Verwandt, jedoch verschieden: Japanisch und Ryûkyû

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Verwandt, jedoch verschieden: Japanisch und Ryûkyû Betrachtungen zur Genealogie und Typologie beider Sprachen 1 Jens Rickmeyer 0. Thematik Die einzige nachweislich mit dem Japanischen verwandte noch lebende
Verwandt, jedoch verschieden: Japanisch und Ryûkyû Betrachtungen zur Genealogie und Typologie beider Sprachen 1 Jens Rickmeyer 0. Thematik Die einzige nachweislich mit dem Japanischen verwandte noch lebende Sprache ist das Ryûkyû, das seinerseits zerfällt in eine Gruppe von Dialekten, gesprochen auf den sog. Südwestinseln, den Nansei shotô, die sich vom Süden Kyûshûs, der südlichsten der vier japanischen Hauptinseln, bis an den Osten von Taiwan über rund km erstrecken. Mit dem vorliegenden Beitrag beabsichtige ich, anhand eines Beispielsatzes die Syntax und die Morphologie des Ryûkyû typologisch zu charakterisieren und mit dem Japanischen zu kontrastieren, um anschließend an einigen Wortbeispielen zu illustrieren, wie irreführend es sein kann, aus typologischen Ähnlichkeiten oder Abweichungen Rückschlüsse auf die Genealogie zweier Sprachen ziehen zu wollen. Doch bevor ich auf diese Punkte zu sprechen komme, seien mir einige allgemeine Bemerkungen zur Verbreitung, der Quellenlage und dem Forschungsstand des Ryûkyû gestattet. 1. Ryûkyû Liuqiu, sinojapanisch Ryûkyû und in deren eigener Aussprache Ruucuu 1 Leicht geänderte Fassung eines an der Ruhr-Universität Bochum im Dezember 1988 gehaltenen Vortrags. - BJAOF, Bd 16, 1992- Jens Rickmeyer [ u t u ] gelesen, war ursprünglich die chinesische Bezeichnung für die Insel Taiwan, wurde aber seit der Ming-Zeit ( ) von den Chinesen als Name für die Inseln um Okinawa gebraucht Verbreitung Auf den mehr als 70 Inseln, die bis zur Invasion der südjapanischen Shimazu 1609 das Königreich der Ryûkyû bildeten, leben gegenwärtig etwa 1,2 Mio. Einwohner, was 1% der japanischen Gesamtbevölkerung entspricht. Durch die Schulpflicht, vor allem aber durch den wachsenden Einfluß von Radio und Fernsehen, ist das Ryûkyû besonders seit dem letzten Krieg zunehmend vom Japanischen verdrängt worden, so daß sich kaum Angaben über die tatsächliche Anzahl derer, die noch als Sprecher eines der Ryûkyû-Dialekte angesehen werden können, machen lassen. Die Ryûkyû-Dialekte zerfallen in vier größere Gruppen (berücksichtigt man auch noch die 60 km östlich von Taiwan gelegene kleine Insel Yonaguni, dann ergeben sich fünf Gruppen), welche von Nord nach Süd aufgelistet die Amami-, die Okinawa-, die Miyako- und die Yaeyama- Dialekte umfassen. Innerhalb dieser Dialekte nimmt der Dialekt von Shuri (Ryûkyû: Sui) eine Sonderstellung ein. Als Sprache der alten Hauptstadt des Königreichs der Ryûkyû bis zur offiziellen Annexion durch Japan 1879 kam ihm bis in jüngste Zeit für den mündlichen Verkehr zwischen den Bewohnern der Inseln die Rolle einer lingua franca zu, eine Rolle, die er zuerst mit dem Dialekt von Naha (Ry.: Naafa), der Hauptstadt der 1879 errichteten Provinz Okinawa (Ry.: Ucinaa), teilen und seit der Rückgabe Okinawas durch die USA an Japan 1972 vollständig an das Japanische abtreten mußte. Die Sprache von Shuri gehört zu den Dialekten von Südokinawa, einer Untergruppe der Okinawa- Dialekte. Das Shuri zerfällt nochmals in drei Hauptsoziolekte: die Sprache des Königshauses, des Adels und des Volkes (heimiñ ). Wenn in den folgenden Ausführungen vom Ryûkyû die Rede ist, so ist dieses als Synonym für die Volkssprache der alten Hauptstadt Shuri, seit 1945 nur noch ein Stadtteil von Naha, zu verstehen Quellen Als Hauptquellen für sprachliche Untersuchungen zum Gegenwartsryûkyû (GR), d.h. der Sprache seit dem letzten Weltkrieg, dienen Tonbandaufzeichnungen von Gesprächen und Radiosendungen (z.b. die von Ikari Fumiko Verwandt, jedoch verschieden: Japanisch und Ryûkyû gesprochenen Dialektnachrichten von Radio Okinawa ) einerseits und Befragung von Informanten des Stadtteils Shuri, die vor 1930 geboren sein sollten, andererseits. Schriftliches Material aus dieser Zeit geht entweder auf Tonbandaufzeichnungen (NHK, KKK 1978 ff.) zurück oder auf Texte, deren Materialgrundlage in der Zeit vor dem Kriege entstanden ist: so z.b. das Wörterbuch der Okinawa-Sprache (KKK 1963) und die Okinawa-Grammatik von Nakamatsu Takeo (1973). Für das Neuryûkyû (NR), dessen zeitliche Grenzen grob mit der Annexion durch Japan 1879 und dem Ende des Zweiten Weltkrieges umrissen sind, liegt mir nur schriftliches Material vor, für welches die Beispielsammlung im Anhang zur Grammatik von B.H. Chamberlain (1895), der von Ifa Fuyuu herausgegebene Sprachführer Okinawago biñrañ von 1916 und z.t. erst nach dem Krieg gedruckt erschienene Textausgaben von Theaterstücken als repräsentativ anzusehen sein dürften. Glücklicherweise sind die älteren Texte in Lateinschrift transkribiert; die sonst übliche Umschrift mit Kana gibt einige der im Ryûkyû vorkommenden lautlichen Differenzierungen nämlich nur ungenau wieder. Die vormoderne Zeit wird nach der Quellenlage in die Epoche der Ryuuka, d.h. der Ryûkyû-Lieder, und die der Omoro (Ry.: Umui), altertümlicher Gesänge rituellen Charakters, unterteilt. Historisch deckt sich die Ryuuka-Epoche in etwa mit der Zeit zwischen der Invasion der Shimazu 1609, in deren Folge das Königreich nicht nur seinen Nordteil, die Amami-Inseln, an das Fürstentum Satsuma abtreten mußte, sondern de facto auch seine politische Souveränität verlor, und der Annexion als Provinz Okinawa an Japan Von den bis in die Gegenwart in ihrer alten Sprachform sowohl schriftlich in einem Kanji- Kana-Mischstil als auch mündlich tradierten Ryuuka liegt seit 1968 eine Ausgabe von Shimabukuro et al. vor, die mehr als 3000 Lieder in alter Schreibweise und phonologischer Transkription mit japanischer Übersetzung und Kommentar umfaßt. Die älteste überlieferte Sprachform des Ryûkyû findet sich in den Omoro sooshi, einer Sammlung von 1554 Gesängen, die auf königlichen Erlaß 1531 durchgeführt und in den Jahren 1613 und 1623 ergänzt worden ist. Der Inhalt der Omoro läßt sich mit den Liedern der japanischen Mythologie im Kojiki (712) und Nihongi (720) vergleichen. Auch für diese Sammlung liegen moderne wissenschaftliche Ausgaben vor (z.b. Nakahara & Hokama 1965) Jens Rickmeyer 1.3. Lautverschiebungen Daß das Ryûkyû mit dem Japanischen verwandt sei, wurde bereits von dem 1674 verstorbenen Staatsmann Kô Shôken vermutet. Wissenschaftlich untermauert wurden derartige Behauptungen aber erst von dem an der Universität Tôkyô tätigen Linguisten B.H. Chamberlain in seinem Werk Grammar and Dictionary of the Luchuan Language Obwohl in der Folgezeit das Ryûkyû dann sogar als ein japanischer Dialekt eingestuft wurde, sind erst 1948 durch Hattori Shirô regelmäßige Lautentsprechungen zwischen Japanisch und Ryûkyû aufgestellt worden. In Tabelle 1 sind einige der wichtigsten Entsprechungen zusammengestellt. Tabelle 1 (nach Hattori 1948) Japanisch Ryûkyû Beispiele k, t (bei i) c [t ] iki ici [ it i] 'Atem' g, d (bei i) z [d ] hidari fizai [ id ai] 'links' r (vor i) Ø e i are ari 'jenes' u (nach s, t) i suna sina [ ina] 'Sand' o u koto kutu [kutu] 'Sache' mu (vor m, n) n mune nni 'Brust' i, o, u (w.o.) n [ n] imo nmu 'Kartoffel' Die oft zu lesende Behauptung, das Ryûkyû habe mehr Urtümlichkeiten bewahrt als das Japanische, trifft zumindest für die Phonologie nicht zu. Als konservativ einzustufen wären lediglich die Beibehaltung des bilabialen f-lautes [ ] auch vor anderen Vokalen als u (wie im Japanischen, wo er im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts sonst zu einem [h] bzw. [ç] geschwunden ist) und die Bewahrung des Kontrastes zwischen anlautendem o und wo, der im Japanischen bereits im 11. Jh. aufgegeben wurde: 2. a) GJ oto KJ oto GR utu 'Laut' b) GJ odori KJ wodori GR wudui 'Tanz' Tatsächlich sind aber die Lautverschleifungen beim Ryûkyû unvergleichlich weiter fortgeschritten als im Japanischen, wie die folgenden repräsentativen Beispiele veranschaulichen: Verwandt, jedoch verschieden: Japanisch und Ryûkyû 3. a) KJ fayari GJ hayari 'Mode' KJ fayari GR fee [ ] b) KJ oyogu GJ oyogu '(ich)schwimme' KJ oyogiworu * GR wiizun c) KJ oyogimawirasuru * GJ oyogimasu KJ oyogifaberiworu * GR wiizabiin (*konstruierte Formen) Gegen Ende meiner Ausführungen werde ich anhand eines Beispiels zeigen, wie aufgrund von Lautverschiebungsgesetzen klassischjapanische Formen (KJ) in heutiges Ryûkyû (GR) überführt werden können Grammatik: Stand der Forschung Die erste Grammatik des Ryûkyû ist das bereits genannte Werk Grammar and Dictionary of the Luchuan Language von B.H. Chamberlain (1895). Die Arbeit war nicht nur für damalige Verhältnisse bahnbrechend, sie ist bis in die heutige Zeit die vom Ansatz her wohl am systematischsten dargestellte Analyse der Ryûkyû-Grammatik. In Einzelbereichen wird sie allerdings von einigen späteren japanischen Werken in der Vollständigkeit übertroffen, so im Bereich der Phonologie und der Morphologie des Verbs von Hattori (1955) und Uemura (1963) oder in der Behandlung der Partikeln (joshi) von Nakamatsu (1973) und Nohara (1986). Das Hauptproblem bei der grammatischen Deskription bildet zweifelsohne die Morphologie des Verbs. Die Versuche von Hattori und Uemura zeigen deutlich, daß es nicht gelingt, das rekursive Vorkommen bestimmter Formen systematisch d.h. ökonomisch, aber doch lückenlos vollständig in den Griff zu bekommen. So erscheint z.b. unter dem Paradigma zum Verb yunun 'lesen' die Futurform auf -Ra zwölfmal im Okinawago jiten ('Wörterbuch des Okinawa' = KKK 1963): 4. a) yuma g) yunutara b) yunura h) yudootara c) yunuira i) yudeetara d) yudoora j) yudoocara e) yudeera k) yunabira f) yudara l) yunabiira (nach KKK 1963) Jens Rickmeyer Diese Auflistung ist jedoch einerseits unvollständig, da sie Formen wie yudooka = J yoñde okoo 'lesen wir das mal vorsorglich' oder yudoocabira = J yoñde okimasyoo (dgl. höflich-formell) gar nicht auflistet, andererseits ist sie unökonomisch, da sie bereits eingeführte Flexionsformen auch noch unter dem Abschnitt Derivation wiederholt und das Phänomen der mehrfachen Derivation nicht analytisch behandelt. Tatsächlich handelt es sich bei den unter 4 angeführten zwölf Beispielen nur um eine einzige Flexionsform (nämlich das Futur auf a bzw. ra), und zwar einmal von dem Lexemverb yum- = J yom- 'lesen' und sonst von Derivationsformen dieses Verbs, die durch Anfügen von einem oder mehr Suffixverben gebildet worden sind: 5. a) 1 Lexemverb: yumb) 6 Suffixverben: -u-, -too-, -tee-, -ta-, -took-, -abic) 1 Flexiv: -Ra (d.h. -a nach Konsonanten bzw. -ra nach Vokalen) Im folgenden Teil meines Beitrags werde ich zeigen, wie mit einfachen formalen Mitteln die komplexe morphologische Struktur ryûkyûanischer Verbformen analytisch beschrieben werden kann, und zwar in einer Form, die auch einen typologischen Vergleich mit anderen Sprachen wie z.b. dem Japanischen oder dem Deutschen zuläßt. 2. Typologie Bei meinen Ausführungen über die Typologie werde ich mich auf die beiden Kernbereiche der Grammatik, Morphologie und Syntax, beschränken. Wie allgemein bekannt sein dürfte, gehört das Japanische nach der auf Schlegel, W. Humboldt und Schleicher zurückgehenden morphologischen Sprachklassifizierung dem agglutinierenden Sprachtyp an, bei dem die Veränderung der Wortform im Regelfalle durch Anfügen von Affixen an Stammelemente vorgenommen wird. Syntaktisch gehört es nach Greenberg und Lehmann zu den SOV- bzw. OV-Sprachen, bei denen in einem einfachen Aussagesatz Subjekt und Objekt stets dem Verb (Prädikat) vorangehen. In welchem Umfang diese Zuordnungen auch für das Ryûkyû zutreffen und ob eventuell abweichende Zuordnungen vorgenommen werden müssen, soll anhand eines Satzes (Nr. 6) aus dem Märchen von Momotarô (vgl. Satô 1981), dem Knaben, der aus einem Pfirsich kam, exemplarisch vorgeführt werden: Verwandt, jedoch verschieden: Japanisch und Ryûkyû 6.a) # sigu 1 kadi 2 nndandi 3 ici 4 hoocaasi 5 taacinkai 6 sakandi 7 sakutu 8 naakakara 9 uziraasigisaru 10 ufuwikiganu 11 nziti 12 caabitan 13 # 6.b) J: # sugu 1 tabete 2 miyoo 3 =to itte 4 hootyoo 5 =de hutatu 6 =ni sakoo 7 =to sitara 8 naka 9 =kara kawairasii 10 otoko=no ko 11 =ga dete 12 kimasita 13 # 6.c) 'Als er sagte 4, den wollen 3 wir gleich 1 essen 2, und sich anschickte 8, ihn mit dem Messer 5 in zwei Stücke 6 zu zerlegen 7, da kam 13 aus dem Inneren 9 ein niedlicher 10 Knabe 11 heraus 12.' 2.1. Syntax Deutlicher und anschaulicher als viele Worte zeigt ein Blick auf die beiden Baumdiagramme (Nr. 7), die die syntaktische Dependenzstruktur von Satz Nr. 6 wiedergeben, daß auch das Ryûkyû wie das Japanische nicht nur dem (S)OV-Typ angehört, sondern noch viel weiter gehend ganz allgemein das strikte Gesetz, Dependens steht vor Regens, durchgehend gilt: 7.a) caabitan sakutu naakakara ufuwikiganu nziti ici sakandi uziraasigisaru nndandi hoocaasi taacinkai sigu kadi Jens Rickmeyer 7.b) kimasita sitara nakakara otokonokoga dete itte sakooto kawaiirasii miyooto hootyoode hutatuni sugu tabete 2.2. Morphologie Wie in den meisten Sprachen ist sowohl im Ryûkyû als auch im Japanischen die Morphologie des Verbs am formenreichsten. Anhand von sechs Verbformen aus dem Ryûkyû-Beispiel soll gezeigt werden, daß das Ryûkyû nicht mehr dem agglutierenden Typ zugeordnet werden kann Agglutination Das Japanische zeichnet sich aus durch Formen wie tabete 'essen und', dete 'herauskommen und', sitara 'wenn [man] macht', kimasita 'ist gekommen', miyoo=to '[daß ich] sehen will', sakoo=to '[daß ich] spalten will', bei denen an einen Wortstamm, gegebenenfalls unter Einschiebung eines Bindelauts, ein Suffix angefügt wird (Symbole: +, =): 8. a) V+f: tabe+te, de+te, si+tara b) V+f=p: mi+yoo=to, sak+oo=to c) V+v+f: ki+masi+ta Den gleichen Typ finden wir in Ryûkyû-Formen wie saka = J sakoo, nnda = J miyoo bzw. mit der Partikel =ndi (J =to) in sakandi und nndandi wieder: Verwandt, jedoch verschieden: Japanisch und Ryûkyû 9. a) V+f: sak+a, nnd+a b) V+f=p: sak+a=ndi, nnd+a=ndi Diese Form der Agglutination ist im Ryûkyû außer bei der Flexion der Verben bei Adjektiven und Nomina verbreitet Agglutination mit Assimilation Als onbin wird in der japanischen Grammatik das Phänomen des sandhi bezeichnet, daß über Morphemgrenzen hinweg Laute verschliffen und aneinander assimiliert werden. Typische Beispiele wären Formen wie itte 'sagen und' im obigen Satz oder die direkte Entsprechung zum zweiten Ryûkyû-Wort kañde 'kauen und', die als Verschleifungen der Verbbasen iwi und kami mit dem Flexiv te (und zwar nicht nur historisch!) erklärt werden können (Symbol: ): 10) V f: iwi te it.te kami te kañ.de Ähnlich geht die Ryûkyû-Form nziti 'herauskommen und' auf eine Verkürzung der Verbbasis nzii in Verbindung mit dem Flexiv -ti zurück: 11) V f: nzii ti nzi.ti Agglutination mit Assimilation findet sich im Japanischen außer bei der Flexion der Verben auch bei der Derivation von Zahlnomina, wenn diese mit den suffigierten Zähleinheiten ein neues Wort bilden. Im Ryûkyû ist diese Art der Formenbildung jedoch mehr im Bereich der Flexion und der Derivation von Verben produktiv Fusion Allen Produkten einer Agglutination ist gemein, daß selbst nach einer Verschleifung die Grenzen zwischen den Morphemen noch gezogen werden können: D.h. jedes Phonem muß eindeutig einem der aneinander assimilierten Morpheme zugeordnet werden können. Betrachten wir aber Verbformen wie Ryûkyû kadi 'essen und' und ici 'sagen und' und vergleichen sie mit ihren Ausgangsformen kami, ii und -ti, dann müssen wir feststellen, daß sich die Phoneme d und c in kadi bzw. ici keinem der Ausgangsmorpheme mehr eindeutig zuordnen lassen: Das Verb ist mit dem Flexionssuffix verschmolzen; es liegt eine Fusion vor (Symbol: [Fu]): Jens Rickmeyer 12) V[Fu]f: kami[mi.t d]ti kadi ii[i.t c]ti ici Während Fusionen in der japanischen Morphologie nur in zwei Fällen vorliegen, nämlich bei den onbin-formen der konsonantischen Verben auf g und dem sog. u-onbin der Adjektive, gehört dieses Mittel im Ryûkyû zu den produktivsten Erscheinungen der Flexion und Derivation von Verben Alternation Treten Lautveränderungen innerhalb eines Morphems auf, die sich nicht als rein phonologische Erscheinungen wie z.b. Allophone zu bestimmten Phonemen in bestimmten Umgebungen erklären lassen, dann liegt eine Lautalternation vor. Wenn z.b. die Basisform des Ryûkyû-Verbs für 'kommen' nicht *kii sondern cii lautet, dann ist dies zwar historisch gesehen als eine durch das folgende i bedingte Palatalisation zu erklären, synchron betrachtet liegt aber eine Konsonantenalternation vor, da k im Ryûkyû durchaus auch vor i erhalten bleiben kann, wie das Beispiel der Imperativform ciki 'hör!', die japanischem kike entspricht, zeigt. In dem Momotarô-Beispielsatz weist die Form caabitan 'ist gekommen' = J kimasita neben einer Fusion und zwei Agglutinationen mit Assimilation eine k-c-alternation auf (Symbol: [Al]): 13) V[Al]: kii[k c] cii V[Al][Fu]v v f: kii[k c][ii.a yaa]abii ta+m caabitan (/cy/ steht in keiner Opposition zu /c/ [t ] und /m/ im Silbenauslaut in keiner Opposition zu /n/.) Die Alternation spielt im Ryûkyû nicht nur im Bereich der Flexion und der Derivation der Verben eine wichtige Rolle, sogar im Bereich der Nomina kann die Vokalalternation als typisch bezeichnet werden. Historisch geht letztere aus einer Fusion mit der dem Japanischen =wa entsprechenden Partikel =ya und dem letzten Stammvokal des Wortes hervor, z.b. i=ya ee oder u=ya oo: 14) N[Al]: tuzi[i ee] tuzee 'Gattin', J tuma=wa wutu[u oo] wutoo 'Gatte', J otto=wa Verwandt, jedoch verschieden: Japanisch und Ryûkyû Im Japanischen ist die Lautalternation lediglich in Resten bei der Bildung bestimmter nominaler Komposita noch zu beobachten wie z.b. in amagasa 'Regenschirm', das sich aus den Nomina ame 'Regen' und kasa 'Schirm' zusammensetzt. 3. Typ und Etymologie Ich hoffe, daß meine Ausführungen einen gewissen Einblick in die morphologischen Mechanismen des Ryûkyû vermittelt haben, die deutlich ausweisen, daß das Ryûkyû sich syntaktisch dem Japanischen zwar völlig parallel verhält, in der Morphologie aber durch Fusion, begleitet von Alternation, geprägt ist, Eigenschaften, die es verbieten, diese Sprache als agglutinierend zu klassifizieren. Nach der traditionellen Terminologie wäre sie als flektierend zu bezeichnen, ein Terminus, den ich lieber meiden möchte, da der Ausdruck Flexion oft im Kontrast zu Derivation auch für agglutinierende Veränderungen in der Morphologie gebraucht wird. Ich möchte diesen Sprachtyp als fusionierend, untergeordnet alternierend bezeichnen Drei Beispiele An je drei Verbformen aus dem Ryûkyû und dem Japanischen, die semantisch jeweils vollständig übereinstimmen, lassen Sie mich bitte noch einmal illustrieren, wie gefährlich es sein kann, aufgrund formaler oder äußerlicher (d.h. typologischer oder lautlicher) Ähnlichkeiten oder Abweichungen auf gemeinsame oder verschiedene Etymologien zu schließen. Betrachten wir als erstes das Verbpaar Japanisch suru und Ryûkyû suru: 15) J suru R suru Beide sind sie Produkte des agglutinierenden Typs, kommen von einem Verb der Bedeutung 'tun, machen', stehen im Präsens und können syntaktisch einem Nomen untergeordnet werden. Doch während das GJ suru sich sogar mit AJ suru in Phonembestand und Morphemstruktur völlig deckt, geht das R suru auf eine Verschleifung einer Form wie KJ siworu zurück: 16. a) GJ s.uru V+f AJ s.uru V+f b) GR s.u.ru = sy u+ru V+v+f NR sy+u+ru V+v+f KJ si+wor+u V+V+f 'tun + sein + Adnominales Präsens' Jens Rickmeyer Als nächstes möchte ich das Paar Japanisch mite=wa und Ryûkyû nncee gegenüberstellen: 17) J mi.te=wa R nncee 'sehend' + Rechtsfokus Beide Formen weisen kaum einen gemeinsamen Laut auf, beide Formen gehören typologisch grundverschiedenen Klassen an. Während die japanische Form dem rein agglutierenden Typ mit der Morphemstruktur V+f=p zuzuordnen ist, ist die Ryûkyû-Form das Produkt von Alternation und Fusion mit der Struktur V[Al][Fu]f[Al]: 18. a) V+f=p: mi+te=wa b) V[Al]: nndi[d z] nnzi (Basisform) V[Al][Fu]f[Al]: nnzi[zi.t c]ti[i ee] Überraschen mag aber die Feststellung, daß sich beide Formen, denen außer der gleichen Bedeutung kaum etwas gemein zu sein scheint, auf denselben Ursprung zurückführen lassen: 19. a) KJ mi.te=fa (V+v=p) GJ mi.te=wa (V+f=p) b) KJ mi.te mice mici GR nnci c) KJ =fa =wa =ya,...i=ya G
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