VERANTWORTUNG IM ZEITALTER DES MENSCHEN

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VERANTWORTUNG IM ZEITALTER DES MENSCHEN Mit dem Zuwachs an technisch ökonomischer Macht überschreitet die Menschheit planetare Grenzen. In der neuen geologischen Erdepoche des Anthropozäns stellt sich
VERANTWORTUNG IM ZEITALTER DES MENSCHEN Mit dem Zuwachs an technisch ökonomischer Macht überschreitet die Menschheit planetare Grenzen. In der neuen geologischen Erdepoche des Anthropozäns stellt sich die Alternative: Selbstvernichtung oder sozial-ökologische Transformation? Kai Niebert Josef Göppel Bärbel Höhn Michael Müller Hubert Weiger Diskussionspapier von Vertretern der deutschen Umweltbewegung zur päpstlichen Enzyklika Laudato Si. Die Koordination hat Anna Geuchen. Kontakt: Deutscher Naturschutzring (DNR). Marienstr. 19/20, Berlin. Mail: / Telefon: 2 INHALT: I. Eine wegweisende Lehrschrift II. Die Krise des Anthropozentrismus III. Die Verantwortung der Menschheit IV. Den Diskurs führen V. Die Epoche des Anthropozäns VI. Das Prinzip Verantwortung VII. Der Umgang mit Ungleichheiten VIII. Wirtschaften für Mensch und Natur Mitglieder der Delegation 3 I. EINE WEGWEISENDE LEHRSCHRIFT 1. LAUDATO SI ist eine wegweisende Lehrschrift 1. Sie fordert einen neuen Fortschritt, der ganzheitlich, nachhaltig und sozial gerecht ist und die Natur dauerhaft schützt 2. In Sorge für das gemeinsame Haus will Papst Franziskus die Menschheit vereinen, um die Größe, die Dringlichkeit und die Schönheit der Herausforderung zu erkennen. Die Enzyklika knüpft an den Sonnengesang von Franz von Assisi an 3. In diesem Hymnus ruft der heilige Franziskus zum Lobpreis Gottes in all seinen Geschöpfen auf (Laudato si', mi signore). Der Namensgeber des Papstes ist das Beispiel schlechthin für eine Achtsamkeit gegenüber der Natur und den Schwachen. An seinem Leben wird gewahr, wie die Pflege der natürlichen Lebensgrundlagen, Gerechtigkeit mit den Armen, ein solidarisches Gemeinwesen und der innere Reichtum der Menschen eine Einheit bilden. 2. Laudato Si hat eine universelle Bedeutung, die vor dem Hintergrund des europäischen Rationalismus gesehen werden muss, der in den letzten zwei Jahrhunderten zum Weltmodell aufstieg 4. Danach ist Fortschritt ein offener, prinzipiell nicht abschließbarer Vorgang einer sich vorwärts bewegenden Gesellschaft. Er ist Versprechung, Verbesserung und Erleichterung, aber er ist auch Drohung, weil er Prozesse auslöst, die sich die Ideengeber der europäischen Moderne nicht vorstellen konnten. Die Enzyklika beschreibt die ökologische Krise in ihren ökonomischen und technischen Ursachen ebenso in ihren sozialen und kulturellen Zusammenhängen. Sie widerspricht der Lüge der unbegrenzten Verfügbarkeit der Güter unseres Planeten. Nach menschlichen Maßstäben sind nicht erneuerbare Ressourcen, insbesondere fossile Energieträger und metallische Rohstoffe, ebenso begrenzt wie die Kapazitäten der Öko-Systeme, die biogene Ressourcen zu Verfügung stellen oder Emissionen aufnehmen. 3. Die Moderne lieferte eindrucksvolle Beispiele von Fortschritt durch fortschreitende Naturbeherrschung, Hinwendung zur Naturwissenschaft, wachsenden Wohlstand und die Erkämpfung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Aber im letzten Jahrhundert wurde die Idee des Fortschritts mehr und mehr verkürzt auf das Wachstum von Technik und Wirtschaft, das eng verbunden war mit der Verbrennung fossiler Energieträger und der Ausplünderung der Ressourcen. Dadurch wurden zwar Probleme entschärft, aber auch neue geschaffen, denn ökonomische Wertvermehrung wurde auch zur ökologischen Wertvernichtung. Wir teilen die zentrale Aussage der Enzyklika: Infolge einer rücksichtslosen Ausbeutung der Natur läuft er (der Mensch) Gefahr, sie zu zerstören und selbst Opfer dieser Zerstörung zu werden. 4. So klar hat noch kein Papst die ökologischen Herausforderungen benannt, zumal es in der katholischen Kirche auch ein anderes - freilich interpretationsfähiges - Verständnis von Natur gibt. Die Aufforderung im 1. Buch Moses, der Mensch solle sich die Erde untertan machen, trug dazu bei, die Natur zu unterwerfen. Laudato Si ist dagegen eindeutig: Jegliche Grausamkeit gegenüber einem Geschöpf widerspricht der Würde des Menschen. Auch im Buch Genesis 2.7 steht, dass die Menschen selber Erde sind 5 - weder Eigentümer noch Herrscher und nicht berechtigt, die ökologischen Ressourcen auszuplündern. Von daher muss Fortschritt die Teilhaftigkeit und Verantwortung des Einzelnen in seiner sozialen und natürlichen Mitwelt sein für die Integrität der Gesellschaft und den Lebenszusammenhang mit der Natur In der Enzyklika werden deshalb soziale und ökologische Fragen in einem Zusammenhang gesehen: Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise. Deshalb ruft Papst Franziskus die Menschen auf, die natürlichen und gesellschaftlichen Grundlagen des Lebens zu schützen: Wir kommen... nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer An- 4 satz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussion aufnehmen muss, um die Klagen der Armen ebenso zu hören wie die Klagen der Erde. II. DIE KRISE DES ANTHROPOZENTRISMUS 6. Laudato Si beklagt vor allem den fehlgeleiteten Anthropozentrismus. Das Bündnis von Wirtschaft und Technologien klammert das aus, was nicht zu seinen unmittelbaren Interessen gehört. Das technisch-ökonomische Paradigma geht von dem Irrglauben aus, die Wirklichkeit, das Gute und die Wahrheit (gingen) spontan aus der technologischen und wirtschaftlichen Macht selbst hervor. Laudato Si kritisiert diese relativistische Denkweise, in der auch die Natur nicht als Einheit gesehen wird, sondern zubereitet, isoliert und selektiv. Aber unbegrenztes Wachsen, Verbrauchen und Wegwerfen ist nicht möglich. Der Artenverlust nimmt dramatische Ausmaße an, Süßwasser wird zum knappen Gut, Meere werden vermüllt, der Flächenverbrauch steigt ungebrochen, Stickstoff und Phosphor überlasten Böden und Gewässer, die Erderwärmung schreitet scheinbar unaufhaltsam voran. 7. Hauptbetroffene der globalen Umweltschädigungen sind arme Weltregionen. Würden alle Menschen so leben, wirtschaften und konsumieren wie in Westeuropa oder den USA 7, wären die anthropogenen Belastungsgrenzen der Erde längst überschritten, aber die Folgen treffen zuerst die sozial Schwachen. Der ökologische Fußabdruck des Menschen 8 ist zum Beispiel in Nordamerika mehr als sieben Mal größer als in Afrika. Die Ausweitung des ressourcenintensiven Wirtschaftsmodells auf über sieben und schon Mitte des Jahrhunderts auf fast zehn Milliarden Menschen ist schlichtweg nicht möglich. Das stellt die Gerechtigkeitsfrage in neuer Radikalität. Wenn der Mensch seinen wahren Platz nicht wiederentdeckt, missversteht er sich selbst und widerspricht am Ende seiner eigenen Wirklichkeit. 8. Die ökologische Selbstvernichtung wird denkbar. Planetare Belastungsgrenzen, deren Einhaltung für das menschliche Leben essentiell ist, werden bereits überschritten 9. Allem Anschein nach (sind) Symptome eines Bruchs zu bemerken, aufgrund der großen Geschwindigkeit der Veränderung und Verschlechterung. Die Menschheit steuert auf gefährliche Kipppunkte zu. Eine Anpassung an den anthropogenen Klimawandel kann keine Antwort sein, denn insbesondere ärmere Regionen der Erde verfügen gar nicht über die Mittel, sich gegen zunehmende Wetterextreme zu schützen. Ebenso wenig werden technische Manipulationen der Öko-Systeme (Geoengineering) eine Lösung sein, da sie mit neuen, nicht zu verantwortenden Gefahren verbunden sind. 9. Die internationalen Wirtschaftskrisen (haben) in aller Härte die schädlichen Auswirkungen gezeigt, die eine Verkennung des gemeinsamen Schicksals der Menschen mit sich bringt, aus dem auch jene, die nach uns kommen, nicht ausgeschlossen werden dürfen. Statt das gesamte System zu überprüfen und zu reformieren, wurde eine absolute Herrschaft der Finanzen unterstützt, die keine Zukunft besitzt und... nur neue Krisen hervorrufen kann. Das gilt auch für den Schutz der Umwelt, der nicht länger aufgeschoben werden darf. 10. Der fehlgeleitete Anthropzentrismus ist nicht zuletzt eine Folge kultureller Anpassung und Verflachung: Die konsumistische Sicht des Menschen, die durch das Räderwerk der aktuellen globalisierten Wirtschaft angetrieben wird, neigt dazu, die Kulturen gleichförmig zu machen und die kulturelle Vielfalt, die einen Schatz für die Menschheit darstellt, zu schwächen. So erreichten in Deutschland die Sport Utility Vehicles (SUV) im letzten Jahr die höchsten Zulassungszahlen, obwohl diese überdimensionierten Fahrzeuge einen weitaus höheren Kraftstoff- und Ressourcenverbrauch haben als vergleichbar motorisierte Personenkraftwagen. Laudato Si sieht dagegen Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung als drei absolut miteinander verbundene Themen, die nicht getrennt und einzeln behandelt werden können, ohne erneut in einen Reduktionismus zu verfallen. 5 III. DIE VERANTWORTUNG DER MENSCHHEIT 11. Der Widerspruch zwischen dem Wissen über die Zukunftsgefahren und dem alltäglichen Verhalten wird größer. Zwar gelang es, den Ressourcenverbrauch vom Wirtschaftswachstum relativ zu entkoppeln. Aber durch das Massenwachstum des Konsums und die sogenannten Rebound-Effekte 10 steigt er dennoch weiter stark an - und damit auch die Umweltbelastungen. Die Daten in der Nutzung natürlicher Rohstoffe, dem Verlust an biologischer Vielfalt und der Belastung von Atmosphäre, Meeren und Böden weisen steil nach oben. Wir teilen die Bewertung der Enzyklika, dass die Entwicklung des Menschen in Verantwortung, Werten und Gewissen nicht mit dem technischen Fortschritt und dem wirtschaftlichen Wachstum einherging. Die Schere öffnet sich weiter. Im Sinne von Ernst Bloch muss das Besser neu gefunden werden: Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst 11. Die Entwicklung in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft muss mit der Natur stattfinden und nicht länger gegen sie. 12. Anknüpfend an die katholische Soziallehre 12 fordert Papst Franziskus ein neues Verständnis von Fortschritt, gesünder, menschlicher, sozialer und ganzheitlicher. Es muss die auf ständige Intensivierung der Lebens- und Arbeitsrhythmen (rapidación) und vergötterte Märkte ausgerichtete Weltsicht grundlegend ändern. Der neue Fortschritt muss nachhaltig 13 sein und sich ganzheitlich und generationsübergreifend am Prinzip des Gemeinwohls orientieren. Er muss den Eigenwert eines jeden Geschöpfes anerkennen, den Schutz der Öko-Systeme beachten und soziale Ungerechtigkeiten beseitigen. Und zwar schnell, denn die Verschmutzung des Wassers, die Erwärmung der Erde, die Zerstörung der biologischen Vielfalt oder die Verschlechterung der Böden gehen nicht erst zu Lasten künftiger Generationen, sondern treffen bereits heute die ärmsten Schichten der Erde, die den größten Teil der Bevölkerung unseres Planeten ausmachen, Milliarden von Menschen. 13. Zwar findet die Umweltpolitik, die Anfang der 1970iger Jahre begann, mit dem Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro weltweit Fahrt aufnahm und seitdem eng mit dem Klimaschutz verbunden ist, mittlerweile eine hohe Anerkennung, aber zu einer wirklichen Kurskorrektur kam es nicht. Der Mensch hat rund drei Viertel der eisfreien Landflächen verändert. Durch den massenhaften Einsatz chemischer Substanzen und fossiler Energien überlastet er die Öko-Systeme. In den letzten fünf Jahrzehnten eskalierten die menschlichen Einflüsse auf die Umwelt. Deshalb liegt die größte Brisanz bei der knappen Zeit, die für den Umbau bleibt. Mit der großen Beschleunigung werden aus beherrschbaren Risiken unverantwortliche Gefahren. 14. Laudato Si kritisiert, dass auf den Kongressen der Vereinten Nationen feierliche Zusagen für eine internationale Zusammenarbeit zum Schutz der Öko-Systeme gemacht, aber anschließend nicht eingehalten wurden. In der Enzyklika wird auch die Strategie eines Anund Verkaufs von Emissionszertifikaten bezweifelt, weil die Anlass zu einer neuen Form von Spekulation gibt, die in keiner Weise eine radikale Veränderung mit sich bringt, sondern von der eigentlichen Aufgabe, der sozial-ökologischen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft, ablenkt. Zwar gibt es heutzutage in allen Ländern Umweltministerien, wurden unzählige Umweltgesetze erlassen und internationale Vereinbarungen zum Schutz von Wasser, Böden, Luft, Klima oder biologischer Vielfalt beschlossen. Die internationale Staatengemeinschaft hat mit 17 Nachhaltigkeitszielen in der Agenda 2030 und dem Pariser Abkommen zum Klimaschutz wichtige Grundlagen für eine Weltinnenpolitik gelegt, aber zu einer sozial-ökologischen Transformation, zu einer Politik für Mensch und Natur kommt es bisher nicht. Im Kern bleibt es bei der Unterwerfung der Politik unter die Technologie und das Finanzwesen, die in der Erfolglosigkeit der Weltgipfel über Umweltfragen deutlich wird. 15. Dennoch sind wir weit davon entfernt, fatalistische Konsequenzen daraus zu ziehen. Noch liegt es in unserer Hand, zu einer dauerhaften Umweltkompatibilität zu kommen, die 6 das Erdsystem langfristig schützt. Wir entscheiden heute über die Alternative: Unser Jahrhundert wird entweder ein Jahrhundert der Gewalt, Naturzerstörung und erbitterter Verteilungskämpfe oder es wird ein Jahrhundert der Nachhaltigkeit, in dem soziale Gerechtigkeit, ökologische Verträglichkeit und wirtschaftliche Innovationen miteinander verbunden werden. Deshalb teilen wir die Auffassung der Enzyklika, dass wir nicht nur die Symptome der Umweltkrise sehen dürfen. Der Mensch kann Verantwortung übernehmen und indem er sie übernehmen kann, hat er sie auch und muss ihr gerecht werden. Er muss in der Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft den Standard finden, der menschliches Leben auf Dauer kompatibel macht mit den Öko-Systemen der Erde. Die Tragfähigkeit des Planeten Erde wird dann auch ausreichen, wenn Demokratie und Gerechtigkeit zum Treiber für Nachhaltigkeit und Gleichheit werden. IV. DEN DISKURS FÜHREN 16. Laudato Si lädt die Weltgemeinschaft zu einem Dialog über die Art und Weise ein, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten. Die Menschheit braucht das gemeinsame Gespräch für eine Kultur, die der Krise entgegenwirkt. Wir setzten uns dafür ein, dass die Enzyklika in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft noch mehr Beachtung finden. In allen Bereichen und auf allen Ebenen brauchen wir das Engagement, um die ökologischen Schäden zu beseitigen, die Natur dauerhaft zu schützen und soziale Gerechtigkeit zu verwirklichen. Die sozial-ökologische Transformation in Wirtschaft und Gesellschaft ist überfällig. Andernfalls werden wir wahrscheinlich erst in einigen Jahrzehnten die volle Tragweite der heutigen Veränderungen erkennen. Deshalb müssen wir unter die Oberflächen gucken, Entwicklungstrends begreifen und die Zusammenhänge verstehen. Das erfordert, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft das vorherrschende Diktat der Kurzfristigkeit zu durchbrechen. 17. Es geht um den Frieden mit der Natur 14, der auch generell über den Frieden entscheidet. Die Europäische Union lebt heute im Frieden, aber auch in einem unfertigen Frieden, der durch alte und neue Herausforderungen gefährdet ist. Denn selbst das, was wir in Zeiten tun, in denen die Waffen schweigen, kann Gewalt sein. Das zeigt besonders eindrücklich die Klimakrise, gegen die allein mit Appellen nichts zu erreichen ist. Erforderlich ist eine weltweite Reformbewegung, die sich für mehr Demokratie, Gleichheit und Ökologie einsetzt, um zu einer Abkehr von der Dominanz des fehlgeleiteten Anthropozentrismus zu kommen. Auch das ist Friedensarbeit, die in breiten Allianzen für eine soziale, ökologische und ethische Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft eintritt. Geschichtliche Erfahrung, Aufklärung und Vernunft lassen keine andere Wahl. 18. Es wäre unverantwortlich, tatenlos zu bleiben. Es liegt an uns, dass sich die ökologischen Probleme nicht zu einem unbesteigbaren Berg auftürmen. Deshalb muss es zu einem breiten Dialog über die Umsetzung der Erkenntnisse, Prinzipien und Ziele der Enzyklika kommen - mit Wissenschaft, Wirtschaft und Gewerkschaften, den Parteien und Glaubensgemeinschaften, den Umwelt- und Naturschutzverbänden. Die Interdependenzen auf unserer schnell zusammenwachsenden, aber zerbrechlichen Welt machen es notwendig, die Anstrengungen auch international zu verstärken. Die Kräfte eines einzelnen Landes sind meist zu gering, um Veränderungen durchzusetzen, lokale Instanzen sind oft zu schwach, wirksam eingreifen zu können. Internationale Abmachungen kommen aber, wenn überhaupt, nur langsam voran. Sie bleiben in der Regel weit hinter dem zurück, was notwendig ist. Die Kirchen können als Weltgemeinschaft eine zentrale Rolle einnehmen, den Druck national wie international zu erhöhen. 19. Die deutsche Umweltbewegung begrüßt ausdrücklich, dass sich die christliche Glaubensgemeinschaft intensiv mit den ökologischen Grundlagen eines guten und gerechten Lebens auseinandersetzt. Wir halten die in der Enzyklika gestellten Fragen für zentral. Wir 7 stellen uns der gemeinsamen Debatte: Wie sieht eine ganzheitliche und nachhaltige Entwicklung aus, die von den ökologischen Grenzen des Wachstums ausgeht, sozial gerecht ist und eine umfassendere und ganzheitliche Betrachtung der Wirklichkeit ermöglicht? Wie muss ein Wirtschafts-, Konsum- und Lebensstil aussehen, der auf der Welt weder zu Mangel noch zu Überlastung führt? Wie können wir uns aus der Abhängigkeit des quantitativen Wirtschaftswachstums befreien? Wir regen an, vor allem über folgende vier Bereiche, die ein gutes und solidarisches Lebens berühren, den Dialog zu intensivieren: V. DIE EPOCHE DES ANTHROPOZÄNS Erstens: Das Anthropozän, das Zeitalter des Menschen, spitzt die Sorge um die Zukunft des gemeinsamen Hauses zu. Dringend muss die Rolle von Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in der neuen geologischen Erdepoche geklärt werden. 20. Im Sommer 2016 hat die Anthropocene Working Group der Geologischen Weltgesellschaft (IUGS) bestätigt, dass die Menschheit den Planeten Erde in eine neue geologische Epoche katapultiert hat. In nur zwei Generationen sind die Menschen zur stärksten geologischen Kraft im planetaren Maßstab geworden. Dafür wuchs die Weltwirtschaft im letzten Jahrhundert um das 14-fache, der Energieumsatz stieg um das 16-fache, der Kohlendioxid- Ausstoß nahm um das 17-fache zu. Über 70 Öko-Systeme sind geschädigt oder übernutzt. Die Vielfalt der vom Menschen produzierten Dinge übersteigt mittlerweile sogar die Vielfalt der Arten. Bisher waren menschliche Aktivitäten im Vergleich zum biophysikalischen Erdsystem unbedeutend: ein bisschen Verschmutzung hier, eine ausgestorbene Art dort. Heute ist es jedoch nicht mehr möglich, das eine als getrennt vom anderen zu betrachten. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem Belastungsgrenzen eindeutig überschritten sind. Die Geologie der Menschheit 15 macht mit aller Kraft die Frage nach der Vereinbarkeit von Wirtschaft und Gesellschaft mit der Umwelt zum zentralen Thema der Zukunft. 21. Das Anthropozän ist nicht nur eine Namensänderung, sondern ein tiefer Einschnitt, der gefestigte Kategorien menschlichen Lebens radikal in Frage stellt. Der Fortschrittsgedanke beruht auf der Erwartung einer rational fortschreitenden Welt. Er geht von einem linearen Zeitverständnis aus, das aus der christlich-jüdischen Tradition stammt. Der ins Säkulare gewendete Gedanke der Linearität ist im Rationalismus des 17. Jahrhunderts grundgelegt und wurde von der europäischen Philosophie konkretisiert. Seitdem gelten Aufklärung und Vernunft als Prinzipien, die der Wirklichkeit Sinn, Struktur und Ordnung verleihen. Der Vernunftbegriff sieht das menschliche Erkenntnisvermögen als Voraussetzung, um allgemeine Schlüsse zu ziehen und eine regulative Ordnung zu entwickeln. Immanuel Kant versteht Vernunft als die Fähigkeit, nach dem Unbedingten, der objektivierenden Erkenntnis, zu suchen. Unter praktischer Vernunft verstand Kant das Vermögen, Handlungen an allgemeingültigen ethischen Prinzipien auszurichten In der modernen Fortschrittsvorstellung ist eine Naturvergessenheit angelegt. Die Entgegensetzung von Mensch und Natur findet sich bereits im späten Mittelalter. Bei René Descartes wurde di
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