Episode; Behandlung: intensive medikamentöse Behandlung, stationärer Aufenthalt in der Psychiatrie, danach ambulante Ergotherapie (psychisch-funktionelle Behandlung, Arbeitstherapie); stundenweise berufliche Wiedereingliederung. Die Ergotherapie wurde nach zehn Therapieeinheiten abgeschlossen, der Patient arbeitet wieder in Vollzeit. Die ergotherapeutische Maßnahme beschränkte sich auf die Testung (Eingangstestung, Abschlusstestung), gezielte Strukturierung des Alltags, Hirnleistungstraining/Belastungstraining). Name Patient: Junge, 13 Jahre, Verdacht auf ADHS Datum: Markierungswert: Leistungswert: Qualitätswert: Kontinuitätswert: Markierungwert: Leistungswert: Qualitätswert: Kontinuitätswert: Junge, 13 Jahre, Verdacht auf ADHS Legende: Markierungswert M= Instruktionsverständnis Leistungswert L= Menge der konzentriert bearbeiteten Testitems Qualitätswert Q= Anteil der konzentriert bearbeiteten Testitems Kontinuitätswert K= Ausmaß der kontinuierlich aufrechterhaltenen Konzentration Bitte beachten: Der Normbereich bei einer tabelle geht von 16 bis 84 Abb. 1: Patientenbeispiel 1: Testergebnisse FAIR 2 (nach 0, 10 und 20 Therapieeinheiten) praxis ergotherapie Neurologie Die Verbesserung der Aufmerksamkeitsleistung wird in Abbildung 2 verdeutlicht. Im Vergleich des Stroop-Tests (Abb. 3 und 4) zeigt sich, dass der Proband im Verlauf von sechs Wochen in der automatisierten Arbeitsgeschwindigkeit zwar etwas langsamer wurde (aber außer in der Altersnorm immer über den Mittelwerten liegt), im problematischen Interferenzteil jedoch sein verhältnismäßig großes Defizit aufholte. Für den behandelnden Arzt war dies ein wichtiger Hinweis für die Arbeitsfähigkeit. Gegebenenfalls kann der Test nach der Absetzung der Psychopharmaka wiederholt werden. Beispiel 3: Student der Elektrotechnik, 22 Jahre, männlich; Diagnosen: v. a. AD(H)S, Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, Depressionen. Nimmt Venlafaxin als Dauermedikament. Kommt nur zur Testung, um ein geeignetes Medikament gegen die ADS-Problematik zu finden. Ohne medikamentöse Unterstützung ist er im Frankfurter-Aufmerksamkeits-Inventar im Qualitätswert mit einem von 14 unterhalb des Normbereiches. Bei entsprechenden RehaCom-Aufgaben teilweise ebenfalls. Mit Nortrilen (zur Antriebssteigerung) nimmt in der Tat die Arbeitsgeschwindigkeit deutlich zu, die Arbeitsgenauigkeit (Qualität) Name Patient: Patient 2 Datum: Markierungswert: Leistungswert: Qualitätswert: Kontinuitätswert: Markierungwert: Leistungswert: Qualitätswert: Kontinuitätswert: Patient Legende: Markierungswert M= Instruktionsverständnis Leistungswert L= Menge der konzentriert bearbeiteten Testitems Qualitätswert Q= Anteil der konzentriert bearbeiteten Testitems Kontinuitätswert K= Ausmaß der kontinuierlich aufrechterhaltenen Konzentration Bitte beachten: Der Normbereich bei einer tabelle geht von 16 bis 84 Abb. 2: Patientenbeispiel 2: Testergebnisse FAIR 2 (Eingangs- und Abschlusstestung) 84 praxis ergotherapie Neurologie Name Patient: Patient 2 Geburtsdatum Patient: 1986 Alter Patient: 30 Testdatum: Medikament ohne ohne Stroop-Test Allgemeine Norm Farbwörterlesen 65,5 61,8 Farbstrichbenennen 54,0 61,8 Interferenzversuch 50,0 72,6 Altersnorm Farbwörterlesen 50,0 42,1 Farbstrichbenennen 50,0 58,0 Interferenzversuch 42,1 69,1 Berufsnorm Angestellte Farbwörterlesen 58,0 50,0 Farbstrichbenennen 46,0 54,0 Interferenzversuch 38,2 78,8 Stroop-Test: Farb-Wort-Interferenztest nach Stroop T-Werte umgerechnet in Prozentränge werte ohne ohne Stroop-Test Allgemeine Norm Farbwörterlesen Farbstrichbenennen Interferenzversuch Altersnorm Farbwörterlesen Farbstrichbenennen Interferenzversuch Berufsnorm Angestellte Farbwörterlesen Farbstrichbenennen Interferenzversuch Abb. 3 und 4: Patientenbeispiel 2: Testergebnisse Stroop-Test bleibt jedoch unter den Mittelwerten. Mit Methylphenidat allein nimmt die Qualität zu, mit Nortrilen und Methylphenidat gemeinsam steigen alle Prozentränge mehr oder weniger deutlich über die Mittelwerte, z. T. sogar über den Normbereich (Abb. 5 und 6; vgl. S. 86). 3. Schlusswort Der Anteil der ergotherapeutischen Behandlung ist bei allen Testpatienten geringer als bei denen, die zur Therapie kommen und nur zur Eingangs-, Zwischenund Abschlussbefundung getestet werden. Bei den oben genannten Beispielen ist dies anders. Nur beim ersten Patientenbeispiel, dem Neurofeedbacktraining, ist der Erfolg in erster Linie auf die Therapie zurückzuführen. Schon beim zweiten ist dies nicht so. Bei einer schweren psychotischen Erkrankung wird durch eine sechswöchige ergotherapeutische Behandlung niemand gesund. Wir hatten in diesem Fall nur eine Teilaufgabe, nämlich die Strukturierung des Alltags und Hirnleistungstraining. Das Training hatte praxis ergotherapie Neurologie Name Patient: Patient 3 Geburtsdatum Patient: 1994 Alter Patient: 22 Testdatum: Kommentare: Medikament ohne Nortrilen Methylph. Nortr + MPh Der Normbereich bei einer rtabelle geht von 16 bis 84 FAIR 2 FAIR 2: Frankfurter-Aufmerksamkeitsinventar (Kurzzeitanspannung) Markierungswert M 100,0 100,0 100,0 100,0 Instruktionsverständnis Leistungswert L 31,0 83,0 93,0 99,0 Menge der konzentriert bearbeiteten Testitems Qualitätswert Q 14,0 34,0 43,0 75,0 Anteil der konzentriert bearbeiteten Testitems Kontinuitätswert K 26,0 80,0 93,0 99,0 Ausmaß der kontinuierlich aufrechterhaltenen Konzentration Computertests Rehacom Alertness ohne Ton 40,5 40,5 54,4 62,8 Alle Rehacomergebnisse sind in 10 Jahresschritten altersnormiert Alertness mit Ton 25,4 50,0 58,1 67,4 Selektive Aufmerk. Geschwind. 4,7 35,9 47,2 80,1 Selektive Aufmerk. Kontrolle 40,1 60,6 77,9 78,6 Geteilte Aufmerk. Auditiv 67,3 24,5 67,0 67,5 Geteilte Aufmerk. Visuell 24,5 65,2 64,4 65,3 Logisches Denken 71,9 51,2 50,4 71,9 Verbale Lernfähigkeit 26,4 80,0 69,8 87,1 Arbeitsgedächtnis visuell 86,2 86,2 86,0 86,3 Wortgebund. Arbeitsgedächtnis 50,0 100,0 74,8 84,0 Cogpack: Basis: Miller sche Zahl Norm 7 ± 2 Alle Werte sind werte. Rehacomergebnisse umgewandelt von Z-Wert in, Stroop-Test umgewandelt von T-Wert in werte 0,0 10,0 20,0 30,0 40,0 50,0 60,0 70,0 80,0 90,0 100,0 ohne Nortrilen Methylph. Nortr + MPh FAER 2 Markierungswert M Leistungswert L Qualitätswert Q Kontinuitätswert K Computertests Alertness ohne Ton Alertness mit Ton Selektve Aufmerk. Geschwind. Selektive Aufmerk. Kontrolle Geteilte Aufmerk. Auditiv Geteilte Aufmerk. Visuell Logisches Denken Verbale Lernfähigkeit Arbeitsgedächtnis visuell Wortgebund. Arbeitsgedächtnis Abb. 5 und 6: Patientenbeispiel 3: Testergebnisse FAIR 2 und Computertests vor allem den Charakter, durch gezielte Auswahl der Übungen und der Dokumentation des Erfolges dem Patienten wieder mehr Selbstvertrauen zu geben. Die Hauptwirkung hatten wohl die Medikamente, die er auch bei Arbeitsbeginn nicht absetzte. Der entscheidende Anteil der Ergotherapie war der Beweis durch das Testverfahren, dass alle medizinisch-therapeutischen Maßnahmen und die damit verbundene Verbes- 86 praxis ergotherapie Neurologie serung einen Arbeitsversuch rechtfertigen. Die schnelle berufliche Wiedereingliederung ist auch ein Beitrag zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen. Im dritten Beispiel ist der Anteil der Ergotherapie am Erfolg einerseits am geringsten, andererseits aber für die ärztliche Diagnostik umso wichtiger. Unbenommen davon würde, bei Interesse des Patienten und Wohlwollen des Arztes (Budgetproblematik), eine ergotherapeutische Behandlung dennoch möglich sein mit dem Therapieziel, die Medikamentengabe zu verringern. Der Autor: Ronald Herb-Hassler Ergotherapeut Stichwörter: Standardisierte Leistungstestung FAIR 2 Stroop-Test Leistungserfassung Vergleichstestung praxis ergotherapie Neurologie
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