Versöhnung mit der Schöpfung. Ein Beitrag zur «Dekade zur Überwindung von Gewalt» des Ökumenischen Rates der Kirchen.

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Versöhnung mit der Schöpfung Ein Beitrag zur «Dekade zur Überwindung von Gewalt» des Ökumenischen Rates der Kirchen OeKU COTE CECA Inhaltsverzeichnis Für die Unterstützung der Aktion SchöpfungsZeit danken
Versöhnung mit der Schöpfung Ein Beitrag zur «Dekade zur Überwindung von Gewalt» des Ökumenischen Rates der Kirchen OeKU COTE CECA Inhaltsverzeichnis Für die Unterstützung der Aktion SchöpfungsZeit danken wir den Ref. Kirchen Bern-Jura-Solothurn und dem Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL). 1 Editorial 2 Biblische und theologische Grundlagen zur Überwindung von Gewalt Stephan Degen-Ballmer 6 Minimierung von Gewalt gegen die Schöpfung: Skizze zum Ansatz einer Umweltethik Wolfgang Lienemann 12 Der Beitrag der Religionen zur Überwindung von Gewalt an der Schöpfung Kurt Zaugg-Ott 17 Ist die Natur nicht selbst gewalttätig? Sigrid Bachmann 22 Warum wir die Natur lieben und dennoch zerstören Irenäus Eibl-Eibesfeldt 26 Gewalt gegen die Schöpfung als mehrstufige Handlung Mario von Cranach 30 Bedingungen für schöpfungsgerechtes Handeln Einzelner und der Gesellschaft Ruth Kaufmann-Hayoz 34 Gewalt wider die Schöpfung: weltweite Dimensionen Philipp Roch 38 Wir leben auf zu grossem Fuss Kurt Aufdereggen Impressum Herausgeber OeKU, Postfach 7449, 3001 Bern Tel Fax Redaktion Kurt Zaugg-Ott Gestaltung Pool Design, Zürich Druck Basisdruck Bern Copyright OeKU Bern Der Mensch als Geschöpf unter Geschöpfen: Versuch einer Zusammenschau Kurt Zaugg-Ott 48 Aktion SchöpfungsZeit in der ÖRK-Dekade: ein Blick nach vorn Editorial Dekade zur Überwindung von Gewalt Im Sommer 2003 hat der Vorstand der Oekumenischen Arbeitsgemeinschaft Kirche und Umwelt OeKU beschlossen, die SchöpfungsZeit-Themen der kommenden Jahre im Rahmen der Dekade des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) «Überwindung von Gewalt» durchzuführen. Die OeKU, die aus dem ökumenischen Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung entstanden ist, fühlt sich der weltweiten ökumenischen Bewegung verbunden und möchte zum Aufruf des ÖRK einen eigenen thematischen Beitrag leisten. Angesichts der offensichtlichen und vielfältigen Gewaltprobleme unter den Menschen gerät oft in den Hintergrund, dass sich gleichzeitig und damit verbunden der Zustand der Umwelt weltweit dauernd und massiv verschlechtert: Artensterben, Klimawandel und Ressourcenausbeutung sind nur einige Stichworte. Das Seufzen der Schöpfung (Röm 8,22) wird aber kaum gehört und ernst genommen oft nicht einmal wenn die Menschen selbst die Leidtragenden sind. So wie Christinnen, Christen und Kirchen die Anwaltschaft für Arme und Unterdrückte übernehmen, sind sie heute gefordert, sich gegen die weitere Zerstörung der Lebensgrundlagen aller Geschöpfe einzusetzen. Das vorliegende Grundlagendokument «Versöhnung mit der Schöpfung» befasst sich mit den Ursachen der menschlichen Gewalt gegenüber der Schöpfung. Gleichzeitig suchen die Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft und Kirchen nach Möglichkeiten der Verminderung von Gewalt und der Versöhnung mit der Schöpfung. Zusammen mit den Materialien zur jährlichen SchöpfungsZeit, die verschiedene Handlungsmöglichkeiten aufzeigen (vgl. S. 48), hoffen wir, anregende Grundlagen für konkrete, spirituelle Aktionen zur Bewahrung der Schöpfung in den Kirchgemeinden anzubieten. Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldungen. Kurt Zaugg-Ott Die «Dekade zur Überwindung von Gewalt ( ): Kirchen für Frieden und Versöhnung» des Ökumenischen Rates der Kirchen ist ein Aufruf an Kirchen, ökumenische Organisationen und alle Menschen guten Willens, auf allen Ebenen (lokal, regional und weltweit) mit Gemeinden, säkularen Bewegungen und Menschen anderer Glaubensrichtungen für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung zusammenzuarbeiten. Die Dekade ruft uns auf, die von Gewalt Unterdrückten zu stärken und in Solidarität mit denen zu handeln, die sich um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung bemühen. Die Dekade ruft uns auf, unsere Mitschuld an Gewalt einzugestehen und zu bereuen und theologische Reflexionen und Studienarbeiten zu fördern, um Geist, Logik und Praxis von Gewalt aufzudecken und zu überwinden. Vgl. SchöpfungsZeit Der 1. September gilt bei den Orthodoxen Kirchen als der Tag der Schöpfung. Der 4. Oktober ist der Gedenktag des Franz von Assisi. Zwischen diesen beiden Daten liegt die SchöpfungsZeit sie schliesst auch das Erntedankfest und den Bettag mit ein. 1 Biblische und theologische Grundlagen zur Überwin Stephan Degen-Ballmer Gewalt fängt im Denken an Wenn wir von Gewalt an der Schöpfung, respektive von der Überwindung der Gewalt gegenüber der Schöpfung reden, dann können wir dies nicht tun, ohne an das belastende Erbe christlicher Kultur zu denken, das mitverantwortlich ist für unseren gewaltsamen Umgang mit der Schöpfung. Der Ökumenische Rat der Kirchen schreibt in einer Broschüre denn auch: «Dekade zur Überwindung von Gewalt ein Aufruf zur Busse für unsere Mitschuld an der Gewalt und zur Suche nach Wegen, den Geist, die Logik und die Praxis der Gewalt zu überwinden auf der Grundlage unserer Glaubenstradition.» Im Zuge der ökologischen Krise ist aus christlicher Sicht viel zur Mitschuld an der Naturzerstörung geschrieben worden, auch wurden die Folgen einzelner Auslegungen biblischer Stellen mehrfach aufgezeigt. Die bekannteste Bibelstelle in diesem Zusammenhang ist wohl Gen 1,28, das sogenannte «dominum terrae», wo steht, wie Gott den Menschen segnet und ihm den Auftrag gibt, über die Erde zu herrschen. Viele Theologen sind der Meinung, dass dieser Herrschaftsauftrag des Menschen über die Erde interpretiert durch Theologen und Philosophen kulturgeschichtlich einen bedeutenden Einfluss auf den Umgang des Menschen mit der Natur hatte. Er festigte die Meinung, der Mensch sei Mittelpunkt der Schöpfung und könne frei nach seinem Willen über sie verfügen. So heisst es zum Beispiel bei Marsilio Ficino ( ): «Daher ist der Mensch, der im allgemeinen für alle Dinge, lebendige und leblose, vorsorgt, eine Art Gott. Sicher ist er der Gott der Tiere, denn er macht von ihnen allen Gebrauch, er beherrscht sie und unterrichtet viele von ihnen. Es ist auch klar, dass er der Gott der Elemente ist, denn er bewohnt und kultiviert sie alle. Endlich ist er der Gott aller Dinge, denn er handhabt, verändert und gestaltet sie alle» (Theologia platonica XIII,3; in: Krolzik 1989, 155). Dieses Denkmuster hat sich wenn auch inhaltlich anders geprägt - in einzelnen Strängen bis in die heutige Zeit hinein gehalten: der Herrschaftsanspruch des Menschen gegenüber der Natur geht einher mit seiner Selbstdarstellung und dem Verlangen, von der Natur unabhängig zu sein. Udo Krolzik meint sogar: «Genesis 1,28 wird so zur «magna charta» allen Kulturstrebens... Dies gilt bis in die Gegenwart, wenn Politiker und Naturwissenschaftler zum Beispiel die Gentechnik mit dem Hinweis auf Genesis 1,28 rechtfertigen.» (Krolzik 1989, 162). Allerdings darf nicht unerwähnt bleiben, dass die veränderten Arbeitsverhältnisse durch die immer bessere Technik und vor allem das Aufkommen des Kapitalismus und die zunehmende Industrialisierung wesentlich dazu beigetragen haben, dass die Schöpfung immer stärker ausgebeutet wurde. Gewalt an der Schöpfung fängt also schon im Denken an. Denn die eigentliche Problematik - wie die Wirkungsgeschichte von Genesis 1,28 beispielhaft zeigt - fängt bei den erkenntnisleitenden Vorentscheidungen an, die wir bewusst oder meistens unbewusst unseren Handlungen oder unserem Verhalten zu Grunde legen. Deshalb laufen auch alle ethischen Bemühungen ins Leere, wenn nicht über die tieferliegenden Ursachen unseres Umgangs mit Natur nachgedacht wird. Günter Altner bringt es auf den Punkt: «Die heute so leidenschaftlich ausgerufene Partnerschaft mit der Natur ist ein vergebliches Postulat, solange die tieferen wissenschaftsgeschichtlich begründeten Ursachen für die Krise im Mensch-Natur-Verhältnis unaufgedeckt bleiben. Ebenso ist der so modisch gewordene Ethik-Boom eine reine Alibiveranstaltung. Wie soll die Ethik die Härte des technisch-industriellen Fortschritts im nachhinein «weich» machen können, wenn in den Denkansätzen und in den daraus abgeleiteten Instrumentarien selbst das Problem liegt.» (Altner 1991,18f) Stephan Degen-Ballmer, Dr. theol., Pfarrer in Magden (AG) 2 dung von Gewalt an der Schöpfung Konflikt zwischen Mensch und Natur Prägend für dieses Mensch-Natur-Verhältnis ist der seit der Neuzeit herrschende Subjektivismus, der den Menschen zum Mass aller Dinge macht und die Natur zum Objekt degradiert. Damit verbunden ist die Ansicht, dass nur der Mensch einen eigenen Wert und eine eigene Würde besitzt; die Objektwelt ist ohne eigenen Wert, ihr Wert bestimmt sich ausschliesslich aus dem Nutzen für den Menschen. Es ist leicht nachvollziehbar, welche Folgen dieses Denken für den Umgang mit nichtmenschlichen Geschöpfen in der Vergangenheit hatte und immer noch hat: Es legitimierte ein breites Spektrum von subtiler Gewaltanwendung - zum Beispiel die Kanalisierung von Flüssen - bis hin zur massiven und rohen Gewalt gegenüber der Schöpfung zum Beispiel die Abholzung des tropischen Regenwaldes in Indonesien oder in Brasilien. Gerhard Liedke hat darauf hingewiesen, dass das Verhältnis des Menschen zu seiner geschöpflichen Mitwelt eine Konfliktsituation darstelle, die sich in den letzten Jahrhunderten, zumindest in der industrialisierten Welt, entscheidend verändert habe. «Konflikt» wird dabei als Eigenschaft eines System verstanden, in dem es miteinander unvereinbare Zielvorstellungen gibt, so dass das Erreichen des einen Ziels das Erreichen des anderen Ziels ausschliessen würde. Grundsätzlich gibt es symmetrische (gleichgewichtige) Konflikte und asymmetrische (ungleichgewichtige) Konflikte. Bei zwei gleichaltrigen Kindern kann es zum Beispiel zu einem symmetrischen Konflikt kommen. Ein asymmetrischer Konflikt ist hingegen ein Konflikt zwischen Eltern und Kindern. Der Konflikt zwischen Mensch-Natur war lange Zeit ein nahezu symmetrischer Konflikt; der Mensch war der aussermenschlichen Natur und ihrer Kräfte in vielen Fällen unterlegen; die Wunden, die der Mensch der Natur zufügte, verheilten nach gewisser Zeit. Heute ist der Konflikt eindeutig asymmetrisch geworden: wir Menschen wurden mit Hilfe unserer technischen Innovationen zum überaus mächtigeren Konfliktpartner, der daran ist, die ganze Erdatmosphäre zu bedrohen. Zur Überwindung der Gewalt, die diesem Konflikt eigen ist, sieht Gerhard Liedke als Nahziel das Erreichen einer Konfliktsymmetrie. Das heisst: «Machtverzicht des Menschen; Verminderung des ungeheuren Gewaltdrucks, den wir auf die aussermenschliche Schöpfung gelegt haben. Ziel des Machtverzichts ist die symmetrischere Gestaltung des ökologischen Konflikts.» (Liedke 1989, 313) Hier ist auch die christliche Theologie gefragt. Denn es gibt aus biblisch-theologischer Perspektive durchaus Ansätze, die das Verhältnis Mensch-Natur anders bestimmen als es das neuzeitliche Erkenntnisideal des Subjektivismus tut und damit zu einem symmetrischeren Konfliktverhältnis zwischen Mensch und Natur beitragen. Geschöpfliche Solidarität Die biblischen Texte des Ersten Testaments gehen wie selbstverständlich von einer grundlegenden Gemeinsamkeit zwischen Mensch und seiner Mitwelt aus, die dadurch gegeben ist, dass die ganze Schöpfung ihr Dasein allein Gott verdankt. Demzufolge ist der Mensch in erster Linie ein Geschöpf unter Mitgeschöpfen. Alle haben sie ihr Leben der ruach, der lebensspendenden Geistkraft Gottes zu verdanken. In Psalm 104,30 heisst es: «Sendest du deinen Odem (ruach) aus, so werden sie geschaffen, und du erneuerst das Antlitz der Erde.» Mensch und Tier sind grundsätzlich Geschöpfe und werden als solche nicht unterschieden. In Prediger 3,19.21 wird gesagt: «Denn das Geschick der Menschenkinder ist gleich dem Geschick des Tiers; ein Geschick haben sie beide.... und einen Odem haben sie alle. Der Mensch hat vor dem Tier keinen Vorzug.... Wer weiss, ob der Odem der Menschenkinder emporsteigt, der Odem des Tieres aber hinabfährt zur Erde?» Wie alles Leben ist auch der Mensch vergänglich und sterblich. Er ist wie Gras, das erblüht und wieder welkt und verdorrt (Psalm 90,5f). Die geschöpfliche Solidarität drückt sich aber auch im Umgang des Menschen mit den Tieren aus, indem er Verständnis für das Verlangen der Tiere zeigt (Spr 12,10) oder dem Ochsen beim Dreschen nicht das Maul verbindet (Dtn 25,4). 3 Die geschöpfliche Solidarität und damit verbunden eine grundsätzliche Gleichwertigkeit von Mensch und Natur gegenüber Gott, dem Schöpfer, zeigt sich schön auch in jenen Aussagen des Ersten Testaments, in denen die (Haus)Tiere von Gott ihre eigenen Gebote erhalten, z.b. sich zu vermehren, so wie Adam und Noah (Gen 1,22; 8,17) und den Sabbat zu halten (Dtn 5,14). Gleich wie dem Menschen wird auch der aussermenschlichen Natur die Fähigkeit zugestanden, Gott zu loben. In Psalm 148, heisst es entsprechend: «Lobet ihn, Sonne und Mond, lobet ihn, ihr leuchtenden Sterne! Lobet ihn, ihr Himmel aller Himmel, und ihr Wasser über der Feste!... Lobet den Herrn von der Erde her, ihr Ungetüme und Fluten alle! Du Feuer und Hagel, Schnee und Rauch, du Sturmwind, der sein Wort ausrichtet! Ihr Berge und Hügel allzumal, ihr Fruchtbäume und Zedern alle, ihr wilden Tiere und ihr zahmen, du Gewürm und ihr, beschwingte Vögel!» Sozialer und ökologischer Konflikt Die Urgeschichte in der Bibel weiss allerdings auch davon zu berichten, dass die ursprüngliche Verbundenheit aller Geschöpfe und das konfliktfreie Zusammenleben aller Lebewesen am Anfang der Schöpfung durch den Sündenfall in einen permanenten sozialen und ökologischen Konflikt überging. Die zunehmende Gewalt unter den Menschen wird von Gott her zunächst mit dem Sintflutgeschehen quittiert (Genesis 6,1-8,19). Dann aber besinnt sich Gott eines Besseren und beschliesst, trotz der Gewalt der Menschen die Schöpfung ihrem Ziel entgegenzuführen: «Ich will nicht mehr alles Lebendige töten, wie ich getan habe. Solange die Erde sein wird, sollen Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht nicht mehr aufhören.» (Genesis 8,21f) Schlüsseltext für die nachsintflutliche Neugestaltung des Verhältnisses von Mensch und Natur ist Genesis 9, 1 17, die sogenannten noachitischen Gebote. Darin wird nebst dem sozialen Konflikt zunächst der ökologische Konflikt geregelt. Genesis 9,1ff stellt fest, dass die ursprüngliche friedliche Verbundenheit zwischen den Geschöpfen nicht mehr existiert. Furcht und Schrecken bestimmen neu das Verhältnis, ein Konfliktverhältnis, das Bestandteil jener Gewalt ist, die zum Sintflutgeschehen beigetragen hat. Den Menschen wird die Fleischnahrung zugestanden, allerdings unter der Einschränkung, dass nur Fleisch gegessen werden darf, in dem kein Blut mehr ist. (Genesis 9,4) Damit wird zwar die Unvermeidbarkeit der Tötung von Tieren zur Fristung des menschlichen Lebens zugestanden, gleichzeitig aber auch eine bestimmte Grenze gezogen. Im biblischen Denken ist Blut gleichbedeutend mit der Lebenskraft, der Seele eines Geschöpfes. Diese Lebenskraft steht nach biblischer Auffassung allein in der Verfügungsgewalt Jahwes. Deshalb soll der Mensch über das Blut anderer Lebewesen nicht verfügen. Es soll der Erde, welche die Lebewesen hervorbringt (Gen 1,24), zurückerstattet werden. Diese von Gott verfügte Grenze bedeutet eine Eindämmung des ökologischen Konflikts und damit der Gewalt an anderen Lebewesen. Sie bedeutet, «dass wir Menschen auch wenn wir zur Fristung unseres Lebens zerstörend in die Mitschöpfung eingreifen müssen doch mit dem unumgänglichen Minimum an Gewalt auskommen sollen; dass wir das Lebensrecht unserer Mitgeschöpfe im Prinzip anerkennen müssen; dass wir gegen die neuzeitliche Degradierung der Mitgeschöpfe zu Objekten sie als Partner, wenn auch als Partner im Konflikt, ernst nehmen müssen.» (Liedke 1989, 318) Die biblischen Texte wissen um die Realität des im Grunde unvermeidlichen ökologischen Konflikts zwischen Mensch und aussermenschlicher Natur. Gerade darum geht es in vielen Geboten um eine realistische Eindämmung von Gewalt im ökologischen Konflikt. Gleichzeitig werden aber auch die Hoffnung auf ein konfliktfreies Miteinander unter den Geschöpfen wachgehalten (Jes 11,1 9) und der Gedanke, dass alles Geschaffene gleichermassen sich nach der endzeitlichen Erlösung sehnt (Röm 8,22). 4 Gottebenbildlichkeit als Grundlage zu einer Verantwortung in Gemeinschaft Nach biblischer Auffassung verdankt der Mensch sein Leben wie alles Leben innerhalb der Schöpfung der Wirkkraft Gottes (Gen 2,7). Seine Existenz zeichnet sich aber dadurch aus, dass er als einziges Wesen nach dem Bilde Gottes geschaffen ist (Gen 1,27). Damit ist aber auch Verantwortung verbunden. Dem Menschen wird von Gott die Verantwortung übertragen, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren (Gen 2,15). Ihm ist es überlassen, die Tiere zu benennen; ihm ist aber auch die Freiheit gegeben, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden (Gen 3,1 7). Die Gottebenbildlichkeit ging durch den sog. Sündenfall nicht verloren (vgl. Gen 9, 6). Sie wurde jedoch getrübt und der Mensch verlor dadurch seine göttliche Bestimmung aus den Augen. Durch Christus wird die Gottebenbildlichkeit wieder erneuert. Im Zweiten Testament verwendet Paulus vorab den Begriff der Gottebenbildlichkeit und wendet ihn auf Christus an. Christus ist das Ebenbild Gottes (2. Kor 4,4). In ihm werden Menschen ein neues Geschöpf (2. Kor 5,17). Was ist nun ökologisch gesehen der Sinn der in Christus erneuerten Gottebenbildlichkeit? Zum einen hat in Christus ein Machtverzicht stattgefunden, der für den Umgang des Menschen mit der Schöpfung vorbildlich ist. Gott selbst ist in Christus Mensch geworden, hat Knechtsgestalt angenommen und sich erniedrigt bis zum Tod am Kreuz (Phil 2,7ff). Dadurch hat Christus den asymmetrischen Konflikt zwischen Gott und Menschen symmetrisch gemacht (der starke Konfliktpartner wird schwächer und stellt sich auf die gleiche Ebene). Obwohl die Menschwerdung Gottes natürlich nicht mit Formeln der Konflikttheorie abgebildet werden kann, zeigt dieser einmalige Machtverzicht für uns doch die Richtung an, in die unser Verhalten gegenüber der Schöpfung gehen muss, wenn wir Gewalt überwinden wollen. Gerhard Liedke sagt zusammenfassend: «Wir Menschen müssen die Not der aussermenschlichen Schöpfung artikulieren, weil die Schöpfung nur «seufzen» kann. Wir müssen das Leiden der Kreatur in den Hammerschlägen der neuzeitlichen Ausbeutung mitfühlen, weil die Erde nicht für sich selbst sprechen kann. Stellvertretend für die Schöpfung müssen wir denken, reden und handeln, weil sie selbst es nicht tun kann.» (Liedke 1989, 320) Zum anderen ist in Christus die erneuerte Gottebenbildlichkeit im diakonischen Handeln angezeigt worden, welches im Endgericht beurteilt wird. Diakonisches Handeln, welches sich vorab im Gebot der Nächstenliebe ausdrückt, kann durchaus auch auf die aussermenschliche Schöpfung bezogen werden. Jesu Worte: «Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan» (Mt 25,40), würden dann eine Ausweitung erfahren, welche die ganze Schöpfung umfasst und damit dazu beitragen, den asymmetrischen Konflikt zwischen Mensch und Natur in einen symmetrischen zu verwandeln. In Christus haben wir den neuen Menschen angezogen, der nach dem Bild seines Schöpfers zur Erkenntnis erneuert wird (Kol 3,10). Durch ihn bleibt trotz der gegenwärtigen Gewalt an der Schöpfung die Hoffnung erhalten, dass der endzeitliche Shalom, der weltumspannende Frieden, der uns von Gott verheissen ist, Wirklichkeit wird «auf die Hoffnung hin, dass auch das Geschaffene selbst befreit werden wird von der Knechtschaft des Verderbens zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes.» (Röm 8,21) Literatur Günter Altner: Naturvergessenheit. Darmstadt, Udo Krolzik: Die Wirkungsgeschichte von Genesis 1,28. In: Günter Altner (Hg): Ökologische Theologie, Perspektiven zur Orientierung. Stuttgart, 1989, Gerhard Liedke: Schöpfungsethik im Konflikt zwischen sozialer und ökologischer Verpflichtung. In: Günter Altner (Hg): Ökologische Theologie, Perspektiven zur Orientierung. Stuttgart, 1989, Stephan Degen-Ballmer: Gott Mensch Welt. Frankfurt et.al Minimierung von Gewalt gegen die Schöpfung: Skiz Wolfgang Lienem
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